„Wenn sie meine beste Freundin wäre, würde ich sagen – renn`!“ Lara Sienczak, Schauspielerin _Wien_50 Jahre_Malina_18.5.2021

Nach Wien kam ich durch Zufall. Ich habe mich an mehreren Schauspiel-Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum beworben. Nach der Aufnahme musste ich innerhalb von 10 Tagen nach Wien. Bin dann hängengeblieben. Das ist jetzt fünf Jahre her.

Mein Weg zum Schauspiel hat auch indirekt mit Wien zu tun (lacht). Als ich sieben Jahre alt war, schleppte mich mein Papa in das Musical „Elisabeth“ in Essen. Ich habe dann die CD rauf und runtergesungen. Dann spielte ich Schultheater. Ich habe immer Orte gesucht, an denen ich Theater machen kann. Mit sechzehn war ich am Tic-Theater Wuppertal. Dann ging es Schritt für Schritt mit Ausbildung und Engagements weiter.

Wien ist jetzt mein Zuhause geworden. Am Anfang war es schwierig aber mittlerweile fühle ich mich sehr wohl.

Je mehr man Wien kennt, desto mehr muss man diese Stadt lieben.

In Österreich dauert das Ankommen, das Angenommensein länger als in anderen Ländern – bis es so weit ist, sich Wienerin nennen zu dürfen. Ich habe noch immer nicht zu 100% das Gefühl, dass es so ist.

Ich lebe im sechsten Bezirk. Der Naschmarkt ist da ein toller Ort. Samstags am Morgen schaue ich aus dem Fenster und es sind schon so viele Menschen da. Das ist cool.

Es gibt so viel zu entdecken in dieser Stadt. Auch weniger Bekanntes wie etwa den böhmischen Prater.

Menschen machen eine Stadt aus. Ohne Menschen ist eine Stadt kühl.

Orte verknüpfen sich mit Erlebnissen. Neulich war ich mit einer Freundin spazieren, die gerade viel Liebeskummer hat, und zum Hinsetzen mussten wir immer wieder den Ort, die Sitzbank, wechseln, da es so viele Erinnerungen für sie gab.

Man erschließt sich neue Bezirke einer Stadt im Wohnen. Ich kenne im siebten/achten Bezirk jedes Cafè, jede Gasse. Der dritte Bezirk, der Romanschauplatz, ist für mich noch unerschlossen.

Im zweiten Studienjahr hat mir ein Dozent auf meine Frage nach zu lesenden Büchern fünf Bücher empfohlen – da war Malina dabei. Ich las es und es hat etwas ausgelöst. Ich habe es aber nie richtig fassen können. Dann kam ich auf den Film „Malina“. Das war im Zuge eines Referates auf der Uni. Malina ist schwer in Worte zu fassen, zu begreifen.

Malina ist ein Spiegel von Wien. Cafès, Orte. Es ist auch ein älteres, anderes Wien. Ivan fährt ja etwa immer mit dem Auto. Das ist für mich untypisch. Typisch ist auch die Wiener Wohnung im Roman.

Orte wirken immer unbewusst.

Die Persönlichkeit in Malina, die aus zwei klassisch binären Polen besteht, ist ein faszinierender Zugang. Da könnte auch eine Transidentität hineingelesen werden. Die Schriftstellerin wird als Frau wahrgenommen, am Ende verschwindet dieser Teil der Figur und es bleibt Malina.

Wir leben in einem binären Geschlechtersystem seit der Aufklärung. Mann und Frau wurden hier als Gegensätze konstruiert, ihnen wurden gegensätzliche Attribute zugeschrieben. Unser Denken ist in diesem Code gefasst. Kant u. C.G.Jung sind Ausdruck und Form dieser Tradition. Dies verändert sich im Moment. Diversität ist gerade ein Prozess.

Gefühlt hat die Gesellschaft was Feminismus angeht in den späten 1990er/2000er Jahren stagniert. Jetzt in den letzten Jahren tut sich wieder sehr viel. 50 Jahre Malina – es herrscht immer noch das Patriarchat. Auch wenn sich gesetzlich einiges positiv verändert hat.

Dominanz und Narzissmus, Ivan im Roman, das hat sich in dieser harten Struktur schon verändert. Es ist aber nicht verschwunden.

Dominanz wofür? Wenn wir über Utopien nachdenken – es braucht weniger Dominanz und mehr Empathie, das Herstellen von Augenhöhe. Sich und seiner Wünsche und jener des Gegenübers gewahr werden und Empathie und Kommunikationsfähigkeit entwickeln, anstatt Dominanz.

Empathie könnte den Schleier von Dominanz ersetzen.

Matriarchat ist nicht die Umdrehung von Patriarchat. Vielleicht könnten wir kulturell einfach Dominanz vergessen? (Lacht). Das wäre doch schön, es geht doch um ein Miteinander, um Empathie.

Persönlich beobachte ich bei manchen cis Männern (cis = bei Geburt zugewiesene Geschlechtsidentität, Anm.) den Trend/Hang zur Bindungsangst, auch eine emotionale Unreife. Was, denke ich, ebenfalls viel mit patriarchalen Strukturen in der Gesellschaft zu tun hat.

Frauen und non-binäre Personen, denen bei Geburt das weibliche Geschlecht zugeschrieben wurde, werden hingegen dazu sozialisiert, die Rolle des Care-Takers anzunehmen und dabei die eigenen Bedürfnisse hinten anzustellen.  Das ist ja auch im Roman so. Ivan hat seine Issues (Issue- emotionale Problemstellung; Anm.) und sie leidet daran. Zwei Welten treffen da aufeinander. In Ansätzen sehe ich das heute auch so. Dies hat viel mit Geschlechterbildern zu tun.

Patriarchale Sozialisierung prallt in cis heterosexuellen Beziehungen aufeinander. Damit das funktionieren könnte, bräuchte es die Aufopferung der Frau. Das widerspricht feministischen Idealen und ist natürlich grundsätzlich ungesund für beide.

Weiße heterosexuelle Männer haben sehr viel Macht gebündelt, intersektionaler Feminismus will dieses Bündel auflösen. Dass Macht einigermaßen gleich verteilt ist.

Die Philosophin Judith Butler sagt in ihrem Werk „Gender Trouble“, dass Machtstrukturen schon in der Konstruktion der binären Kategorien Mann und Frau eingeschrieben sind – es geht jetzt nicht darum in der binären Waage Mann Frau die Macht auszugleichen sondern die Waage auseinander zu nehmen.

Auch viele cis Männer leiden am Mannsein. Es ist mega ungesund, wenn gesagt wird „Männer weinen nicht“, „Ein Mann muss immer stark sein“ – das ist unmenschlich. Das ist eine Belastung. Die Jungs in meiner Schulklasse hatten da etwa viel Identitätsdruck.

Identitäten sind nie ganz innerlich frei. Da kommt viel von außen.

Es gibt bessere Identitätskategorien, wenn die Identitätskategorie Geschlecht wegfällt.

Was ist Liebe? Darf ich da Bücher empfehlen? (lacht) – Eva Illouz, „Warum Liebe weh tut“ und Liv Strömquist, „Der Ursprung der Liebe“, „Der Ursprung der Welt“ und „Ich fühl`s nicht“. Da werden die Einflüsse von Patriarchat und Neoliberalismus auf die Liebe dargelegt. Sehr spannend.

Mensch kann in der Liebe glücklich sein – ja!

Meine Beziehung ist frei von gesellschaftlichen Vorstellungen an Beziehung und Geschlecht. Ich habe eine Utopie der Liebe und alles andere stört da nicht, ist da nicht. Es ist ein Wunder, das ich im Moment erlebe, ich weiß nicht warum. Glück? (lacht)

Wenn sich Menschen finden, in denen ihre Vorstellungen von Unterordnung, Schutz passen, ist das auch, wertfrei gesehen, wunderbar. Beziehungsdynamiken sind sehr individuell.

Man kann auch in einer Beziehung einem masochistischen Part zustimmen, wenn es glücklich macht. Das kann auch total feministisch sein.

Gelebter Feminismus ist Freiheit.

Zur Frau im Roman, wenn sie meine beste Freundin wäre, würde ich sagen – renn`!

Wie kommt man aus so einer Beziehung wie im Roman aus? Ich weiß es nicht. Wir alle sind sozialisiert im Geschlechtermodell. Das ist in uns drin. Wie Kapitalismus, Neoliberalismus.

Schluss machen, aus der Ungargasse rausgehen!

Ja, es gibt Liebe auf den ersten Blick. Ich glaube an die Liebe.

Liebe wächst und entwickelt sich.

Ich bin glücklich verliebt, es klappt super. Da ist jetzt alles leicht. Da kann ich mich auch im Romanbeginn wiedererkennen.

Wenn ich spiele, ist alles aus dem Unbewussten. Es kommt nicht aus dem Kopf sondern aus etwas tiefer Gesetztem. Es ist ein Schatz, mit dem die Auseinandersetzung lohnt, dem Platz einzuräumen.

Im Roman sind es Traumata und sie ist in einer Schleife gefangen. Sie kommt da nicht ganz raus. Es gibt keinen progress.

Ingeborg Bachmann sprach ja von einer Autobiographie. Die Schleifen der Gedanken wird man erst los, wenn man hinschaut.

Wiederholung entsteht durch Nicht-Auseinandersetzen. Das Unbewusste sucht die Auseinandersetzung.

Kunst kann Gedankenschleifen brechen. Eine Bühne ist auch stellvertretend, ein Ort der Reflexion eigener Schatten. Eine katharsis.

Psychoanalyse ist sehr wichtig. Da steckt viel drin, das einen persönlich und künstlerisch ausmacht – Intuition, Bauchgefühl. Es lohnt sich aber auch künstlerisch Vertrauen zu lernen.

In Malina ist viel von Bachmann zu spüren. Das kann jetzt aber auch ein Irrglaube sein.

Da ist viel Wärme, ich spüre eine Nähe zu Bachmann. Ich habe keine Ahnung warum.

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Lara Sienczak _ Schauspielerin _Wien.

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _Hotel Regina_Wien_3_2021

Walter Pobaschnig _ 5_2021

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„Billie Eilish“ Piper Verlag.

Sie ist der Superstar der modernen Musik. Und sie ist knapp zwanzig Jahre alt.  Jeden Tag sind es tausende Bilder von ihr, die weltweit medial kursieren. Der kometenhafte Aufstieg der in Kalifornien geborenen singer-songwriterin manifestiert sich etwa in den vier Grammy Auszeichnungen 2020 wie dem Titelsong des aktuellen James Bond Filmes. Billie Eilish prägt in Musik und Stil eine Generation. Mit Begeisterung, Spannung und großem Interesse werden weitere Schritte ihrer künstlerischen Projektschritte erwartet.

Ebenso interessiert aber auch Ihr Weg zur Musik und das künstlerische Aufsteigen in diese Höhen von Popularität, die im modernen Medienzeitalter in ganz besonderer wie intensiver Form ihren Ausdruck finden.

Schon als Kind wollte Billie immer wieder in die Kamera sehen. Es gab da keine Scheu und ihre Familie hielt diese Momente des Heranwachsens, des Kennenlernens und Spiel mit der Welt im Bild fest. Jetzt ist der Superstar wiederum im Mittelpunkt einer Bilderwelt, jener der Musikwelt in Fan- und Medienwelt, die alle Schritte und Momente des Stars begleiten.

Inmitten dieser täglichen wie fordernden Bilderwelten hält nun Billie Eilish inne und blickt auf die Bilder ihrer Kindheit. In die zahlreichen Fotoalben ihrer Kindheit. Sie wählt dabei Momente aus und verbindet diese mit den Gegenwartsmomenten auf Bühne und aktuellem Leben in der Öffentlichkeit.

Die umfassende Bilddarstellung des vorliegenden Bandes beeindruckt dabei in Vielseitigkeit wie Aussagekraft. Es sind ganz besondere Augenblicke und Einblicke in ein Künstler- wie Privatleben, das in dieser Form einzigartig ist.

Da ist etwa ein Bühnenfoto, das den Superstar im liveact umringt von Handycameras zeigt und damit Atmosphäre wie auch das unmittelbare Ausgesetztsein anschaulich macht. Im Kontrast dazu stehen Fotos der Kindheit im privaten Moment des familiären Bezogenseins und intimen Glück. Diese Kontraste prägen eine moderne Musikkarriere und Billie Eilish bringt dies grandios auf den Punkt bzw. auf das Bild.

„Ein Leben – Bild an Bild an Bild. Ein genialer biographischer Kunstgriff des Superstars“

„Billie Eilish“ übersetzt von: Viola Krauß

336 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, Piper Verlag

Walter Pobaschnig 5_21

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„morgentau trinken/wie saure milch“ Christine Winter, Schauspielerin_ München 18.5.2021

Liebe Christine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf sieht trotz, oder vielleicht auch gerade wegen Corona jeden Tag anders aus. Da ich zur Zeit in einem Festengagement an einem Theater in München bin, wir aber Spielstopp haben, kann ich meine Tage so gestalten und füllen wie ich möchte.

Ich stehe meist spät auf, esse einen Apfel, erledige anfallende PC Arbeit. Danach tu ich etwas für mich, lese ein Buch oder bewege mich, gehe spazieren, lerne tanzen in einem Onlinekurs, oder schau eine Serie, telefoniere mit Freunden, oder erarbeite neue Theaterabende. Ich versuche mich permanent im Jetzt zu halten und mir keine Sorgen um das Morgen zu machen.

Christine Winter_Schauspielerin / Theaterregisseurin / Texterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In diesen Zeiten ist es wichtig füreinander da zu sein, sich gut zu behandeln, sich gegenseitig zu unterstützen, freundlich und offen zu bleiben und Zeichen zu erkennen, wenn jemand deine Hilfe braucht. Auch wenn die Lage angespannt ist, sollten wir unsere Herzlichkeit, unser Lachen nicht verlieren.

Wir sollten uns gegenseitig ermutigen und bestärken, aufbauen und zusammenarbeiten, aneinander wachsen und uns aus dieser Krise gemeinsam herausarbeiten.

Wichtig ist zudem dass wir jetzt auch nach Innen schauen, unser starres Räderwerk mit neuen Überzeugungen und Möglichkeiten ölen, Altes loslassen, überholte Gewohnheiten aufgeben, uns dem Neuem öffnen und akzeptieren dass die Welt voll von Ambiguität ist.

Jeder einzelne von uns sollte mit sich die Frage klären: Wie verhalte ich mich zu, und im Umgang mit den vielfältigen Wahrheiten einer uneindeutigen Welt? Denn genau das ist die Welt: uneindeutig. Im Innen und Außen. Was gibt mir Halt und Stärke in solchen Zeiten?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die Kunst hat von jeher auf Missstände aufmerksam gemacht, aufgedeckt, getröstet, entlarvt, ist Spiegel und Zerrspiegel unseres Zeitgeistes, hat das unsichtbare sichtbar gemacht, eine andere Welt geschaffen.. Kunst wird sich weiterhin mit dem Phänomen der Mehrdeutigkeit unserer bunten, widersprüchlichen Welt auseinandersetzen und sich an ihr abarbeiten.

Der Mensch braucht diese Widersprüchlichkeit der Welt und seines Hierseins, um sich selbst zu entdecken. Ein großer Anteil aller Menschen wird immer mit der Unentscheidbarkeit und Vagheit des Lebens hadern und sich irgendwo zwischen den Polaritäten des Lebens suchen und positionieren wollen. Und solange der Mensch das tut, so lange finden und erfinden wir Kunst, zwischen den Zeilen, den Noten, den lustvoll verspielten Rüschen der Mode, im Pinselschwung, im Hammerschlag…

Wir brauchen die Kunst so sehr um das Absterben des Individuellen zugunsten des Typus zu vermeiden. Kunst ist die kraftvolle, verdichtete Bewegung gegen die eindeutige Vereindeutigung der Welt.

Wir brauchen die Kunst, damit uns das Grauen vor der Monotoniesierung der Welt nicht auffrisst. Diese Angst vor der Nivellierung auf ein einheitliches kulturelles Schema. Die Bräuche der Völker schleifen sich ab. Trachten werden Uniform. Sitten international. Die Städte ähneln sich immer mehr. Da ist diese leise Angst vor dem Aufhören aller Individualität. Alles gleich, lässt sich leichter kontrollieren. Kunst wird sich vielen polarisierenden, brennenden Fragen unserer Zeit entgegenstellen.

Was liest Du derzeit?

Momo von Michael Ende

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

wir sind eins

verloren

eins ums andere

im meer der kreuze

auf brettern stehend die die seele deuten

vereiste herzen auftauen

erstickte seelen entschleiern

morgentau trinken

wie saure milch

und wenn es auf und nieder wallt

und immer weiter im gesetz

die brust sich hebt und senkt

hüllt mich das nichts in seine wogen

und lügt mir fülle vor wo keine ist

nur heiße luft

– Christine (macht sich Gedanken über Kunst & Theater & das Leben an sich während Corona).

Vielen Dank für das Interview liebe Christine, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Christine Winter_Schauspielerin / Theaterregisseurin / Texterin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christine Winter, Schauspielerin, Theaterregisseurin, Texterin

Christine Winter – Aktuell

Christine Winter | Linktree

Fotos_ 1,2, 8-11 privat; 3,4,5 Martin Erker; 6, 7 Thomas Huntke; 12 Tetjana Ivanova 

21.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Also wissen alle, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist“ Annette Hug, Schriftstellerin_Zürich 17.5.2021

Liebe Annette, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeder Tag ist anders. Das Zoom-Loch öffnet überraschende Kanäle: Nach Singapur oder Manila, oder ins Quartier nebenan. Gleichzeitig bricht telefonisch schon Hektik aus, weil hier in der Schweiz Mitte April erste Öffnungen beschlossen worden sind. Zunächst in steigende Infektionszahlen hinein. Alle wissen, dass sie mindestens dreispurig planen müssen und vielleicht alles für die Katz ist. Was ich eigentlich sagen wollte: Ich versuche, mir Ruhe zu bewahren, um übersetzen zu können, denn ich arbeite an einem Gedichtband der philippinischen Dichterin Luna Sicat Cleto.

Annette Hug, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Verstand nicht zu verlieren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Mit Zwanzig habe ich mit Orgelspielen Geld verdient. An dem Instrument faszinierte mich, dass sich die Polyphonie in meinen Körper übersetzte: Die rechte Hand spielte eine bis zwei Stimmen, die linke Hand eine Stimme und die Füße eine vierte. Das funktionierte aber nur, wenn mein Hirn eine etwas mirakulöse Klippe nahm und vierstimmig dachte. Politisch fand ich das berauschend: So müsste ich gesellschaftliche Vorgänge denken können, dachte ich. Nicht die Generallinie oder den Hauptwiderspruch suchen. Komplexe, sich gegenseitig beeinflussende Entwicklungen überhaupt wahrzunehmen, um darüber nachdenken und klug entscheiden zu können, ist schwierig. Das lerne ich in dieser Krise erneut, schmerzhaft. Theater ist noch vielstimmiger als ein Orgelstück. Das ist überlebenswichtig. 

Was liest Du derzeit?

Den Roman «Weiches Begräbnis» von Fang Fang. Sie wurde vor einem Jahr mit ihrem Tagebuch aus Wuhan schlagartig berühmt. Da stellte ich fest, dass von ihrem eigentlichen literarischen Werk auf Deutsch nichts vorliegt. Zum Glück wird viel mehr Chinesisches auf Französisch übersetzt. So konnte ich eine wunderbare Autorin entdecken: Eine radikale Stimme in der literarischen Öffnung nach der Kulturrevolution. Jetzt liegt auch auf Deutsch dieser eine Roman vor. Es geht um brutales Verschweigen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Was ich zu jeder Gelegenheit zitieren möchte. Friederike Mayröcker zu Ehren von Elke Erb: «…so rufe ich auf am heutigen Morgen die Dichterin und ihre verhüllte eingehüllte unbetretbare Sprache, ihre undurchdringlichen Sprachhüllen, ihre leuchtende GROTTENSPRACHE, GANGLIENSPRACHE, ihre gemalte ÜBERSETZUNGSSPRACHE, analog einem Wort von Marcel Proust : die guten Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben …»

Annette Hug, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Annette, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Annette Hug, Schriftstellerin

Annette Hug Autorin – Webseite der Autorin Annette Hug

Fotos_1 und 4 Florian Bachmann; 2 und 3 Corinne Stoll.

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern“ Daniela Engist, Schriftstellerin_ Freiburg/Breisgau 17.5.2021

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage werden stark von den Belangen der zu Hause gestrandeten Kinder strukturiert, aufwecken, Frühstück, Mittagessen, Abendessen, ins Bett schicken. Am Morgen schauen wir, dass sie ihren Fernunterricht auf die Reihe bekommen, dann verziehe ich mich mit meinem Kaffee in mein Arbeitszimmer. Ich hänge viel zu viel im Internet herum, auf Newsportalen, Social-Media-Kanälen, ertappe mich dabei, andauernd meinen E-Mail-Eingang zu checken. Es ist als würde ich einen Heuhaufen durchstöbern, als ob da irgendwo eine Antwort zu finden wäre, irgendein Hinweis, der mich weiterbrächte. Ich habe große Sehnsucht danach, dass etwas in Bewegung kommt. Weil die Welt stillsteht, bewege ich mich, gehe spazieren: hoch auf den Schlossberg, immer die gleiche Strecke. An der immer gleichen Stelle mache ich das immer gleiche Foto: eine Bank zwischen zwei alten Bäumen über der Stadt. Dass sich die Lichtverhältnisse ändern, der Himmel, die Natur, dass da mal ein Mensch sitzt, mal zwei, mal mehr und mal keiner, ist irgendwie tröstlich. Arbeiten, weiterschreiben fällt mir derzeit schwer. Gerade ist mein zweiter Roman „Lichte Horizonte“ erschienen – immer noch zu Unzeiten. Muss mich zusammennehmen nicht andauernd zu denken „eigentlich wäre jetzt, eigentlich würde ich jetzt“.

Daniela Engist_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich spreche nicht so gerne für alle. Dabei kommt meist nur Unzureichendes oder Banales raus. Was mir persönlich hilft, ist mich auf die Dinge zu konzentrieren, die ich beeinflussen kann, und möglichst wenig Erwartungen zu haben. Ich weigere mich, auf andere zu zeigen und mich ausgeliefert zu fühlen. Ich versuche nicht allzu weit nach vorne zu schauen. Wie beim Bergwandern. Blick senken und einen Schritt nach dem anderen gehen. Das gelingt streckenweise gut, aber manchmal packt mich doch die Verzweiflung. Und dann würde ich mich gerne ins magischen Denken flüchten und mir die Augen zuhalten, und wenn ich die Hände wieder wegnehme, ist alles vorbei.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir werden sehen, was noch vom Vorher übrig sein wird, gesellschaftlich und kulturell. Um so manches wäre es nicht schade, wenn es nicht wiederkäme … . Persönlich bin ich regelrecht begierig darauf, endlich wieder aufzubrechen, auch gerne ins Unbekannte! Ich tripple und trapple auf der Stelle wie ein Rennpferd in der Startbox. Ich brauche keine großen Sicherheiten und Gewissheiten, aber ich brauche Bewegungsfreiheit. Der Literatur mag ich keine Rolle zuweisen, das klingt so, als ob sie einen Auftrag hätte, einen Zweck erfüllen müsste. Kunst soll ins Offene gehen. Das wird nach dieser Pandemie nicht anders sein als vorher. Fiktionale Texte, in denen sich ein Autor, eine Autorin ein Thema vornimmt, nur weil es gerade en vogue oder weil da jemand woke ist, interessieren mich nicht.

Was liest Du derzeit?

Mir fällt auf: ich bewege mich gerade auf ähnlich fahrige Weise durch Texte wie durchs Internet, blättere viel, häufig in bereits Gelesenem. Schon seit Monaten. Bachmann vor und zurück, Undine geht, Der gute Gott von Manhattan, Malina. Das Einzige, was ich in diesem Frühjahr vollständig und intensiv gelesen habe, war das Manuskript eines sehr geschätzten Kollegen. Der Roman erscheint voraussichtlich im Herbst.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Erst wenn die Phrasen einer Zeit verschwinden, finden wir die Sprache für eine Zeit und wird Darstellung möglich. (…) Es gibt in der Kunst keinen Fortschritt in der Horizontale, sondern nur das immer neue Aufreißen einer Vertikalen.“ Ingeborg Bachmann, Frankfurter Vorlesungen

Daniela Engist_Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Daniela Engist, Schriftstellerin

Daniela Engist | Schriftstellerin (daniela-engist.de)

Fotos_Anja Limbrunner

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Viele Geschichten müssen und wollen erzählt werden“ Christin Amy Artner, Schauspielerin_Wien 16.5.2021

Liebe Christin Amy, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Für mich gab es auch vor Corona nicht „den“ Tagesablauf, da jeder Tag projektbezogen unterschiedlich ist. Ich stehe zwischen 6 und 10 Uhr auf, je nachdem wie lange der Abend davor war, ob es einen langen Dreh gab oder ein Projekt ausgearbeitet wurde, oder ich nachts besonders gut schreiben konnte oder um 7 Uhr Drehbeginn ist oder ich am Schneidetisch wieder mal die Zeit übersah….

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Vor Corona gab es allerdings Fixtermine, die jetzt leider wegfallen, wie Fitnesscenter, Gruppentraining und Workshops, die ich für SchauspielerInnen gebe, Live-Auftritte fallen weg, Reisen und Auslandstermine leider auch.

Ich achte sehr auf meine Ernährung und jeder Tag beginnt mit einem Geheimtipp an Powerfrühstück: Kokosjoghurt, Chiasamen, Zimt, Kardamom, Ingwer, Walnüsse, Kokosflocken, Hanfsamen und viel frisches Obst. Danach kann es losgehen. Zwischendurch mache ich Körperübungen und Stimmübungen oder gehe um den Block, um Luft und Sonne zu tanken, sofern es welche gibt.

Was sich noch verändert hat: ich lasse mich nicht mehr stressen und bin gelassener, da ich nicht von einem Termin zum nächsten hetzen kann, weil ja wenige persönliche Termine zurzeit möglich sind…

Ich nütze die Zeit bewusster und finde jeden Tag aufs Neue einen Weg, mit der Situation umzugehen, was nicht immer leicht ist. Selbstverständliche Dinge, wie Nahrungsaufnahme, haben eine noch stärkere Bedeutung bekommen und manchmal bin ich stundenlang in der Küche, backe glutenfreies Brot oder erfinde ein neues Gericht. Dafür hatte ich vor Corona keine Zeit. Diese Tätigkeiten geben mir Ruhe und Kraft. Ich habe das Glück, nicht alleine zu leben und kann viel quality time mit meinen Lieben verbringen. Wir arbeiten alle im Bereich Film und Musik, noch dazu in einem Haus, daher weiß ich, wie privilegiert meine Situation ist. Dafür bin ich jeden Tag dankbar.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebe.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Film/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Durch den Versuch, Kunst und Kultur in unserem Land abzuwürgen, wird sich eine starke, diverse und aktive Kulturszene bilden, eine Szene fernab des mainstreams, aber mit Aussage und Inhalt. Wir hatten jetzt ein Jahr Zeit zu reflektieren, vertiefen, ausmisten, erneuern und fokussieren. Viele Geschichten müssen und wollen erzählt werden. Wir müssen alle umdenken, nicht in schneller, höher, besser, sondern in menschlicher, vorausschauender, liebevoller. Kunst und Kultur hat die Aufgabe, aufzuzeigen, zu polarisieren, frei zu sein, für Freiheit auch zu kämpfen, mutig zu sein und sich gegen Diktate zu stellen.

Alle sprechen von „Umdenken“, aber was bedeutet das? Da ist auch drum-herumdenken mit dabei im Wort und das führt nicht weit. Wir müssen unsere Werte neu betrachten, nicht nur mit dem Kopf, sondern vor allem mit unseren anderen Sinnen, wie dem Herz und dem Bauch/Intuition.

Was liest Du derzeit?

Neben verschiedenen Drehbüchern auch ein sehr interessantes Buch mit dem Titel „Du bist, was du sagst. Was unsere Sprache über unsere Lebenseinstellung verrät.“ Von Joachim Schaffer-Suchomel und Klaus Krebs.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es ist vielleicht kein schlechtes Ziel im Leben, den höchsten Teil deines Selbst zu kennen, zu erfahren und dort zentriert zu bleiben. Neil Donald Walsh.

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Vielen Dank für das Interview liebe Christin Amy, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Film-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an Künstler*innen:

Christin Amy Artner_Schauspielerin, Filmemacherin

Christin Amy Artner – Schauspiel | Sprache | Regie | Drehbuch

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Hotel Regina_10.5.2021

12.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben“ Julia Lacherstorfer, Musikerin_Wien 16.5.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist nach wie vor ganz unterschiedlich! An manchen Tagen genieße ich ruhige Morgenstunden, meditiere, mache Yoga und frühstücke auf der Terrasse! An anderen Tagen starte ich mit einem Stäbchen in der Nase, um mich für eine anstehende Probe zu testen.

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sinn und Sinnlichkeit. Das mag wie eine abgedroschene Floskel klinge, aber ich meine es tatsächlich. Wir brauchen einen Sinn und ein Ziel im Leben, das wir auch unabhängig von äußeren Einschränkungen der Pandemie verfolgen können! Je unsicherer das Außen, umso wichtiger eine Stabilität im Inneren.

Und was uns allen einfach im Moment massiv fehlt ist fast alles, wodurch wir Sinnlichkeit erfahren konnten – sei es im Erleben eines Konzertes, ein gemeinsames Abendessen mit Freund:innen, eine zwanglose Unterhaltung und ein paar Drinks beim Weggehen oder ausgelassenes Tanzen. All das ist im Moment nicht möglich, und wir sind herausgefordert, uns diese Sinnesanregungen in die eigenen 4 Wände zu holen, damit uns das innere Leuchten nicht verloren geht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Aus meiner Sicht ist es einerseits der fast schon überstrapazierte Begriff der Resilienz – unsere Fähigkeit, uns schnell an die neuen gesellschaftlichen und strukturellen Codes und Vorgaben anzupassen und professionell damit umzugehen.

Andererseits fühle ich immer stärker, dass unser aller Musikschaffen immer mehr an Tiefe gewinnen muss, um relevant zu bleiben und in der Vielzahl an Angeboten nicht unterzugehen. Ich finde es wichtig, musikalisch dann was zu sagen, wenn ich was zu sagen habe, und zu schweigen, wenn nicht. Dann gibt es eben andere, die gerade für etwas brennen, aber ohne ein Brennen für etwas, ist es keine Kunst die bestehen kann und gesellschaftlichen Impact hat. Jede Kunstform hilft einer Gesellschaft, sich selbst zu reflektieren und sich gesund weiterzuentwickeln, und Musik schafft das auf eine besonders emotionale Art und Weise.
Ein Konzertbesuch sollte erschütternd sein, bewegend oder zumindest berührend, und sollte das Publikum in einem erweiterten Bewusstseinszustand wieder nachhause entlassen.

Was liest Du derzeit?

BRENÈ BROWN

Verletzlichkeit macht stark.
Wie wir unsere inneren Schutzmechanismen aufgeben und innerlich reich werden.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Buch beginnt mit einem Roosevelt Zitat, 1910 an der Sorbonne:
„Der Mann in der Arena“

[…] Es ist nicht der Kritiker, der zählt, nicht derjenige, der aufzeigt, wie der Starke gestolptert ist oder wo der, der Taten gesetzt hat, sie hätte besser machen können. Die Anerkennung gehört dem der wirklich in der Arena ist; dessen Gesicht verschmiert ist von Staub und Schweiß und Blut; der sich tapfer bemüht; der irrt und wieder und wieder scheitert; der die große Begeisterung kennt, die große Hingabe, und sich an einer würdigen Sache verausgabt; der, im besten Fall, am Ende den Triumph der großen Leistung erfährt, und der, im schlechtesten Fall des Scheiterns, zumindest dabei scheitert, dass er etwas Großes gewagt hat. […]

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Lacherstorfer, Musikerin, Komponistin, Intendantin

Julia Lacherstorfer | Ich

Foto_Elsa Okazaki

18.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich wünsche mir eine neue Kunstökonomie, die nicht an den Kunstmarkt gebunden ist“ Elodie Grethen, Künstlerin_ Wien 15.5.2021

Liebe Elodie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das ist immer ganz unterschiedlich. Vor dem letzten Lockdown im April des Jahres war ich drei bis vier Tage die Woche im Bildraum 01, um Besucher*innen durch meine Einzelausstellung „Guarding Lions“ zu führen. Jetzt bin ich wieder viel zu Hause.

Elodie Grethen_Künstlerin_selfportrait


Ich versuche immer zur gleichen Zeit aufzustehen, um eine Struktur zu schaffen. Es gelingt nicht immer, oft fange ich schon während des Frühstückes zu arbeiten an und merke erst gegen Mittag, dass ich noch im Pyjama bin. Die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmt immer mehr.

guarding lions 7_Elodie Grethen

Im Moment fotografiere ich ganz wenig, ich arbeite eher am Computer und erledige administrative Sachen oder ich plane die nächste Ausstellung. Eigentlich Sachen, die früher schon Teil meines Alltages waren, die aber jetzt in den virtuellen Raum verlegt worden sind.
Am Nachmittag gehe ich an die frische Luft: Spazieren, Joggen oder Radfahren, egal, Hauptsache Bewegung und runterkommen.

Abends schaue ich meistens einen Film oder ich lese ein Buch.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wichtig wäre in solchen Zeiten, sich keine Sorgen um die eigene Existenz machen zu müssen. Also ganz idealistisch ausgedrückt: faires Wohnen für alle, bedingungsloses Grundeinkommen, eine richtige Sozialpolitik.
Realistischer wäre es aber: Empathie, Ruhe, Kontakt zu Anderen weiterpflegen… und mal wieder ein bisschen Sonne.

guarding lions 9_Elodie Grethen

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Die Pandemie hat viele systemischen Ungleichheiten sichtbar gemacht und verschärft. Ich bin aber nicht überzeugt, dass wir vor einem Aufbruch stehen. Es hat sich natürlich viel verändert und die derzeitige Situation ist für uns alle komplettes Neuland. Ich hoffe nur, dass wir das als Chance nutzen werden und um selbst zu organisieren und radikaler zu arbeiten.

Die Rolle der Kunst ändert sich dabei aber nicht: Auf Krisen zu reagieren, Wege zu schaffen, Prozesse sichtbar zu machen, das war immer ihre Rolle. Kunst kann und darf alles. Was viel wesentlicher wäre und was ich mir persönlich wünsche, ist eine neue Kunstökonomie, die nicht an den Kunstmarkt gebunden ist und die Hand in Hand mit einer fairen Kulturpolitik gekoppelt ist.

guarding lions 13_Elodie Grethen

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Bücher parallel. Im Moment, « Gender Trouble » von Judith Butler, „SCUM Manifesto“ von Valerie Solanas und immer schlechte Krimis zum Einschlafen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“They say that all these forms denote an outworn language. They say everything must begin over again. They say that a great wind is sweeping the earth. They say that the sun is about to rise.”
Les Guérillères von Monique Wittig.

guarding lions 5_Elodie Grethen

Vielen Dank für das Interview liebe Elodie, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elodie Grethen, Künstlerin _Wien_Frankreich

www.elodiegrethen.com

Alle Fotos_Elodie Grethen

15.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Dass wir die Vielfalt der Theater unbedingt wiederbeleben und aufrecht erhalten“ Kathrin Beck, Schauspielerin_Wien 15.5.2021

Wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Großteils regelmäßiger als ich es als freiberufliche Schauspielerin gewohnt bin. Es war
interessant zu erleben, wie sich in dieser außergewöhnlichen und herausfordernden
Zeit ein natürlicher Rythmus eingespielen konnte, der sich nicht nur gut anfühlt,
sondern mir auch Halt und Kraft gibt. Dieser besteht jeden Tag aus einem Wechselspiel
zwischen seelischer, kreativer und administrativer Arbeit.

Kathrin Beck_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Liebevolll und achtsam mit sich selbst und anderen zu sein. Schöne und positive Aspekte im Hier und Jetzt zu sehen und diesen auch Raum zu geben; sich bewusst täglich Inseln der Erleichterung zu schaffen, um sich eine Form von Ausgleich gegenüber dem Druck und der Last der Pandemie und ihrer Folgen, sowie all den negativen Nachrichten gegenüber zu schaffen. Neben meiner kreativen Arbeit zählen Yoga, Meditation, Schreiben, die Natur und last but not least die Zeit mit meinem Mann zu meinen wichtigsten Kraftquellen. Das ist nicht neu für mich, mir aber durch das vergangene Jahr noch bewusster geworden.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem
Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Erlebnisse miteinander zu teilen und zu verarbeiten war und wird immer ein großes Bedürfnis sein. Ich meine sogar, es ist eine Notwendigkeit, um zu spüren, dass wir nicht alleine sind mit den Herausforderungen, die uns das Leben stellt. Unverändert erzählen wir Schauspieler – alle Künstler – Geschichten und machen Themen aus verschiedensten Perspektiven sichtbar, hörbar, spürbar. Eine Theatervorstellung ist immer ein Dialog zwischen Schauspieler und Publikum, ein momentanes, kollektives, individuelles und unwiederbringliches Erlebnis. Dieses Miteinander kreieren und teilen zu können macht Theater unverzichtbar.

Mein Wunsch an die Gesellschaft in Sachen Kultur ist, dass wir die Vielfalt der Theater unbedingt wiederbeleben und aufrechterhalten. Jedes Haus, jede Theatergruppe hat eine eigene Ausdrucksweise, wodurch sich wiederum das Publikum auf differenzierte Weise gehört, gesehen, inspiriert und abgeholt fühlen kann – eine win-win Situation!

Was liest Du derzeit?

‘Island’ von Aldous Huxley
‘Chatter’ von Ethan Kross

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Move, but don’t move the way fear makes you move. –Rumi

Thoughts are boomerangs, returning with precision to their source. Choose wisley what
you throw.
–Anonymous

Kathrin Beck_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Kathrin, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Kathrin Beck, Schauspielerin

Kathrin Beck – Kathrin Beck, Actress

Fotos _01, 03, 04_Sam Löwenstein_02_Thomas Mikusz

16.4.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Orkaniden“ Sturmgedichte,  Julia Kulewatz. kul-ja! publishing.

„Lyrik lädt uns ein zu der einfachsten und schwierigsten aller Begegnungen, der Begegnung mit uns selbst“, schreibt die Dichterin Hilde Domin. Dazu braucht es für den Menschen „eine Pause, in der die Zeit stillsteht…darin ist die Kunst der Liebe verwandt…“.  Diese Pause ist für Domin eine „aktive Pause“, ein Atemholen, ein Blick und Griff nach Innen und Außen, ein Vorwärtsgehen in Leben, Sinn und Liebe. In allem Sturm der Zeit.

Julia Kulewatz, Schriftstellerin und Literaturwissenschaftlerin, lädt mit Ihrem ersten zweisprachigen Lyrikband Orkaniden (deutsch/englisch) zu einer poetischen Selbstbegegnung des Menschen, die gleichsam Zeitinseln von Sinn und Welt wiederentdecken lässt. In direkter Selbstaussage und Dialog wird die Erfahrung von Sein in Begegnung und Liebe zur zentralen Selbstvergewisserung und Erkenntnis. Im Fortschreiten darin, in Glück und Scheitern, geht es um Wort und Stimme, die Erfahrenes benennen, sagen und bewahren, leiden und klagen, daraus Kraft schöpfen in Vision und Ausblick im Sturm des Lebens. Der Mensch ist hineingestellt in Zeit und Raum aber nie allein darin. Und aller Anfang ist dabei das Wort im Ich und Du. Dies gilt es immer wieder zu erschaffen, zu benennen und fortzubilden.

Julia Kulewatz ist eine Meisterin der Wort- und Lebensfarben. Ihre Poesie ist ein Kreuzungspunkt von Licht und Dunkel, an dem es um das Innerste, um alles geht. In virtuoser Variation poetischer, mythologischer Referenzen (Genial auch der Bezug und Transfer von Ingeborg Bachmanns „Undine“ Erzählung im Gedicht “Männer mit Namen Hans“) wird das Gedicht zu einer Seelenreise, die Freiheit und Raum eines Lebens öffnet und in Ansprache, Reflexion und Impuls begeistert. Überraschung und Entdeckung – Poesie im besten Sinne!

Es ist ein großes Geschenk, dass uns Julia Kulewatz mit dieser poetischen Reise zu Selbst und Sinn macht. Ein Wort-Geschenk, das auch in seiner wunderbaren Edition mit Illustrationen von Jantien Sturm begeistert!

„Das Gedicht ist unverzichtbar in Selbsterkenntnis, Mut und Freiheit. Es gibt keinen besseren Beweis dafür!“

Walter Pobaschnig 5_21

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