
2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann
Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
im Interview _ Dominika Meindl_ Schriftstellerin, Linz
Liebe Dominika, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Den ersten und bis heute wichtigsten Zugang hat uns der Deutschlehrer in der Oberstufe geschaffen, als wir „Die gestundete Zeit“ miteinander lasen und NICHT zu Tode analysieren mussten. Der Lehrer, selbst melancholisch veranlagt und deutlich auf Seiten von uns Schüler*innen, hat uns den Wert dieser Gedichte klargemacht.
„Malina“ habe ich intensiv als junge Studentin gelesen, „Das dreißigste Jahr“ banal zum eigenen 30er und die Erzählungen in „Simultan“ kannte ich bis vor kurzem gar nicht, eine Schande.
Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
Die Intensität, die Abgeklärtheit. Die Unerbittlichkeit gegenüber dem Nazi-Regime und dessen Fortwirken.
Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Alle natürlich. Aber ich möchte unbedingt auch den Film von Regina Schilling „Jemand, der einmal ich war“ empfehlen, eine Art Geisterbeschwörung mit Sandra Hüller – soeben ins Kino gekommen. Danach möchte man sich den Sommer freihalten und noch einmal alles von und über Bachmann lesen (und alle Schilling-Filme nachschauen).
„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Selbst bin ich glühende und aktive Verfechterin des Matriarchats, und ich verspreche, dass es darin den Männern besser gehen wird als den Frauen im Patriarchat. Viele Männer sind heilbar krank, in vielen Fällen jetzt schon unsere Verbündeten – und die anderen werden es etwas schwerer haben mit der Machtverteilung und dem Ende der Geschlechterungerechtigkeit. Aber am Ende werden wir gemeinsam frei sein (um auf die großartige Passage in „Malina“ anzuspielen – die Menschen werden auch „frei sein von der Freiheit, die sie meinen“.
„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Zum Glück nicht! Zumindest in meiner Wahrnehmung, ich bin glücklich in der Abwechslung zwischen asozialem Schreiben und gemeinsamem Leben. Aber ich bin auch keine große Künstlerin, dafür müsste man wohl mehr vom gemütlichen Leben opfern (und noch mehr Talent haben). Und manchmal ist es ja sehr schwer, das Alleinsein und das Öffentlichwerden zusammenzubringen, im Kleinen stimme ich zu.
Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Glauben Sie ans Matriarchat! Die Männer Ihrer Zeit reden einen ordentlichen Stiefel daher, wenn sie über Frauen und Literatur sprechen, und sie werden dafür 2026 sehr ausgelacht.
Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ende August erscheint mein zweiter Roman „Mehr Himmel als gut für uns ist“, ich freu‘ mich sehr darauf. Es geht noch einmal um Overtourism – dieses Mal am Fuß des Mount Everest. Gleichzeitig wird berichtet von einem unspektakulären Leben in Oberösterreich, von der Melancholie im Endzeitkapitalismus – und es wird viel gewandert.
Herzlichen Dank für das Interview!

Zur Person: https://www.jku.at/kepler-salon/menschen/dominika-meindl/
Foto: Ingeborg Bachmann _ Garibalde Schwarze
Foto: Dominika Meindl _ Zoe Goldstein
Walter Pobaschnig, 30.6.2026