Liebe Gabriele, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich lebe abwechselnd in Wien und in einem kleinen Dorf in der Steiermark, und wie mein Tag verläuft hängt davon ab, wo ich gerade bin, aber nach dem Aufwachen und dem Kaffeetrinken lese ich die Nachrichten, recherchiere, höre Musik und mache mir Notizen. Vormittags schreibe ich, mittags gehe ich für ein, zwei Stunden in den Wald, wenn ich im Dorf bin, oder ich ziehe mir zur Entspannung eine Folge der Serie „Sturm der Liebe“ rein, wenn ich in Wien bin. Nachmittags schreibe ich weiter, gebe Nachhilfe, bossle herum oder tue etwas im Garten. Am Land gehe ich früh schlafen, in Wien habe ich abends oft Besuch oder gehe ins Theater oder essen.
Gabriele Vasak, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, der zumindest zeitweise persönliche Rückzug aus einer Welt des Egoismus, der Krisen und der Kriege ist für alle wichtig. Das heißt nicht, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern zu versuchen, sich Nischen zu schaffen, in denen man allein oder mit anderen gut leben kann, auch wenn man sich dessen bewusst ist, dass draußen die Hölle los ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich denke, es ist wichtig, sich der Veränderungen, die passieren, bewusst zu sein, sie zu reflektieren und neue Visionen zu entwickeln. Kunst, die meiner Meinung nach oft aus einem Mangel heraus entsteht, kann gesellschaftliche Mängel aufzeigen, alte Narrative und Muster hinterfragen, Grenzen überschreiten, neue Utopien und Bilder schaffen,…, und die Literatur kann zudem Sprache geben – dort, wo sie fehlt.
Was liest Du derzeit?
Ich lese vor allem österreichische Literatur, zur Zeit „Die Infantin trägt den Scheitel links“ von der wunderbaren Helena Adler, die eine große literarische Stimme ist, auch wenn sie so früh verstarb.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Émile Cioran sagte: „Ich träume von einer Welt, in der man für ein Komma stirbt.“ Das ist allemal besser als für eine Fahne oder für Geld sterben zu wollen.
Vielen Dank für das Interview, liebe Gabriele, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Gabriele Vasak, Schriftstellerin
Zur Person/über mich:Gabriele Vasak, Jahrgang 1963, geboren in Wien und aufgewachsen in verschiedenen Orten in Österreich, lebt und arbeitet heute in Wien und einem kleinen Dorf in der Steiermark. Die steten Wechsel ihres Lebensmittelpunkts haben sie als einen heimatlosen und für diverse Lebensentwürfe offenen Menschen geprägt.
Schon lange vor ihrem Studium der Germanistik und Romanistik galt ihr Hauptinteresse der Literatur und dem Schreiben. Erste Publikationen erschienen bereits in ihrer Schulzeit in „Neue Wege“, entscheidende Förderung erhielt sie später von ihrem Mentor, dem Poeten Gert Jonke.
Ihr Debütroman „Mauersegeln“ (Milena Verlag, 1998) wurde von der Kritik als ein Stück intelligente und stilsichere Literatur zur Arbeitswelt gelobt. Es folgten fünf weitere Romane, zwei Lyrikbände und Publikationen in Literaturzeitschriften, thematisch um Arbeit, Krankheit und Liebe angesiedelt.
Ihr bislang letzter Roman „Ich bin die ich bin“ (Gabriele Vasak, 2022 ) erzählt das Leben dreier Frauen, die von einer rätselhaften Krankheit befallen sind und radikal-individuelle Wege der Bewältigung ihres Leidens suchen und finden. Auf Ö1 wurde er von Christa Nebenführ so vorgestellt: „Der Roman kann als existenzphilosophische Antwort auf die Frage des Lebens mit einer nie zur Gänze erfassbaren Krankheit gelesen werden.“
Aktueller Roman:
Das Buch mit dem Coverbild von der wunderbaren Künstlerin Michaela Grass ist als Kindle Ausgabe oder als Hardcover nach PM an mich erhältlich.
Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Der allseits beliebte Gerlindenhund weckt mich auf und dann wird Ball gespielt und Kaffee getrunken. Danach dreht sich mein Tag größtenteils um unser aktuelles Theaterstück „Theresia Kandl“. Vorbereiten – Probe – Nachbereiten – Produktions-dies-das und irgendwann müde ins Bett fallen bis es von vorne losgeht.
Veronika Zellner, Schauspielerin _ Wien _ in „Theresia Kandl“ Ein interaktives Theaterstück _ Foto:Walter Pobaschnig, folgende.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Sich an kleinen Momenten erfreuen und versuchen, das Positive festzuhalten und abzuspeichern. Und immer – einander zuhören.
Veronika Zellner und Lukas Stöger in „Theresia Kandl“
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Die Kunst ist ein Spiegel und kann blank oder mit Verschleierung arbeiten. Sie lässt uns neue Perspektiven einnehmen und gleichzeitig erinnert sie uns an Vergangenes. Theater kann sehr viel, jede:r hat eine ganz individuelle Interpretation vom Erlebten. In unserem aktuellen Stück wendet sich die Hauptfigur Theresia immer wieder an das Publikum – sie haben es in der Hand, in das Schicksal Theresias einzugreifen und jeder Abend verläuft anders.
Veronika Zellner und Lukas Stöger in „Theresia Kandl“
Was liest Du derzeit?
Florence Reads Theaterstück „Theresia Kandl“ – rauf und runter. Und ich recherchiere eifrig zum 18. Und 19. Jahrhundert.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
M: Ich will, dass du glücklich bist. Aber es gibt Regeln.
T: Wer hat diese Regeln aufgestellt?
M: Niemand hat sie aufgestellt. Sie sind einfach da.
T: Eines Tages wird es keine Regeln mehr geben.
M: Aber wir leben nicht in „eines Tages“. Wir leben heute, THERESIA. Jetzt. Ich muss hier dein Mann sein, an diesem Ort. Mit diesen Leuten um uns herum […]. Sei nicht mir böse für das, was die Welt von dir erwartet.
T: Die Welt besteht aus Männern wie dir.
(Auszug aus Florence Reads „Theresia Kandl“)
Vielen Dank für das Interview, liebe Veronika, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Veronika Zellner, Schauspielerin _ Wien
Veronika Zellner, Schauspielerin _ Wien _ Fotoshooting zu „Theresia Kandl“ _ Walter Pobaschnig.
Aktuelles Stück mit Veronika Zellner: „Theresia Kandl“ Ein interaktives Theaterstück – Uraufführung
„Theresia Kandl“ basiert auf einer wahren Geschichte aus dem Jahr 1808: Eine Frau wird zur Ehe mit einem Mann gedrängt, der sie misshandelt und missbraucht. Nach sieben Wochen sieht sie keinen anderen Ausweg mehr, als ihn umzubringen.
Was damals mit dem Galgen endete, bleibt heute auf der Bühne offen. Ein Stück über Gewalt, Entscheidungen und all das, was zwischen Aushalten und Zurückschlagen liegt. Das Ende? Hängt nicht nur von ihr ab. (Pressetext)
Liebe Helga, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Mein Tagesablauf im Moment beinhaltet, den Garten winterfertig zu machen und die vielen Vögel zu füttern, die zu meiner großen Freude immer die Futterhäuschen dort aufsuchen. Grundlegend zu meinem Leben gehört es zu meditieren und Taiji zu tanzen. Zeiten, in denen ich schreibe, wechseln mit jenen, in denen ich male, je nachdem, wohin es mich innerlich zieht. Größere und kleinere Wanderungen in der Natur, Gespräche und stille Zeiten sind für mich ebenso wichtige Aspekte meines wechselnden Tagesablaufes wie an Online-Kursen teilzunehmen, vor Ort Taiji zu unterrichten oder einfach einmal nichts zu tun. Gelegentlich nehme ich an Lesungen und Ausstellungen teil und im Moment freue ich mich natürlich ganz besonders, dass mein neues Buch über eine mutige und unkonventionelle Prinzessin noch rechtzeitig vor Weihnachten erscheinen wird.
Helga Cornelia Pfeifer, Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich finde es schwer, das allgemein für uns alle zu sagen. Wahrscheinlich gibt es unterschiedliche Dinge, die für einzelne Menschen im Moment besonders wichtig sind. Für mich persönlich ist es wichtig, den Fokus zu halten, d.h. die Schönheit im Auge zu behalten, die immer da ist, und dem Leben in all seinen Formen mit Liebe zu begegnen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Es wäre schön, wenn wir zunehmend begreifen, dass es nicht wirklich eine Trennung gibt und dass alles miteinander verbunden und verwoben ist. Kunst vermag es, neue Lebensbilder aufzuzeigen, Visionen zu entwerfen, in neue Bereiche vorzudringen und diese, wenn man so sagen will, zu manifestieren. In diesem schöpferischen Akt des co-kreierenden Gestaltens möglicher neuer Zukunftsräume durch die Kunst und überhaupt insgesamt sehe ich zurzeit eine gesellschaftlich und persönlich bedeutsame Ausrichtung.
Was liest Du derzeit?
Ich lese grundsätzlich immer mehrere Bücher gleichzeitig. Im Moment sind das zum Beispiel Annette Kaisers Buch „Was uns Menschen möglich ist“ und „Rainer Maria Rilke oder Das offene Leben“ von Sandra Richter.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Das Motto aus meinem Buch „Hoffnungsschimmer. Geschichten aus dem Freudenland: „Es ist die Imagination, die die Kraft hat, das Antlitz der Welt zu verändern.“
Helga Cornelia Pfeifer, Künstlerin
Vielen Dank für das Interview, liebe Helga, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunst-, Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Helga Cornelia Pfeifer, Künstlerin
Zur Person/über mich:Helga Cornelia Pfeifer, Künstlerin und Reisende aus Be-Ruf-ung
Lehramtsstudium für Englisch und Deutsch sowie Übersetzer Studium für Englisch an der Universität Graz. Danach ein Jahr als Lektorin für Englisch an der Universität von East Anglia, Norwich. Es folgten Tätigkeiten als Professorin an der Modellschule Graz, als Lehrbeauftragte für Begabungsförderung und Sprach- und Leseförderung an der Universität Graz und als Leiterin von internationalen Workshops zum Thema Kreativität und Begabungsförderung im Rahmen von Kongressen des World Council for Gifted and Talented Children, zum Beispiel in Vancouver, Dubai und Singapur.
Verschiedene Ausbildungen, beispielsweise in Gestaltpädagogik, Neurolinguistischem Programmieren, Mal- und Kunsttherapie, Dramapädagogik und Begabungsförderung. Seit einer Taiji Ausbildung Leitung von Taiji Kursen in freier Praxis.
Mit 33 Jahren vermehrt Hinwendung zu Malen, Schreiben und Fotografieren. Fachdidaktische Publikationen im Bereich Kreativität und Begabungsförderung in verschiedenen Journalen und mittlerweile fünf Buchveröffentlichungen in der edition keiper: Neben zwei Kinderbüchern „Timotheus und seine Katzen. Einmal Singapur und zurück“ sowie „Erdbeermädchen im Glück“ (über einen Link in 14 unterschiedlichen Sprachen les- und hörbar) der von der Künstlerin selbst illustrierte Erzählband „Hoffnungsschimmer. Geschichten aus dem Freudenland“. Die beiden poetisch-meditativen Text/Bildsammlungen „Leaving War Behind. Poesie der Erinnerung“ (fotografische Repräsentationen von Philipp Raffael Pfeifer) und „Botschaften. Poesie aus dem innersten Inneren“ (mit Fotos von der Künstlerin) zeigen, wie eng in der Gestaltungswelt der Künstlerin Bild und Text miteinander verwoben sind.
Zur Person/über mich:Helga Cornelia Pfeifer, Künstlerin und Reisende aus Be-Ruf-ung
Lehramtsstudium für Englisch und Deutsch sowie Übersetzer Studium für Englisch an der Universität Graz. Danach ein Jahr als Lektorin für Englisch an der Universität von East Anglia, Norwich. Es folgten Tätigkeiten als Professorin an der Modellschule Graz, als Lehrbeauftragte für Begabungsförderung und Sprach- und Leseförderung an der Universität Graz und als Leiterin von internationalen Workshops zum Thema Kreativität und Begabungsförderung im Rahmen von Kongressen des World Council for Gifted and Talented Children, zum Beispiel in Vancouver, Dubai und Singapur.
Verschiedene Ausbildungen, beispielsweise in Gestaltpädagogik, Neurolinguistischem Programmieren, Mal- und Kunsttherapie, Dramapädagogik und Begabungsförderung. Seit einer Taiji Ausbildung Leitung von Taiji Kursen in freier Praxis.
Mit 33 Jahren vermehrt Hinwendung zu Malen, Schreiben und Fotografieren. Fachdidaktische Publikationen im Bereich Kreativität und Begabungsförderung in verschiedenen Journalen und mittlerweile fünf Buchveröffentlichungen in der edition keiper: Neben zwei Kinderbüchern „Timotheus und seine Katzen. Einmal Singapur und zurück“ sowie „Erdbeermädchen im Glück“ (über einen Link in 14 unterschiedlichen Sprachen les- und hörbar) der von der Künstlerin selbst illustrierte Erzählband „Hoffnungsschimmer. Geschichten aus dem Freudenland“. Die beiden poetisch-meditativen Text/Bildsammlungen „Leaving War Behind. Poesie der Erinnerung“ (fotografische Repräsentationen von Philipp Raffael Pfeifer) und „Botschaften. Poesie aus dem innersten Inneren“ (mit Fotos von der Künstlerin) zeigen, wie eng in der Gestaltungswelt der Künstlerin Bild und Text miteinander verwoben sind.
Fotos: Portrait_privat; Motiv _ Walter Pobaschnig.
Wenn sich Salman Rushdie, einer der genialsten Gegenwartsschriftsteller, zu Wort meldet, ist es immer ein ganz besonderes Ereignis. In Interview oder in seinem unverwechselbaren Romanen und Erzählungen, die in phantastischer Erzählkraft seit Jahrzehnten begeistern.
Der neue Erzählband „Die elfte Stunde“ vereint fünf Meistwerke, die topographisch zwischen Indien und Amerika angesiedelt, Menschen, Erfahrungen, Begegnungen in faszinierender Sprachvirtuosität und Spannung in genialen Erzählreisen erleben lassen.
„Der geniale Erzähler Salman Rushdie beschenkt mit einem weiteren Meisterwerk!“
Lieber Lukas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich stehe auf. Ich wasche mich. Ich trinke Kaffee. Ich versuche zu vergessen, ein Alien zu sein.
Lukas Palamar, Autor
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Neugier und Mut.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Literatur nimmt oft Sachen vorweg, die später eine tragende Rolle in der Gesellschaft spielen. Beim Lesen ist also Vorsicht geboten. Es könnte sich um die Zukunft handeln.
Was liest Du derzeit?
Wenn ich den Fernseher einschalte, dann nur noch, um im Videotext zu lesen. Ansonsten viel Samuel Beckett in letzter Zeit.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Um mich ist viel Dunkel. Aber ich bin kein heller Punkt.
Vielen Dank für das Interview, lieber Lukas, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Lukas Palamar, Autor
Zur Person/über mich:Lukas Palamar, Autor _ * 1982 in Polen, seit 1988 in Berlin und Braunschweig, lebe und arbeite ich mittlerweile im Landkreis Gifhorn.
Erinnerung an_ Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Interview _ Barbara Deissenberger, Schriftstellerin _ Wien
Welche Erinnerungen hast Du an Barbara Frischmuth als Kollegin? Gab es persönliche Begegnungen und wie hast Du diese erlebt?
Ich bin ihr nie persönlich begegnet, aber sie hat mich praktisch seit meiner Jugend mit ihrem vielfältigen Werk begleitet. Als erstes las ich „Die Klosterschule“ und fand darin nur allzu viele Parallelen zu meiner eigenen Klosterschulzeit. Während meiner Studienzeit wiederum ließ ich mich von ihren Romanen „Vergiss Ägypten“ und „Der Sommer, in dem Anna verschwunden war“ auf Reisen und Spurensuchen in orientalische Welten mitnehmen. Später bekam ich ihr saftig-sinnliches Geschichtenbuch „Die Kuh, der Bock, seine Geiss und ihr Liebhaber“ geschenkt, wo sie hinreißend hemmungslos den abtrusen Wendungen unserer Sprache mit ihren Zuordnungen von Tiernamen folgt. Dann entdeckte ich ihre Gartenbücher und erfuhr in Werken wie „Der unwiderstehliche Garten“ irrsinnig viel über Pflanzen, während ich gleichzeitig gierig ihre üppig poetischen Naturbeschreibungen einschlürfte. “Prodesse et delectare“ – Frischmuth verbindet dort auf höchstem Niveau nützliches Wissen mit sinnlich literarischem Genuss. In den letzten Jahren las ich ihren autobiografisch inspirierten Roman „Verschüttete Milch“ und ließ mich von der mit allen Wassern gewaschenen Autorin mitnehmen in die genuin kindlich wirkende Weltsicht einer Heldin, die glaubhaft auch Unglaubliches erlebt.
Barbara Deißenberger _ „Undine geht“ _ Walter Pobaschnig _ 9/23 _ folgende
Was macht für Dich das Werk von Barbara Frischmuth aus und wie ist dieses in die österreichische Literaturgeschichte einzuordnen?
Dass ihr Werk so reichhaltig ist und so vielfältige Genres umfasst – was ihr von Kollegen teilweise, etwa beim Fantastischen und den Gartenbüchern, auch vorgeworfen wurde. Sie hat neben Romanen, Erzählungen, Theaterstücken und Lyrik auch Fantastisches, Märchen, Kinder- und Jugendliteratur sowie eben Sachbücher, die als „Gartengeschichten“ aber kunstvoll zwischen Literatur und Sachbuch balancieren, geschrieben. Das Schöne dabei ist: Ich bin noch lange nicht durch mit Büchern, die ich von ihr lesen will und kann! Auf diese Weise lebt Barbara Frischmuth für mich und viele andere weiter. Man kann sich einfach nicht satt genießen an ihrem wunderbaren Werk und möchte noch und noch davon probieren. Die österreichische Literaturgeschichte wird durch das Schaffen dieser Maestra im höchsten Maß bereichert.
Gibt es ein Lieblingsbuch von Ihr und warum dieses?
Ich glaube, ihre poetisch-sinnlich-informativen-reflexiv-mystischen Erzählungen aus der Welt der Pflanzen haben es mir seit einiger Zeit am meisten angetan.
Welche Inspiration hinterlässt Ihr Schreiben, Ihre Weltsicht, Ihr Künstlerinsein?
Ich bin sicher, was die literarische Darstellung von Natur betrifft, auch durch sie zunehmend stilistisch auf das, was man heute Nature Writing nennt, gekommen. Die Tradition gibt es ja schon lange. Ihre Weltsicht ist für mich durch den offenen Blick auf das Andere und die ausführliche Beschäftigung damit gekennzeichnet – seien es nun orientalische alte und neuere Kulturen oder das Reich der Pflanzen. Dazu nimmt sie sich in ihrem Schreiben oft auch kein Blatt vor den Mund. Da kacken Katzen und furzen Frauen aufs aller Selbstverständlichste. Frischmuth war und bleibt eine Künstlerin, die literarisch alles drauf hat. Das ist ein hohes Ideal – inspirierend auf viele Arten und Weisen.
Gibt es ein Zitat/eine Textstelle von Ihr, die Du uns noch mitgeben möchtest?
Im Sinne ihres so unterschiedlichen Schaffens zwei, die ihre Bandbreite illustrieren mögen:
„Eine kleine Chrysantheme vom Wochenmarkt (…) verausgabt sich von einem Tag auf den anderen noch einmal wie im Rausch. In einer lodernden Farbe, der nur mit Staunen zu begegnen ist. (…) Ein ständiges Abschiednehmen, das als Gefühl in der Bewunderung ertrinkt. Was in Pflanzen wie diesen auf molekularer Ebene wohl passieren muss, um ihr Blatt- und Blütenleben in solchem Überschwang enden zu lassen? Gedanken für den Winter, wenn ich die biologischen Prozesse nachlesen kann. Jetzt schwingt alles, vibriert, zeugt von Üppigkeit und Verschwendung, von einem Sterben im Überfluß, das noch voller Begehren scheint und weiterhin wilde Bienen und Hummeln anlockt. Sex in old age.“
aus „Der unwiderstehliche Garten“
„Die Katze verschwindet hinter einem Vorhang, man kann sie in ihrer Kiste scharren hören. Gleich darauf fährt furzend die Scheiße aus ihrem Leib. – Hören Sie, sie hat schon wieder Durchfall. Zum Glück ist sie noch bis zu ihrer Kiste gekommen. (…)
Während ich (…) wartete, (…) begegnete mein Blick den Blicken der Passanten, landete in Augenwinkeln oder auf Nasenflügeln, glitt über straffe Jungmädchenhaut und über Faltiges oder zwängte sich unter die Ränder von Kopfbedeckungen, immer auf der Suche nach der Bedeutung, die etwas haben konnte oder vermitteln wollten.“
aus „Vergiss Ägypten“
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin *5.7.1941 Altaussee +30.3.2025 Altaussee
Barbara Frischmuth, Schriftstellerin
geboren 1941 in Altaussee, studierte Türkisch, Ungarisch und Orientalistik und war seitdem freie Schriftstellerin. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin lebte seit 1999 wieder in Altaussee. Zu ihren größten Erfolgen zählen die Romane „Die Klosterschule“ (1968), „Die Mystifikationen der Sophie Silber“ (1976) oder „Kai und die Liebe zu den Modellen“ (1979), aber auch ihre zahlreichen Gartenbücher. Zuletzt im Residenz Verlag erschienen: „Natur und die Versuche, ihr mit Sprache beizukommen“ (2021)„Schaufel, Rechen, Gartenschere“ in der Reihe „Dinge des Lebens“ (2023) und „Die Schönheit der Tag- und Nachtfalter“ (2025). Der Residenz Verlag trauert um Barbara Frischmuth 31.3.2025
Barbara Deißenberger, Schriftstellerin _ Wien
Barbara Deißenberger, Schriftstellerin _ Wien
Zur Person/über mich:
Weg zur Literatur
1970 in Niederösterreich geboren, ging ich zunächst den schmalen, mir vorgezeichneten Weg an Ausbildung bis hin zu Erwerbstätigkeiten. Jahre später verließ ich ihn, um meinen eigenen Weg zu finden. Ich landete als Au-pair in London und Paris und als Stewardess auf einem Kreuzfahrtschiff in der Karibik. Zurück in Österreich trieb es mich über den Zweiten Bildungsweg zur ausführlichen Beschäftigung mit Sprache: dem Studium Vergleichende Literaturwissenschaft und Französisch. Ein Selbsterhalterstipendium ermöglichte mir einige wunderbare Jahre intensiver Auseinandersetzung mit dem, was mich so brennend interessiert.
Nach dem Studium merkte ich schnell, dass es nicht so weiter geht. Auszeichungen in Studienabschnitten lassen sich nicht in spannende Berufstätigkeit ummünzen. Stattdessen hieß Geld verdienen wieder: Abstriche machen und meine Lebenszeit mit Dingen verbringen, die mich größtenteils nicht interessieren. Meine Notlösung hieß: Doktorarbeit. Beschäftige ich mich halt nebenberuflich noch einmal intensiv mit Literatur. Natürlich schrieb ich auch die ganze Zeit über Literatur. Aber davon kann man nicht leben und dafür erhält man keine Kranken- und Pensionsversicherung. Eine nebenberufliche Dissertation schien zumindest als Fluchtpunkt eine berufliche Besserstellung zu haben. Wobei ich unter „besser“ interessanter, meinen Neigungen und Qualifikationen entsprechender, verstand. Da hatte ich mich getäuscht. Ja, es war spannend, sich mit dem gewählten Thema „Romane von Exilschriftstellerinnen“ auseinander zu setzen, aber auch anstrengend, es als wissenschaftliche Arbeit zu guter Letzt neben dem Aufziehen meines Kindes fertig zu schreiben. Ich promovierte also, wurde schwer krank und erst danach vergönnte ich es mir, hauptsächlich Literatur zu schreiben. So entstanden nach den Publikationen in Zeitschriften und Anthologien, in den Stunden, wo mein Kind zur Schule ging, die beiden Romane „Malika“ und „Eine Geschichte in Weiß“. Mein dritter Roman ist auf dem Weg. Es bleibt spannend. (Barbara Deißenberger)
Lieber Daniel, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sehr unterschiedlich, ich arbeite hauptberuflich im Schichtdienst, also auch nachts und an Wochenenden. Freie Tage nutze ich gerne zum Schreiben, da setze ich mich morgens schon mit Kakao und Frühstück vor den Laptop und arbeite bis in den Nachmittag hinein. Wenn dann die Konzentration nachlässt stehen allfällige Erledigungen an.
Daniel Stögerer, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Zwischendurch immer mal wieder Luft holen und sich auf die vielen schönen Dinge um uns konzentrieren, die wir im Alltagstrott so leicht aus den Augen verlieren.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Mal schauen. Das klingt vielleicht pessimistisch, aber die meisten Aufbrüche und Neubeginne in der Geschichte haben sich lediglich als Neustart derselben alten Leier erwiesen. Der Mensch kann schwer aus seiner Haut und auch die Kunst wird den Lauf der Geschichte nicht ändern. Was die Kunst, die Literatur aber sehr wohl kann, ist sich in harten Zeiten an die Seiten der Menschen stellen und ihnen Trost spenden. Sie kann ihnen zeigen, dass sie mit ihrem Los nicht alleine sind. Darin sehe ich meine Aufgabe als Schriftsteller.
Was liest Du derzeit?
„Die Brüder Karamasow“ von Dostojewskij.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vielleicht folgendes Zitat von Erich Maria Remarque, das Thema hat leider wieder Aktualität gewonnen:
„Vielleicht ist nur deshalb immer wieder Krieg, weil der eine nie ganz empfinden kann, was der andere leidet.“
Vielen Dank für das Interview, lieber Daniel, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:Daniel Stögerer, Schriftsteller
Zur Person/über mich:Daniel Stögerer, 1997 geboren, verbrachte seine ersten Lebensjahre in Hochneukirchen in der Buckligen Welt, wo auch sein aktueller Roman „Luzia“ zur Hälfte spielt. Er wuchs im Südburgenland auf und lebt heute in Wien und Festenburg. Sein Brotberuf, die Krankenpflege, ermöglicht ihm tagtäglich den Austausch mit Menschen aus allen Schichten der Gesellschaft, und seine Texte entstehen oft als Resultat seiner Einblicke in verschiedenste Lebenswelten.
2023 erschien sein Erzählband So ein Mensch in der edition keiper.
Aktueller Erzählband von Daniel Stögerer:
Sophie versucht ihre Schwester aus dem Rosenkrieg der Eltern herauszuhalten. Petra hält nur noch ihr mageres Putzfrauengehalt von der Scheidung ab. Jonathan trennt sich von seiner ersten großen Liebe, während die Alkoholsucht Gustav langsam um seinen Job am Bau bringt. Und dann wäre da noch Aurelia, die nach ihrem Schlaganfall von der Erinnerung an den Krieg eingeholt wird. Stögerer schreibt über Menschen, die sich in schier unerträglichen Situationen befinden, er schreibt über Scheidungskinder, das Zusammenleben von ganz Jung und ganz Alt, über Trunksucht und zu frühe Schwangerschaft. Die unvoreingenommene Art, mit der Daniel Stögerer den Alltag dieser Menschen skizziert, würdigt sie unabhängig von ihren Lastern und Schwächen. (Presseinfo _ Keiper Verlag)
So ein Mensch. Erzählungen von Daniel Stögerer. Edition Keiper.
Preis: AT € 22,00 / DE € 21,40 Seiten: 144 ISBN13: 978-3-903322-99-8 Erscheinungsdatum: 26. September 2023 Sprache: Deutsch Format: 20,0 x 12,0 cm; Hardcover
Der Grazer Schriftsteller und Büchnerpreisträger Clemens J. Setz ist eine Ausnahmeerscheinung in der modernen Literatur. Seine Texte öffnen und verbinden Literatur-, Kunst-, Gesellschaftswelten in ganz außerordentlicher Raffinesse, die Leserin und Leser begeisternd darin wandeln, staunen und Mensch und Welt auf und in einzigartiger Weise erfahren lässt. Hier wird Literatur zum einmaligen Ereignis von Sprache, Denken im pochenden Herz gesellschaftlicher Existenz und Sein. Und jedes Buch ist ein weiterer wichtiger Schritt zu Wort und Menschsein in Reflexion, Humor und Überraschung.
Und nun öffnet der so vielseitige, facettenreiche Schriftsteller und Avantgarde Superstar seine Schatzkiste persönlicher Aufzeichnungen, seine Notizen am Weg von Leben und Schreiben. Leserin und Leser blicken nun ganz unmittelbar in Inspiration und Moment, Wort und Augenblick, Sprache und Universum.
„Clemens J.Setz unplugged. Eine Sensation und ein Ereignis!“
Clemens J. Setz, Das Buch zum Film. Jung und Jung Verlag.
Zur Person/über mich: Larissa Schleher, geb. 1993, lebt und arbeitet als Autorin, Dozentin und Wissenschaftlerin nahe Stuttgart. Als Residenzautorin in Vechta, in Düsseldorf und bei der GEDOK in Lübeck interviewte und fotografierte sie Menschen zu ihrem Leben und Europa. Auszüge daraus sowie weitere literarische Texte erschienen in ihren Büchern „Alltag“ und „Länder, das sind doch nur im Sand gezeichnete Linien“.