Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine Geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 4/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Florian Birnmeyer, Schriftsteller _ Nürnberg
Performance _ Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine Geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 4/24, folgende
Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine Geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 4/24, folgende
UNDINE GEHT
Und an mir
Nagen
Die
Inneren
Nöte in
E ndlosschleifen
Geht
Eine
Heiterkeit
Tief tauchen
Florian Birnmeyer, 14.4.2026
Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien _ performing Undine geht _ Donau/Wien _ Undine Geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961 _ Walter Pobaschnig 4/24, folgende
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Text & Performance _ Donau/Wien
UNDINE GEHT _ Akrostichon
Text _ Florian Birnmeyer, Schriftsteller _ Nürnberg
Performance _ Natalie Campbell, Schriftstellerin, Tänzerin, Künstlerin _ Wien
Idee/Regie/Fotos _ Walter Pobaschnig
Ingeborg Bachmann, Rom 1962
Undine geht, Erzählung, Ingeborg Bachmann, 1961.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse in Macht und Zerstörung. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Im Interview _ Florian Birnmeyer, Schriftsteller _ Nürnberg
Lieber Florian, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Ich kenne Ingeborg Bachmann vor allem durch ihre Lyrik, durch Gedichte wie „Die gestundete Zeit“ oder „An die Sonne“. Mein Lieblingsgedicht von ihr ist tatsächlich „An die Sonne“. Besonders berührt mich auch, wie sie es selbst in Videoaufnahmen vorträgt: mit einer getragenen, ernsten und zugleich zarten Stimme.
Weniger anfangen kann ich mit dem Phänomen Bachmann, d. h. mit der starken Überhöhung ihrer Person. Wenn Künstlerinnen oder Künstler zu sehr zum Mythos werden, irritiert mich das immer ein wenig. Trotzdem verstehe ich gut, warum Bachmann als Person für viele so bedeutsam ist: als Frau, als Schriftstellerin und als Mensch mit einer besonderen Geschichte in einer Zeit, in der schreibende Frauen noch nicht selbstverständlich sichtbar waren.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Texte von Ingeborg Bachmann wirken auf mich sehr bewusst gestaltet, fast wie Musikstücke. Sie entfalten eine faszinierende Wirkung: eine Komposition aus Rhythmus, Bildern, Metaphern und literarischen Bezügen und Querverweis, die einen fesseln und in Beschlag nehmen.
Zugleich erscheint ihre dichterische Welt oft in sich geschlossen, beinahe hermetisch. Es ist, als hätte jedes Wort und jedes Bild für das lyrische Ich eine ganz eigene Bedeutung. Als Leser spürt man diese Bedeutung, kann sie aber nicht immer vollständig entschlüsseln. Gerade daraus entsteht für mich ein Teil der Faszination: Bachmanns Texte sind mysteriös, deutungsoffen und doch zugänglich auf einer emotionalen und klanglichen Ebene.
Man kann sich ihnen über genaue Lektüre, über intertextuelle Bezüge und literarische Kontexte vielleicht annähern. Aber vielleicht müssen sie sich auch gar nicht ganz auflösen lassen. Und vielleicht wollte Bachmann eher Gesamtkunstwerke schaffen, denn literaturwissenschaftliche Untersuchungsgegenstände.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Ich habe bisher vor allem die „Sämtlichen Gedichte“ von Ingeborg Bachmann gelesen, erschienen bei Piper. Wie immer, wenn ich Lyrik lese, lese ich mich nicht von vorn bis hinten durch einen Band, sondern bleibe hängen, blättere, wähle aus, kehre zurück. Manche Gedichte werden zu Lieblingsgedichten, andere sprechen mich weniger an.
Bei Bachmanns Lyrik ist es aber beinahe so – ähnlich übrigens wie bei Rose Ausländer –, dass fast jeder Text eine sehr gute Qualität besitzt. Ihre Gedichte sind äußerst bewusst gestaltet, komponiert und mit Bedacht angeordnet. Sie hat ihre Gedichtbände mit viel Gespür für die Gesamtwirkung arrangiert.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte Ingeborg Bachmann gefragt, ob sie sich selbst als Feministin verstanden hätte. Gerade weil sie heute oft als wichtige weibliche Stimme und Vorreiterin gelesen wird, fände ich spannend zu wissen, wie sie selbst dieses Label, wie man heute sagt, gesehen hätte.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich habe gerade meinen zweiten Gedichtband „Im Dickicht lebt es sich leichter“(Geest-Verlag, 2026) veröffentlicht. Nun sammle ich Gedichte und Ideen für den weiteren. Eine Idee für einen Roman hätte ich auch.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
„Schöne Sonne, der vom Staub noch die größte Bewundrung gebührt, Drum werde ich nicht wegen dem Mond und den Sternen und nicht, Weil die Nacht mit Kometen prahlt und in mir einen Narren sucht, Sondern deinetwegen und bald endlos und wie um nichts sonst Klage führen über den unabwendbaren Verlust meiner Augen.“
aus „An die Sonne“ Ingeborg Bachmann, in „Anrufung des großen Bären“ 1956.
Im Interview _ Margrid F. Gantenberg, Schriftstellerin
Liebe Margrid F. Gantenberg, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Schon vor meinem Studium der Literaturwissenschaften und während des Studiums habe ich mich immer wieder auch mit Ingeborg Bachmann beschäftigt. Zuletzt habe ich ihre sehr schöne Biografie gelesen, die ihr Bruder Heinz geschrieben hat. Das hat mich neugierig gemacht, ihre Werke noch einmal zu lesen.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Intensität, das Kompromisslose.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Malina ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Da meine erste Begegnung mit ihren Texten aber schon länger her ist, habe ich mir vorgenommen, jetzt, auch im Kontext meiner eigenen Projekte, noch einmal in ihr Werk einzutauchen. Mich fasziniert bei ihr vor allem die Verbindung von Werk und Leben; ihre Person und ihre kompromisslose Haltung als Künstlerin fand ich immer beeindruckend, wie sie versucht hat, eine Sprache für das Schweigen und für die inneren Abgründe zu finden. Das ist ein Thema, dem ich auch in meiner Dokumentationsarbeit immer wieder begegne.
Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Im Grunde hat sich an den zugrunde liegenden Strukturen wenig geändert; zudem findet die Gewalt heute auch oft noch subtiler oder digitaler statt.
Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?
Vermutlich lieben wir heute nicht viel anders als früher. Wir tragen immer noch dieselben Hoffnungen und alten Wunden mit uns herum, die Bachmann so präzise beschrieben hat.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Ich finde, Bachmanns Bild der „verdammten Existenz“ trifft genau dann zu, wenn das Schreiben nur noch ein Zwang ist und so zu einem Martyrium wird. Im Idealfall wirkt das Schreiben jedoch befreiend, da man den Schmerz produktiv nutzen kann. Schwierig wird es erst, wenn die Einsamkeit, die man zum Arbeiten braucht, zur Isolation wird. Wenn man sich nicht mehr freiwillig zurückzieht, sondern sich einsam fühlt. In diesem Spagat zwischen dem eigenen Anspruch, dem finanziellen Druck und der Einsamkeit wird das Schreiben dann zur Last und zur Qual.
Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?
Da meine Beschäftigung mit ihrem Werk schon sehr lange zurückliegt, ist meine Erinnerung an ihre Texte über die Jahre weitestgehend verblasst. Was mir jedoch als starker Eindruck in Erinnerung geblieben ist, ist ihre ganz eigene, kompromisslose Art, mit Sprache umzugehen. Ich erinnere mich heute weniger an konkrete Inhalte als vielmehr an das Gefühl, dass hier jemand eine sehr eindringliche Stimme hat.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte ihr gerne von meinem Lyrikband erzählt, in dem die Natur, genau wie in ihren frühen Gedichten, ein Spiegel für die inneren Räume ist.
In ihrem Gedicht „An die Sonne“ schreibt sie ja diesen wunderbaren Satz: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.“ Für mich ist das der Inbegriff des Glücks im Kleinen und der puren Existenz. Ich hätte gerne mit ihr darüber gesprochen, ob dieses Verweilen im Moment tatsächlich das „Versprechen von Morgen“ sein kann, von dem meine Texte handeln.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Erinnerungsarbeit. Mein Ziel ist es, Erinnerungen greifbar zu machen. Aktuell arbeite ich an einer Biografie und einer Dokumentation, in denen ich Lebensspuren sichere.
Parallel dazu entsteht mein Lyrikband. In diesen Texten zeige ich, dass es oft nur den Duft eines Augenblicks oder das Rauschen des Meeres braucht, um die Welt anzuhalten. Die Gedichte sollen Türen zu jenen Räumen öffnen, die wir längst hinter uns glaubten, und dazu einladen, in die Tiefe der eigenen Geschichte einzutauchen.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Neben dem schon erwähnten „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“ ist für mich der Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ von bleibender Bedeutung. Er ist zeitlos und wirkt gerade heute wieder besonders stark. Das Zitat stammt aus ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959 in Bonn.
Herzlichen Dank für das Interview!
Margrid F. Gantenberg, Schriftstellerin
Zur Person: Margrid F. Gantenberg ist eine deutsche Journalistin, Autorin und Lyrikerin aus dem Ruhrgebiet.
Nach dem Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Politikwissenschaften und einem journalistischen Volontariat arbeitete sie als PR-Beraterin und Unternehmenssprecherin. Sie ist freie Journalistin für verschiedene Medien und Autorin prämierter Biografien sowie Verfasserin von Gedichten, Essays, Reden, Erzählungen und Kurzgeschichten.
Sie beschäftigt sich u.a. mit der Erinnerungskultur, indem sie die Brücke zwischen wissenschaftlicher Historie und persönlichen Schicksalen schlägt. Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf der Aufarbeitung der Kriegs- und Industriegeschichte aus der Sicht der Betroffenen.
Es sind legendäre und unerreichte österreichische Fernsehproduktionen wie „Kottan ermittelt“,„Alpensaga“,„Das Dorf an der Grenze“, „Der Fall Jägerstätter“ oder die „Piefke-Saga“ und viele weitere herausragende Spiel- , Literaturverfilmungen,welche Gerald Szyszkowitz als Leiter der Hauptabteilung Fernsehspiel beim ORF von 1973 bis 1994 verantwortete.
P.Turrini, H.Qualtinger, W.Pevny
Es war eine goldene Ära hochwertiger Schauspielproduktionen mit gesellschaftlichem Anspruch, die sich in Makro- und Mikroperspektive historischen und zeitgeschichtlichen Epochen in brillanter Autor-, und Darstellungsqualität widmete. Dieser mutige innovative Projektweg wurde wegweisend und inspirierend für gesellschaftspolitische Aufbrüche. Mensch und Zeit in allen Bedingungen und Bedingtheiten wurden im Medium Fernsehen zur Bühne im Wohnzimmer mit weitreichen Folgen kritischer Erinnerung und Emanzipation bis in die Gegenwart.
Der Fall Jägerstätter, Hauptrolle: Kurt Weinzierl
Dieser Weg mutiger Projektplanung und -umsetzung war jedoch keine „gmahde Wiesn“, sondern eine herausfordernde Etappe, die von Produktion zu Produktion neu in Gespräch, Auseinandersetzung und Entscheidung im Fokus politischer Konstellationen umgesetzt wurde. Die Ergebnisse sind Legende. Der Weg dahin weitestgehend im Dunkeln.
Doch nun öffnet Gerald Szyszkowitz sein persönliches Archiv der Erinnerungen und Begegnungen und lässt Leserinnen und Leser lebendig und spannend wie in einem Fernsehspiel an einer faszinierenden Epoche österreichischer Kunst-, und Gesellschaftsgeschichte teilhaben und Hintergründe erfahren. Zahlreiche Fotos begleiten diese einzigartige Reise zu Mensch, Zeit, Kunst, Politik und Kultur.
„Erinnerungen als österreichischer Kunst- und Politthriller zwischen Kottan und Alpensaga – ein Ereignis!“
„Der Chef will das nicht“ _ Wie »Kottan«, »Alpensaga« und »Arbeitersaga« gegen politische Widerstände im ORF entstanden_Szyszkowitz, Gerald. Praesens Verlag.
„Undine geht“ ist einer der zentralen Texte in Ingeborg Bachmanns Werk. Dieser erschien im ersten Prosaband „Das dreißigste Jahr“ und nimmt das Motiv des Undine Mythos _ Liebe, weibliche Menschwerdung, Verrat und Rache – auf und transformiert dies in die Struktur gegenwärtiger patriarchal geprägter Gesellschaftsverhältnisse. „Undine geht“ ist einer der meist rezipierten Texte Bachmanns und erfährt zahlreiche künstlerische Zugänge und Dialoge.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Im Interview _ Asta Cink, Bildende Künstlerin _ Wien
Liebe Asta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Mein Zugang zu Bachmann entsteht weniger aus einer rein literarischen Perspektive als aus einer atmosphärischen und körperlichen. Mich interessiert an ihrem Werk vor allem, wie Sprache, Erinnerung, Macht und Identität ineinandergreifen.
Ich empfinde ihre Texte oft wie Räume — fragile Innenräume, in denen Wahrnehmung, Verletzlichkeit und gesellschaftliche Gewalt gleichzeitig sichtbar werden. Das berührt stark meine eigene künstlerische Praxis, besonders dort, wo ich mit Projektion, Pose, Weiblichkeitsbildern und Erinnerung arbeite.
Auch in meiner fotografischen Arbeit interessiert mich weniger das eindeutige Bild als das Dazwischen: das Fragment, die Spur, die Ambivalenz von Sichtbarkeit. Genau dort begegnet mir Bachmann immer wieder.
Was macht das Besondere ihres Schreibens aus?
Das Besondere an Bachmann ist für mich, dass ihre Sprache gleichzeitig poetisch und radikal präzise ist. Sie schreibt nie nur „schön“ — ihre Texte tragen immer auch ein Bewusstsein von Gewalt, Verlust und gesellschaftlicher Struktur in sich. Sie trennt das Persönliche nicht vom Politischen. Beziehungen, Körper und Sprache selbst werden bei ihr zu Orten von Macht und Verletzung. Dabei bleibt ihre Sprache musikalisch, offen und o fragmentarisch — fast wie eine innere Landschaft.
Mich beeindruckt besonders, wie sie Zärtlichkeit und Härte gleichzeitig zulässt. Ihre Texte verweigern einfache Antworten und bleiben gerade dadurch gegenwärtig.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?
Besonders wichtig ist für mich Malina. Der Text wirkt auf mich wie ein psychischer und sprachlicher Innenraum, in dem Identität langsam zerfällt. Die Verbindung von Erinnerung, Sprache und weiblicher Auslöschung empfinde ich bis heute als erschütternd aktuell.
Auch Das dreißigste Jahr begleitet mich sehr. Dort interessiert mich vor allem dieses Gefühl existenzieller Übergänge — Menschen, die plötzlich die Fremdheit ihres eigenen Lebens erkennen.
Und das unvollendete Projekt Todesarten erscheint mir enorm relevant, weil Bachmann darin zeigt, dass gesellschaftliche Gewalt nicht abgeschlossen ist, sondern sich in Beziehungen, Sprache und alltäglichen Strukturen fortsetzt.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie daran geglaubt hat, dass Sprache Menschen tatsächlich verändern oder retten kann — oder ob Schreiben eher ein Versuch war, das Unaussprechliche sichtbar zu machen.
Und ich glaube, ich hätte ihr gesagt, dass ihre Texte heute noch immer eine enorme Gegenwärtigkeit besitzen. Viele Fragen, die sie gestellt hat — über Weiblichkeit, Macht, Sprache und gesellschaftliche Gewalt — sind weiterhin ungelöst.
Mich würde auch interessieren, wie sie auf unsere heutige Bilderwelt reagieren würde: auf permanente Sichtbarkeit, digitale Projektionen und die Geschwindigkeit von Wahrnehmung.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Aktuell arbeite ich verstärkt an Projekten, die sich mit Körperbildern, Erinnerung und Projektion beschäftigen. Besonders zentral ist dabei mein Projekt „Mythenkörper“, in dem ich Weiblichkeitsdarstellungen zwischen Mythologie, Religion und zeitgenössischer Bildkultur untersuche.
Dabei arbeite ich fotografisch, performativ und installativ und interessiere mich für die Frage, wie sich gesellschaftliche Einschreibungen in Körperhaltungen, Posen und Bildern zeigen.
Parallel beschäftigen mich weiterhin Themen wie Erinnerungskultur, Sichtbarkeit und fragile Identität — oft über analoge Fotografie und atmosphärische Bildräume.
Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?
Ingeborg Bachmann auf der Terrasse Ihrer Wohnung in der Bocca de Leone, Rom um 1970
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Dominika Meindl_ Schriftstellerin, Linz
Liebe Dominika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Den ersten und bis heute wichtigsten Zugang hat uns der Deutschlehrer in der Oberstufe geschaffen, als wir „Die gestundete Zeit“ miteinander lasen und NICHT zu Tode analysieren mussten. Der Lehrer, selbst melancholisch veranlagt und deutlich auf Seiten von uns Schüler*innen, hat uns den Wert dieser Gedichte klargemacht.
„Malina“ habe ich intensiv als junge Studentin gelesen, „Das dreißigste Jahr“ banal zum eigenen 30er und die Erzählungen in „Simultan“ kannte ich bis vor kurzem gar nicht, eine Schande.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Intensität, die Abgeklärtheit. Die Unerbittlichkeit gegenüber dem Nazi-Regime und dessen Fortwirken.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Alle natürlich. Aber ich möchte unbedingt auch den Film von Regina Schilling „Jemand, der einmal ich war“ empfehlen, eine Art Geisterbeschwörung mit Sandra Hüller – soeben ins Kino gekommen. Danach möchte man sich den Sommer freihalten und noch einmal alles von und über Bachmann lesen (und alle Schilling-Filme nachschauen).
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Selbst bin ich glühende und aktive Verfechterin des Matriarchats, und ich verspreche, dass es darin den Männern besser gehen wird als den Frauen im Patriarchat. Viele Männer sind heilbar krank, in vielen Fällen jetzt schon unsere Verbündeten – und die anderen werden es etwas schwerer haben mit der Machtverteilung und dem Ende der Geschlechterungerechtigkeit. Aber am Ende werden wir gemeinsam frei sein (um auf die großartige Passage in „Malina“ anzuspielen – die Menschen werden auch „frei sein von der Freiheit, die sie meinen“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Zum Glück nicht! Zumindest in meiner Wahrnehmung, ich bin glücklich in der Abwechslung zwischen asozialem Schreiben und gemeinsamem Leben. Aber ich bin auch keine große Künstlerin, dafür müsste man wohl mehr vom gemütlichen Leben opfern (und noch mehr Talent haben). Und manchmal ist es ja sehr schwer, das Alleinsein und das Öffentlichwerden zusammenzubringen, im Kleinen stimme ich zu.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Glauben Sie ans Matriarchat! Die Männer Ihrer Zeit reden einen ordentlichen Stiefel daher, wenn sie über Frauen und Literatur sprechen, und sie werden dafür 2026 sehr ausgelacht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ende August erscheint mein zweiter Roman „Mehr Himmel als gut für uns ist“, ich freu‘ mich sehr darauf. Es geht noch einmal um Overtourism – dieses Mal am Fuß des Mount Everest. Gleichzeitig wird berichtet von einem unspektakulären Leben in Oberösterreich, von der Melancholie im Endzeitkapitalismus – und es wird viel gewandert.
Malina ist der große, einzige Roman, der von 1946-53 in Wien lebenden Ingeborg Bachmann, in dessen Mittelpunkt eine namenlose Schriftstellerin in ihren Wegen, Spannungen und Zerstörungen zwischen Vergangenheit und patriarchaler Gegenwart steht. Der Romanschauplatz ist Wien und hier wesentlich das „Ungargassenland“, darin auch der Wohnsitz der 1973 in Rom verstorbenen Schriftstellerin lag. In ihren letzten Lebensjahren dachte die vielfach ausgezeichnete wie vielseitige Autorin eine Rückkehr nach Wien an. Dazu kam es aber nicht mehr.
Ina Riegler, MalerinJulia Hagenhofer, Schauspielerin
Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann.
Foto: Ina Riegler _ privat.
Fotos: Julia Hagenhofer, Schauspielerin_Wien _ acting „Malina“ _ Malina, Roman, Ingeborg Bachmann, 1971 _ Walter Pobaschnig, 10/21.
im Interview _ Anna Stern, Schriftstellerin _ Zürich
Bachmannpreisnominierte 2018
Gewinnerin des 3sat Preises
Liebe Anna, Du hast am Bachmannpreis in Klagenfurt dem größten und reichweitenstärksten Literaturwettbewerb im deutschsprachigen Raum erfolgreich teilgenommen. Was sind spontan Deine erste Erinnerungen und was macht das Besondere des Bachmannpreises aus?
die stimmenvielfalt. die buntheit. die konzentration an literaturliebe. die funktion als treffpunkt von lesenden und schreibenden menschen, die sich sonst nie getroffen hätten. die schonungslose unscheu vor kontroversen.
Wie hast Du Deine Lesung, die Jurydiskussion und die Preisverleihung erlebt?
meine lesung – ich lese gern: solange ich lese, verschwindet die welt rundherum.
die jurydiskussion – laut und abgedriftet auf eine art, die mich wünschen liess, meinen text denjenigen gegenüber, die glauben, lesen zu müssen, um zu begreifen, verteidigen zu dürfen.
die preisverleihung – hell, reizreich, schweisstreibend.
Wie hat sich Deine Teilnahme auf Deinen literarischen Stil wie auf Deine literarische Öffentlichkeit und den weiteren Weg ausgewirkt?
auf meinen stil – gar nicht, ich muss frei schreiben, mich in jedem text neu erfinden dürfen; ich will nie mit einem publikum im kopf schreiben müssen, einer jury.
auf meine literarische öffentlichkeit – ich schätze ruhe und anonymität bewusster, ich bin bereit, der öffentlichkeit meine texte auszuhändigen, nicht mein ich.
auf meinen weiteren weg – es passiert ja ganz schön viel auf so einem weg. ich sehe die teilnahme im rückblick nicht als aufstieg, rast mit picknick oder weggabelung; sie bleibt für mich mehr hitzeflimmernd in erinnerung, als fatamorgana-artiges intro zu jenem unglaublich heissen sommer zwanzigachtzehn.
Was braucht der Bachmannpreis für eine weitere gute Entwicklung?
beibehalten, was ihn ausmacht: vielfalt, kontroversen, radikalität; offen gegenüber literarischen experimenten und abenteuern, bereit, ihnen sichtbarkeit zu verleihen; den mut, unbequem zu bleiben.
Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute!
Anna Stern, Schriftstellerin
Zur Person: ANNA STERN, *1990. studium der umweltnaturwissenschaften und doktorat an der eth zürich. s. publiziert romane, erzählungen und texte zur kunst. demnächst erscheint der erzählband ABER MORGEN EIN NEUER TAG. bei lectorbooks. s. lebt und arbeitet zurzeit zwischen zürich und finnland.
AUSZEICHNUNGEN (AUSWAHL)
2023 prisma+ litteraturpris, malmö (SE).
2022 conrad-ferdinand-meyer-preis.
2020 schweizer buchpreis.
2019 auszeichnung literatur, stadt zürich.
2018 förderpreis der st gallischen kulturstiftung.
2018 3-sat preis, 42. tage der deutschsprachigen literatur, klagenfurt (AT).
Großes Publikumsinteresse bei den Lesungen _ 50.Bachmannpreis 2026
Bachmannpreis
1976 wurde nach einer Idee und auf Initiative des Autors und Journalisten Humbert Fink (* 13.8.1933 Salerno/I +16.5.1992 Maria Saal/Kärnten) und des damaligen Intendanten Ernst Willner ORF/Kärnten in Klagenfurt ein Literaturwettbewerb gegründet, dessen Hauptpreis nach der in Klagenfurt geborenen und begrabenen Schriftstellerin Ingeborg Bachmann (*25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom) benannt wurde.
Ingeborg Bachmann auf Ihrer Terrasse in Rom, Bocca de Leone, um 1970
Der erste Bachmannpreisträger war 1977 Gert Jonke. Die aktuelle Preisträgerin 2025 ist Natascha Gangl.
Im Rahmen der Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt werden ebenso weitere Literaturpreise vergeben – Deutschlandfunk Preis, 3sat Preis, Carinthischer Sommer Stipendium, BKS Publikumspreis.
Der Bachmannpreis, Tage der deutschsprachigen Literatur, findet jährlich Ende Juni/Juli in Klagenfurt statt.
Wörthersee
Foto: Anna Stern _ privat
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze
Fotos: Bachmannpreis_Klagenfurt/Wörthersee _ Walter Pobaschnig