„Die Todesarten Bachmanns sind unverändert“ Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin_ Romanjubiläum Malina_Wien 22.7.2021

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

Ich schätze historische Gebäude, Gärten und die ganz individuelle Geschichte darin. Da ist vergangenes Leben zu sehen, spüren. Wien ist da eine ganz  besondere Stadt, um sich von Architektur, Kunst, und hier Literatur, begeistern zu lassen. Der Roman Malina ist ein Weg durch Wien.

Die Ungargasse ist mir bekannt, weil ich in der Nähe gewohnt habe. Den Romanschauplatz selbst kannte ich nicht.

Es gleicht in manchen einer Bühne im Licht hier und dann wieder verschwindet alles im alltäglichen Leben einer Stadt. Ein idealer Romanschauplatz (lacht). Erstaunlich ist auch die Ruhe. Von der Straßenbahn, dem Verkehr ist im Innenhof nichts zu hören.

Ich bin in Osttirol aufgewachsen. Als ich mich vor 8 Jahren entschlossen habe, Schauspiel zu studieren, bin ich in die Buchhandlung vor Ort gegangen und im Gespräch dann, wurde mir der Roman Malina empfohlen. Es war also mein Einstiegsbuch für den beruflichen Weg zum Theater. Mit dem Besuch hier rundet sich ein Kreis für mich und ich bin gespannt wie es weiterführt.

Familie, Herkunft ist immer der Boden. Wenn ich in Osttirol bin, drücke ich auf Pause. Da ist egal wie ich ausschaue, was ich mache, wer ich bin. In Wien drücke ich wieder auf play (lacht). Gerade auch im Beruf als Schauspielerin ist es wichtig, sich selbst wieder zu spüren „Ich bin die Lisa“, das spüre ich in Osttirol am Besten.

Wien hat mir so viel eröffnet. Die Stadt hat mir so viele magische Momente geschenkt. Ich bin dafür sehr dankbar.

Der Roman erinnert mich immer wieder an das Beginnen wie das Leben als Künstlerin in einer Stadt, all die Wege, Fragen, das Helle und das Dunkle. Das Bleiben, Weitergehen am Weg, auch das Schwierige. Die Schonungslosigkeit des Romans hat auch etwas Mutmachendes. Da ist viel Gelebtes zu spüren, als Künstlerin und Frau, und auch der Wille zur Weitergabe dessen. Da ist sehr viel Liebe für Kunst und Leben drin. Ganz offen und ganz echt, pur.

Ich wurde so oft gefragt, warum ich Schauspielerin werden wollte. Eine Antwort gibt es nicht. Ich weiß nur wie das Gefühl ist, wenn ich nicht auf der Bühne stehen kann. Das ist wie Liebeskummer und du tust alles, um wieder hinzukommen. Es ist wie im Roman (lacht).

Die Frau steht im Roman nicht zwischen zwei Männern. Ivan ist ihre Liebe. Diese Entscheidung ist klar. Malina ist eine andere Form der Liebe, vielleicht der Freundschaft.

Heute können Frauen wie Männer offener über verschiedene Beziehungswirklichkeiten, Liebesmodelle sprechen. Gelebt wurde es immer schon von beiden. Vor 50 Jahren war es natürlich gesellschaftlich akzeptierter bei Männern.

Das Selbstbewusstsein der Frau hat sich verändert. Zwischen Herd und Schlafzimmer hat sie ins Wohnzimmer, in ihr Lebenszimmer gefunden. Und ist dabei sich da einzurichten. Es war und ist ein Prozess.

In der Liebe gibt es die Sehnsucht nach Sicherheit und jene nach Rätsel, Aufregung. Im besten Fall ist es zu verbinden. Eine andere Variante zeigt der Roman (lacht).

Ivan bringt die Frau zur Verzweiflung. Das kann nur ein Mensch, der etwas auslöst, los- und auch auflöst. Es ist ein Weg der Selbsterkenntnis, ein schmerzvoller.

Eine Affäre ist eine Wiederholung. Es hat etwas Rituelles, Kaltes. Der Fluchtpunkt ist immer das, wo ich herkomme. Ich kann mir nicht selbst entkommen. In niemanden.

Sie trifft keine Entscheidung für Ivan oder Malina am Ende. Sie trifft die Entscheidung für sich. Für ein Ende und einen Beginn. Es ist ein abruptes Abbrechen, das ist verständlich.

Auch die moderne Frau stirbt noch an demselben als vor 50 Jahren. Tod ist immer Tod. Die Todesarten Bachmanns sind unverändert. Der Kampf ist anders geworden. Die Niederlagen sind immer dieselben.

Ivan wohnt ja im Roman 100 Meter entfernt. Trotzdem ist es eine Fernbeziehung, mit Blick hinüber, aus dem Fenster.

Eine Affäre ist keine Beziehung. Wenn eine Affäre öffentlich gelebt wird, ist es immer mehr als eine Affäre. Dann will es mehr, unbewusst.

Vertrauen, Unternehmungen, gemeinsame Ziele und Humor wie auch Diskussionsthemen, das ist Liebe. Einfach, wenn dir nichts gemeinsam zu blöd ist (lacht).

In einer Liebe als Kapsel verliert sich der Mensch. Mensch und Liebe brauchen das Außen wie das Innen. Und Liebe will Zukunft, nicht den Untergang. Das Fortgehen, wie am Ende des Romans, das Verschwinden, das ist ja Zukunft.

Man muss sich ohne Beziehungspartner definieren können. Wie weit man nun dabei zu gehen bereit sein kann, davon erzählt der Roman. Dieses Herausschälen aus Welt, Liebe, Herkunft zum Ich, zum Kern. Ingeborg Bachmann ist da ganz radikal. Sie will an den Grund kommen.

Freiheit, das sind Träume, die ich verwirklichen kann. Dass ich Dinge, die ich will, tun kann. Aber das ist gerade im Kunstbereich nicht immer möglich. Ich fühle mich selten frei.

Unser Beruf des Schauspiels ist eine sehr schön wie herausfordernde Liebe.

Der Blick in eigene Emotionen ist ein Grundstein des Schauspiels. Es ist eine Expedition. Ein Erforschen.

Es ist nicht einfach, ganz tief in sich reinzuschauen. Und nicht jede/jeder will das. Aber wenn man im Schauspiel zu einer Rolle hin will, dann muss man sich selbst von Innen nach Außen rausgraben. Es gelingt nicht immer. Oft macht man zu. Aber man muss daran arbeiten.

Es geht im Schauspiel um die Wahrheit einer Rolle. Um nichts anders. Was hat diese zu sagen, zu fragen.

Ich habe keine Lieblingsrolle, die ich spielen will. Ich wünsche mir nur weiterhin ein breites Spektrum kennenlernen zu dürfen.

Ich schreibe selbst auch. Über Lebenssituationen, Gefühle, Träume. Es sind Texte, Gedichte. Es kommt aus dem tiefsten Inneren. Viel liegt da Zuhause (lacht).

Die Wahrheit wird uns Menschen selten zugetraut. Bachmann traf das auf den Punkt.

Männer haben in der Liebe Luft nach oben (lacht). Man kann Geschichte, Tradition nicht wegzaubern.

Wenn Zuvorkommenheit, Freude, die Schönheit eines Rituals in der Liebe zur Erwartungshaltung des Anderen, zu Alltag wird, dann sind wir wieder in dieser patriarchalen Tradition der gebügelten Hose angelangt.

Ingeborg Bachmann ist immer aktuell. Das wird auch in 100 Jahren so sein.

Lisa-Marie Bachlechner, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und Fotoporträt:

Lisa-Marie Bachlechner _Schauspielerin_Wien _

Station bei Ingeborg Bachmann_Romanschauplatz_Malina.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Ungargasse _Mercure Grand Hotel Biedermeier_Wien_10_2020.

https://literaturoutdoors.com

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