Bachmannpreis 2022_“Ich mache in der Prosa da weiter, wo die Gedichte aufhören“ Alexandru Bulucz, Schriftsteller_Berlin 28.5.2022

Lieber Alexandru Bulucz, herzliche Gratulation zur Teilnahme am Ingeborg Bachmannpreis 2022!

Wie gestaltete sich der Text- und Bewerbungsprozess für Dich und wie hast Du Deine Teilnahmebekanntmachung erlebt? Welche Reaktionen gab es?

Ich hatte das Glück, von mehreren Seiten zur diesjährigen Bewerbung ermuntert worden zu sein. Nicht dass ich nicht schon selber überlegt hätte, mich zu bewerben. Schon vor der letzten Austragung der TDDL21 hatte ich mit dem Gedanken gespielt, es zu versuchen, es dann aber doch gelassen, wahrscheinlich aus zu großem Respekt vor dem Mythos „Bachmannpreis“ und vor dem Handwerk der Prosa. Ich bin ja bekanntlich Lyriker.

Ich hatte keine große Hoffnung, dass es klappen könnte. Aber es klappte auf Anhieb, gleich bei meinem ersten Versuch, bei meiner ersten Bewerbung. Was mich natürlich erfreut.

Ich erwähnte soeben das „Handwerk der Prosa“. Ich habe mit den Jahren festgestellt, dass meine Gedichte eher aus Erzählgebilden hervorgehen. Und von dieser Feststellung war es dann nur ein kleiner Schritt hin zur Prosa, die seit ein paar Jahren an Bedeutung gewinnt für mich.

Ich muss mich nicht neu erfinden für die Prosa, sondern mache weiter, wo die Gedichte aufhören. Häufig sind es dieselben Bilder, die hüben wie drüben auftauchen, in Variationen und Re-Perspektivierungen. Ein Unterschied zwischen Lyrik und Prosa ist für mich folgender: In der Lyrik genügt bisweilen ein einziges Bild, damit ein Gedicht entstehen kann. In der Prosa genügt das eine Bild nicht. Es müssen mehrere sein, die sich miteinander verknüpfen lassen.

Vor der Bewerbung hatte ich meinen Text mit meiner Lektorin Sabine Baumann besprochen und bearbeitet. Nach der Einladung zur Teilnahme am Bewerb hatte ich ihn dann auch mit der einladenden Insa Wilke intensiv besprochen.

Alexandru Bulucz, Schriftsteller

Wie gehst Du jetzt auf den Wettbewerb zu? Welche besonderen Vorbereitungen wird es geben?

Ich werde den Text so oft laut vorlesen, bis ich mit meinem Vortrag einigermaßen zufrieden sein werde. Den Text kenne ich inzwischen fast auswendig. Ansonsten gibt es keine besonderen Vorbereitungen.

Was ich noch brauche, ist ein fernsehtaugliches Outfit. Vielleicht werde ich zum ersten Mal in meinem Leben eine professionelle Modeberatung beanspruchen.

Ingeborg Bachmann sagte zu den Anfängen Ihres Schreibens: „Manchmal werde ich gefragt, wie ich, auf dem Land großgeworden, zur Literatur gefunden hätte. – Genau weiß ich es nicht zu sagen; ich weiß nur, dass ich in dem Alter, in dem man Grimms Märchen liest, zu schreiben anfing, dass ich gern am Bahndamm lag und meine Gedanken auf Reisen schickte…“

Wo bist Du geboren, aufgewachsen und wo liegen die Anfänge, Wurzeln, Inspirationen Deines Schreibens?

Ich bin in Siebenbürgen geboren und aufgewachsen, man kann auch sagen: in Transsilvanien. Ich bin allerdings kein Siebenbürger Sachse, gehörte in Rumänien also nicht der rumäniendeutschen Minderheit an. Meine Mutter ist Rumänin, mein Vater gehört der ethnischen Minderheit der Ungarn in Rumänien an.

Die rumänische Stadt, aus der ich komme, heißt Alba Iulia. Viel wichtiger für mein aktuelles Schreiben ist allerdings das noch existierende urgroßmütterliche Gehöft in Kreischquell, einer Gemeinde in der Brad-Senke, nördlich des Siebenbürgischen Erzgebirges, wo ich häufig meine Schulferien verbracht hatte. Die Urgroßmutter lebt leider nicht mehr, sie ist im Jahr 2017 mit 101 Jahren gestorben.

Das Gehöft steht in meinen Texten immer wieder Modell für eine Topografie des Paradieses, eine Topografie der „Einfachheit“. Dort ist im Übrigen das Video entstanden, mit dem meine Lesung beim Bachmannpreis eingeleitet wird.

Welche Bedeutung das Gehöft für mich hat, hat mir kürzlich dieses Zitat noch einmal verdeutlicht:

„Am Anfang war alles religiös oder an religiöse Vorstellungen geknüpft. Der Beginn der Agrikultur, die landwirtschaftliche Arbeit war ein Hieros gamos, ein Ritual zur Aktualisierung der Vermählung des Himmelgotts mit der Erdgöttin. Die Versorgung war am Anfang ein zeremonieller Akt, nicht zu sprechen von den Mythologien der Werkzeuge und Techniken, von der Tatsache, dass die Metallurgie, die Bergwerke geknüpft waren an magico-religiöse Vorstellungen über das Wachstum von Metallen, über die Magie von Klängen, Werkzeugen, Waffen. Es ist überflüssig, zu erwähnen, dass die Prähistorie der Künste religiös ist: der Tanz, die Malerei, die Bildhauerei, die ethischen Dichtungen, das Drama, und wahrscheinlich hat dort auch die Philosophie ihren Ursprung, nicht in einem Denken, das religiös gewesen wäre, sondern in einer religiösen Existenz.“

Das sagte einmal Mircea Eliade, der Komparatist unter den Religionshistorikern. Das Zitat erinnert mich an das Gemälde „Das Angelusläuten“ des französischen Malers Jean-François Millet. Ein Mann und eine Frau, neben einer Karre und einer Grabeforke, beugen sich in einem Feld über einen Korb mit Kartoffeln, um den Engel des Herrn zu beten. Im Hintergrund ist der Turm der Gemeindekirche erkennbar.

JEAN-FRANÇOIS_MILLET_Ángelus_(Museo_de_Orsay,1857-1859.Óleo_sobre_lienzo)

Ich habe die von Mircea Eliade so beschriebene, ursprüngliche, kaum definierte, aber alles andere als scheinheilige Religiosität auf dem Gehöft erfahren. Und ich mag den Gedanken, dass diese Erfahrung ein weiterer Beleg sein könnte für Eliades Grundthese. Die besagt, das Heilige ist „ein Element der Struktur des Bewusstseins und nicht ein Stadium in der Geschichte dieses Bewusstseins“.

Eine Erscheinung des Heiligen kann sehr profan sein. Eine zum Beispiel machte ich, als ich meine Urgroßmutter dabei beobachtete, wie sie mit einem Handrebler, der fast wie ein Schlagring aussieht, die Maiskörner vom Maiskolben abrebelte. Mein Kindheits-Ich hatte Maiskörner im Blecheimer gesehen, mein Schriftsteller-Ich sieht in der Retrospektive Goldzähne und weiß von den verlassenen Bergwerken (darunter auch Goldbergwerke) der Region, an deren Bodenschätzen seit den Römern viele und nur selten einfache Einheimische sich bereichert haben.

Was ist Dir in Deinem Schreiben wichtig und welche aktuellen Projekte gibt es?

Wichtig ist mir u.a. eine Durchdringung der Bilder, die ich in meinen Texten verwenden möchte. Erst wenn ich sie von möglichst vielen Seiten angeschaut habe, so dass sich daraus Analogien, Vergleiche, Metaphern ergeben können – erst dann mache ich mich auf die Suche nach den bestmöglichen Formulierungen für sie.

Mein Text für den Bachmannpreis ist zugleich mein aktuelles Projekt. Ein Prosaprojekt also, für das ich mindestens noch ein Jahr, eher zwei Jahre brauche.

Was kommt unbedingt auch in den Reisekoffer für Klagenfurt?

Laptop, Handy, Fotos meiner drei Lieben: der Lebensgefährtin und meiner zwei Kinder, vielleicht noch ein Buch von Josef Winkler, nämlich „Das Zöglingsheft von Jean Genet“. Ich liebe dieses Buch und bewundere Josef Winkler sehr, sehr, sehr. Vielleicht laufen wir uns über den Weg, wir kennen uns persönlich nicht und standen nie in Kontakt miteinander. Ich würde mir das Buch gern von ihm signieren lassen und am besten ein Erinnerungsfoto mit ihm veranlassen.

Vielen Dank für das Interview! Viel Freude und Erfolg in Klagenfurt!

Bachmannpreis 2022 _ Teilnehmer:innenvorstellung:

Alexandru Bulucz, Schriftsteller_Berlin

Foto_Renate von Mangoldt

Walter Pobaschnig 5_22

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s