„Am Modell der Affäre hat sich nicht viel geändert“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Station bei Arthur Schnitzler _ Wien 23.1.2022

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlich willkommen, liebe Valerie Anna Gruber, Schauspielerin, hier im Café Landtmann an der Ringstraße in Wien!

Das Wiener Kaffeehaus ist seit jeher ein Treffpunkt der Kunst, Literatur wie der Begegnung und des Austausches mit Wissenschaft, Kultur. Hier im Cafè Landtmann waren etwa Sigmund Freud oder der Schriftsteller Arthur Schnitzler regelmäßig zu Gast.

Liebe Valerie, was bedeutet Dir die traditionsreiche Wiener Kaffeehauskultur?

Sehr viel. Ich habe zur Geschichte und Kultur dieser Tradition einen großen Bezug. Schon als Jugendliche zog es mich, wenn ich zu Gast in Wien war, ins Kaffeehaus.

Ich verbringe sehr gerne Zeit im Kaffeehaus und ich merkte auch wie sehr es mir in den Lockdowns fehlte.

Das Kaffeehaus ist ein Ort des Gesprächs und der Begegnung. Ein Treffpunkt, auch mit sich selbst. Sinngemäß sagte ja der Schriftsteller Alfred Polgar, „das Kaffeehaus ist der Ort, wo man hingeht, wenn man alleine sein will aber in Gesellschaft“.

Ist das Kaffeehaus für Dich als Schauspielerin auch ein Inspirations- und Arbeitssort?

Ja, ich habe kürzlich ein Konzept im Kaffeehaus fertiggestellt, weil mir Zuhause dazu nichts einfiel. Das war am letzten Tag vor dem Lockdown und ich dachte, ich gehe nochmal ins Kaffeehaus. Und ich habe dann in eineinhalb Stunden ein grobes Konzept verfasst, was mir Zuhause nicht gelungen ist. Ja, das Kaffeehaus hilft oft (lacht).

An welchem Konzept hast Du und arbeitest Du aktuell?

Da möchte ich noch nicht darüber sprechen, da es noch im Entstehen ist (lacht).

Was macht für Dich die Inspiration des Kaffeehauses, gerade im Schreiben,  aus?

Das Kaffeehaus trägt eine Geschichte der Kunst und Kultur, besonders auch des Schreibens in sich, man denke nur an das Genre der Kaffeehausliteratur und die Literatursalons. Das ist immer noch bei uns in Wien spürbar.

Das Kaffeehaus ist auch heute Treffpunkt für Künstler*innen und dies macht eine wesentliche Inspirationsquelle auch in der Gegenwart aus.

Hier mit dem Cafè Landtmann verbinde ich auch stark das benachbarte Burgtheater. Es ist beliebter Treffpunkt vor und nach einer Vorstellung.

Was macht für Dich die Gesprächskultur des Kaffeehauses aus? Was wird da, kann da besprochen werden?

Ich kann mir nichts vorstellen, das nicht in einem Kaffeehaus besprochen werden kann (lacht).

Es ist ein Ort des Gedankenaustausches und des Inputs im Gespräch. Das ist für mich als Künstlerin etwas sehr Wichtiges, weil mich die Begegnung und Kommunikation mit anderen Menschen sehr inspiriert.

Wir haben für unsere literaturoutdoors Station hier thematisch den literarischen Typus des „süßen Mädels“ im Werk des Wiener Schriftstellers, Dramatikers Arthur Schnitzler (1862 – 1931), gewählt. Was charakterisiert diesen Figurentypus und welche Zugänge hast Du dazu?

Mein erster Gedanke dazu war – ein schwieriges Thema, weil ich die Problematik aus feministischer Sicht sehe, dass das „süße Mädel“ als Frauentypus eine Projektionsfläche, ein Wunschgedanke männlicher Phantasie ist, dieser entsprungen ist.

Im „süßen Mädel“ ist sehr viel männlicher Einfluss, auch durch Arthur Schnitzler geprägt, zu sehen.

Welche Perspektiven ergeben sich für Dich in der Darstellung des „süßen Mädels“ heute?

Als Künstler*in gilt es in der Darstellung alle Sichtweisen, weiblich oder männlich, nachvollziehen zu können. Damals wie heute. Das ist meine Aufgabe als Schauspielerin und es gelingt grundsätzlich gut, meistens (lacht).

Wie siehst Du die männlichen Charaktere bei Schnitzler, die mit dem „süßen Mädel“ in Kontakt treten?

Grundsätzlich ist das soziale Gefälle in diesen Begegnungen signifikant und sehr problematisch. Das „süße Mädel“ kommt aus der Vorstadt und die Männer, mit denen sie Umgang hat, sind aus der höheren Gesellschaftsschicht. Sie hat aber faktisch keine Möglichkeit in diese höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen.

Das „süße Mädel“ aus der Vorstadt ist für die höher gestellten Männer in der Stadt keine Heiratsoption sondern ein Vergnügen.

Die Frage ist: was bewegt die Männer so zu handeln? Was suchen sie?

Die Männer flüchten im „süßen Mädel“ aus der Ehe oder vergnügen sich davor mit ihr.

Die Frage ist auch, welche Vorteile hat die Frau davon? Hat sie kurzeitig Zugang zu einer anderen Gesellschaftsschicht?

Setzt das „süße Mädel“ den Typ des naiven, zugänglichen Mädchens bewusst ein? Ist es eine Rolle für sie, hinter der viel mehr steckt? Es ist ein spannendes Feld. Die Frage für mich ist etwa, wo liegt die Macht der Frau in dieser Konstellation.

Worin liegt diese Macht der Frau?

Das ist die Frage (lacht).

Wenn das „süße Mädel“ souverän und selbständig bleibt, hat sie die Macht über den Mann und das soziale Machtverhältnis gleicht sich persönlich aus.

Wenn das „süße Mädel“ aber nicht souverän sein kann, dann wird es schwierig, dann hat sie keine Macht, oder viel weniger Macht.

Die Machtfrage ist da ja sehr stark an die Sexualität gebunden. Wer hat die Macht darüber?

Ich sehe die Männer in Schnitzlers Texten als sehr triebgesteuert und wenig beherrscht und damit wenig machthabend über ihre Sexualität.

Frauen sind da bewusster in ihrer Sexualität und haben damit mehr Macht. Es ist aber auch der Frau nicht abzusprechen, manchmal triebgesteuert zu sein. Das wäre eine Einschränkung, die ich gar nicht treffen will.

Man darf auch nicht vergessen, dass Schnitzler auch provozieren wollte, etwa im „Reigen“. Sexualität offen zu thematisieren war in dieser Zeit ja ein Skandal.

Über Sexualität zu schreiben war etwas extrem Mutiges, Aufrüttelndes – ein Tabubruch.

Die Aufführung des „Reigen“ hatte 2021 ihr 100 Jahr-Jubiläum. Was hat sich seit damals zwischen Mann und Frau verändert?

Zwischen Mann und Frau hat sich politisch und gesellschaftlich durch Emanzipations- Frauenbewegungen viel verändert – aber noch lange nicht genug…

Und gerade im zwischenmenschlichen Umgang solcher paarweisen Konstellationen wie sie im Reigen zu finden sind, hat sich, wie ich finde, gar nicht so viel verändert. Menschen finden aus den unterschiedlichsten Gründen zueinander, haben verschiedene Sehnsüchte, wollen bestimmte Bedürfnisse befriedigt haben und gehen dementsprechend miteinander um.

Aber Sexualität auf der Bühne zu thematisieren ist heute kein Tabu mehr. Die Problematik der Darstellung des Stoffes in der Gegenwart sehe ich eher dann, wenn diese sich zu weit vom Ursprungstext entfernt um Aufmerksamkeit, Aktualität zu erlangen – und dabei die Intention des Textes verliert.   

Wieviel Psychoanalyse, Schnitzler war ja mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse im Gespräch, Austausch, steckt denn im Werk Arthur Schnitzlers?

Ja, die Psychoanalyse, sie wird ja zu dieser Zeit modern, ist da literarisch sehr sichtbar.

Man erkennt im Werk Arthur Schnitzlers stark die Einflüsse der Psychoanalyse.

Die literarischen Figuren sind viel psychologischer gebaut als in Texten, die vor Sigmund Freud entstanden sind.

Wie siehst Du das Modell der Affäre heute?

Da hat sich nicht viel geändert. Es heißt vielleicht heute manchmal anders (lacht).

Es ist keine Seltenheit und auch die Rollenbilder der Verführerin und des Verführten, des selbst gewünscht Verführten, haben sich nicht verändert.

Man würde vielleicht meinen, dass der Umgang damit offener und toleranter geworden ist, aber ich glaube, dass das nur einen kleinen Teil der Gesellschaft betrifft. Für den Großteil der Menschen ist eine sogenannte „Affäre“ immer noch ein absolutes No-Go, etwas worüber man nicht spricht, was man eigentlich nicht tut – und trotzdem ist es so weit verbreitet. Ich würde mir manchmal einen offeneren Umgang mit dem Thema wünschen, aber andererseits macht wahrscheinlich auch das Verbotene den
Reiz einer Affäre aus.

Gibt es ein Werk Arthur Schnitzlers, das Dir besonders am Herzen liegt, zu dem Du einen besonderen Bezug hast?

Es gibt zwei – „Liebelei“ und „Reigen“.

Ich finde „Liebelei“ ist ein wahnsinnig spannendes Stück, wie es dramaturgisch aufgebaut ist und durch die interessanten Figuren. Sehr gerne würde ich das einmal spielen.

In „Liebelei“ gibt es mit Christine und Mitzi auch zwei ganz unterschiedliche Frauentypen, die für die Zeit repräsentativ sind.

Der „Reigen“ ist schon wegen seiner Geschichte des Aufführungsverbotes, der Aufregung und des riesigen Skandals bekannt und interessant.

Dieser offene literarische Umgang mit Sexualität bei Schnitzler ist vorher undenkbar gewesen. Da haben wohl Sigmund Freud und die Psychoanalyse auch viel dazu beigetragen, dass es Schnitzler in dieser Form thematisierte.

Beide dramatischen Texte liegen mir sehr am Herzen und natürlich die Novelle „Fräulein Else“. Daraus habe ich oft einen Teil bei Vorsprechen gespielt.

Ist Sexualität auch heute ein Tabuthema?

Ich würde sagen, ja. Oberflächlich betrachtet, würde man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass dies überhaupt nicht so ist, dass alles sexualisiert wird und nichts mehr daran aufregt. Aber ich glaube schon, dass es Menschen nach wie vor schwerfällt über Sexualität zu sprechen und sich damit auseinanderzusetzen. Vor allem mit ihrer eigenen Sexualität, und damit offen umzugehen und im Reinen zu sein.

Wie kann man, muss man Schnitzler heute auf die Bühne bringen?

Ich bin durch mein Schauspielstudium in den USA sehr geprägt von der Theatertradition des englischsprachigen Raums, die eine sehr hohe Werktreue hat und wo sich diese Frage gar nicht erst stellt. Es ist klar, dass das Stück auf der Bühne jenes der Zeit ist und da gibt es nicht viel zu rütteln.

Es gibt da hierzulande eine andere Zugangsweise und das kann natürlich auch seinen künstlerischen Reiz haben, das will ich nicht bewerten.  Aber eine moderne Inszenierung sollte trotzdem immer etwas zu erzählen haben. Ich sehe leider viele Produktionen, wo ich das Gefühl habe, die Regie geht ins Leere, weil sie nichts mehr erzählt.

Ich persönlich finde es sehr spannend, den Text in seiner Zeit zu belassen und dem Publikum die Entscheidung zu überlassen, was er heute zu erzählen hat.

Wie nimmst Du das Kaffeehaus als Lebensraum in Tradition und Gegenwart wahr?

Kaffeehäuser haben immer etwas wahnsinnig Gemütliches. Das ist das Licht, die kunstvollen Stoffbezüge, die Stühle und Holzarbeiten, gerade hier im Cafè Landtmann wunderschön zu sehen und das überdauert ja auch die Zeit und es wird viel Wert und Mühe auf den Erhalt dieser Tradition gelegt.

Die Architekten*innen haben sich bei den Kaffeehäusern schon etwas gedacht (lacht). Diese Tradition, Atmosphäre und Geschichte sind spürbar. Man hat sofort das Gefühl, dies ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Was gehört für Dich zu einem Kaffeehausbesuch dazu?

Das kommt auf die Aufenthaltsdauer an. Es kann dann etwa eine Melange sein, auch mit einer Mehlspeise dazu. Ich esse aber auch ab und zu gerne im Kaffeehaus.

Welche Mehlspeisen bevorzugst Du?

Die Sachertorte oder einen Topfenstrudel.

Mit Schlag (Anm: Schlagobers)?

Nein, unbedingt ohne Schlagobers (lacht).

Ist das Begegnen, Wahrnehmen unterschiedlicher Menschen im Cafè auch eine schauspielerische Inspiration?

Schauspiel braucht eine große Neugier auf die Welt. Das Kaffeehaus ist natürlich ein idealer Ort dafür.

Die Neugierde auf Menschen ist auch mein Kapital als Schauspielerin, denn Menschen stelle ich ja auf der Bühne, vor der Kamera dar.

Ich stehle wahnsinnig viel vom Leben für die Bühne, weil es so eng zusammenhängt, dass man alles verwerten kann. Das ist eines der vielen schönen Dinge an diesem Beruf.

In unserem vorangegangenen Projekt stand der Entertainer, Sänger, Schauspieler Peter Alexander im Mittelpunkt. Gibt es für Dich auch Parallelen der beiden Wiener Künstler Peter Alexander und Arthur Schnitzler?

Die Wiener Seele und das Wienerische sind bei beiden stark verankert. Natürlich im Wandel der Zeit, in der die beiden gelebt haben.

Da fällt mir noch eine Geschichte zu Arthur Schnitzler ein: Ich war vor einigen Jahren zu einem Vorsprechen an einer sehr bekannten Berliner Schauspielschule und habe dort unter anderem „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler vorgesprochen. Ich bin nicht über die erste Runde hinauskommen und eine Jurorin hat mir dann die Kritik gegeben – wenn ich aus Österreich komme, warum ich denn nicht etwas von einem österreichischen Schriftsteller vorspreche. Da habe ich mir schon meinen Teil gedacht (lacht). Es ist offensichtlich nicht jedem so klar, dass Arthur Schnitzler sehr mit Wien verbunden ist.

Peter Alexander hätte aus Deiner erzählten Anekdote bestimmt eine wunderbare Parodie gemacht und Arthur Schnitzler hätte dies sicherlich ebenso in ein Bühnenstück eingearbeitet.

Das Kaffeehaus ist jetzt im Winter in Ankommen, Aufenthalt mit besonderer Atmosphäre verbunden wie auch zu den anderen Jahreszeiten. Wie siehst Du die Jahreszeiten im Zusammenhang mit der Kaffeehauskultur?

Der Winter, Herbst, Vorfrühling sind für mich klassische indoor- Kaffeehauszeiten mit besonderer Atmosphäre.

Was wünscht Du Dir für die Wiener Kaffeehauskultur in näherer, weiterer Zukunft?

Dass sie ihre Tradition bewahren kann und dass das weiterhin viele Gäste genießen und zu schätzen wissen. Besonders junge Menschen können heute oft nichts mehr damit anfangen, und ich würde mir wünschen, dass die Kaffeehauskultur auch wieder mehr junge Besucher anlockt.

Aber das Kaffeehaus hat so viele Zeiten, auch schwierige und schwierigste, überdauert und ich mache mir da keine Sorgen darum.

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlichen Dank, liebe Valerie, für Deine Zeit in Wort und wunderbarer Vorbereitung und Darstellung des „süßen Mädels“ im Werk Arthur Schnitzlers (*1862 Wien +1931 Wien), Arzt, Dramatiker, Schriftsteller!

Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte 2022!

„Das süße Mädel“ _Arthur Schnitzler_ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

https://www.valerieannagruber.com/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Arthur Schnitzler_Café Ladtmann_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

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