„Musik ist eine unmittelbare Sprache“ Tahereh Nourani, Musikerin_ Wien 25.7.2021

Liebe Tahereh, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich, je nachdem wie viel und was für eine Arbeit ansteht.

Fix ist meine Morgenroutine, die mir seit etwa 10 Jahren Halt und Stabilität gibt in einem Leben, das sich anfühlt wie ein andauernder Seiltanz.

Ich liebe es mit Sonnenaufgang aufzuwachen und mit Sonnenuntergang zur Ruhe zu kommen.

Ich wache früh auf.

Kaffee!! Meditation… Morning Pages schreiben, nachdenken, Yoga, lesen, noch mehr nachdenken, zeichnen mit Tinte auf Papier oder mit Henna auf meinen Händen und Füßen, Frühstück, weiter schreiben, weiter nachdenken, lesen…

Das alles entweder vor meinem Fenster zum Innenhof mit Blick über zwei wunderschöne prachtvolle Bäume und den Sonnenaufgang, oder ich spaziere auf irgendeinen Hügel, zum Baumkreis oder den Steinhofgründen.

Um ca. halb 10 fange ich an zu arbeiten.

Es gibt langsame und schnelle Tage. Ein langsamer Arbeitstag (ohne dringende Deadlines, Soundcheck oder Konzert am Abend) schaut so aus:

Meine Übe-Routine auf meinen Instrumenten. Dann Arbeiten an den Projekten, die gerade anstehen. Proben, alleine oder mit anderen. Büroarbeit: Emails, Buchhaltung, Website…

Mittagspause.

Tahereh Nourani, Musikerin

Danach wieder zu den Instrumenten, dieses Mal übe ich nicht. Ich jamme mit mir, experimentiere, improvisiere, und schneide mit. Höre mir die Sachen an, reflektiere, und experimentiere weiter, komponiere…

Wenn ich keine Auftritte oder Nachmittagsproben habe, ist gegen 17 oder 18 h meist Feierabend. Entweder radle ich zur Donau, oder spaziere wieder auf einen Hügel hinauf, oder treffe meinen Partner oder Freund*Innen auf einen Drink, Kino oder ein Konzert, schaue mir einen Film oder eine Serie an, alles Mögliche um den Arbeitsmodus abzuschalten, was mir nicht immer gelingt.

Wenn möglich, gehe ich gerne früh ins Bett, lese noch ein bisschen und schlafe mit einer Meditation ein.

Wenn ich ein Konzert spiele, schaut der Tag und der Abend ganz anders aus. Meistens bin ich erst um Mitternacht zu Hause und brauche noch zwei oder drei Stunden bis ich einschlafe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte die Formulierung dieser Frage ändern, bevor ich sie beantworte: Was ist jetzt für mich besonders wichtig? Denn für uns alle möchte ich nicht sprechen (ich bin doch keine Politikerin), da müssten wir zuerst klären, wer „wir“ alle sind, und dann müsste ich noch Alle, die in diesem „wir“ eingeschlossen sind, fragen, um zu wissen was uns Allen wichtig ist.

Mir ist es besonders wichtig, auf gar keinen Fall zurück zu gehen, in das Hamsterrad, in dem ich die letzten 30 Jahre gelebt habe! Ich möchte diese Langsamkeit beibehalten. Längst vor Covid war Gesundheit meine Priorität und es bleibt weiterhin dabei. Gesundheit in einem vielfältigeren einheitlicheren Sinne; wie ich lebe, wie ich mit meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist umgehe, was ich konsumiere, wie ich meine Umgebung, meine Umwelt, meine Mitmenschen behandle, welche Spuren ich hinterlasse.

Und Bildung! Weiter und weiter… Der Moment, in dem ich aufhöre zu wachsen, bin ich tot. Vornehmlich geht es mir darum mich kennenzulernen und dadurch die Welt, die mich umgibt. Ich (wie die Mehrheit der Menschen) wurde von Geburt an in Schubladen gesteckt, diskriminiert und degradiert, bzw. vereinfacht, um zugeordnet werden zu können, damit der Rest der Welt sich auskennt, wer ich bin. Dabei ist wer ich bin so unendlich und undefinierbar wie das Universum in dem ich lebe. Aus diesen Schubladen und diesem Schubladen-Denken möchte ich mich befreien. Und Bildung ist der einzige Weg, immer weiter fragend, forschend, lernend…

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Bob Marley bringt es in seinem Song Exodus auf dem Punkt:

„Open your eyes! Look within! Are you satisfied with the life you ´re living?“

Alles hinterfragen und zwar immer wieder!

Wer bin ich? Was macht mich aus? Warum mache ich, was ich mache? Bin ich glücklich?

Meine Erfahrung ist, die Antworten auf diese Fragen ändern sich stetig. Leben bedeutet Bewegung, Wachsen bedeutet Veränderung. Festhalten an Dingen, an Realitäten, an Wahrheiten, deren Zeit vorbei ist, ist Stillstand und Stillstand ist Tod.

Die Frage nach der Rolle der Kunst und Musik… Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, je nachdem wem und in welchem Kontext sie gestellt wird. Kunst ist der einfachste Weg, Magie im Alltäglichen und Ordinären zu finden. Kunst ist Therapie. Musik ist eine Ausdrucksform, eine unmittelbare Sprache, die nicht missverstanden werden kann, weil sie nicht den Begrenzungen der Sprache unterliegt. Musik ist ein faszinierendes Spiel, bei dem ich mich immer wieder überrasche, über die Möglichkeiten, die sich offenbaren, über die Welten, die ich in mir entdecke. Musik ist Geistesnahrung. Musik ist die Sprache der Quantenphysik. Musik, Kunst brauchen wir zum Überleben! Der einzige Grund, warum vielen das nicht bewusst ist, ist, weil wir in unserer heutigen Welt von Musik und Kunst umgeben sind! Zu fragen wozu Kunst, wäre genauso absurd wie zu fragen wozu frische Luft oder wozu Essen, denn rein physisch würden wir auch mit einer Sauerstoffmaske und Astronautennahrung am Leben bleiben. Die Frage wäre dann, wäre das LEBEN?

Was liest Du derzeit?

Krieg und Affekt von Judith Butler und Just Kids von Patty Smith

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Im Grunde gibt es nur Geist. Aber dieser Geist verkalkt und wird, wenn er verkalkt, Materie. Und wir nehmen in unserer klassischen Vorstellung den Kalk, weil er greifbar ist, ernster als das, was vorher da war, das Noch-nicht-Verkalkte, das geistig lebendige. Es gibt folglich gar nichts seiendes, nichts, was existiert. Es gibt nur Wandel, Veränderung, Operationen, Prozesse. Wir verkennen die Änderung in ihrer primären Bedeutung, wenn wir sie ontologisch beschreiben als: A hat sich mit der Zeit in B verwandelt. Denn es gibt im Grunde weder A noch B noch Zeit, sondern nur die Gestaltveränderung, nur die Metamorphose.

Aus dem Buch „Warum es ums Ganze geht“ von Hans Peter Dürr

Tahereh Nourani, Musikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Tahereh, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tahereh Nourani, Musikerin

Tahereh Nourani

Alle Fotos_Maria Frodl.

27.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Männer können oft nicht die Pappn halten“ Franz Josef Danner, Schauspieler_ Romanjubiläum Malina _ Wien 25.7.2021

Franz Josef Danner_Schauspieler

In Wien lassen mich Gebäude und Stadtarchitektur immer ob ihrer Schönheit wie Entstehungsgeschichte staunen. Ich setze mich oft hin, sehe hinauf und denke, dass da ja eine Idee ihre Umsetzung fand aber viele Menschen beteiligt waren bzw. auch persönlich zurückstecken mussten, weil jemand sagte, „diese Statue am Dach ist es jetzt und ihr kopiert mir diese noch dreimal.“ Ich denke, dass diese Bauwerke, diese immensen Konstrukte, auch eine je eigene menschliche Geschichte zu erzählen haben und genau dies steckt wohl auch im Roman Malina – Wie ist das Gewordensein? Wer bin ich? Was tue ich? Wann, warum, wofür und für wen? Welcher Mensch oder wessen Statue bin ich?

Jeder Bezirk Wiens hat eine eigene architektonische Landschaft. Es ist eine eigene Sprache. Das geht ja von innen und nach außen, greift durch die Zeit und reflektiert dies.

Manchmal wünsche ich mir im Gang durch Wien einen Knopf, den ich drücken könnte und die Menschen der Jahrhunderte erzählen dann über Stein und Werden dieser Stadt. Bis ein Gebäude, eine Statue geschaffen war und der Kaiser kam und sagte „gfallt ma“.

Ein Roman ist immer ein sehr persönliches Werk. Da steckt immer viel Biographie drin. Es ist die eigene Handschrift der inneren Welt, auch ein Stück einer psychoanalytischen Offenbarung.

Die Konstruktion eines Romans, wie eines Bauwerks, ist sehr komplex. Interessant ist etwa, inwieweit die Personen, die im Schreibprozess ihr feedback geben bzw. ja auch im Roman vorkommen, da eine Rolle spielen und ihre Handschrift hinterlassen.

Lesen ist immer auch ein Schritt in die Autorin/den Autor, in die Nähe davon.

Es ist in Malina beeindruckend wie Ingeborg Bachmann gleichsam Emotionen und Leben ganz natürlich, unmittelbar darstellt. Literatur und Leben sind da ganz eng beieinander.

Malina und Ivan haben Schwierigkeiten Dinge entwickeln zu lassen, für sich passieren zu lassen bzw. nur zu unterstützen. Bei beiden geschieht alles aus der Idee der Kontrolle heraus.

Ivan ist nicht oder zu wenig einfühlsam. Er hofft, das richtige Wort wird die Dinge klären und dann ist es erledigt. Das kann mit seinem Beruf zusammenhängen. Für die Frau, die Ich-Erzählerin ist dies natürlich ganz unpassend.

Malina kritisiert die bestimmende Ivan-Variante und macht in Wahrheit dasselbe. Er versucht bei ihr eine Selbstauseinandersetzung anzustoßen aber er kann doch nicht auslassen was die Kontrolle betrifft.

Ivan und Malina sind sehr zwingende Charaktere und lassen die Sensibilität ihr Gegenüber vermissen. Dass sie selbst eine Entscheidung trifft. Beide sind sehr verbissen. Das „tua!“ ist bei beiden markant.

Malina ist ein Ruhepol für sie, eine intellektuelle Stütze. Ich weiß nicht ob sie weiteres von ihm erhofft? Vermutlich Linderung, Besserung?

Sie ist definitiv in einer schwierigen psychologischen Situation, dies ist auch für ihre Freundschaften herausfordernd. Da braucht es psychologische, professionelle Hilfe. Malina hat ja auch die Rolle eines Ersatz-Psychologen, scheint mir.

Die Beziehung zu ihr ist für Malina und Ivan eine klassische Form der Selbstbestätigung. Malina sieht sich selbst in der überlegenem intellektuellen Position, in der er geben kann. Er definiert sich darin und genießt es durchaus, der zu sein, an dem man sich anlehnt, den man um Hilfe, Information, um eine Stütze bittet. Ivan ist sehr zweckorientiert. Alles hat Zweck und Ziel. Die Überlegenheit stützt wohl seine Männlichkeit, seine banalisierte Version davon.

Für Malina und Ivan geht es in der Beziehung zu ihr um Selbstdarstellung, Selbstbeweihräucherung.

Die Telefongespräche mit Ivan sind nutzloses Reden.

Sie hofft, wie so oft, dass Hilfe von außen kommt, dass Ivan dies ist.

In einem guten Gespräch ist das Gegenüber nicht mehr als ein Mikrofon. Da muss nichts rauskommen. Das Aussprechen ist das Wesentliche. Es geht um die Verarbeitung des Sprechenden selbst und daran soll der Gesprächspartner/die Gesprächspartnerin teilnehmen. Allerdings, wenn man selbst als Gegenüber gestresst ist, dann neigt man zu Lösungsvorgaben und nicht dazu jemanden sich selbst entfalten zu lassen.

Aussprechen ist Heilung.

Für das Reden braucht es den richtigen Zeitpunkt mit dem/den richtigen Menschen.

Männer können im Gespräch oft nicht „die Pappn halten“.

Männer neigen sehr schnell dazu zu einer Lösung springen zu wollen. Geh` einmal mit einem Mann einkaufen – „Des, gemma!“ (lacht).

Männer triumphieren mehr als sie wirklich hinkriegen.

Wir neigen viel zu sehr dazu die Welt mit eigenen Augen zu betrachten und damit zu entschlüsseln und vergessen, dass dies kein vernünftiges Miteinander schafft.

Wenn dein eigenes Leben ziemlich „gmaht“ war, hast du wenig Verständnis für das Existieren anderer in Widerständen, in Problemen, Angst, weil das für dich nie existiert hat.

Als Schauspieler ist das ja grundsätzlich ein Thema – wie willst du jemanden spielen, dessen Leben du nicht gelebt hast, der weit entfernt ist? Da beginnt dann das künstlerische Überlegen und Entwickeln. Im realen Leben gibt es das natürlich nicht so methodisch.

Für die Ich-Erzählerin bräuchte es Menschen, die versuchen zu verstehen warum es ihr so geht als gleich eine Lösung zu suchen. Das ist auch 50 Jahre danach ein Thema.

Du kannst verliebt sein und dich damit zerstören.

Wenn es nicht passt in der Liebe, hast Du hoffentlich die Nüchternheit es zu beenden.

Ich kann der Ich-Erzählerin nichts raten. Sie ist nicht ich.

Persönlich ist meine Philosophie, ich möchte so vielen Menschen helfen wie möglich. Aber wenn ich es nicht kann, tue ich es nicht. Wenn ich helfen kann, sehr gerne. Aber wenn es nicht möglich ist, nehme ich nur das emotionale Packerl am Rücken mit. Dann geht es beiden schlecht.

Oft muss man nach- und loslassen. Verbeißen kann gefährlich sein.

Manches Erlebte ist einfach zu eingebrannt. Du kannst nur damit zu leben versuchen, zu lernen zu leben und nicht per se dies zu bewältigen.

Das Fremde, Nicht-Verstandene ist oft das Bedrohliche. Wir sehen das auch in unserer Gesellschaft.

Der Wille zum Verstehen-Wollen des Anderen fehlt oft. Es gibt Besserungen aber die Mühlen mahlen langsam.

Ein Selbstbild zu gewinnen? Das ist Glück. Es ist wie bei Erfolg. Es ist Glück. Wir reden uns da viel anderes ein. Es gibt da keinen Plan.

Die Erfolgreichen sollten aufhören überheblich zu sein.

Conan O`Brien sagte: „Du kannst es schaffen Deinem Traum zu folgen solange du nicht hoffst, dass alles so passiert wie Du es Dir vorstellst“.

Mein Wunsch war schon in der Kindheit etwas zu finden wo es Zuspruch, Anerkennung gibt. Die Bühne, das Schultheater, war dann mit elf, zwölf Jahren so ein Ort für mich, es gab Applaus. Das habe ich im Kopf beibehalten.

Ich habe dann eine Schlosserlehre absolviert. Meine Eltern wollten, dass ich etwas „gscheits“ lern`. Ich finde das auch grundsätzlich gut. Mit der Zeit begann ich dann zu verstehen, dass mein Weg zum Schauspiel der richtige für mich ist und ich ging dann mit einem Freund, wir motivierten uns gegenseitig, nach Berlin auf die Schauspielschule, eine private. Es war alles sehr impulsiv und schnell. Diese private Schauspielschule war katastrophal. Es waren drei Jahre Quälerei in allem. Hunger, leben von „Mehl und Wasser“, Lehrer, die in die Stunde hereinpreschten und schrien „wo ist mein Geld“. Ich habe viel gelernt aber nicht wegen der Schauspielschule. Ich war dann kurz in einem Comedy-Theater und dann ging es zurück nach Oberösterreich und schließlich jetzt Wien. Und es geht weiter, „mal schaun wann ich ankomm`“ (lacht).

Die Liebe war für mich ein trigger – Punkt. Meine Freundin hat mich zum Schauspiel gebracht (lacht). Wir waren im Kennenlernen beide in einer Situation, in der wir sehr glücklich waren, uns jetzt zu haben. Es war sehr fördernd. Unser Weg nach Wien war dann ein beruflicher Neubeginn für uns beide.

Du fängst in der Weltsicht oft an mit dieser absurden Idee – da sind die Guten, die Bösen, die Dummen, die Gscheitn und irgendwann kommst du immer mehr drauf, wir sind nur ein Haufen Affen, die alle versuchen mit ihrer Situation klarzukommen.

Die Wahrheit ist nie simpel.

Alles was du versuchen kannst, ist, der Welt ehrlich gegenüberzustehen.

Wichtig ist, es nicht mit einer leichten Lösung zu dir selbst und der Welt zu versuchen.

Das Nachdenken über Vergangenheit, über das persönliche Gewordensein ist wichtig. Der Roman hat ja da auch seine Mitte.

Ich hatte einmal Schwierigkeiten mit einem Kollegen, eine Distanz zu ihm. Ich habe den Grund dann in meiner Vergangenheit wiedergefunden. Der Kollege war ein trigger für Personen darin, eine Projektionsfläche dafür. So konnte ich es für mich verstehbar machen und diesem Problem begegnen. Ich komme jetzt mit den zwei Personen der Vergangenheit wie dem Kollegen besser klar. Es relativiert sich natürlich auch vieles Erlebte, Empfundene in der Rückschau.

In Wien genieße ich das Spazieren im Blick auf das Schöne dieser Stadt. Ich bin aber auch gerne am Land, vermisse es auch.

Ich komme mit den Menschen der Stadt auch gut klar. Auch die Vielfalt der Menschentypen ist erstaunlich. Ich komme ja vom Land, da kennst du jeden. Hier gibt es jeden Tag neue Begegnungen, extravagant und exzentrisch. Das ist spannend, lustig und auch tragisch.

Das Ende des Romans ist ja offen. Es ist aber die Frage, welche Schlussfolgerungen Malina und Ivan aus dem Verschwinden der Frau ziehen. Wahrscheinlich siegt bei Malina seine Pragmatik und er beendet es innerlich. Oder es gibt weiteren Kontakt, das wäre möglich. Für Ivan ist es einfach vorbei – „aus, da bekomme ich nichts mehr davon“.

Liebe auf den ersten Blick? Jein. Es gibt ein erstes Interesse, Sympathie.

Zu Beginn ist Liebe eine animalische Vernarrtheit.

In der Liebe beginnt der Mensch immer mehr sich selbst im Anderen zu sehen, zu verstehen, anzunehmen, zu lieben.

Literarisch haben mir die Telefongespräche und die Briefe besonders gut im Roman gefallen. Besonders die Szenen am Telefon, das ist sehr treffend und die Briefe haben so eine finale Reflexion. Ich habe den Roman jetzt in der Hörfassung kennengelernt. Da ist auch die Soundkulisse dazu spannend.

Utopien in der Kunst? Ich bin persönlich gespannt was kommt. Und das ist ja anders als man denkt (lacht).

Franz Josef Danner_Schauspieler

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Franz Josef Danner_Schauspieler_Wien _

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien_7_2021.

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„Seinem Herzen folgen“ Nici Phoenix, Schauspielerin_Wien 24.7.2021

Liebe Nici, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders und neu. Mein idealer Tagesablauf sieht in etwa so aus: aufstehen – lesen – 10 Minuten tanzen – schreiben – Sport, Tanz- und Spürtraining – Erledigungen und Bürokram – Schauspiel- und Stimmtraining – Probe, Aufführung oder Film-Shooting – sozialer Austausch – einen Film sehen – schlafen. Wenn ich viel arbeite, freue ich mich dann auch immer über den Leerlauf dazwischen. So wie das Essen besser schmeckt, wenn man Hunger hat.

Nici Phoenix, Schauspielerin, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Seinem Herzen zu folgen. Das zu tun, was für einen selbst das Richtige ist, egal was das Umfeld und die Gesellschaft sagen. Sich von nichts abhalten zu lassen, egal wie sich die äußeren Umstände gerade entfalten. Wenn Dinge unmöglich erscheinen, seine Kreativität und Logik einzuschalten um den nächsten Schritt erkennen zu können. Keine Zeit zu vergeuden mit Jammern über den Ist-Zustand sondern wie ein Detektiv die versteckten Türen und neuen Möglichkeiten aufzuspüren. Vor allem – nicht aufgeben. Fallen, aufstehen, weitergehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ehrlich gesagt, ich hatte schon so viele Aufbrüche und „Neubeginne“ in meinem Leben, dass sich diese Situation nicht so neu anfühlt.  Für mich hat es etwas Schönes, wieder neu zu beginnen. Man steht vor einer weißen Leinwand. Das ist das Wesentliche – sich zu freuen über die neue Leinwand und zu wissen, man kann sich sein Leben und – universaler formuliert – eine neue Schöpfung der Welt malen. Theater, Literatur und Kunst können sich durch einen Aufbruch auch leichter wieder neu erfinden als ohne. Grundsätzlich hat Kunst für mich die Aufgabe Menschen zu berühren, zu erwecken und zu zeigen was alles möglich ist. Im konkreten Fall geht es sicherlich darum, die Isolation in vielen Menschenkörpern wieder aufzuweichen, verschiedene Meinungen als Meinungen zu erkennen anstatt als Wahrheiten und auch zu erkennen was wir alles haben statt was uns alles fehlt und sogar dadurch, dass uns etwas fehlt, man mit Kreativität neue Dinge schaffen kann. Die Vermittlung von mehr Liebe, mehr Geduld und mehr Toleranz finde ich auch sehr wichtig.

Was liest Du derzeit?

„Unbreakable Spirit. Rising above the Impossible” Hrsg. Lisa Nicholson

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Impossible is an opinion.

Alles ist möglich – man muss es nur wissen.

Nici Phoenix, Schauspielerin, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Nici, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Nici Phoenix, Schauspielerin, Schriftstellerin

Fotos_privat.

15.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir müssen uns unbedingt weiterentwickeln“ Joanna Gemma Auguri, Sängerin_ Berlin 24.7.2021

Liebe Joanna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Momentan ist der ganze Fokus auf die Veröffentlichung meines neuen Albums „11“ gerichtet. Im letzten Jahr wurde es eingespielt und kürzlich herausgebracht. Das war für mich ein Rettungsanker durch die Lockdown – Zeit. Ich stehe momentan morgens früh auf, trinke ein großes, warmes Glas Wasser, mache mir dann einen Kaffee und erst mal einen Tagesplan. Was steht an – Emails, Promo und Booking. Im Prinzip ist der Alltag nicht viel anders für mich als Freiberuflerin, nur dass die Live Konzerte und das Live unterrichten weggefallen sind. Den Alltag gibt mir niemand vor, den muss ich selbst strukturieren. Dann geht es mit dem Hund um den Block. Die sonst übliche Yogapraxis ist ein wenig eingebrochen aber ich nehme es, wie es kommt. Da nun das erste Live Konzert ansteht, probe ich viel und versuche wieder mit den Gedanken nach außen zu orientieren. Auszeiten finde ich in meinem kleinen Gärtchen außerhalb der Großstadt.

Joanna Gemma Auguri_Sängerin, Komponistin, Schauspielerin, Kuratorin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht wieder in die alten Verhaltensweisen zu verfallen, wenn es wieder eine „Normalität“ gibt. Ich würde mir wünschen, dass wir etwas achtsamer miteinander und unseren Ressourcen umgehen nach dem großen Einschnitt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Es ist zumindest sehr spürbar, dass die Menschen sich nach Kultur und Musik sehnen. Man möchte sich begegnen und sich darüber austauschen. Zu hoffen wäre auf eine neue Wertschätzung für diese kreativen Arten des Ausdruckes. Die Kunst wird wie eh und je Spiegel der Gesellschaft sein. Auch diese Krise wird sicherlich auf mannigfaltige Art verarbeitet werden.

Ein Aufbruch ist meiner Meinung nach nicht erst mit der Corona Krise gekommen. Wir müssen uns unbedingt weiterentwickeln. Achtsamer sein mit unserer Welt, umdenken, denn die Themen, wie Klimawandel und Ressourcenknappheit sind bereits Realität.

Was liest Du derzeit?

Die Biographie von Lou Reed (Velvet Underground)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Alle denken nur darüber nach, wie man die Menschheit ändern könnte, doch niemand denkt daran, sich selbst zu ändern.

Leo Tolstoi

Vielen Dank für das Interview liebe Joanna, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musik-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Joanna Gemma Auguri_Sängerin, Komponistin, Schauspielerin, Kuratorin

Joanna Gemma Auguri  ist Sängerin, Komponistin, Schauspielerin und Kuratorin, die in Berlin lebt und arbeitet. Weil sie nicht ohne weiteres eine Kirchenorgel tragen konnte, hat sie sich für das Akkordeon entschieden. Ihre slawischen Wurzeln bilden die Grundlage für die düstere Mystik in ihrer Musik. Es sind Melodien, wie dunkle Gewässer und Nebel in der Nacht. Ihre Stimme ist eigen und berührt und ihre Lieder erzählen Geschichten von Schmerz und Hoffnung. Sie setzt sich mit der Zwischenmenschlichkeit in der schnellen Gegenwart auseinander. Die Wurzeln zur traditionellen folkloristischen Musik sind noch da, aber sie nimmt sie und experimentiert damit. Die Live Shows wirken wie ein Ritual und es entsteht ein intensiver Dialog mit dem Publikum. Man könnte die Musik mit den zarteren Alben von Pj Harvey, Spiritual Chants, Tori Amos Stimme und Diamanda Galas Eigensinn in einen Hexenkessel werfen. Die dunkle Chanteuse erzeugt einen unwiderstehlichen Klang, um in der Stille des Moments zwischen Zerbrechlichkeit und Kraft zu versinken.

https:/.joannagemmaauguri.com

https://joannagemmaauguri.bandcamp.com/
https://web.facebook.com/joannagemmaauguri/

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Foto_Andrea Wolf

11.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Roman hat einen Sog und man lebt mit, intensiv“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien 23.7.2021

Ich habe Malina schon in sehr frühen Jahren gelesen und lese es immer wieder. Der Roman fesselt sprachlich wie handlungstechnisch. Er hat einen Sog und man lebt mit, intensiv. Für das Lesen braucht es Zeit.

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin, Performerin
und Wolfgang Kremslehner, Hoteldirektor – im szenischen Romanporträt

Ich bin immer ganz zerstört nach dem Lesen des Romans. Den Effekt hat dieser in 50 Jahren nicht verloren (lacht).

Etwa die Telefongespräche im Roman, diese abgebrochenen Sätze, die so viel Bedeutung tragen. Da kommt im Lesen das eigene Nachdenken darüber. Man liest sich ja immer mit.

Beim Lesen jetzt vor diesem Interview-, Fototermin fiel mir auf, dass die Beziehungen zwischen der Ich-Erzählerin und Malina wie Ivan solche sind, in denen alles ausgesprochen ist. Das ist etwas Schönes. Jeder hat seine Wichtigkeit und seine Position im Gefüge. Es gibt daher keine klassische Eifersucht sondern eine Akzeptanz. So lese ich es derzeit.

Sie finden sich alle drei in einem Gefüge. Ivan fragt einmal: „Wer ist Malina?“ und es bleibt ohne Antwort. Aber es braucht diese Antwort auch nicht.

Die Konstellation mit Ivan und Malina ist aufreibend für die Ich-Erzählerin. Aber es ist lebbar. Das könnte so auch heute sein.

Es geht im Roman um das Leben in Wien, um die Menschen der Stadt, wie gehen wir miteinander um, um das Schreiben, wie sehe ich mich in der Gesellschaft. Die Liebesgeschichte sticht für uns hervor aber es ist so viel mehr drinnen im Roman. 

Wien ist eine meiner Lieblingsstädte. Ich habe hier lange gewohnt und mir auch Straßenzüge ergangen. Ich kann daher das Lesen des Romans auch dahingehend genießen, dieses Mitgehen durch die Straßen. Diese Details, die Geschäfte etwa, die gar nicht mehr da sind aber man sieht sie trotzdem.

Jetzt ist das Kommen nach Wien meist für die literarische Arbeit. Es ist ein Abschnitts-Wien geworden. Bei der Abreise ist immer auch Wehmut dabei aber auch Neugierde auf Neues.

Der Roman unterscheidet sehr klar zwischen Ich, Du und Wir. Es fließt nie zusammen. Es gibt nur Wir-Abschnitte. Das Ich hat wechselnde Zustände. Gut oder schlecht für sich selbst oder für jemand anderen. Es wird immer in mehreren Perspektiven beleuchtet – „Ich fühle mich heute…aber Ivan sagt, so habe ich mich nicht zu fühlen…und deswegen fühle ich mich auch nicht so…“. Es ist ein Spiel mit dem Ich – wer, was ist es? Wie gehe ich mit dem Begriff um?

Bin ich noch da? Wie spüre ich mich? Das sind ganz wesentliche Fragen der Ich-Erzählerin. Es ist eine brüchige aber sehr starke Identität. Denn sie ist ja da.

Es gibt einen Rhythmus von Aufgaben, die sie konstituieren. Kontakte, Telefonate und vor allem das Schreiben als Notwendigkeit. Wie auch die ständige Selbstreflexion, etwa was ihre Träume betrifft.

Belastend sind die Unsicherheiten, wenn Zeit und Raum füreinander nicht gefunden werden können, weil sie von gesellschaftlichen Verpflichtungen belegt sind, die ja auch wichtig sind.

Die Ich-Erzählerin und Ivan müssen sich in der Situation, Ivan hat ja zwei Kinder, arrangieren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Es sind auch die Fragen, welchen Platz sie im Leben Ivans hat. Das ist innerlich fordernd und natürlich auch eine Belastung.

Die Ich-Erzählerin hat eine sehr starke Position. Sie ist eine eigenständige Person und hat sich ihr „Ungargassenland“ geschaffen. Da ist sie Königin. Das ist etwas ganz Wesentliches, den eigenen Raum einzunehmen und auch zu behaupten. Das braucht man zu jeder Zeit als Frau und dies muss man auch machen.

Als Schriftstellerin ist der Roman für mich sehr inspirierend, sprachlich, etwa die vielen Textelemente, besonders auch die Dialoge. Inhaltlich wird so viel ausgesprochen und so viel rundherum angesprochen. Auch das Zusammenfließen der literarischen, inhaltlichen Ebenen ist spannend. Es ist bei jedem Lesen etwas zu entdecken.

In meinem Schreiben komme ich auch von der Lyrik. Für mich sind Sprache und Experiment sehr wichtig. Ich habe einen eigenen Stil entwickelt und versuche aber auch da immer weiterzugehen.

Es ist großartig, wenn sich über Generationen Texte begegnen. Wenn sich Referenzen unbewusst verorten.

Wenn eine spannende Handlung, Poesie und Rhythmus in einem Roman zusammenfließen ist das perfekt für mich.

Inspirationen begegnen immer und überall, vor allem unterwegs, auf Reisen. Ich schätze auch Literaturstipendien sehr. Das ist eine Zeit wo nichts anders wichtig ist sondern nur der Text. Es entsteht da eine ganz andere Intensität im Schreiben. Dazu kommt dann das Rausgehen, der Kontakt zu anderen Künstler*innen, der Austausch und das Füllen mit neuen Erfahrungen. Dieses Wechselspiel ist ganz wichtig.

Für mich sind im Schreiben gesellschaftliche Themen wie Umwelt und Klimawandel wichtig, die immer wieder einfließen.

Zu Wien gibt es starke Bezüge. Hier ist mein Verlag, meine ersten Lesungen, Veröffentlichungen waren hier. Es gab dann weitere wichtige Stationen etwa in Deutschland. Aber Wien begleitet mich natürlich weiterhin.

Das Telefonieren und Warten auf den Anruf im Roman ist auch heute noch aktuell. Ich schreibe selbst hin und wieder auch Briefe und freue mich sehr über Post. Das ist ein Kulturgut, das man sich behalten kann (lacht). Ich schätze auch schönes Briefpapier, handgeschriebene Briefe.

Für mich bleibt das Ende des Romans offen. Es ist eine Art der Auflösung aber wohin es geht, weiß eigentlich nur sie. Das ist auch das Schöne, dass es nur sie und nicht Ivan oder Malina weiß. Man kann es dramatisch sehen aber ich empfinde das nicht so.

Das „es war Mord“ im Roman kann sowohl psychisch wie physisch zu verstehen sein.

Ab und zu koche ich sehr gerne, ich mag es auch sehr gerne, wenn für mich gekocht wird und gehe aber auch wahnsinnig gerne essen. Ich sagte in den Lockdowns, wenn die Restaurants wieder aufsperren, koche ich drei Monate nichts. Und ich habe mich auch daran gehalten (lacht).

Körper und Bewusstsein spielen immer zusammen. Innere Verletzungen zeigen sich auch äußerlich und umgekehrt.

Ivan und Malina erfüllen je ihren Teil. Unterschiedliche Themen kommen zur Sprache. Malina ist ja eine sehr schlaue Person. Sie nimmt da auch sehr viel mit aus den Gesprächen. Ohne den anderen geht es nicht. Dies ist ja auch bei Freundschaften an sich so.

Auf einem fairen Label ist diese Beziehungskonstellation im Roman logisch. Es passt für alle Beteiligten. Und Begegnung ist Inspiration. Unabhängig von Geschlecht, Alter. Es geht darum einen Blick zu öffnen und dies ist auch mit dem Schreiben vergleichbar.

Männer wollen grundsätzlich nicht alles wissen voneinander – „Bitte, rede jetzt über mich!“.

In Beziehungswirklichkeiten heute gibt es oft Extreme. Entweder ganz offen oder ganz geschlossen. Ein Dazwischen fehlt oft.

Dieses Interesse, Mutmaßen, „Tratschen“ über Beziehungen, mögliche Beziehungen, gibt es auch heute noch. Und es bezieht sich auf viele Bereiche.

Es ist bei Ingeborg Bachmann, wie etwa auch bei Friederike Mayröcker, ein Durchdrungensein der Persönlichkeit von Text. Dieses Unterordnen des Menschen in der Kunst ist eine logische Konsequenz.

Beim Schreiben gibt es für mich Tee und Konzentration, Gedichtbände um mich.

Grenzüberschreitungen auf mehreren Ebenen bringen mich wieder ins Gleichgewicht.

Träume sind grundsätzlich spannend, weil es etwas Kollektives ist. Beim Malina Lesen wird mir dies mehr bewusster, präsenter. Ich hatte jetzt in einer Nacht drei Träume und alle waren in der Erinnerung da.

Literarisch sind Träume wunderbar zu nutzen. Sie machen an gewissen Stellen Sinn.

Die Ich-Erzählerin ist im Roman von den Träumen zunächst sehr erschöpft. Es ist eine unangenehme Konfrontation, es ist verstörend. Der Weg sich daraus zu emanzipieren ist sehr hart.

Die Stärkung von Frauen in Texten ist mir wichtig.

Ich möchte in meinem Schreiben auch die Welt so darstellen wie sie sein könnte. Ein Wegkommen von dem Unterwürfigen.

Im Detail eines Textes steckt immer viel Persönliches aber das ist dann schon wieder so verwoben, dass es wieder ganz weit weg ist.

Jeder Text kann Persönliches bei Leser*innen öffnen.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick und liebt der Mensch mit den Orten, Wegen einer Stadt? 2x ja (lacht). Jede Straßenecke hat Erinnerungen, die man mit sich trägt.

Was würdest Du der Ich-Erzählerin sagen? Ich würde ihr einfach einen Telefonhörer in die Hand geben.

Zu Ivan und Malina? Es wird Zeit, dass sich Ivan und Malina begegnen. Wir sollten ihnen eine Botschaft schicken, um sich im Cafè zu treffen (lacht).

Zu Ingeborg Bachmann? Danke für alle Vorreiterrollen, Wege, Inspirationen, die sie geöffnet hat – dem Schreiben, der Literatur und den Frauen.

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin, Performerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Katharina Johanna Ferner – Wikipedia

In der Rolle des Ivan/Malina _ Wolfgang Kremslehner _Hoteldirektor_Kremslehner Hotels_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_6_2021.

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„Literatur erneuert sich ständig“ Mireille Zindel, Schriftstellerin, Zürich 23.7.2021

Liebe Mireille, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ähnlich wie vor Ausbruch der Pandemie, ich arbeite von zu Hause aus. Als im Lockdown die Schulen geschlossen waren, sah es anders aus: plötzlich war ich den ganzen Tag mit den Kindern. Doch noch während man glaubt, vom Schreiben abgehalten zu werden, sammelt man bereits Eindrücke für neue Texte. Alles ist Material, bewusst oder unbewusst. Noch das Unwahrscheinlichste, Kleinste, kann zum Impuls für eine Geschichte werden.

Mireille Zindel, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das humane Miteinander, wie immer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich bin mir nicht sicher, ob wir vor einem Neubeginn stehen. Es wird eine Rückkehr zu alten Mustern und Gewohnheiten geben, die sind sehr resistent. Literatur erneuert sich ständig, auch unabhängig von äußeren Umständen, insofern sehe ich keine neue Rolle auf sie zukommen. Literatur und Kunst waren schon immer Mittel, Dinge zu verarbeiten. Dazu braucht es aber den Faktor Zeit.

Was liest Du derzeit?

Verschiedenes.

Um drei Titel aus meinem Bücherturm hervorzuheben:

Nicolas Bouvier, Le Poisson-Scorpion. Der Text handelt von Bouviers Halluzinationen auf Sri Lanka. Bouvier (1929-1998) war ein Schweizer Schriftsteller, Reiseautor, Fotograf und Journalist. Leider viel zu wenig bekannt.

Michel Houellebecq, Extension du domaine de la lutte, das ich für sein bestes Werk halte.

T. S. Eliot, Four Quartets, sein später Gedichtzyklus.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

At the still point of the turning world. (T. S. Eliot, Four Quartets.)

Mireille Zindel, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Mireille, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Mireille Zindel, Schriftstellerin

Mireille Zindel

Alle Fotos_privat.

24.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Mein Lieblingstier heißt Winter“ Ferdinand Schmalz. Roman. S.Fischer Verlag.

Da ist der Vergnügungspark. Tyrannosaurus und Vogelbeckensaurier im erstarrten Kampf. Hier ist alles mehr tot als lebendig. Mittendrin Harald und Norbert an der Reinigungsarbeit. Dabei die Chefin, Frau Schimmelteufel…

Und dort ist Herr Schlicht am Weg mit den Lebensmitteltiefkühltransporter. Ein Ziel ist Herr Doktor Schauer. Immer mittwochs, gekühltes Rehragout. Doch dann nimmt es plötzlich eine Wendung. Denn Herr Schauer hat einen Plan und die Welt des Herrn Schlicht wird nun zum Karussell zwischen Kühlschrank und Reh, Leben und Tod…

„Und glaubt erst noch, dass das ein Traum, ein böser Traum, der bald schon wieder wie weggeblasen…“

Ferdinand Schmalz, Bachmannpreisträger 2017, legt mit „Mein Lieblingstier heißt Winter“ seinen ersten Roman vor, der in großartiger Sprachkraft wie inhaltlicher Raffinesse und Reflexion begeistert. Es ist eine abgründige Wortreise in einzigartiger Poesie und Rhythmik zu Menschen und ihren stummen Lebensverhältnissen, die in ihrem tagtäglichen Funktionieren immer auch am endgültigen Sprung in das Nichts stehen. Der Schriftsteller und Dramatiker schafft es mit sprachlicher Wucht kritische Denkräume der Gegenwart zu öffnen, die moderne Einsamkeit und Isolation wie das Sterben inmitten von dichtem gesellschaftlichen Leben thematisieren.

Ferdinand Schmalz_vor der Lesung _ Bachmannpreis 2017

Der Bachmannpreisträger Ferdinand Schmalz öffnet mit seinem Roman neue sprachliche wie inhaltliche Türen. Faszinierend wie sich hier Sprache in Experiment und Sinn mit Handlung in Rasanz und Überraschung verbinden und bis zum Finale fesseln.  

„Ein Roman, der Mensch, Welt und Abgrund fulminant wie tiefsinnig zur Sprache bringt“

Walter Pobaschnig 7_21

Foto_Walter Pobaschnig _ Klagenfurt 2017.

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„Die Kunst wird wissen, was zu tun ist“ Michael Rudigier, Schauspieler_Innsbruck 22.7.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ziemlich geregelt kann ich zum Glück behaupten. Nach der langen (ich nenne es jetzt einfach mal) „Pause“ habe ich Mitte Juni dieses Jahres das erste Stück geprobt und abspielen dürfen.
Und ich muss sagen: ES WAR SO MEGA SCHÖN!!

Michael Rudigier, Schauspieler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das Weitermachen.
Aber: Das Gewesene nicht vergessen.
Und: Das Wiedererlangte umso mehr zu schätzen wissen.

Im besten Fall etwas daraus lernen. Was auch immer das für den/die Einzelne sein mag.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich persönlich habe mir vorgenommen, ein wenig mehr zu reflektieren. Nicht alles als gegeben, als zu selbstverständlich hinzunehmen.
Wenn man es positiv formulieren möchte: Endlich (wirklich) beginnen das Jetzt und Hier anzunehmen und vor allem, wenn möglich auch zu genießen.

Und was die Kunst betrifft, werden wir sehen was passiert. Denn die Kunst wird wissen, was zu tun ist. Alle anderen müssen sie nur lassen.

Was liest Du derzeit?

„Candide oder der Optimismus“ von Voltaire
und
„Keiner von euch“ von Felix Mitterer

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auch das geht vorbei – Thomas Brezina

Michael Rudigier, Schauspieler

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Bitte gerne.

5 Fragen an Künstler*innen:

Michael Rudigier, Schauspieler

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Alle Fotos_Dino Bossnini

21.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Todesarten Bachmanns sind unverändert“ Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 22.7.2021

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

Ich schätze historische Gebäude, Gärten und die ganz individuelle Geschichte darin. Da ist vergangenes Leben zu sehen, spüren. Wien ist da eine ganz  besondere Stadt, um sich von Architektur, Kunst, und hier Literatur, begeistern zu lassen. Der Roman Malina ist ein Weg durch Wien.

Die Ungargasse ist mir bekannt, weil ich in der Nähe gewohnt habe. Den Romanschauplatz selbst kannte ich nicht.

Es gleicht in manchen einer Bühne im Licht hier und dann wieder verschwindet alles im alltäglichen Leben einer Stadt. Ein idealer Romanschauplatz (lacht). Erstaunlich ist auch die Ruhe. Von der Straßenbahn, dem Verkehr ist im Innenhof nichts zu hören.

Ich bin in Osttirol aufgewachsen. Als ich mich vor 8 Jahren entschlossen habe, Schauspiel zu studieren, bin ich in die Buchhandlung vor Ort gegangen und im Gespräch dann, wurde mir der Roman Malina empfohlen. Es war also mein Einstiegsbuch für den beruflichen Weg zum Theater. Mit dem Besuch hier rundet sich ein Kreis für mich und ich bin gespannt wie es weiterführt.

Familie, Herkunft ist immer der Boden. Wenn ich in Osttirol bin, drücke ich auf Pause. Da ist egal wie ich ausschaue, was ich mache, wer ich bin. In Wien drücke ich wieder auf play (lacht). Gerade auch im Beruf als Schauspielerin ist es wichtig, sich selbst wieder zu spüren „Ich bin die Lisa“, das spüre ich in Osttirol am Besten.

Wien hat mir so viel eröffnet. Die Stadt hat mir so viele magische Momente geschenkt. Ich bin dafür sehr dankbar.

Der Roman erinnert mich immer wieder an das Beginnen wie das Leben als Künstlerin in einer Stadt, all die Wege, Fragen, das Helle und das Dunkle. Das Bleiben, Weitergehen am Weg, auch das Schwierige. Die Schonungslosigkeit des Romans hat auch etwas Mutmachendes. Da ist viel Gelebtes zu spüren, als Künstlerin und Frau, und auch der Wille zur Weitergabe dessen. Da ist sehr viel Liebe für Kunst und Leben drin. Ganz offen und ganz echt, pur.

Ich wurde so oft gefragt, warum ich Schauspielerin werden wollte. Eine Antwort gibt es nicht. Ich weiß nur wie das Gefühl ist, wenn ich nicht auf der Bühne stehen kann. Das ist wie Liebeskummer und du tust alles, um wieder hinzukommen. Es ist wie im Roman (lacht).

Die Frau steht im Roman nicht zwischen zwei Männern. Ivan ist ihre Liebe. Diese Entscheidung ist klar. Malina ist eine andere Form der Liebe, vielleicht der Freundschaft.

Heute können Frauen wie Männer offener über verschiedene Beziehungswirklichkeiten, Liebesmodelle sprechen. Gelebt wurde es immer schon von beiden. Vor 50 Jahren war es natürlich gesellschaftlich akzeptierter bei Männern.

Das Selbstbewusstsein der Frau hat sich verändert. Zwischen Herd und Schlafzimmer hat sie ins Wohnzimmer, in ihr Lebenszimmer gefunden. Und ist dabei sich da einzurichten. Es war und ist ein Prozess.

In der Liebe gibt es die Sehnsucht nach Sicherheit und jene nach Rätsel, Aufregung. Im besten Fall ist es zu verbinden. Eine andere Variante zeigt der Roman (lacht).

Ivan bringt die Frau zur Verzweiflung. Das kann nur ein Mensch, der etwas auslöst, los- und auch auflöst. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis, ein schmerzvoller.

Eine Affäre ist eine Wiederholung. Es hat etwas Rituelles, Kaltes. Der Fluchtpunkt ist immer das, wo ich herkomme. Ich kann mir nicht selbst entkommen. In niemanden.

Sie trifft keine Entscheidung für Ivan oder Malina am Ende. Sie trifft die Entscheidung für sich. Für ein Ende und einen Beginn. Es ist ein abruptes Abbrechen, das ist verständlich.

Auch die moderne Frau stirbt noch an demselben als vor 50 Jahren. Tod ist immer Tod. Die Todesarten Bachmanns sind unverändert. Der Kampf ist anders geworden. Die Niederlagen sind immer dieselben.

Ivan wohnt ja im Roman 100 Meter entfernt. Trotzdem ist es eine Fernbeziehung, mit Blick hinüber, aus dem Fenster.

Eine Affäre ist keine Beziehung. Wenn eine Affäre öffentlich gelebt wird, ist es immer mehr als eine Affäre. Dann will es mehr, unbewusst.

Vertrauen, Unternehmungen, gemeinsame Ziele und Humor wie auch Diskussionsthemen, das ist Liebe. Einfach, wenn dir nichts gemeinsam zu blöd ist (lacht).

In einer Liebe als Kapsel verliert sich der Mensch. Mensch und Liebe brauchen das Außen wie das Innen. Und Liebe will Zukunft, nicht den Untergang. Das Fortgehen, wie am Ende des Romans, das Verschwinden, das ist ja Zukunft.

Man muss sich ohne Beziehungspartner definieren können. Wie weit man nun dabei zu gehen bereit sein kann, davon erzählt der Roman. Dieses Herausschälen aus Welt, Liebe, Herkunft zum Ich, zum Kern. Ingeborg Bachmann ist da ganz radikal. Sie will an den Grund kommen.

Freiheit, das sind Träume, die ich verwirklichen kann. Dass ich Dinge, die ich will, tun kann. Aber das ist gerade im Kunstbereich nicht immer möglich. Ich fühle mich selten frei.

Unser Beruf des Schauspiels ist eine sehr schön wie herausfordernde Liebe.

Der Blick in eigene Emotionen ist ein Grundstein des Schauspiels. Es ist eine Expedition. Ein Erforschen.

Es ist nicht einfach, ganz tief in sich reinzuschauen. Und nicht jede/jeder will das. Aber wenn man im Schauspiel zu einer Rolle hin will, dann muss man sich selbst von Innen nach Außen rausgraben. Es gelingt nicht immer. Oft macht man zu. Aber man muss daran arbeiten.

Es geht im Schauspiel um die Wahrheit einer Rolle. Um nichts anders. Was hat diese zu sagen, zu fragen.

Ich habe keine Lieblingsrolle, die ich spielen will. Ich wünsche mir nur weiterhin ein breites Spektrum kennenlernen zu dürfen.

Ich schreibe selbst auch. Über Lebenssituationen, Gefühle, Träume. Es sind Texte, Gedichte. Es kommt aus dem tiefsten Inneren. Viel liegt da Zuhause (lacht).

Die Wahrheit wird uns Menschen selten zugetraut. Bachmann traf das auf den Punkt.

Männer haben in der Liebe Luft nach oben (lacht). Man kann Geschichte, Tradition nicht wegzaubern.

Wenn Zuvorkommenheit, Freude, die Schönheit eines Rituals in der Liebe zur Erwartungshaltung des Anderen, zu Alltag wird, dann sind wir wieder in dieser patriarchalen Tradition der gebügelten Hose angelangt.

Ingeborg Bachmann ist immer aktuell. Das wird auch in 100 Jahren so sein.

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Lisa-Marie Bachlechner _Schauspielerin_Wien _

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Ungargasse _Mercure Grand Hotel Biedermeier_Wien_10_2020.

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„Solidarität braucht die Kraft der Vorstellung und des Mit-Fühlens“ Minna Antova, Bildende Künstlerin_Wien 21.7.2021

Liebe Minna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Heute: Aufstehen, barfuß im Garten, mit dem Duft reifender Marillen den anbrechenden Tag in sich aufnehmen, ausgiebig und lesend frühstücken. Oder aber auch ganz anders…

Minna Antova _ Bildende Künstlerin _ Wien

Jedenfalls danach im Atelier am Thema arbeiten, an dem ich die letzten Jahre forsche: Haut#berühren. Im vergangenen Jahr ist noch „berühre mich nicht“ dazu gekommen: In SKIN#touching//NOLI ME TANGERE „schreibe“ ich mit dem Körper mittels Abdrucken meiner Haut. Von dem Innen des dreidimensionalen Körpers, über die Berührung des transparenten Papiers, zu einem eindimensionalen Bild-Zeichen: Abdrucke von Haut-Fragmenten, mit dem Körper „geschrieben“, überzeichnet mit Bleistiftzeichnungen von Übergangs-Objekten, Lebens-Entwürfen und -entwicklungen. Die Haut wird erobert, bewohnt, dekoriert, die Haut als Metapher spricht/schreibt Narrative zur Diversität, ist fragil und mächtig, kraftvoll und ohnmächtig, geprägt… Haut/Körper – Ort von Lust und Schmerz, Ort der Nähe und ent-Fernung, der Liebe und des Abschieds, Ort der Erinnerung.

Berühren um an-zukommen: der Versuch sich zu erinnern. Die Hand berührt das Gedächtnis. Haut ist auch Grenze von Innen zum Außen .  Es gibt aber keine Grenze bis zu der ich mich ausbreite. Immer verwebe ich mich mit jemand Anderen – auch Abwesenden.

Nachmittags im Austausch mit interessierten Besucher*innen: Ein Teil der Arbeiten sind als Installationen bis 10. August in BKI Haus Wittgenstein ausgestellt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht in Polaritäten denken – sich im dialogischen Verständnis üben, zuhören möglich machen: wenn ich auch differenten Meinungen zuhöre, besteht keine Gefahr darin zu „ertrinken“, mich zu „verlieren“. 

Achtsam sein für das Innen – Außen: des eigenen Körpers, des Mit-Einanders..

Neugierig werden/bleiben, Freude zulassen und atmen, Kunst und Musik zulassen und atmen – darin atmen wir Sternenstaub!

In der Isolation aufgekommene „verstummende Zeit“ wahrnehmen, – wie im Gedicht von Boris Pasternak:

И дольше века длится день

И не кончается объятье.

Und länger als Jahrhundert dauert der Tag

Und die Umarmung endet nie.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Kunst an sich zu?

Kunst und Menschen begegnen sich wahrhaftig im fühlbaren Leben. In einem schöpferischen Prozess sein, bedeutet auch das Wahrnehmen des Ist-Zustandes der Welt, daraus schöpfen, im Werk dieses Wahrnehmen immer wieder neu erschaffen, in Polemik mit der Welt intensiven blitzartigen Austausch von Ideen zu üben, dann das Eintauchen, das Erforschen, Künstler*innen müssen in der Lage sein sich überraschen zu lassen, ein loses Element zu bleiben, die Flugbahn nicht zu kennen, wohin sie als nächstes gehen wird – dann kommen sie an.  Vielleicht materialisieren Künstler*innen die Räume zwischen den Dingen? Vielleicht ist der transzendentale Zugang des Schöpferischen eine Wegbiegung, die vom Paradoxon der „kollektiven Vereinzelung“ zum Verständnis, ja zum möglichen solidarischen Handeln miteinander und mit der (Um)Welt führt? Solidarität braucht die Kraft der Vorstellung und des Mit-Fühlens.

Was liest Du derzeit?

Einiges und durcheinander!

Hineinversetzen in fremdes Denken, andere Zeiten und deren Be/Deutungen,  ist für mich ein guter Weg, einen klaren Blick auf Aktualitäten zu richten: „Vita activa“ von Hannah Arendt; Das Versprechen  von Catherine Clement und Julia Kristeva; Die unzensurierte „Gesamtausgabe der Werke von Arkadi und Boris Strugatzki“; „Mutter und die Musik: Autobiographische Prosa“ von Marina Zwetajewa;  „So wie das Leben meiner Haut/Entwurf einer Ontologie der Berührung“: die Dissertation der Philosophin Elisabeth Schäfer..

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nachdenken.“ – Hannah Arendt

..und mit Augenzwinkern:

„Montag beginnt am Samstag“ – Titel eines satirischen Science-Fiction-Romans zu totalitär-sowjetisches Wissenschafts-Verständnis von Arkadi und Boris Strugazki

Vielen Dank für das Interview liebe Minna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Minna Antova _ Bildende Künstlerin

Minna Antova: News

Alle Fotos_Minna Antova

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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