„Es darf nicht um das Ego des Jurors, der Jurorin gehen“ _ 50 Jahre Bachmannpreis _ Ilma Rakusa, Bachmannpreisjurorin _ Zürich 21.6.2026

50 Jahre Bachmannpreis _

Tage der deutschsprachigen Literatur Klagenfurt

Im Interview _ Ilma Rakusa, Schriftstellerin _ Zürich

Bachmannpreisjurorin 2003 – 2007

(Bachmannpreisnominierte 1981)

Liebe Ilma, Du warst Jurorin beim Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen?

Fünfmal hintereinander, von 2003 bis 2007, war ich Jurorin beim Bachmannpreis. Ich musste mich an das Procedere, das in der Maske mit Schminken und Kämmen anfing, zuerst gewöhnen. Von Natur aus bin ich eher introvertiert, scheue die mediale Aufmerksamkeit. Was mich motivierte, war die Möglichkeit, zwei Autor:innen meiner Wahl einzuladen und ihnen die Chance einer Teilnahme zu bieten. Das habe ich mit Freude genutzt. Und mit einigem Erfolg: Zwei meiner Kandidaten – Uwe Tellkamp und Lutz Seiler – bekamen den Bachmannpreis, Farhad Showghi den 3-Sat-Preis, der über sechzigjährige Bodo Hell den Telekom-Austria-Preis und Saša Stanišić den Publikumspreis. (Heute ist er ein gefeierter Bestseller-Autor.) Das Glück der Preisträger machte auch mich glücklich. Und bald schon hatte ich den Ruf einer „Avantgarde-Jurorin“, da ich mich auf sprachlich avancierte Texte fokussierte.

Wie hast Du als Juror/Jurorin die Lesungen, die Jurydiskussionen, die Preisverleihungen und die Begegnungen rundum erlebt? Wie gelingt es Objektivität zu bewahren?

In den Diskussionen versuchte ich, differenziert und konstruktiv zu sein. Denn apodiktische Urteile können viel Schaden anrichten. Es darf nicht um das Ego des Jurors, der Jurorin gehen, um persönliche Vorlieben bzw. Abneigungen, auch nicht um schiere Rhetorik. Was zählt, ist das stichhaltige Argument. Und dieses operiert ausschließlich textbezogen. So jedenfalls habe ich meine Aufgabe verstanden.

Aus solcher Textbezogenheit ergibt sich eine gewisse Objektivität. Man beurteilt, wie Inhalt und Form bzw. Machart eines Textes sich verbinden, ob der Text seine eigenen Voraussetzungen erfüllt. Tut man das gewissenhaft, ist es für die Autoren:innen nachvollziehbar und unter Umständen sehr gewinnbringend.

Wie hat sich diese Funktion auf Deinen weiteren beruflichen Weg ausgewirkt?

Das Jurieren in Klagenfurt war eine gute Schule für meine weitere Jurytätigkeit an anderen Orten. Dort ging es zwar weit weniger um Publikumswirksamkeit, doch sehr wohl um triftiges Argumentieren. Noch immer bin ich in mehreren Jurys aktiv, mit Überzeugung und Engagement.

Was braucht der Bachmannpreis für eine zukünftige gute Entwicklung?

Der Bachmannpreis sollte vielen Autoren und Autorinnen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher Ausrichtung eine Plattform bieten. Was gegenwärtig an Literatur entsteht, ist thematisch und formal äußerst reichhaltig. Diese Reichhaltigkeit sollte der Preis unbedingt abbilden.

Was möchtest Du aktuellen Juroren:innen, Teilnehmer:innen und dem Publikum in Klagenfurt mitgeben und dem Bachmannpreis zum 50er wünschen?

Den aktuellen Juror:innen und Teilnehmer:innen wünsche ich Entdeckerfreude, gute Nerven und viel Glück!

Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!

Ilma Rakusa, Schriftstellerin

Zur Person: Ilma Rakusa (*1946) studierte Slawistik und Romanistik in Zürich, Paris und Leningrad. Sie lebt als Autorin, Übersetzerin und Kritikerin in Zürich. Für ihr umfangreiches Werk, das Lyrik, Erzählungen, Tagebuchprosa, Essays, Dramolette und das Erinnerungsbuch Mehr Meer umfasst, erhielt sie u.a. den Schweizer Buchpreis, den Manès-Sperber-Preis, den Kleist-Preis und 2025 den Johann-Heinrich-Merck-Preis für literarische Kritik und Essay. Sie ist Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung und in verschiedenen Jurys tätig. Zuletzt erschienen: Mein Alphabet (2019), Kein Tag ohne. Gedichte (2022) und Wo bleibt das Licht. Tagebuchprosa (2025).

Website der Autorin: www.ilmarakusa.info

Bachmannpreis _ Studio ORF Klagenfurt
Pause im ORF Garten

Bachmannpreis

1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.

Ingeborg Bachmann, 1962

Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.

Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.

Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.

Abendstimmung Wörthersee _ Blick vom Schloss Loretto

Fotos: Ilma Rakusa _ 1 _ ORF Bachmannpreis _ 2_ Katalin Deer/Droschl Verlag

Foto: Ingeborg Bachmann _ Heinz Bachmann

Fotos: Bachmannpreis/Klagenfurt/Kärnten/Maltschacher See_ Walter Pobaschnig

Walter Pobaschnig, 16.6.2026

https://literaturoutdoors.com

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