„Der Roman hat einen Sog und man lebt mit, intensiv“ Katharina J.Ferner, Schriftstellerin_ Romanjubiläum Malina_ Wien 23.7.2021

Ich habe Malina schon in sehr frühen Jahren gelesen und lese es immer wieder. Der Roman fesselt sprachlich wie handlungstechnisch. Er hat einen Sog und man lebt mit, intensiv. Für das Lesen braucht es Zeit.

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin, Performerin
und Wolfgang Kremslehner, Hoteldirektor – im szenischen Romanporträt

Ich bin immer ganz zerstört nach dem Lesen des Romans. Den Effekt hat dieser in 50 Jahren nicht verloren (lacht).

Etwa die Telefongespräche im Roman, diese abgebrochenen Sätze, die so viel Bedeutung tragen. Da kommt im Lesen das eigene Nachdenken darüber. Man liest sich ja immer mit.

Beim Lesen jetzt vor diesem Interview-, Fototermin fiel mir auf, dass die Beziehungen zwischen der Ich-Erzählerin und Malina wie Ivan solche sind, in denen alles ausgesprochen ist. Das ist etwas Schönes. Jeder hat seine Wichtigkeit und seine Position im Gefüge. Es gibt daher keine klassische Eifersucht sondern eine Akzeptanz. So lese ich es derzeit.

Sie finden sich alle drei in einem Gefüge. Ivan fragt einmal: „Wer ist Malina?“ und es bleibt ohne Antwort. Aber es braucht diese Antwort auch nicht.

Die Konstellation mit Ivan und Malina ist aufreibend für die Ich-Erzählerin. Aber es ist lebbar. Das könnte so auch heute sein.

Es geht im Roman um das Leben in Wien, um die Menschen der Stadt, wie gehen wir miteinander um, um das Schreiben, wie sehe ich mich in der Gesellschaft. Die Liebesgeschichte sticht für uns hervor aber es ist so viel mehr drinnen im Roman. 

Wien ist eine meiner Lieblingsstädte. Ich habe hier lange gewohnt und mir auch Straßenzüge ergangen. Ich kann daher das Lesen des Romans auch dahingehend genießen, dieses Mitgehen durch die Straßen. Diese Details, die Geschäfte etwa, die gar nicht mehr da sind aber man sieht sie trotzdem.

Jetzt ist das Kommen nach Wien meist für die literarische Arbeit. Es ist ein Abschnitts-Wien geworden. Bei der Abreise ist immer auch Wehmut dabei aber auch Neugierde auf Neues.

Der Roman unterscheidet sehr klar zwischen Ich, Du und Wir. Es fließt nie zusammen. Es gibt nur Wir-Abschnitte. Das Ich hat wechselnde Zustände. Gut oder schlecht für sich selbst oder für jemand anderen. Es wird immer in mehreren Perspektiven beleuchtet – „Ich fühle mich heute…aber Ivan sagt, so habe ich mich nicht zu fühlen…und deswegen fühle ich mich auch nicht so…“. Es ist ein Spiel mit dem Ich – wer, was ist es? Wie gehe ich mit dem Begriff um?

Bin ich noch da? Wie spüre ich mich? Das sind ganz wesentliche Fragen der Ich-Erzählerin. Es ist eine brüchige aber sehr starke Identität. Denn sie ist ja da.

Es gibt einen Rhythmus von Aufgaben, die sie konstituieren. Kontakte, Telefonate und vor allem das Schreiben als Notwendigkeit. Wie auch die ständige Selbstreflexion, etwa was ihre Träume betrifft.

Belastend sind die Unsicherheiten, wenn Zeit und Raum füreinander nicht gefunden werden können, weil sie von gesellschaftlichen Verpflichtungen belegt sind, die ja auch wichtig sind.

Die Ich-Erzählerin und Ivan müssen sich in der Situation, Ivan hat ja zwei Kinder, arrangieren. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.

Es sind auch die Fragen, welchen Platz sie im Leben Ivans hat. Das ist innerlich fordernd und natürlich auch eine Belastung.

Die Ich-Erzählerin hat eine sehr starke Position. Sie ist eine eigenständige Person und hat sich ihr „Ungargassenland“ geschaffen. Da ist sie Königin. Das ist etwas ganz Wesentliches, den eigenen Raum einzunehmen und auch zu behaupten. Das braucht man zu jeder Zeit als Frau und dies muss man auch machen.

Als Schriftstellerin ist der Roman für mich sehr inspirierend, sprachlich, etwa die vielen Textelemente, besonders auch die Dialoge. Inhaltlich wird so viel ausgesprochen und so viel rundherum angesprochen. Auch das Zusammenfließen der literarischen, inhaltlichen Ebenen ist spannend. Es ist bei jedem Lesen etwas zu entdecken.

In meinem Schreiben komme ich auch von der Lyrik. Für mich sind Sprache und Experiment sehr wichtig. Ich habe einen eigenen Stil entwickelt und versuche aber auch da immer weiterzugehen.

Es ist großartig, wenn sich über Generationen Texte begegnen. Wenn sich Referenzen unbewusst verorten.

Wenn eine spannende Handlung, Poesie und Rhythmus in einem Roman zusammenfließen ist das perfekt für mich.

Inspirationen begegnen immer und überall, vor allem unterwegs, auf Reisen. Ich schätze auch Literaturstipendien sehr. Das ist eine Zeit wo nichts anders wichtig ist sondern nur der Text. Es entsteht da eine ganz andere Intensität im Schreiben. Dazu kommt dann das Rausgehen, der Kontakt zu anderen Künstler*innen, der Austausch und das Füllen mit neuen Erfahrungen. Dieses Wechselspiel ist ganz wichtig.

Für mich sind im Schreiben gesellschaftliche Themen wie Umwelt und Klimawandel wichtig, die immer wieder einfließen.

Zu Wien gibt es starke Bezüge. Hier ist mein Verlag, meine ersten Lesungen, Veröffentlichungen waren hier. Es gab dann weitere wichtige Stationen etwa in Deutschland. Aber Wien begleitet mich natürlich weiterhin.

Das Telefonieren und Warten auf den Anruf im Roman ist auch heute noch aktuell. Ich schreibe selbst hin und wieder auch Briefe und freue mich sehr über Post. Das ist ein Kulturgut, das man sich behalten kann (lacht). Ich schätze auch schönes Briefpapier, handgeschriebene Briefe.

Für mich bleibt das Ende des Romans offen. Es ist eine Art der Auflösung aber wohin es geht, weiß eigentlich nur sie. Das ist auch das Schöne, dass es nur sie und nicht Ivan oder Malina weiß. Man kann es dramatisch sehen aber ich empfinde das nicht so.

Das „es war Mord“ im Roman kann sowohl psychisch wie physisch zu verstehen sein.

Ab und zu koche ich sehr gerne, ich mag es auch sehr gerne, wenn für mich gekocht wird und gehe aber auch wahnsinnig gerne essen. Ich sagte in den Lockdowns, wenn die Restaurants wieder aufsperren, koche ich drei Monate nichts. Und ich habe mich auch daran gehalten (lacht).

Körper und Bewusstsein spielen immer zusammen. Innere Verletzungen zeigen sich auch äußerlich und umgekehrt.

Ivan und Malina erfüllen je ihren Teil. Unterschiedliche Themen kommen zur Sprache. Malina ist ja eine sehr schlaue Person. Sie nimmt da auch sehr viel mit aus den Gesprächen. Ohne den anderen geht es nicht. Dies ist ja auch bei Freundschaften an sich so.

Auf einem fairen Label ist diese Beziehungskonstellation im Roman logisch. Es passt für alle Beteiligten. Und Begegnung ist Inspiration. Unabhängig von Geschlecht, Alter. Es geht darum einen Blick zu öffnen und dies ist auch mit dem Schreiben vergleichbar.

Männer wollen grundsätzlich nicht alles wissen voneinander – „Bitte, rede jetzt über mich!“.

In Beziehungswirklichkeiten heute gibt es oft Extreme. Entweder ganz offen oder ganz geschlossen. Ein Dazwischen fehlt oft.

Dieses Interesse, Mutmaßen, „Tratschen“ über Beziehungen, mögliche Beziehungen, gibt es auch heute noch. Und es bezieht sich auf viele Bereiche.

Es ist bei Ingeborg Bachmann, wie etwa auch bei Friederike Mayröcker, ein Durchdrungensein der Persönlichkeit von Text. Dieses Unterordnen des Menschen in der Kunst ist eine logische Konsequenz.

Beim Schreiben gibt es für mich Tee und Konzentration, Gedichtbände um mich.

Grenzüberschreitungen auf mehreren Ebenen bringen mich wieder ins Gleichgewicht.

Träume sind grundsätzlich spannend, weil es etwas Kollektives ist. Beim Malina Lesen wird mir dies mehr bewusster, präsenter. Ich hatte jetzt in einer Nacht drei Träume und alle waren in der Erinnerung da.

Literarisch sind Träume wunderbar zu nutzen. Sie machen an gewissen Stellen Sinn.

Die Ich-Erzählerin ist im Roman von den Träumen zunächst sehr erschöpft. Es ist eine unangenehme Konfrontation, es ist verstörend. Der Weg sich daraus zu emanzipieren ist sehr hart.

Die Stärkung von Frauen in Texten ist mir wichtig.

Ich möchte in meinem Schreiben auch die Welt so darstellen wie sie sein könnte. Ein Wegkommen von dem Unterwürfigen.

Im Detail eines Textes steckt immer viel Persönliches aber das ist dann schon wieder so verwoben, dass es wieder ganz weit weg ist.

Jeder Text kann Persönliches bei Leser*innen öffnen.

Gibt es Liebe auf den ersten Blick und liebt der Mensch mit den Orten, Wegen einer Stadt? 2x ja (lacht). Jede Straßenecke hat Erinnerungen, die man mit sich trägt.

Was würdest Du der Ich-Erzählerin sagen? Ich würde ihr einfach einen Telefonhörer in die Hand geben.

Zu Ivan und Malina? Es wird Zeit, dass sich Ivan und Malina begegnen. Wir sollten ihnen eine Botschaft schicken, um sich im Cafè zu treffen (lacht).

Zu Ingeborg Bachmann? Danke für alle Vorreiterrollen, Wege, Inspirationen, die sie geöffnet hat – dem Schreiben, der Literatur und den Frauen.

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin, Performerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Katharina Johanna Ferner_Schriftstellerin _Wien _ Station bei Ingeborg Bachmann_Malina.

Katharina Johanna Ferner – Wikipedia

In der Rolle des Ivan/Malina _ Wolfgang Kremslehner _Hoteldirektor_Kremslehner Hotels_Wien.

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_6_2021.

https://literaturoutdoors.com

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