„Das Ineinandergreifen von Sprache, Erinnerung, Macht und Identität“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Asta Cink, Bildende Künstlerin _ Wien 7.7.2026

Ingeborg Bachmann _ Asta Cink

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom, um 1970

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Asta Cink, Bildende Künstlerin _ Wien

Liebe Asta, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?  

Mein Zugang zu Bachmann entsteht weniger aus einer rein literarischen Perspektive als aus einer atmosphärischen und körperlichen. Mich interessiert an ihrem Werk vor allem, wie Sprache, Erinnerung, Macht und Identität ineinandergreifen.

Ich empfinde ihre Texte oft wie Räume — fragile Innenräume, in denen Wahrnehmung, Verletzlichkeit und gesellschaftliche Gewalt gleichzeitig sichtbar werden. Das berührt stark meine eigene künstlerische Praxis, besonders dort, wo ich mit Projektion, Pose, Weiblichkeitsbildern und Erinnerung arbeite.

Auch in meiner fotografischen Arbeit interessiert mich weniger das eindeutige Bild als das Dazwischen: das Fragment, die Spur, die Ambivalenz von Sichtbarkeit. Genau dort begegnet mir Bachmann immer wieder.

Was macht das Besondere ihres Schreibens aus? 

Das Besondere an Bachmann ist für mich, dass ihre Sprache gleichzeitig poetisch und radikal präzise ist. Sie schreibt nie nur „schön“ — ihre Texte tragen immer auch ein Bewusstsein von Gewalt, Verlust und gesellschaftlicher Struktur in sich. Sie trennt das Persönliche nicht vom Politischen. Beziehungen, Körper und Sprache selbst werden bei ihr zu Orten von Macht und Verletzung. Dabei bleibt ihre Sprache musikalisch, offen und o fragmentarisch — fast wie eine innere Landschaft.

Mich beeindruckt besonders, wie sie Zärtlichkeit und Härte gleichzeitig zulässt. Ihre Texte verweigern einfache Antworten und bleiben gerade dadurch gegenwärtig.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben und warum?

Besonders wichtig ist für mich Malina. Der Text wirkt auf mich wie ein psychischer und sprachlicher Innenraum, in dem Identität langsam zerfällt. Die Verbindung von Erinnerung, Sprache und weiblicher Auslöschung empfinde ich bis heute als erschütternd aktuell.

Auch Das dreißigste Jahr begleitet mich sehr. Dort interessiert mich vor allem dieses Gefühl existenzieller Übergänge — Menschen, die plötzlich die Fremdheit ihres eigenen Lebens erkennen.

Und das unvollendete Projekt Todesarten erscheint mir enorm relevant, weil Bachmann darin zeigt, dass gesellschaftliche Gewalt nicht abgeschlossen ist, sondern sich in Beziehungen, Sprache und alltäglichen Strukturen fortsetzt.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?   

Ich hätte sie gerne gefragt, ob sie daran geglaubt hat, dass Sprache Menschen tatsächlich verändern oder retten kann — oder ob Schreiben eher ein Versuch war, das Unaussprechliche sichtbar zu machen.

Und ich glaube, ich hätte ihr gesagt, dass ihre Texte heute noch immer eine enorme Gegenwärtigkeit besitzen. Viele Fragen, die sie gestellt hat — über Weiblichkeit, Macht, Sprache und gesellschaftliche Gewalt — sind weiterhin ungelöst.

Mich würde auch interessieren, wie sie auf unsere heutige Bilderwelt reagieren würde: auf permanente Sichtbarkeit, digitale Projektionen und die Geschwindigkeit von Wahrnehmung.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne? 

Aktuell arbeite ich verstärkt an Projekten, die sich mit Körperbildern, Erinnerung und Projektion beschäftigen. Besonders zentral ist dabei mein Projekt „Mythenkörper“, in dem ich Weiblichkeitsdarstellungen zwischen Mythologie, Religion und zeitgenössischer Bildkultur untersuche.

Dabei arbeite ich fotografisch, performativ und installativ und interessiere mich für die Frage, wie sich gesellschaftliche Einschreibungen in Körperhaltungen, Posen und Bildern zeigen.

Parallel beschäftigen mich weiterhin Themen wie Erinnerungskultur, Sichtbarkeit und fragile Identität — oft über analoge Fotografie und atmosphärische Bildräume.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten? 

„Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“

Herzlichen Dank für das Interview!

Asta Cink, Bildende Künstlerin

Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibaldi Schwarze

Foto: Asta Cink _ privat.

Walter Pobaschnig, 15.5.26

https://literaturoutdoors.com

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