Liebe Susanne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Frühstück machen, duschen, schminken, ins Büro fahren, wo ich eine Agentur für Verkaufsförderung und Mystery Shopping leite.
Susanne Kristek, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Das wir trotz aller Dramen den Humor nicht verlieren.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Schwierig, weil die Literatur doppelt betroffen ist. Preiserhöhungen in der Produktion auf der einen Seite, auf der anderen Seite wird das verfügbare Kulturbudget bei den Konsumenten auch deutlich weniger.
Dabei wäre ein Buch oft der schnellste und günstigste Urlaub vom Alltag. Ohne Anreisestress. Susanne Kristek, Schriftstellerin _ Wien 2.9.2022
Was liest Du derzeit?
Hamdraht von Martina Parker, meiner Schreibschwester.
Maksym von Dirk Stermann.
Beton Rouge von Simone Buchholz.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtet Du uns mitgeben?
„Du wirst nicht allzu weit kommen, wenn du nicht mutig genug bist es zu versuchen“ Dolly Parton
Vielen Dank für das Interview liebe Susanne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Angelika Stallhofer, in Villach geborene und in Wien lebende Schriftstellerin, legt mit „Stille Kometen“ einen Gedichtband vor, dessen Titelmetapher genau ins Herz dieser eindrucksvollen Poesie trifft. Ein einzigartiger sprachlicher Komet landet hier faszinierend im literarischen Jahr.
In einzigartig verdichteter Sprachkraft treffen hier Seite um Seite Gedichte genau wie „stille strahlende Kometen“ auf Leserin/Leser und es ist ein staunendes wie ergreifendes Lesen und Wirkenlassen im Zurücklehen und zum Sommerhimmel blicken. Stallhofer lädt zu einem poetischen Dialog zu Mensch, Welt und Zeit ein, der von der Aufmerksamkeit und Beobachtung, sowohl nach Innen wie nach Außen, ausgeht und dies in eine Sprache bringt, die direkt und konzentriert mitteilt wie Impuls gibt.
Die Gedichte Angelika Stallhofers knüpfen an große österreichische lyrische Traditionen mit Namen wie Ingeborg Bachmann und Christine Lavant im eindringlichen Sprachspiel einer Metaphorik, die immer ganz direkt auf Existenz und Sinn zurückverweist, an und finden dabei ihre ganz eigene Form und Ausdruckskraft, die begeistert.
Ein Gedichtband als wegweisendes Kunstwerk, der ohne Zweifel eine der großen Entdeckungen des literarischen Jahres ist. Hervorzuheben ist auch die wunderbare Bildsprache der Illustrationen der genialen in Neu-Ulm lebenden Künstlerin Andrea Zámbori, die ein einzigartiges Gesamtkunstwerk erzeugen.
„Angelika Stallhofer ist eine beeindruckende Sprachvirtuosin und ihr Gedichtband ist ein faszinierender poetischer Begleiter des Sommers, wie aller Jahreszeiten“
Angelika Stallhofer: Stille Kometen. Gedichte. Mit Illustrationen von Andrea Zámbori. Edition ch.
Liebe Marianne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Den Sommer verbringe ich großteils am Land. Ich arbeite an kleineren Zeichenserien, nütze die Zeit aber vor allem dafür Ideen zu sammeln, zu erproben und neue Projekt zu planen.
Im September geht es zurück ins Atelier nach Wien und der Kalender ist wieder dicht gefüllt.
Marianne Lang, Bildende Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Die Welt stellt uns vor immer komplexere Probleme und fordert schnelle Anpassungsfähigkeit.
Was wir brauchen ist Kreativität, Einfallsreichtum, die Fähigkeit ungewöhnliche Transfers herzustellen und den Mut gängige Strukturen infrage zu stellen. Wenn wir Kreativität zulassen, sind wir alle dazu fähig.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Beschäftigung mit Kunst, ob Literatur, bildende Kunst, Musik…regt die eigene Kreativität an, erweitert aber vor allem unser Vorstellungsvermögen.
Ich denke, es ist auch eine Reflexion darüber, wie wir sein wollen.
Was liest Du derzeit?
Ich habe gerade von Barbara Frischmuth das Buch ,Die Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen, gelesen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Wo immer man einen Schnitt macht, bleibt eine Wunde, aber manchmal fördert der Schnitt auch das Wachstum.“
Vielen Dank für das Interview liebe Marianne, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es sind Zeiten, in denen sich so schnell alles verändert, denkt Commissario Brunetti, als er auf dem Heimweg von der Questura die Zeitung in den Papierkorb wirft. Alles ist in dieser Welt so im Fluss und darin gibt es so viel Helles und Dunkles, das sich so oft um das Geld dreht. Wie jetzt in der Pandemie, wenn so vielen Menschen geholfen wird und doch auch so viel Geld sich auflöst und auflöste ins dunkle Nirgendwo. So ist diese Welt, denkt er jetzt Zuhause am Sofa.
„Um seine Stimmung zu verscheuchen, machte Brunetti sich auf den Weg zu Paolas Arbeitszimmer…Ohne aufzublicken, sagte sie: „Gut, dass du da bist…“.
Und dann erzählt seine Frau vom Leben und der Liebe auf der Universität, die einen älteren verheiraten Professorenkollegen gerade durcheinanderwirbelt. Paola ist sehr wütend und schreibt einen Brief…
Hell und Dunkel der Liebe denkt Brunetti…
Und dann ist da Elisabeth, die Nachbarn, und sie bittet Brunetti um Hilfe in der Sorge um ihre Tochter. Sein Spürsinn und seine Erfahrung sind gefragt. Und Brunetti sagt zu und die Welt in Hell und Dunkel beginnt sich schonungslos zu öffnen und zu drehen…
Donna Leon, in New Jersey geborene Bestsellerautorin, legt mit ihrem „einunddreißigsten Fall“ des in Venedig ermittelnden Commissario Brunetti, einen weiteren wunderbaren Krimi vor, der in Sprachglanz, Spannung, Witz und Überraschung wie auch kritischen Gedankenimpulsen zu Leben und Gesellschaft erneut begeistert. Unvergleichlich lässt die Autorin in Lebens-, Gefühlswelten und deren Abgründe eintauchen und Seite um Seite brennt im begeisterten Lesen.
„Ein wie immer wunderbares Lesegeschenk von Donna Leon.“
Liebe Kristina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gerade aktuell?
Ich komme gerade aus dem Urlaub von Korfu, bei einer Temperatur von 38 – 40 Grad war die tägliche Frage nach dem Aufstehen und Frühstück: in welche Bucht geht es heute mit Buch und Schnorchelausrüstung.
Mein Alltag in Konstanz ist meistens klar abgesteckt: aufstehen, Kaffee, Laufen gehen oder Schwimmen (im Sommer natürlich gerne in den Bodensee), Pflanzen gießen, zur Probe, Mittagessen und Vorbereitung auf Abendprobe oder Vorstellung. Dienstag und Donnerstag unterstütze ich nachmittags eine Gruppe junger Geflüchteter beim Deutsch lernen und an freien Tagen genieße ich Radtouren, Kaffee trinken mit Freunden und Kollegen, Bodenseestrandtage, Filmabende oder Kinobesuche.
Kristina Lotta Kahlert, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aufmerksamkeit für die Menschen um uns herum, scharfes Nachdenken, die Aufnahme und die kluge Einordnung von Stimmungen, miteinander füreinander denken und handeln
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wichtig finde ich vor Aufbruch und Neubeginn immer eine Offenheit gegenüber allem was kommt und gleichzeitig die persönliche und vor allem kritische Auseinandersetzung damit.
Das Theater/die Kunst hat da die Möglichkeit einen Schritt weiterzugehen. Man kann auf der Bühne Möglichkeiten, Utopien aufzeigen und damit die Menschen zum Nachdenken anregen. Ganz ganz wesentlich für uns Menschen im Alltag finde ich, dass man niemals die (Mit-)Menschlichkeit verliert.
Was liest Du derzeit?
Der Sommer ist meine „Krimi-Zeit“, ich lese sehr gerne Krimis, komme in der laufenden Spielzeit aber nur selten dazu. Gerade lese ich „Der Nasse Fisch“ von Volker Kutscher.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Die wichtigste Stunde im Leben ist immer der Augenblick; der bedeutsamste Mensch im Leben ist immer der, welcher uns gerade gegenübersteht; das notwendigste in unserem Leben ist stets die Liebe.“ Leo Tolstoi- (Das Zitat hab ich mir groß auf die erste Seite des Anna Karenina Textbuches geschrieben 🙂 )
Kristina Lotta Kahlert, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Kristina Lotta, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Kristina Lotta Kahlert, Schauspielerin
Fotos_Henrik Pfeifer
6.8.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Alexandru, hoffe, Dir geht es gut und Du verbringst schöne Sommertage!
Wie sieht Dein Rückblick auf die Tage der deutschsprachigen Literatur vom 22.6 – 26.6.2022 in Klagenfurt aus?
Äußerst positiv. Ich kann mich nicht beklagen, habe ja auch einen Preis bekommen und ging nicht mit leeren Händen nach Hause. Ich fand die Jurydiskussionen sehr spannend, in meinem Fall wurde von allen Kluges und dem Text Angemessenes gesagt, und das war für mich das Allerwichtigste. Gleichzeitig weiß ich aber, dass nicht alle TeilnehmerInnen ihre Jurydiskussionen so empfunden haben wie ich die meinige.
Alexandru Bulucz (Mitte), Deutschlandfunkpreisträger 2022 mit einladender Jurorin, Juryvorsitzender, Insa Wilke, und René Aguigah, Ressortleiter Literatur von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kultur
Was war für Dich erwartet was überraschend?
Erwartbar war nichts. Überraschend war natürlich, einen Preis zu gewinnen und dass ich mich zu einer spontanen Dankesrede habe mitreißen lassen bei der Preisverleihung. Aber auch sehr überrascht war mein Blick in die einige Tage nach der Preisverleihung online gegangene Liste mit den persönlichen Punktevergaben der Jurymitglieder.
Und über den herzlichen Zusammenhalt der TeilnehmerInnen-Gruppe habe ich schon so viel geschrieben und gesprochen. Das haben viele nicht erwaret.
Teilnehmer:innen (nicht alle am Foto) Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt 2022: von links: Ana Marwan_Bachmannpreisträgerin 2022, Andreas Moster, Alexandru Bulucz _ Deutschlandfunkpreisträger 2022, Leon Engler _3sat-Preisträger 2022, Mara Genschel, Hannes Stein.
Wie beurteilst Du das diesjährige erstmalige Setting der Zweiteilung in Lesebühne und der Jury im Studio?
Ich hatte keine Probleme damit. Ich hatte anfänglich große Angst, dass ich draußen gar nicht erst lesen können werde. Ich bin starker Gräser-Allergiker, und der schlimmste Monat ist für mich der Juni, aber in Klagenfurt hatte ich plötzlich keine Allergie mehr. Ich habe am 23. Juni gelesen. In Berlin hätte ich an dem Tag draußen nicht lesen können.
Ich habe mich also beim Lesen auf das Gartenpublikum eingestellt und mir keine Gedanken gemacht, wie ich im Studio bei den Jurymitgliedern rüberkomme.
Alexandru Bulucz, Lesung Gartenbühne _ ORF Kärnten
Welche Inspirationen nimmst Du für Deine Literaturprojekte mit?
Mit allen seinen Schwächen bleibt der Bachmannwettbewerb ein Literaturparadies. Und ins Paradies möchte man zurückkehren, um wenigstens im Wörthersee zu baden.
Rathaus KlagenfurtKlagenfurt _ Alter PlatzAlexandru Buluczim ORF Garten im Gespräch mit Schriftstellerin, Violinistin Tamara Stajner und Schriftsteller Paul-Henri CampbellAlexandru Bulucz mit Büchnerpreisträger Josef Winkler Wörthersee
Was möchtest Du kommenden Teilnehmer:innen mitgeben?
Auch kommende TeilnehmerInnen werden IndividualistInnen sein. Man kann ihnen nichts mitgeben. Sie werden ihren Weg auch allein finden, auch allein gehen. Ich bin mir sicher.
Alexandru Bulucz, Deutschlandfunkpreisträger 2022 mit einladender Jurorin, Juryvorsitzender, Insa Wilke (neben Preisträger), und René Aguigah, Ressortleiter Literatur von Deutschlandfunk und Deutschlandfunk Kulturwie Moderatorin Cécile Schortmann.
Vielen Dank für das Interview, lieber Alexandru! Viel Freude und Erfolg weiterhin und erholsame Sommertage!
Bachmannpreis 2022_im Rückblickinterview:
Alexandru Bulucz, Schriftsteller_Berlin_Deutschlandfunkpreisträger 2022
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Liebe Ana, ein herzliches Willkommen hier in der Ungargasse in Wien 1030, die literarischer Hauptschauplatz des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann ist.
Wir führen unser Interview im Pressebüro der Evangelischen Kirche Österreich in der Ungargasse 9, 1030 Wien. In welchem religiösen Kontext bist Du aufgewachsen?
Ich bin in Murska Sobota im Nordosten Sloweniens, damals Yugoslawien, geboren und als ich zwei Jahre alt war sind wir nach Ljubljana umgezogen. Das war im Kommunismus, der Sozialismus genannt wurde. Es gab bei uns kein Weihnachten und überhaupt keine religiöse Feier. In anderen kommunistischen Ländern liefen ja, etwa in der Tschechoslowakei, religiöse Feiertage und Kommunismus parallel. Wir haben das nicht so gelebt.
Wir hatten in der Schule nur ein Mädchen, das einen Kirchenbezug hatte und Gottesdienste besuchte. Mir war das fremd, ich katte keinen Kontakt zu Kirche und Religion.
Erst später habe ich verschiedene Religionen kennengelernt. Ich interessiere mich für Religionen, glaube aber, dass es einen Unterschied ausmacht, wenn man nicht unmittelbar damit aufwächst.
Die geistige Komponente ist etwas sehr Wichtiges für den Menschen, finde ich.
Gibt es familiär evangelische Wurzeln?
Mein Vater bezeichnet sich als evangelisch. Das ist auch Familientradition. Das Gebiet im Nordosten Sloweniens in der Nähe des österreichischen Bad Radkersburg ist historisch überwiegend protestantisch.
Die Evangelische Religion hat in Slowenien auch mit Nationalstolz zu tun, dies war auch in meiner Familie so und bezieht sich auf die reformatorische Übersetzung der Bibel im 16.Jahrhundert (Anm: Primož Trubar, 1508 – 1586, Übersetzung des Neuen Testamentes in der deutschen Übersetzung Martin Luthers in die slowenische Sprache). Wie der Glaube in der Familiengeschichte gelebt wurde, weiß ich nicht.
Mir fällt ein, der erste Mann meiner Großmutter war Pfarrer. Auf den Fotos ist dieser weiße Kragen zu sehen. Anm: Beffchen, weißer Kragen am Talar, der Amtstracht evangelischer Pfarrer:innen.
War Religion im Alltag Deiner Kindheit, Jugend öffentlich sichtbar?
Unser „Gott“ war Tito (Präsident Jugoslawiens 1945-80, Anm.) damals. Überall gab es Statuen und Bilder von ihm. Im Schulunterricht haben wir jeden Tag vor den Bildern gegrüßt – „Wir gehen mit Tito vorwärts“ – sagten wir unisono. Das war die Religion damals.
Hattest Du als Literaturwissenschaftlerin bestimmte Zugänge zur Bibel?
Im Studium habe ich aus literaturwissenschaftlicher Perspektive Auszüge der Bibel gelesen. Im Allgemeinen hat mich die Zeitgemäßheit der Texte überrascht. Die Bücher Kohelet und Hiob fand ich in ihrer existentiellen Radikalität interessant.
In Deinem Bachmannpreistext thematisierst Du in der Passage der Rettung der Wechselkröte das Verhältnis von Glück, Dankbarkeit, Barmherzigkeit. Wie siehst Du dies im Leben?
Ich denke, wir leisten Hilfe aber wir tun uns selbst im Annehmen von Hilfe schwer. Wenn wir Hilfe bekommen, fühlen wir uns schuldig und möchten dies so bald wie möglich wieder gutmachen, zurückzahlen und dies wird auch oft erwartet.
Hilfe kann auch, wenn die Positionen von stark und schwach sehr eklatant sind, eine großzügige, selbstzufriedene Geste sein, die Dankbarkeit erwartet. Dankbarkeit wird da zur Bezahlung. Aber Du hast nichts gegeben, wenn Du etwas erwartest.
Vor allem ist man heute über Undankbarkeit entsetzt. Das finde ich sehr falsch. Hilfe sollte eine Selbstverständlichkeit zwischen Menschen, ohne Erwartung einer Gegenleistung, sein.
Wir fühlen uns sehr oft schuldig anstatt glücklich, wenn uns jemand hilft.
Woher kommt dieses Schuldgefühl, welches Erbe ist das?
Ein evangelisches (lacht)? Über dieses Thema müsste ich jetzt mehr nachdenken, das kann ich nicht so schnell beantworten, das würde Zeit brauchen. Ich schätzte diese Fragen und Überlegungen.
Wie nimmst Du die Schrecken des Krieges in Europa derzeit als Schriftstellerin wahr? Welchen Ausweg kann es da geben?
Ich bin keine politische Expertin. Persönlich ist es für mich unfassbar, dass es zu diesem Krieg in Europa gekommen ist. Das ist extrem schmerzhaft und betrifft alle Kriege auf dieser Welt. Das ist nicht zu akzeptieren.
Warum führt der Mensch Krieg?
Wir streiten als Individuen im Alltag dauert miteinander, deswegen ist es nicht überraschend, dass wir auch als Nationen streiten. Ich hoffe einfach nur, und dies ist meine große Hoffnung, dass wir endlich einmal ethische Fortschritte machen und als Individuen wie Gruppen, Nationen miteinander anständig umgehen können.
Was sind Deine derzeitigen Projektausblicke?
Grundsätzlich würde ich auch sehr gerne wieder etwas Ruhe haben, um schreiben zu können. Ich habe bisher zwei Bücher und weitere Erzählungen veröffentlicht, jetzt bin ich persönlich sehr gespannt, wie meine weiteren Texte aussehen werden (lacht).
Einsamkeit war immer das zentrale Thema in meinem Schreiben und wenn sich das jetzt in meinem Leben geändert hat, bin ich sehr neugierig, wie es sich auswirken wird. Ich lasse mich überraschen, worüber ich jetzt schreiben werde.
Wir sind auch gespannt und freuen uns auf Deine weiteren Texte, Bücher!
Wie hast Du die für Dich so erfolgreichen 46. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt erlebt?
Wir wurden von der Organisation sehr gut begleitet und waren als Teilnehmende ein sehr gutes Team. Es gibt auch noch guten Kontakt miteinander und wir wollen uns nächstes Jahr wieder treffen.
Persönlich war es für mich schon eine große Überraschung, dass ich unter den Teilnehmenden war, das war ein Schock (lacht). Ich habe nicht mit einer Teilnahme und dann schon gar nicht mit einem Sieg gerechnet. Das waren alles extreme Überraschungen.
Ich freue mich jetzt sehr darüber und auf neue Erlebnisse, Erfahrungen als Schriftstellerin!
Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022_ Station bei Malina_Wien
Vielen Dank für das Interview, liebe Ana, herzliche Gratulation zum Bachmannpreis 2022, viel Freude und Erfolg weiterhin für alle Projekte und erholsame Sommertage!
Station bei Malina_ Sommerinterview:Ana Marwan, Schriftstellerin, Bachmannpreisträgerin 2022
Aktueller Roman: „Der Kreis des Weberknechts“ Ana Marwan, Otto Müller Verlag.
Fotos_Gespräch: Marco Uschmann, Chefredakteur „SAAT“ Evangelische Kirchenzeitung Österreich, Chef Amt für Hörfunk/Fernsehen Evangelische Kirche Österreich
Foto_Portrait: Walter Pobaschnig.
Alle Fotos_Ungargasse/Wien _ Romanschauplatz „Malina“ Ingeborg Bachmann, 1971.