Lieber Winfried Dittrich, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das kann ich an fast jedem Tag erst hinterher beantworten. Mit drei jungen Kindern ist es derzeit kaum planbar, wie ein Tag abläuft. Ich glaube, dass können die meisten Familien mit Kindern im Grundschul- und Kindergartenalter gerade nachvollziehen. Meist stehe ich spätestens um 6 Uhr auf, das ist eine Konstante.
Winfried Dittrich, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mut zur Bescheidenheit, Mut zur Einsicht, Mut zu handeln, Mut zu Veränderungen. Mich beschäftigen die Themen um den Krieg in der Ukraine und die Klimakatastrophe sehr.
Vielleicht ist jetzt für uns alle besonders wichtig, gesellschaftliche Umbrüche und Veränderungen, gedankliche und praktische schneller geschehen zu lassen, sich auf neue Wege schneller einzulassen. Und das konsequent. Das fängt im Kleinen an.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Ich glaube, dass die Kunst, in welcher Form auch immer, Veränderungen begleitet, festhält, aber auch Probleme, Lösungsansätze und Phänomene aufzeigen kann und muss. Sie bietet Perspektiven an, die die Kunstschaffenden und die Betrachtenden/Lesenden bisher vielleicht nicht hatten.
Gleichzeitig bin ich der Ansicht, dass Kunst und insbesondere die Literatur alleine schon dadurch wichtig werden, dass sie Unterhaltungswert haben, dem Menschen ein gutes Gefühl vermitteln, das Leben lebenswerter machen.
Für mich persönlich hat ein Moment einen größeren Wert und eine größere Bedeutung, wenn ich lachen kann. Es muss und es kann aber nicht immer lustig sein.
Was liest Du derzeit?
Ich lese ständig Kurzgeschichten, nicht zuletzt durch meine Mitarbeit im Schreiblust-Verlag. Daneben derzeit „Kinder des Aufbruchs“ von Claire Winter, eine Biografie über Jimmy Carter, die Harald Kiczka, ein Autor aus Witten, im letzten Jahr herausgebracht hat, und „Kriegsenkel“ von Sabine Bode. Alles lese ich stückchenweise, wie es zeitlich gerade in den Tagesablauf hineinpasst …
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich zitiere Zeile aus einem Lied von Helge Schneider: „Die Welt ist krank, und der Arzt hat frei …“ Diese Zeile geht mir seit längerer Zeit immer wieder durch den Kopf. Sie ist nicht neu, aber es ist was dran.
Vielen Dank für das Interview lieber Winfried, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Winfried Dittrich, Schriftsteller
Zu Person_Winfried DITTRICH (Autor) wurde 1981 geboren und lebt in der Ruhrgebietsstadt Witten. Er ist Vater von drei Töchtern und hauptberuflich Direktor im „Hotel Papa“. Daneben schreibt er u.a. Gedichte, arbeitet im Dortmunder Schreiblust-Verlag mit und steht ab und zu vor Menschen, um ihnen etwas zu erzählen. Nicht nur in dem Text „Give Peace A Chance“ setzt er sich mit der Biografie seines Vaters auseinander, der 1942 im Ruhrgebiet geboren wurde und während seiner ersten Lebensjahre Luftangriffe erlebte.
Lieber X Schneeberger, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt ist die Zeit, nach Nachtschicht- und Frühschichtschreiben am neuen Roman ‚suisse miniature‘ wieder zu etwas mehr Tageslicht zu kommen.
X Schneeberger, Schriftsteller*in und Drag Queen
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Keine Ahnung, was anderen wichtig sein könnte – ich glaube, dass für mich in diesen Zeiten Gelassenheit und ein liebevoller Fatalismus wichtig werden.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In Aufbruchszeiten kann es passieren, dass das langsame, bedachte und vermittelnde Medium Literatur an der nächsten Raststätte ausgesetzt wird, wie ein lästiges Haustier. Dieses Haustier wartet aber erstaunlicherweise schon am neuen Ort auf uns, wenn wir dann erst wieder am Ankommen sind. Das Langsame, Bedachte ist uns unvermittelt voraus.
Was liest Du derzeit?
Yael Inokai, Ein simpler Eingriff
Christina Caprez, Die illegale Pfarrerin
Lara Debora Schäfer, Libido Lucid
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
And when I die, don’t pay the preacher For speaking of my glory and my fame Just see what my boys in the backstage will have, Tell them I sighed, tell them I cried, And tell them I died of the same.
Nach Marlene Dietrich
Vielen Dank für das Interview lieber Thorsten, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
X Schneeberger, Schriftsteller*in und Drag Queen
5 Fragen an Künstler*innen:
X Schneeberger, Schriftsteller*in und Drag Queen
Zur Person_ X Schneeberger aka X Noëme tauchte nach Jahren im Party-Untergrund mit NEON PINK & BLUE auf der Bildfläche auf. Der Roman einer obdachlose Drag Queen in einem Klimasommer wurde auf Anhieb für die Hotlist 2020 nominiert und gewann das Weiterschreiben-Stipendium der Stadt Bern sowie einen Schweizer Literaturpreis 2021.
Mit Steela Diamond am Piano tingelte X als Drag Queen X Noëme mit gelesenen und gesungen Romanausschnitten durch die Schweiz, sie spielten im Video Ich bin von Nicolle Bussien 2021 (Manon-on-Tour, Kunstraum Aarau). Mit Julia Lanz entsteht 2023 die filmische Drag-Dokumentation transformis – Schule der Melancholie (Verleih …, Bern).
NEON PINK & BLUE wurde von Anna Allenbach auf Italienisch (Atmosphere Libri, Roma) und von Valentin Décoppet auf Französisch (Edition d’en-bas, Lausanne) übersetzt. X veröffentlichte 2020 Texte in Baumreisen mit Fotos von Alexander Jaquemet (Stämpfli Verlag, Bern) sowie 2022 den Text zum Fotoband Cabaret Bizarre von Kostas Maros (Christoph Merian Verlag, Basel).
Aktueller Roman_
X Schneeberger, Neon Pink & Blue. Roman, Verlag_Die Brotsuppe 2020
X Schneeberger, Neon Pink & Blue. Roman, Verlag_Die Brotsuppe 2020
Cover: Neon Pink & Blue; Verlag Die Brotsuppe, Biel 2020
ISBN 9783038670278
Kartoniert, 272 Seiten, 28,00 EUR
Fotos_privat
26.4.2023_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Ingala Fortagne, herzlichen Dank für Dein Kommen in die Ungargasse!
Wir sind hier an literarischen Bezugsorten des Romans „Malina“ (1971) von Ingeborg Bachmann in Wien wie auch in unmittelbarer Nähe von biographischen Bezugspunkten der vor 50.Jahren verstorbenen Schriftstellerin.
Sind Dir die Bachmann-Orte hier in Wien/Bezirk Landstraße. vertraut?
Lustigerweise habe ich Wien vom 3. Bezirk aus kennengelernt.
Nicht die Ungargasse, die Bechardgasse hat mich beherbergt. Ich liebte dieses Ankommen: man traf sich im Café Engländer und von dort ging es „heim“ in die herrliche Wohnung in der Bechardgasse mit wunderschönem Stiegenhaus samt altem Aufzug. Die fehlende Natur gab es als Ornamente an den Hauswänden. Die innere Stadt war nah und gleichzeitig der Prater. Im „Wild“ konnte man herrlich essen.
Welche Bezüge und Zugänge gibt es von Dir zu Ingeborg Bachmann und ihrem Werk?
Ingeborg Bachmann begegnete mir erst im Studium. Ich bekam von meiner Professorin in Sprecherziehung Gedichte und auch einmal einen Auszug aus „Malina“. Seither steht der Roman in meinem Bücherschrank. Gelesen habe ich ihn damals nur ansatzweise. Ich fand nicht hinein mit 20 Jahren (und die im Buch beschriebenen Orte sagten mir damals noch überhaupt nichts). Ihre Erzählung „Undine geht“ sprach leichter zu mir. Das Gedicht „Erklär mir Liebe“ war Teil meines Diplom Programms… .
Du bist Sopranistin und Schauspielerin. Auch Ingeborg Bachmann hatte eine große Liebe zur Musik, komponierte früh und arbeitete später als Librettistin mit Hans Werner Henze zusammen. Wie war Dein Weg zur Musik und welche Stationen gibt es da?
Oh was für eine große Frage!
Gerade sprach ich mit einer Freundin/Kollegin darüber, ob wir heute noch einmal diesen Weg der Sängerin einschlagen würden. Sie verneinte und hätte lieber Medizin studiert und für „Ärzte ohne Grenzen„ gearbeitet. Ich überlegte lang, aber mir fiel nichts ein, was ich lieber studierte, vielleicht einige Lehrer*innen auslassen und gleich zu denen gehen, die mich wirklich unterstützten. Bin auch nicht davon überzeugt, ob man den Beruf an einer Hochschule lernen muss. Die Liebe zur Musik und den Drang, mich damit auszudrücken empfinde ich seit dem Kleinkindalter. Glückliche Momente meiner Kindheit erlebte ich auf der Opernbühne bei „Hänsel und Gretel“, „Carmen“ oder „Jakob Lenz“. Ich liebte den Geruch und auch, hinter der Bühne stehen, von dem Orchesterklang berauscht auf unseren Auftritt wartend.
Leider ist mir eine Henze Oper dabei nicht begegnet. Ich hörte die Musik der Leipziger Komponisten Thiele, Stolzenbach und Pfundt… , die den u.a.Gottesdienst mit ihren Kompositionen begleiteten, bin überzeugt, dass meine Liebe zur neuen Musik dadurch entstand.
Im Roman „Malina“ ist der Hauptschauplatz Wien. Du bist wie Ingeborg Bachmann als Künstlerin nach Wien gezogen. Was bedeutet Dir diese Musik- wie Literaturstadt und welche Erfahrungen hast Du hier als Künstlerin gemacht?
In Wien fühle ich mich zu Hause. Aber woran das liegt, kann ich gar nicht sagen. Seit meinem ersten Besuch 1998 fasziniert die Stadt mich. Ich habe hier inzwischen die unterschiedlichsten und engsten Freund*innen, kann wohl wirklich von einem riesigen Freundeskreis sprechen. Auch wenn ich schon seit fast 6 Jahren weiter gezogen bin, ändert das nichts an der Vertrautheit, die mich hier erfasst. In Wien scheint für mich alles möglich- sicherlich eine Illusion! Die Stück-Genrevielfalt mit dem Ensemble „Schlüterwerke“, gegründet von Markus Kupferblum, entsprach meiner Sicht auf Theater: nicht trennen zwischen Musik-Sprech-Tanztheater und aktuelle, politische Themen einbeziehen. Aber auch die Möglichkeit, ständig in qualitativ hochwertige Konzerte, Schauspiel- und Musiktheater zu gehen, habe ich trotz kleiner Kinder gut ausnutzen dürfen. Ich kann rückblickend sagen, dass es wunderbare mit Kultur durchtränkte Jahre in Wien waren.
Welche Bezüge hast Du zu Literatur? Schreibst Du auch?
Ich liebe Literatur, lese leider viel zu langsam, daher zu wenig. Selbst habe ich als Kind gern Briefe geschrieben. Aufsätze schrieb ich, einmal im Thema angekommen, wie im Rausch. Aber ich würde mich nicht als Schreibende sehen. Seit zwei Jahren habe ich ständig, Texte für Konzepte und für die Kommunikation zu schreiben. Letztendlich bin ich aber froh, wenn eine gute schreibende Freundin das Lektorat übernimmt.
Welche Eindrücke hast Du von den Romanschauplätzen in der Ungargasse?
Dieses riesige Tor mit den Löwenköpfen lässt mich in einen Ort eintreten, der von der lauten, stark befahrenen Ungargasse unberührt scheint. Das weite Stiegenhaus, der Innenhof mit Brunnen, ein weiterer Hof, völlig mit Efeu bewachsen… – Stille in der Stadt fasziniert mich! Fast nichts erinnert an die heutige Zeit und lässt Raum für viel Phantasie.
Was sind für Dich zentrale Themen und Aussagen des Romans „Malina“?
Für mich ist Trauma das große Thema, das den gesamten Roman bestimmt. Am liebsten möchte ich die Romanfigur in den Arm nehmen und sie weinen, weinen , weinen lassen, mit ihr gemeinsam toben und schreien. Dieses schwelende Trauma, das eine verrückte, unfreie Liebesbeziehung infiziert , Alpträume hervorholt, Malina als unhaltbaren Anker sucht… . Vielleicht ist das große gesellschaftliche Thema, dass dieses Trauma die gesamte Generation betrifft, deren Eltern den ersten und zweiten Weltkrieg erlebten und sie selbst im Krieg aufgewachsen sind. Die Künstlerin, die namenlose Romanfigur, versucht mit ihren Mitteln, dem Trauma Herr zu werden, trotzdem zu leben, in das Leben hineinzufinden, wobei nur Selbstzerstörung herauskommt. Mit diesem Roman versteh ich den Befreiungsdrang der nachfolgenden Hippiebewegung neu, ein gesellschaftlicher Versuch, sich vom Trauma zu befreien, sich zu heilen.
Wie siehst Du die gesellschaftspolitischen Aussagen bei „Malina“ heute?
Erst einmal wirken die Themen auf mich fremd. Ich lese über gesellschaftliche Normen, Zustände, Zwänge, die ich in dieser Form nicht kenne. Auch das intellektuelle Wissen scheint heute nicht mehr selbstverständlich. Es ist die Zeit der 50/60ziger, ein anderes Jahrhundert … . Ja, es macht Spaß, Bachmanns Formulierungen zu lauschen, sich auf ihre intellektuellen Gedankenspiele einzulassen, sich durch diesen Text zu beißen. Aber die Fremdheit bleibt mir bis zum Schluss.
Es sind für mich eher individuelle Grundprobleme als heutige gesellschaftspolitische, die es wohl immer im menschlichen Zusammenleben geben wird: Missverständnisse, das Gefühl allein, von Allem abgeschnitten zu sein, der Versuch sich mit Phantasiewelten zu trösten…. Diese Selbstzerstörung ist heute genauso als Kraft im Menschen verankert.
Was sind Deine derzeitigen Projektpläne?
Ich beschäftige mich seit diesem Jahr intensiv mit dem Komponisten Leo Kok. Er war wie der Komponist Max Kowalski in Buchenwald interniert. Seine Lieder sind nahezu vergessen. Wir wollen in einem Liederabend sein spannendes Leben erzählen und auch seine Kompositionen wieder hörbar machen. Ich bereite außerdem Konzerte mit den Liedern meiner CD Obhut vor, bin noch mitten in einem Projekt zu Hanns Eisler und beginne gerade, für ein Musiktheaterstück über Kurt Weill zu proben, das im November in Basel uraufgeführt wird. Und ich darf noch in diesem Jahr eine Arie der Mozart-Gräfin in dem Schauspiel „Der Besucher“ von E.E.Schmitt singen.
Hättest Du mit Ingeborg Bachmann gerne einen Tag in Wien verbracht und wenn ja, wie würde dieser aussehen?
Ach ja, einen Tag mit Ingeborg Bachmann…, ich weiß fast nichts über sie als Person. Ich möchte mit ihr über Malina reden, bin gleichzeitig sicher, dass sie dazu überhaupt keine Lust haben wird. Warum sich mit ihr nicht am Neusiedler See treffen und gemeinsam segeln, einen Tag auf dem Wasser, zum Haus im See (das es wohl auch nicht mehr gibt, mich aber an meine Zeit in Wien erinnert) schippern, gut essen, trinken und das Leben genießen!
Ingeborg Bachmann Rom 1962 _ Foto_Heinz Bachmann
Darf ich Dich abschließend zu einem Malina Akrostichon bitten?
Liebe Laura Hybner, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Gerade bin ich im Urlaub. Da ist jeder Tag eine kleine Überraschung und die Zeit zum Schreiben manchmal ein wenig knapp. Dafür sammle ich umso mehr Ideen für neue Geschichten, die ich bald erzählen möchte.
Ab August geht es für mich ins Auslandssemester, da wird sich mein Tagesablauf wahrscheinlich auch noch einmal etwas verändern, aber hoffentlich auch genug Zeit zum Schreiben und Texten bieten.
Laura Hybner, Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube gerade jetzt ist es wichtig, dass wir nicht aufhören Geschichten zu erzählen. Dass wir nicht aufhören darüber zu schreiben, was uns beschäftigt. Mit unseren Geschichten können wir allen eine Stimme geben, die selbst keine haben. Wir können dabei helfen, unseren Blick für die Welt zu schärfen und unserer Umwelt aufmerksam zu begegnen. Das Leben erzählt bekanntlich die besten Geschichten. Wir müssen nur zuhören.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Der Kunst würde ich zwei wichtige Rollen zuschreiben. Zum einen dokumentieren Künstler*innen die Zeiten des Aufbruchs und Neubeginns in ihren Kunstwerken und halten so ein Stimmungsbild ihrer, aber auch der gesellschaftlichen, Gefühle fest. Zum anderen kann Kunst uns dabei helfen in ungewissen Zeiten Sicherheit zu finden und eine Orientierung für unsere Gesellschaft darstellen. Sie kann kritisieren und appellieren und dadurch den gesellschaftlichen Wandel beeinflussen.
Was liest Du derzeit?
Vor ein paar Tagen habe ich „Sommerschwestern“ von Monika Peetz beendet. Das Buch charakterisiert einfühlsam die Beziehung von vier Schwestern, die einer ungewöhnlichen Einladung ihrer Mutter folgen. Ein Buch gefüllt von Kindheitserinnerungen, den Fragen des Erwachsenwerdens und der Frage, wie eine Familie nach einem schweren Schicksalsschlag weiterlebt. Ein Buch mit vielen Herzensmomenten und einer Botschaft, die uns nachdenklich macht und über die Seiten des Buches hinaus beschäftigt.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Schreiben heißt, die Welt einatmen. Nicht nur die kühle Bergluft am Morgen, auch den Smog, den Rauch, die Abgase. Das Schöne wie das Hässliche – Doris Dörrie
Vielen Dank für das Interview liebe Laura, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Poetry-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Laura Hybner, Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin
Zur Person_Laura Hybner, 21 Jahre, ist eine österreichische Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin. Sie schreibt für die Bühne und Kurzgeschichten. Seit 2016 steht sie im In- und Ausland auf verschiedenen Bühnen. Sie war bei insgesamt acht Poetry Slam Meister*Innenschaften vertreten.
Aufgewachsen ist sie in den Tiroler Bergen, bevor sie im Herbst 2021 nach ihrer Matura nach Landshut (Niederbayern) gezogen ist und nun dort an der Hochschule Landshut Neue Medien und interkulturelle Kommunikation studiert. Wenn sie gerade einmal nicht auf der Bühne steht oder schreibt, zählen Sport und Backen zu ihren großen Leidenschaften. Außerdem fotografiert sie gerne.
In Landshut engagiert sie sich für den SprechAkt Poetry Slam. Seit September 2022 unterstützt sie das Team mit neuen Ideen und viel Tatendrang.
Mit ihren Texten möchte sie Menschen erreichen, ihnen zeigen, welche Möglichkeiten durch Sprache entstehen. Inspiration findet sie in Alltagsereignissen, sie sucht das Gewöhnliche im Außergewöhnlichen.
Lieber Philipp Brotz, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das kommt darauf an, was im Mittelpunkt steht: der Brotberuf oder die Schriftstellerei. Brotberuftage sind vielfältiger, weniger planbar, ich sammle die Anliegen anderer wie ein Trichter.
Schriftstellertage sind strukturierter. Kreativität braucht Struktur bei mir. Feste Uhrzeiten, umzäunte Pausen, gedankliches Gegengewicht. Schriftstellertage beginnen am Schreibtisch und dauern nie länger als bis 18 Uhr.
Philipp Brotz, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Mir scheint, wir leben in einer Zeit der Spaltung. In der Politikwissenschaft sprach man insbesondere in den siebziger und achtziger Jahren von Cleavages, also von Klüften zwischen gesellschaftlichen Lagern.
Bei Platon heißt es: „Sei gütig, denn alle Menschen, denen du begegnest, kämpfen einen schweren Kampf.“ Betrachte ich die gesellschaftlichen Lager, scheint mir, wir lebten in einer post-platonischen Zeit. Und darum meine ich, es ist wichtig, dass wir zu der Güte zurückfinden, von der Platon spricht. Versöhnen statt Spalten. Verstehen statt Verurteilen. Verzeihen statt Verübeln.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Diskurse haben sich in jeder Epoche aus der Kunst gespeist. Die Kunst ist ein Ort der Utopien, ein Ort, an dem Neues gedacht werden kann.
Was liest Du derzeit?
Wislawa Szymborska, weil ihre Lyrik die ekstatische Hybris unserer Jahre angenehm rückverortet.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Bei Tolstoi heißt es: „Vergib mir nicht nach meinem Verdienst, sondern nach deiner Gnade.“ Eine wunderbare Ergänzung zum Platon-Zitat weiter oben.
Vielen Dank für das Interview lieber Philipp, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Philipp Brotz, Schriftsteller
Zur Person_Philipp Brotz, geboren 1982 in Calw/Schwarzwald. Wehrersatzdienst in New York, USA, dann Studium der Germanistik und Romanistik in Berlin, anschließend der Politik- und Wirtschaftswissenschaft in Freiburg im Breisgau. Heute Gymnasiallehrer in Freiburg und Moderator beim Werkstattgespräch des dortigen Literaturhauses.
Für seine Prosa mehrfach ausgezeichnet, darunter mit dem Schwäbischen Literaturpreis, dem Jurypreis beim Wiener Book-Slam und dem Nora-Pfeffer-Literaturpreis. Stipendium des Förderkreises deutscher Schriftsteller in Baden-Württemberg für den Roman „Termitenkönigin“.
Sein aktueller Roman „Die Ungleichzeitigen“ erschien im März 2023 im 8 grad Verlag, Freiburg.
Hagen, Anfang dreißig und ewiger Student, ist in Berlin gescheitert und mit den Eltern verkracht. Als diese tödlich verunglücken, kehrt er in sein Schwarzwälder Heimatdorf zurück, um an sein früheres Leben anzuknüpfen. Doch bestürzt stellt er fest, dass nichts beim Alten ist: Im Dorf hat man ihn vergessen, der Wald seiner Kindheit soll Flüchtlingsunterkünften weichen. Hagen beginnt einen aussichtslosen Kampf um das Verlorene und gegen das Fremde, bis er in der Jesidin Adana auf eine Frau trifft, die genau wie er entwurzelt zu sein scheint. »Dass ein Vogel den Baumstamm kopfüber hinablaufen konnte, davon hatte sie noch nie gehört. Das wolle sie auch können, flüsterte sie. Alle Wege rückwärtsgehen. Rückwärts in der Zeit.«
Roman, HC 320 Seiten 12 × 20 cm Ladenpreis: 24 € ISBN: 978-3-910228-12-2 ISBN EPUB: 978-3-910228-24-5 Erscheinungstermin: 01.03.23
Laura Hybner, Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin.
Give Peace A Chance_Akrostichon for peace:
Laura Hybner, Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin
Zur Person_Laura Hybner, 21 Jahre, ist eine österreichische Poetry Slam Poetin und Spoken Word Künstlerin. Sie schreibt für die Bühne und Kurzgeschichten. Seit 2016 steht sie im In- und Ausland auf verschiedenen Bühnen. Sie war bei insgesamt acht Poetry Slam Meister*Innenschaften vertreten.
Aufgewachsen ist sie in den Tiroler Bergen, bevor sie im Herbst 2021 nach ihrer Matura nach Landshut (Niederbayern) gezogen ist und nun dort an der Hochschule Landshut Neue Medien und interkulturelle Kommunikation studiert. Wenn sie gerade einmal nicht auf der Bühne steht oder schreibt, zählen Sport und Backen zu ihren großen Leidenschaften. Außerdem fotografiert sie gerne.
In Landshut engagiert sie sich für den SprechAkt Poetry Slam. Seit September 2022 unterstützt sie das Team mit neuen Ideen und viel Tatendrang.
Mit ihren Texten möchte sie Menschen erreichen, ihnen zeigen, welche Möglichkeiten durch Sprache entstehen. Inspiration findet sie in Alltagsereignissen, sie sucht das Gewöhnliche im Außergewöhnlichen.
Liebe Elke Engelhardt, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Jetzt im Sommer werde ich mit den Vögeln wach, ich mag das sehr. Aber noch lieber mag ich vielleicht, dass ich danach noch ein wenig länger schlafen kann. Die Freiheit, selbst zu entscheiden, wann der Tag für mich beginnt hat natürlich auch Schattenseiten. Häufig ist die Zeit am Vormittag viel zu kurz, um wirklich in das Schreiben oder Rezensieren einzutauchen und am Abend, nach der Lohnarbeit bin ich häufig zu müde.
Elke Engelhardt, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Solidarität und ganz unbedingt die Fähigkeit immer wieder den Blick auf das zu lenken, was trotz aller Katastrophen um uns herum schön und gut ist. Nicht verzweifeln, sondern weitermachen. So gut es eben geht.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
In diesem Jahr gab es zwei sehr beeindruckende Reden, die sich mit dieser Frage beschäftigen, oder jedenfalls eine Antwort auf diese Frage geben.
Einmal die Berliner Rede zur Poesie von Kim Hyesoon, die sehr von mir verkürzt, davon spricht, dass die Poesie dort anfängt, wo die Sprache, das Sagbare aufhört.
Und die Rede von Tanja Maljartschuk zu den diesjährigen Bachmann Tagen. Die sehr bewegend von der Korrumpierbarkeit der Sprache erzählt, davon, wie sie Einzelne retten kann, aber nie alle gemeinsam. Es ist eine traurige Rede einer Schriftstellerin, die den Glauben an die Sprache verloren hat, und doch erzählt sie ja davon, und erlaubt es uns somit, ein wenig zu verstehen, was Sprache ist und kann. Denn so hoffnungslos und desillusioniert Maljartschuks Sätze auch sind, sind sie doch der Beweis, dass die Literatur, die Sprache stark ist in ihrer Hilflosigkeit. Von diesem Widerspruch lebt vielleicht jegliche Kunst.
Was liest Du derzeit?
Ich lese immer mindestens drei Bücher gleichzeitig. Zur Zeit in den Essays und Poetikvorlesungen von Ingeborg Bachmann, Gaston Bachelards „Poetik des Raumes“ und „Elegie“ von Mary Jo Bang.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich könnte nahezu alles von Marguerite Duras zitieren. Aber für jetzt und heute vielleicht das: „Alles ist Eitelkeit und Haschen nach Wind. Diese beiden Sätze ergeben die ganze Literatur der Erde.“
Elke Engelhardt, Schriftstellerin
Vielen Dank für das Interview liebe Elke, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an Künstler*innen:
Elke Engelhardt, Schriftstellerin
Zur Person_Elke Engelhardt, geb. 1966 in Verl, lebt in Bielefeld. Schreibt Lyrik, Prosa und Besprechungen. Zuletzt:„Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“, Elif Verlag, 2020
Hauptautorin der Wortschau, Ausgabe 39, Mai 2022, Mitglied der Lyrik-Performance Gruppe lichtstreu, im Herbst erscheint „100 sehr kurze Gespräche“ im Elif Verlag.
Liebe Janina Sollmann, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Sobald mein Sohn und mein Mann das Haus verlassen haben, habe ich Zeit für ein paar Atem- und Yogaübungen. Dann beginnt meine Arbeit für die „schallundrauch agency“ (Theater für junges Publikum): Beim Frühstück checke ich meine Mails.
Danach geht’s entweder zu Besprechungen oder in den Probenraum. Der Probenraum ist mein zweites Zuhause.
Den späten Nachmittag und den Abend verbringe ich so oft wie möglich mit der Familie. Oder im Theater natürlich.
Janina Sollmann, Performerin, Theatermacherin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Dass wir uns als politisch handelnde Menschen begreifen und nicht vor allem als Konsument*innen. Und der konkrete Bezug zu unserem Körper in unserer analogen Welt. Wenn wir uns noch spüren, ist das eine große und kraftvolle Gegenthese zu Virtualität und zu KI.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Theater, Performance und Kunst können nach wie vor kathartische Erlebnisse sein. Gespräche anregen, Handlungen anregen und unvergessene Bilder und Texte in Köpfe pflanzen.
Dschungel Wien: ESEL – Über das Störrische in uns (seit 2021) Foto: eSeL.at – Lorenz Seidler
Was liest Du derzeit?
Mit meinem Sohn zusammen „Drachenreiter“ von Cornelia Funke. Jeden Abend ein Kapitel. Und abends alleine das neue Manuskript meines Mannes.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Herr Doktor, was ich schon immer komisch fand… Wenn ich ein systemgemachtes Produkt bin und doch ganz eindeutig kaputt bin, dann hab ich noch nicht ganz kapiert, wieso werde ich und nicht das System repariert?“ Von „okay.danke.tschüss“ aus dem Song „Verrückt“
Vielen Dank für das Interview liebe Janina, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Performance-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Janina Sollmann, Performerin, Theatermacherin
5 Fragen an Künstler*innen:
Janina Sollmann, Performerin, Theatermacherin und Workshopleiterin
Zur Person_Janina Sollmann ist Performerin, Theatermacherin und Workshopleiterin im Bereich Theater für junges Publikum. Sie wurde in Linz geboren, ist dort aufgewachsen, war dann länger in Barcelona, Mexiko City und im Stuwerviertel zu Hause und lebt heute mit ihrem Mann Christian und ihrem Sohn Sebastian in Wien Meidling. Sie studierte Pädagogik für Modernen Tanz am Konservatorium der Stadt Wien (heute MUK) sowie deutsche und hispanische Philologie an der Universität Wien, an der Universitat Autònoma in Barcelona und an der UNAM in Mexiko City. Sie gründete 2003 gemeinsam mit Gabriele Wappel die schallundrauch agency und arbeitet dort in den Bereichen Künstlerische Leitung, Konzept, Inszenierung, Choreografie und Performance. Zurzeit arbeitet sie an „Platz da!“, einem Stück für alle ab 7 Jahren, das im November im Dschungel Wien uraufgeführt wird.
DEMNÄCHST:Gott und die Welt 29. und 30.07. Kultursommer Wien IPlatz da! 7+ PREMIERE ab 03.11. im Dschungel Wien I 20 Jahre schallundrauch agency Fest für alle am 03.11. im Dschungel Wien
Als Künstlerin ist mir die offene Kommunikation immer wichtig. Nicht nur in meiner Arbeit, aber auch als Teil dieser Gesellschaft ist es wichtig kommunikativ zu bleiben und seine Stimme laut zu machen sowie zu nützen. Nicht verstummen – im Generationskonflikt – aufeinandertreffen – kommunizieren.
Wir leben in einer Zeit des Aufbruchs, Altes trifft auf Neues. In meiner Kunst versuche ich nicht nur mich an meine Grenzen zu bringen, aber auch durch meine provozierende Art anzuecken. Alles immer mit dem bekannten „Schmäh“.
Kritisch zu bleiben und versuchen, sich nicht von Propaganda blind machen zum lassen. Man darf nicht aufhören, auf sein Herz zu hören und zu seinen innersten Überzeugungen zu stehen!
Selten war ein Satz von Schiller gültiger, als heute: Sagen Sie ihm, daß er für die Träume seiner Jugend soll Achtung tragen, wenn er Mann sein wird, nicht öffnen soll dem tötenden Insekte gerühmter besserer Vernunft das Herz der zarten Götterblume – daß er nicht soll irre werden, wenn des Staubes Weisheit Begeisterung, die Himmelstochter, lästert. (Schiller, Don Carlos)
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Das Theater soll Mut machen und die Menschen in ihren schönsten Seiten bestärken.
Was liest Du derzeit?
Das Offene Geheimnis, von Peter Brook
Markus Kupferblum, Regisseur
Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!