
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Anne Mai, Schriftstellerin
Liebe Anne, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Es gab eine frühe Begeisterung für ihre Gedichte, die ich bis heute herausragend finde. Als ich selbst dreißig wurde, las ich „Das dreißigste Jahr“ und fand darin meine „damalige“ Empfindung bestätigt, dass dieser Geburtstag den Anspruch, sich weiterhin jung zu nennen, konterkarierte. Zu „Malina“ kam ich nach Max Frischs „Mein Name sei Gantenbein“ und las das Buch jetzt zum zweiten Mal. Besonders der mittlere Teil „Der dritte Mann“ mit seiner albtraumhaften Vaterfigur und seiner intensiven Bilderflut im gespenstischen Nachkriegswien ging mir nahe.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Neben der philosophischen Klarheit ihrer Gedanken und dem hohen literarischen Ton ist Ingeborg Bachmanns Schreiben auch eine wiederkehrende „Anrufung der Großen Liebe“, deren rauschhafter Beginn in Enttäuschung mündet, die wiederum eine Art Abrechnung zur Folge hat. Ich denke aber, dass sie wusste, dass eine so besitzergreifende Liebesbeziehung unvereinbar sein würde mit ihrem eigenen künstlerischen Anspruch.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Natürlich ihre Gedichte, deren hohe Wortkunst ungeschmälert fesselt.
Beeindruckt hat mich ihr preisgekröntes Hörspiel „Der gute Gott von Manhattan“ (1957), in dem sie die Aussichtslosigkeit einer absoluten Liebe thematisiert. Deren Intensität steigt mit den Stockwerken eines New Yorker Hotels, in welchem Jan und Jennifer Quartier bezogen haben, und endet auf der höchsten Etage mit einem Mordanschlag des guten Gottes. Jan flieht in ein gesellschaftlich sanktioniertes Leben und entgeht im Gegensatz zu Jennifer dem Tod. Da der gute Gott mit seiner Tat das geltende Ordnungssystem verteidigt hat, wird er freigesprochen.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Betrachtet man die gesellschaftlichen Strukturen der letzten hundert Jahre, so ist Ingeborg Bachmanns Stimme nicht wegzudenken. Sie vermutet den Ursprung männlicher Machtstrukturen auch in den Familien. Von dort nehme er seinen Weg in Gesellschaft und Politik und treibe die weltweite Kriegsmaschinerie an, um nach kriegerischen Handlungen in die Familien zurückzukehren. Besonders die Töchter seien die Leidtragenden der durch dieses System veränderten Väter. Es ist anzunehmen, dass auch Ingeborg Bachmann dieses erfahren hat. In Malina ist es kaum verschlüsselt nachzulesen.
Was unsere heutige Zeit betrifft, denke ich, dass das Patriarchat dabei ist, zurückzukehren, wenn es denn jemals weg war.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vielleicht löst der Wunsch nach Verschmelzung mit einem anderen Menschen vor allem bei Männern Ängste aus und wird als Bedrohung der eigenen Identität empfunden. So ergeht es auch Jan in „Der gute Gott von Manhattan“. Er flieht vor dem Grenzübertritt in das anarchische Reich der bedingungslosen Liebe.
In Bachmanns Todesjahr 1973 erlebte die Frauenbewegung einen Höhepunkt. Inzwischen sehe ich das weltweite Erstarken der Rechten auch in Verbindung mit der Aufwertung des Patriarchats, das sich weiter die Deutungshoheit erobert.
Letztendlich glaube ich, dass sich die Liebe nach wie vor ihrer Beherrschung entziehen wird. Sie geschieht uns. Und wird uns nichts erklären, wie auch wir sie nicht erklären können. Wunderbar ausgedrückt in Bachmann Gedicht „Erklär mir, Liebe“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ganz sicher hat Ingeborg Bachmann am unlösbaren Dilemma gelitten, das Leben mit allen Sinnen (einschließlich Familie, Beziehung, weiblicher Alltag) zu wollen und dennoch das Werk an erster Stelle zu belassen. Ein ständiger Konflikt, an dem sie auch innerlich verbrannt ist.
Ich selbst empfinde das Schreiben als positiven Schaffensprozess, kenne aber durchaus den Zwiespalt, gerade dann nicht schreiben zu können, wenn sich der Wunsch oder ein Flow einstellt.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Für Bachmann war Schreiben nicht nur materielle Existenz und gesellschaftliche Anerkennung, sondern ein fundamentales Bedürfnis, ihr inneres Erleben in Sprache zu transformieren. Sprache war ihre Brücke nach außen und ihr vielstimmiges Instrument. Sie hat ihr mit großer Begabung und Hingabe gedient.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Wie positiv es ist, dass insbesondere ihr Prosawerk bis heute die Diskurse um Macht und Normen der gesellschaftlichen Strukturen befeuert.
Vielleicht hätte ich sie gefragt, warum sie sich ab 1957 ihrer grandiosen Lyrik verweigert hat, so wie auch Undine sich verweigert. Vielleicht wollte sie durch den fehlenden ständigen Vergleich die Themen ihres Prosawerkes in den Fokus zu rücken. Dieses wurde von der (weitgehend männlichen) Kritik gerne an zweite Stelle gesetzt.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Zurzeit bin ich mit meinem neuen Gedichtband beschäftigt. Er wird im Sommer beim Athena Verlag erscheinen, voraussichtlich unter dem Titel „Mond in den Fischen“.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„So gewiss ist’s, dass nur die Liebe
und einer den andern erhöht.“(Römisches Nachtbild – 1956)
„So weit im Leben und so nah am Tod,
dass ich mit niemand darum rechten kann,
reiß ich mir von der Erde meinen Teil;“
(Strömung – 1957)
Herzlichen Dank für das Interview!
Sehr gerne. Ich habe ebenfalls zu danken, an diesem schönen Projekt teilnehmen zu können.

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Anne Mai _ privat.
Walter Pobaschnig, 15.4.26









































































































