„Solidarität braucht die Kraft der Vorstellung und des Mit-Fühlens“ Minna Antova, Bildende Künstlerin_Wien 21.7.2021

Liebe Minna, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Heute: Aufstehen, barfuß im Garten, mit dem Duft reifender Marillen den anbrechenden Tag in sich aufnehmen, ausgiebig und lesend frühstücken. Oder aber auch ganz anders…

Minna Antova _ Bildende Künstlerin _ Wien

Jedenfalls danach im Atelier am Thema arbeiten, an dem ich die letzten Jahre forsche: Haut#berühren. Im vergangenen Jahr ist noch „berühre mich nicht“ dazu gekommen: In SKIN#touching//NOLI ME TANGERE „schreibe“ ich mit dem Körper mittels Abdrucken meiner Haut. Von dem Innen des dreidimensionalen Körpers, über die Berührung des transparenten Papiers, zu einem eindimensionalen Bild-Zeichen: Abdrucke von Haut-Fragmenten, mit dem Körper „geschrieben“, überzeichnet mit Bleistiftzeichnungen von Übergangs-Objekten, Lebens-Entwürfen und -entwicklungen. Die Haut wird erobert, bewohnt, dekoriert, die Haut als Metapher spricht/schreibt Narrative zur Diversität, ist fragil und mächtig, kraftvoll und ohnmächtig, geprägt… Haut/Körper – Ort von Lust und Schmerz, Ort der Nähe und ent-Fernung, der Liebe und des Abschieds, Ort der Erinnerung.

Berühren um an-zukommen: der Versuch sich zu erinnern. Die Hand berührt das Gedächtnis. Haut ist auch Grenze von Innen zum Außen .  Es gibt aber keine Grenze bis zu der ich mich ausbreite. Immer verwebe ich mich mit jemand Anderen – auch Abwesenden.

Nachmittags im Austausch mit interessierten Besucher*innen: Ein Teil der Arbeiten sind als Installationen bis 10. August in BKI Haus Wittgenstein ausgestellt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht in Polaritäten denken – sich im dialogischen Verständnis üben, zuhören möglich machen: wenn ich auch differenten Meinungen zuhöre, besteht keine Gefahr darin zu „ertrinken“, mich zu „verlieren“. 

Achtsam sein für das Innen – Außen: des eigenen Körpers, des Mit-Einanders..

Neugierig werden/bleiben, Freude zulassen und atmen, Kunst und Musik zulassen und atmen – darin atmen wir Sternenstaub!

In der Isolation aufgekommene „verstummende Zeit“ wahrnehmen, – wie im Gedicht von Boris Pasternak:

И дольше века длится день

И не кончается объятье.

Und länger als Jahrhundert dauert der Tag

Und die Umarmung endet nie.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt der Kunst an sich zu?

Kunst und Menschen begegnen sich wahrhaftig im fühlbaren Leben. In einem schöpferischen Prozess sein, bedeutet auch das Wahrnehmen des Ist-Zustandes der Welt, daraus schöpfen, im Werk dieses Wahrnehmen immer wieder neu erschaffen, in Polemik mit der Welt intensiven blitzartigen Austausch von Ideen zu üben, dann das Eintauchen, das Erforschen, Künstler*innen müssen in der Lage sein sich überraschen zu lassen, ein loses Element zu bleiben, die Flugbahn nicht zu kennen, wohin sie als nächstes gehen wird – dann kommen sie an.  Vielleicht materialisieren Künstler*innen die Räume zwischen den Dingen? Vielleicht ist der transzendentale Zugang des Schöpferischen eine Wegbiegung, die vom Paradoxon der „kollektiven Vereinzelung“ zum Verständnis, ja zum möglichen solidarischen Handeln miteinander und mit der (Um)Welt führt? Solidarität braucht die Kraft der Vorstellung und des Mit-Fühlens.

Was liest Du derzeit?

Einiges und durcheinander!

Hineinversetzen in fremdes Denken, andere Zeiten und deren Be/Deutungen,  ist für mich ein guter Weg, einen klaren Blick auf Aktualitäten zu richten: „Vita activa“ von Hannah Arendt; Das Versprechen  von Catherine Clement und Julia Kristeva; Die unzensurierte „Gesamtausgabe der Werke von Arkadi und Boris Strugatzki“; „Mutter und die Musik: Autobiographische Prosa“ von Marina Zwetajewa;  „So wie das Leben meiner Haut/Entwurf einer Ontologie der Berührung“: die Dissertation der Philosophin Elisabeth Schäfer..

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Alles Denken ist Nachdenken, der Sache nachdenken.“ – Hannah Arendt

..und mit Augenzwinkern:

„Montag beginnt am Samstag“ – Titel eines satirischen Science-Fiction-Romans zu totalitär-sowjetisches Wissenschafts-Verständnis von Arkadi und Boris Strugazki

Vielen Dank für das Interview liebe Minna, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Minna Antova _ Bildende Künstlerin

Minna Antova: News

Alle Fotos_Minna Antova

18.7.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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