„das Kompromisslose“ _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _ Margrid F. Gantenberg, Schriftstellerin _ Ruhrgebiet/D 8.7.2026

2026 _ 100.Geburtstag Ingeborg Bachmann

Ingeborg Bachmann, Schriftstellerin *25.6.1926 Klagenfurt +17.10.1973 Rom.

Ingeborg Bachmann, Rom 1962

100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _

Im Interview _ Margrid F. Gantenberg, Schriftstellerin

Liebe Margrid F. Gantenberg, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns? 

Schon vor meinem Studium der Literaturwissenschaften und während des Studiums habe ich mich immer wieder auch mit Ingeborg Bachmann beschäftigt. Zuletzt habe ich ihre sehr schöne Biografie gelesen, die ihr Bruder Heinz geschrieben hat. Das hat mich neugierig gemacht, ihre Werke noch einmal zu lesen.

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?

Die Intensität, das Kompromisslose.

Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?

Malina ist mir bis heute in Erinnerung geblieben. Da meine erste Begegnung mit ihren Texten aber schon länger her ist, habe ich mir vorgenommen, jetzt, auch im Kontext meiner eigenen Projekte, noch einmal in ihr Werk einzutauchen. Mich fasziniert bei ihr vor allem die Verbindung von Werk und Leben; ihre Person und ihre kompromisslose Haltung als Künstlerin fand ich immer beeindruckend, wie sie versucht hat, eine Sprache für das Schweigen und für die inneren Abgründe zu finden. Das ist ein Thema, dem ich auch in meiner Dokumentationsarbeit immer wieder begegne.

Wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörenden und zerstörerischen patriarchalen Welt heute?

Im Grunde hat sich an den zugrunde liegenden Strukturen wenig geändert; zudem findet die Gewalt heute auch oft noch subtiler oder digitaler statt.

Die Liebe in allen Facetten von Glück und Verhängnis ist ein wesentliches Thema in Gedichten wie Prosa Ingeborg Bachmanns_ „die Männer sind unheilbar krank…“ (Interview, 1971) _ wie lieben wir nach/mit Bachmann?

Vermutlich lieben wir heute nicht viel anders als früher. Wir tragen immer noch dieselben Hoffnungen und alten Wunden mit uns herum, die Bachmann so präzise beschrieben hat.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises (1971) Schreiben und Existenz. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?

Ich finde, Bachmanns Bild der „verdammten Existenz“ trifft genau dann zu, wenn das Schreiben nur noch ein Zwang ist und so zu einem Martyrium wird. Im Idealfall wirkt das Schreiben jedoch befreiend, da man den Schmerz produktiv nutzen kann.
Schwierig wird es erst, wenn die Einsamkeit, die man zum Arbeiten braucht, zur Isolation wird. Wenn man sich nicht mehr freiwillig zurückzieht, sondern sich einsam fühlt. In diesem Spagat zwischen dem eigenen Anspruch, dem finanziellen Druck und der Einsamkeit wird das Schreiben dann zur Last und zur Qual.

Welche Aspekte in Bachmanns Schreiben möchtest Du neben den existenz- wie gesellschaftskritischen Grundpositionen noch hervorheben?

Da meine Beschäftigung mit ihrem Werk schon sehr lange zurückliegt, ist meine Erinnerung an ihre Texte über die Jahre weitestgehend verblasst. Was mir jedoch als starker Eindruck in Erinnerung geblieben ist, ist ihre ganz eigene, kompromisslose Art, mit Sprache umzugehen. Ich erinnere mich heute weniger an konkrete Inhalte als vielmehr an das Gefühl, dass hier jemand eine sehr eindringliche Stimme hat.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?

Ich hätte ihr gerne von meinem Lyrikband erzählt, in dem die Natur, genau wie in ihren frühen Gedichten, ein Spiegel für die inneren Räume ist.

In ihrem Gedicht „An die Sonne“ schreibt sie ja diesen wunderbaren Satz: „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein.“ Für mich ist das der Inbegriff des Glücks im Kleinen und der puren Existenz. Ich hätte gerne mit ihr darüber gesprochen, ob dieses Verweilen im Moment tatsächlich das „Versprechen von Morgen“ sein kann, von dem meine Texte handeln.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?

Ich beschäftige mich seit Jahren mit der Erinnerungsarbeit. Mein Ziel ist es, Erinnerungen greifbar zu machen. Aktuell arbeite ich an einer Biografie und einer Dokumentation, in denen ich Lebensspuren sichere.

Parallel dazu entsteht mein Lyrikband. In diesen Texten zeige ich, dass es oft nur den Duft eines Augenblicks oder das Rauschen des Meeres braucht, um die Welt anzuhalten. Die Gedichte sollen Türen zu jenen Räumen öffnen, die wir längst hinter uns glaubten, und dazu einladen, in die Tiefe der eigenen Geschichte einzutauchen.

Darf ich abschließend zu einem Bachmann Zitat/Text bitten?

Neben dem schon erwähnten „Nichts Schöneres unter der Sonne, als unter der Sonne zu sein“ ist für mich der Satz „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“ von bleibender Bedeutung. Er ist zeitlos und wirkt gerade heute wieder besonders stark. Das Zitat stammt aus ihrer Rede zur Verleihung des Hörspielpreises der Kriegsblinden, 1959 in Bonn.

Herzlichen Dank für das Interview!

Margrid F. Gantenberg, Schriftstellerin

Zur Person: Margrid F. Gantenberg ist eine deutsche Journalistin, Autorin und Lyrikerin aus dem Ruhrgebiet.

Nach dem Abschluss ihres Studiums der Germanistik und Politikwissenschaften und einem journalistischen Volontariat arbeitete sie als PR-Beraterin und Unternehmenssprecherin. Sie ist freie Journalistin für verschiedene Medien und Autorin prämierter Biografien sowie Verfasserin von Gedichten, Essays, Reden, Erzählungen und Kurzgeschichten.

Sie beschäftigt sich u.a. mit der Erinnerungskultur, indem sie die Brücke zwischen wissenschaftlicher Historie und persönlichen Schicksalen schlägt. Ihr Fokus liegt dabei vor allem auf der Aufarbeitung der Kriegs- und Industriegeschichte aus der Sicht der Betroffenen.

Foto: Ingeborg Bachmann: Heinz Bachmann

Fotos: Margrid F. Gantenberg _  privat.

Walter Pobaschnig, 28.4.26

https://literaturoutdoors.com

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