„Musik ist eine unmittelbare Sprache“ Tahereh Nourani, Musikerin_ Wien 25.7.2021

Liebe Tahereh, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Unterschiedlich, je nachdem wie viel und was für eine Arbeit ansteht.

Fix ist meine Morgenroutine, die mir seit etwa 10 Jahren Halt und Stabilität gibt in einem Leben, das sich anfühlt wie ein andauernder Seiltanz.

Ich liebe es mit Sonnenaufgang aufzuwachen und mit Sonnenuntergang zur Ruhe zu kommen.

Ich wache früh auf.

Kaffee!! Meditation… Morning Pages schreiben, nachdenken, Yoga, lesen, noch mehr nachdenken, zeichnen mit Tinte auf Papier oder mit Henna auf meinen Händen und Füßen, Frühstück, weiter schreiben, weiter nachdenken, lesen…

Das alles entweder vor meinem Fenster zum Innenhof mit Blick über zwei wunderschöne prachtvolle Bäume und den Sonnenaufgang, oder ich spaziere auf irgendeinen Hügel, zum Baumkreis oder den Steinhofgründen.

Um ca. halb 10 fange ich an zu arbeiten.

Es gibt langsame und schnelle Tage. Ein langsamer Arbeitstag (ohne dringende Deadlines, Soundcheck oder Konzert am Abend) schaut so aus:

Meine Übe-Routine auf meinen Instrumenten. Dann Arbeiten an den Projekten, die gerade anstehen. Proben, alleine oder mit anderen. Büroarbeit: Emails, Buchhaltung, Website…

Mittagspause.

Tahereh Nourani, Musikerin

Danach wieder zu den Instrumenten, dieses Mal übe ich nicht. Ich jamme mit mir, experimentiere, improvisiere, und schneide mit. Höre mir die Sachen an, reflektiere, und experimentiere weiter, komponiere…

Wenn ich keine Auftritte oder Nachmittagsproben habe, ist gegen 17 oder 18 h meist Feierabend. Entweder radle ich zur Donau, oder spaziere wieder auf einen Hügel hinauf, oder treffe meinen Partner oder Freund*Innen auf einen Drink, Kino oder ein Konzert, schaue mir einen Film oder eine Serie an, alles Mögliche um den Arbeitsmodus abzuschalten, was mir nicht immer gelingt.

Wenn möglich, gehe ich gerne früh ins Bett, lese noch ein bisschen und schlafe mit einer Meditation ein.

Wenn ich ein Konzert spiele, schaut der Tag und der Abend ganz anders aus. Meistens bin ich erst um Mitternacht zu Hause und brauche noch zwei oder drei Stunden bis ich einschlafe.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich möchte die Formulierung dieser Frage ändern, bevor ich sie beantworte: Was ist jetzt für mich besonders wichtig? Denn für uns alle möchte ich nicht sprechen (ich bin doch keine Politikerin), da müssten wir zuerst klären, wer „wir“ alle sind, und dann müsste ich noch Alle, die in diesem „wir“ eingeschlossen sind, fragen, um zu wissen was uns Allen wichtig ist.

Mir ist es besonders wichtig, auf gar keinen Fall zurück zu gehen, in das Hamsterrad, in dem ich die letzten 30 Jahre gelebt habe! Ich möchte diese Langsamkeit beibehalten. Längst vor Covid war Gesundheit meine Priorität und es bleibt weiterhin dabei. Gesundheit in einem vielfältigeren einheitlicheren Sinne; wie ich lebe, wie ich mit meinem Körper, meiner Seele und meinem Geist umgehe, was ich konsumiere, wie ich meine Umgebung, meine Umwelt, meine Mitmenschen behandle, welche Spuren ich hinterlasse.

Und Bildung! Weiter und weiter… Der Moment, in dem ich aufhöre zu wachsen, bin ich tot. Vornehmlich geht es mir darum mich kennenzulernen und dadurch die Welt, die mich umgibt. Ich (wie die Mehrheit der Menschen) wurde von Geburt an in Schubladen gesteckt, diskriminiert und degradiert, bzw. vereinfacht, um zugeordnet werden zu können, damit der Rest der Welt sich auskennt, wer ich bin. Dabei ist wer ich bin so unendlich und undefinierbar wie das Universum in dem ich lebe. Aus diesen Schubladen und diesem Schubladen-Denken möchte ich mich befreien. Und Bildung ist der einzige Weg, immer weiter fragend, forschend, lernend…

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Bob Marley bringt es in seinem Song Exodus auf dem Punkt:

„Open your eyes! Look within! Are you satisfied with the life you ´re living?“

Alles hinterfragen und zwar immer wieder!

Wer bin ich? Was macht mich aus? Warum mache ich, was ich mache? Bin ich glücklich?

Meine Erfahrung ist, die Antworten auf diese Fragen ändern sich stetig. Leben bedeutet Bewegung, Wachsen bedeutet Veränderung. Festhalten an Dingen, an Realitäten, an Wahrheiten, deren Zeit vorbei ist, ist Stillstand und Stillstand ist Tod.

Die Frage nach der Rolle der Kunst und Musik… Auf diese Frage gibt es so viele Antworten, je nachdem wem und in welchem Kontext sie gestellt wird. Kunst ist der einfachste Weg, Magie im Alltäglichen und Ordinären zu finden. Kunst ist Therapie. Musik ist eine Ausdrucksform, eine unmittelbare Sprache, die nicht missverstanden werden kann, weil sie nicht den Begrenzungen der Sprache unterliegt. Musik ist ein faszinierendes Spiel, bei dem ich mich immer wieder überrasche, über die Möglichkeiten, die sich offenbaren, über die Welten, die ich in mir entdecke. Musik ist Geistesnahrung. Musik ist die Sprache der Quantenphysik. Musik, Kunst brauchen wir zum Überleben! Der einzige Grund, warum vielen das nicht bewusst ist, ist, weil wir in unserer heutigen Welt von Musik und Kunst umgeben sind! Zu fragen wozu Kunst, wäre genauso absurd wie zu fragen wozu frische Luft oder wozu Essen, denn rein physisch würden wir auch mit einer Sauerstoffmaske und Astronautennahrung am Leben bleiben. Die Frage wäre dann, wäre das LEBEN?

Was liest Du derzeit?

Krieg und Affekt von Judith Butler und Just Kids von Patty Smith

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Im Grunde gibt es nur Geist. Aber dieser Geist verkalkt und wird, wenn er verkalkt, Materie. Und wir nehmen in unserer klassischen Vorstellung den Kalk, weil er greifbar ist, ernster als das, was vorher da war, das Noch-nicht-Verkalkte, das geistig lebendige. Es gibt folglich gar nichts seiendes, nichts, was existiert. Es gibt nur Wandel, Veränderung, Operationen, Prozesse. Wir verkennen die Änderung in ihrer primären Bedeutung, wenn wir sie ontologisch beschreiben als: A hat sich mit der Zeit in B verwandelt. Denn es gibt im Grunde weder A noch B noch Zeit, sondern nur die Gestaltveränderung, nur die Metamorphose.

Aus dem Buch „Warum es ums Ganze geht“ von Hans Peter Dürr

Tahereh Nourani, Musikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Tahereh, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Tahereh Nourani, Musikerin

Tahereh Nourani

Alle Fotos_Maria Frodl.

27.6.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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