„Stärkerwerden ist eine Entscheidung“ Elisabeth Blutsch, Schauspielerin_Wien – 50 Jahre Malina _6.4.2021

In der Schulzeit begegnete mir Ingeborg Bachmann als Fixpunkt deutschsprachiger Literatur. Sie war und ist eine sehr starke Frau in allem. Es braucht Frauen wie sie jetzt und zu aller Zeit.

Elisabeth Blutsch_Schauspielerin, Sängerin

Der Roman „Malina“ spielt in Wien und hat ein sehr gutes Auge für Orte, Menschen dieser Stadt. Da ist sehr viel Aufmerksamkeit, sehr viel Kritik wie Liebe drin. Da ist Bachmann ganz „Wienerin“.

Und natürlich sehr viel Kultur, Kunst, Gespräch. Wien ist ja eine Kulturhauptstadt. In Geschichte und Gegenwart. Das begleitet bei jedem Schritt. Real wie im Wien_Roman Malina.

Wien wird immer meine Lieblingsstadt sein. Ich bin in Ottakring aufgewachsen und lebe auch heute hier. Da ist auch sehr unmittelbar das alte Wien zu spüren. Etwa die 10er Marie, einer der ältesten Heurigen. Ich liebe auch die Wiener Art, das legere wie das grantige.

Ich liebe auch die „Bachmann Stadt“ Klagenfurt. Ich spielte am wunderschönen Stadttheater. Und die Wege, Straßen, Plätze – die Bahnhofstraße, Radetzkystraße, Parkanlangen und den See, liebe das. Da geht mein Wiener-Herz auf bzw. fremd (lacht).

Die unmittelbare Publikumsbühne des Theaters steht ja derzeit leider still. Ich hatte im Februar/März Projekte mit der ORF Produktion „starmania“ wie Werbedrehs, darüber war/bin ich sehr froh. KollegInnen am Theater proben in der Ungewissheit der Premiere. Die Generalprobe findet statt und dann ist die Abreise. Das ist sehr schwierig und unangenehm.

Ich habe Projektplanungen für den Sommer und hoffe, dass diese stattfinden können – ich glaube fest daran, dass sie stattfinden.

In der Besetzung von Theaterrollen ist es oft sehr oberflächlich. Eine gewisse Typologie ist gefragt. Du kannst singen, tanzen, schauspielen aber dann ist die Haarfarbe, Größe, Körpergewicht wesentliches Kriterium. Das ist ärgerlich.

Bei Auditions geht es dann oft ab einen gewissen Level nicht darum wer am Besten spielt, singt sondern ob der Typ passt. Ich versuche dann positiv nach Vorne zu blicken und sage mir, dann soll es jetzt in dieser Produktion nicht sein. Ich akzeptiere es.

Bei den großen Häusern, den großen Produktionen weiß ich oft schon, dass einfach ein gewisses Aussehen gefragt ist, das über der künstlerischen Qualität steht, und ich bewerbe mich dann gar nicht mehr. Da suche ich lieber kleinere Häuser, Produktionen, wo in den Auditions/Gesprächen schon merke, da geht es um die Person, um die Kunst, nicht wir groß ich bin und ob ich blonde Locken habe oder nicht.

Das Showbusiness funktioniert so. Wenn ich ein Teil davon sein will, muss ich mitspielen. Das war wohl auch zur Zeit Bachmanns so, auf der Literaturbühne.

Eine gute Beziehung zu den eigenen Emotionen ist in unserem Beruf ganz wesentlich. Emotionen sind die Basis unserer Arbeit. Das Spiel mit Emotionen. Da geht es um Dramatik. Es ist ein Dialog mit eigenen Erfahrungen, Erlebnissen und dem künstlerischen Text. Selbstreflexion ist dabei sehr wichtig. Für jeden Menschen.

Wir wenden uns sehr oft nur der Schönheit von Emotionen zu. Aber es gibt auch das Dunkle, Verdrängte. Und das Eine gibt es nicht ohne das Andere.

Wir dürfen Emotionen fühlen, hell und dunkel. Diese Gegensätze sind zu akzeptieren und zuzulassen. Emotionen sind nicht wegzuschließen.

Ich liebe weinen.

Ich weine oft, hauptsächlich wenn ich gerührt bin. Da weine ich sehr schnell. Ich finde weinen hervorragend. Weinen würde ich nie als etwas Negatives empfinden. Es ist etwas Befreiendes wie Lachen. Ein Ventil vor der Explosion von Emotionen.

Mentale Gesundheit gewinnt immer mehr an Bedeutung und das ist sehr wichtig.

Ich freue mich auch sehr gerne über Alltägliches. Das fällt auf und mir fällt dann auf, dass es nicht so häufig ist.

Wir alle haben die Angst negativ aufzufallen. Da wird das angepasste  „Mitschwimmen“ vorgezogen.

Menschen trauen sich oft nicht „aus sich rauszugehen“ obwohl sie es gerne würden in Freude und Traurigkeit. Es ist schade, dass dies nicht zugelassen wird. Ingeborg Bachmann geht da in „Malina“ einen ganz anderen Weg. Der Roman ist ein Feuerwerk, eine Achterbahn der Emotion. Da bleibt nichts verborgen.

Sich aus einer „toxischen“ Beziehung zu lösen, war zur Zeit der Romanentstehung sehr schwer möglich. Die finanziellen Abhängigkeiten waren etwa bei einer Ehescheidung sehr groß.

Vieles hat sich gesellschaftlich zum Besseren verändert. Aber auch heute gibt es Abhängigkeiten in der Liebe.

Es betrifft heute Frauen und Männer, die sich aus toxischen Beziehungen nicht lösen können.

Eine toxische Beziehung ist immer ein Hineinschlittern. Am Anfang zeigen wir nur die besten Seiten von uns. Es ist eigentlich eine Show, eine Bühne. Dahinter beginnt dann das tägliche Leben abseits des Scheinwerferlichts des ersten Verliebtseins. Dann kann das Toxische Raum greifen und erdrücken. Das Gewalttätige, Manipulative, das Drama. Bachmanns Roman Malina erzählt eindringlich davon.

Besser betrogen, belogen zu werden als allein zu sein. Auch diese emotionale Abhängigkeit ist Alltag heute, 50 Jahre nach Malina.

„Ich behandle dich jetzt so, weil es für dich das Beste ist!“ – da heißt es (spätestens) Ciao zu sagen.

Zu erkennen was gerade passiert in einer Beziehung ist ein harter, schwerer Weg.

Ich habe einen Wert und ich weiß das. Allein oder in einer Beziehung. Ich bin ich. Damit gehe ich in oder aus einer Beziehung.

Dass wir einen Wert haben, als Frau und Mann, kann und darf uns niemand wegnehmen. Genau darum geht es ja auch in „Malina“.

Selbstbewusstsein ist Beziehungsvoraussetzung.

Jede Frau, die aus einer toxischen Beziehung entkommt, hat meinen größten Respekt.

Das ist grundsätzlich ein gesellschaftlicher Auftrag. Aber oft ist es der Weg allein in die Wand, wie im Roman von Bachmann. Durch die Wand hin zur Realität. Eine „Todesart“ wie Bachmann es nennt.

In einer Beziehung ist immer auch emotionaler „Waschtag“. Fein- und Kochwäsche des Täglichen, das ist gut so. Leider kann aber auch massive Gehirnwäsche dabei sein  – da braucht es dann die Stopptaste.

Die hohe gegenwärtige Scheidungsraten ist auch eine Errungenschaft.

Die Rolle der Frau ist immer eine anerzogene. Niemand wird für den Herd geboren.

Erziehung ist immer ein Stück Freiheit oder eine Kette der Unfreiheit.

Wir müssen an diesem vorgegebenen  „mindset“ der gesellschaftlichen Rolle arbeiten – ob Frau oder Mann.

Liebe auf den ersten Blick gibt es nicht. Es gibt Anziehung aber Liebe entsteht.

Ich konnte noch nie am Anfang einer Beziehung sagen, ich liebe dich. Es kommt zuerst das Kennenlernen. Liebe muss entstehen, davon bin ich überzeugt.

Wie lange es braucht, um „Ich liebe dich“ zu sagen? Das ist nicht genau zu sagen, es kommt auf das Zusammenspiel an. Wenn ich um eine Zeitangabe gefragt werde – so rund ein halbes Jahr.

„Ich liebe dich“ auszusprechen ist für mich ein Miteinander von Empfindung und Wort. Ich empfinde es früher als ich es sage. Das mache ich bewusst, weil ich es da noch für mich behalten möchte. Dass es wachsen und mich erfüllen kann bis es zur Welt, zur Welt der Sprache kommt. Bis es raus muss in die Welt. In all der Schönheit aber auch Herausforderung und Verantwortung.

Wir sollten alles mit Empfindung und Bewusstsein tun. In der Liebe und im Leben.

Eine Fernbeziehung ist eine Beziehung zum Handy.

In der Liebe muss Gegenwart und Zukunftsausblick passen.

Liebe muss Geborgenheit vermitteln.

Das Warten auf einen Anruf, eine Nachricht charakterisiert eine Beziehung. Da hat sich seit Malina nichts verändert. Nur die Technik.

Da sind diese vielen Gedanken im Warten – Was macht er gerade? Warum meldet er sich nicht? – und dann kommt der Anruf und es geht einem gut. Da ist eine Freude aber auch eine Wahrnehmung von Abhängigkeit.

Glücklich bist du immer allein. Das ist ein Wert, gerade auch in einer Beziehung.

Beziehung ist für mich Bestimmung.

In der Beziehung müssen alle Karten auf den Tisch. Ich hasse betrügen.

Wenn dem Partner etwas fehlt und er spricht es aus, ist das ganz wichtig. Auch wenn es schwer ist für beide. „Dieses, es reicht nicht was wir haben“ auszusprechen und zu benennen, ist eine große Herausforderung aber unumgänglich.

Ich möchte in einer Partnerschaft immer die Möglichkeit zum Reagieren haben. Eine Affäre nimmt die Möglichkeit der Reaktion. Das ist unfair.

Polygamie und Beziehung funktioniert für mich nicht. Da ist es wichtig zu sagen, du hättest es gerne so aber ich schaffe es nicht.

Es ist sehr wichtig voreinander, miteinander zu weinen. Männer können, dürfen, müssen weinen.

Männer haben es schwer in ihrem Selbstbild. Darüber wird zu wenig gesprochen.

Männlichkeit wie Weiblichkeit muss authentisch sein. Der Roman ist dabei ja wie ein Lehrbuch.

Mann und Frau müssen nichts können. Nichts muss – alles kann, darf sein.

Ingeborg Bachmann lesen heißt, an die eigene Stärke zu glauben.

Ingeborg Bachmann lesen heißt – sich nichts dreinreden lassen.

Stärkerwerden ist eine Entscheidung.

Elisaberth Blutsch_Sängerin, Schauspielerin

50 Jahre Malina _ Roman _ Ingeborg Bachmann _ im Gespräch:

Elisabeth Blutsch, Schauspielerin, Sängerin _Wien.

„Kunst ist schon immer ein Ort gewesen, an dem die Leute auch Emotionen verarbeiten können“ Elisabeth Blutsch, Schauspielerin_Wien 7.1.2021 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

Station bei Ingeborg Bachmann- alle Fotos/Interview_Walter Pobaschnig _ Hotel Regina_Wien_27.2.2021

Walter Pobaschnig _ 4_2021

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„Dass wir alle voneinander abhängig und füreinander verantwortlich sind“ Michael Dangl, Schauspieler_Wien 6.4.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jeden Tag anders. Seit März des Jahres hatte ich Wiederaufnahmeproben für zwei Stücke in der Josefstadt, die von ORFIII aufgezeichnet und am 9. und 16. April im Hauptabendprogramm gesendet werden: die Komödien DER VORNAME und DIE LIEBE GELD – letzteres ist eine Uraufführung von Daniel Glattauer, die wir im Oktober rausgebracht und bislang nur neunmal gespielt haben. Der ORF bietet mit seiner Reihe WIR SPIELEN FÜR SIE eine tolle Chance, all denen Theater zu zeigen, die es seit Monaten so schmerzlich vermissen.

Dazu habe ich eine Menge Interviews, Streams etc. zu meinen neuen Büchern: ORANGEN FÜR DOSTOJEWSKIJ (Braumüller Verlag) und ANFISA ZU DIR – BRIEF AN MEINE TOCHTER (Amalthea Verlag). Und immer wieder Aufnahmen für Ö1 oder demnächst wieder ORF/UNIVERSUM.

Sollte ich mal frei haben – und natürlich kommt das häufiger vor als normalerweise – stehe ich trotzdem früh auf, schreibe, beschäftige mich mit musikalisch-literarischen Projekten, die auf mich zukommen, spiele viel Klavier und schaue erwartungsfroh dem Frühling entgegen.

Michael Dangl, Schauspieler, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Zuversicht zu verlieren, dass wir die meisten unserer liebgewonnenen Lebensumstände zurückbekommen werden. Den Glauben zu behalten, dass das Leben durch diese nun einjährige Zäsur nicht minderwertig geworden ist. Umso liebevoller, freundlicher miteinander umzugehen. Weil wir wissen, dass Jeder es – Jeder in seinem Bereich und in seiner subjektiven Wahrnehmung – schwer hat.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Literatur, der Kunst an sich zu?

In der Welt der Kunst haben wir die Gelegenheit, zu erkennen, dass Gegensätze nichts Trennendes sind oder sein sollten. Nach diesem Jahr dürfte nun wirklich Jeder verstanden haben, dass wir alle voneinander abhängig und füreinander verantwortlich sind. Dieses Bewusstsein sollte keine Gräben aufwerfen oder Mauern errichten, sondern Brücken bauen und Wege ebnen. Gegensätze sind Inspiration, Erweiterung, Bereicherung. Ich bin dankbar für alles, was mir fremd ist. Weil es mir das Ausmaß der eigenen Bedeutung relativiert. Es gibt kein Recht haben und kein Drüberstehen. Nur ein intensives Eintauchen in den Moment. Und in den nächsten. Und den nächsten. Theater vergrößert und feiert den Moment. Theater ist die Kunst des Augenblicks.

Was liest Du derzeit?

DIE PFINGSTROSENLATERNE von Sanyutei Encho. Eine „Gespenstergeschichte“ aus dem Japan des 17. Jahrhunderts.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Engel werden nicht müde, antwortete der Engel, weil sie nicht mit ihren Kräften haushalten. Wenn du nicht mehr daran denkst, dass deine Kraft zu Ende gehen könnte, wirst du auch nicht müde werden. Wisse, Arsenij: Nur, wer keine Angst hat, zu ertrinken, kann auf dem Wasser wandeln.“

Aus „Laurus“ von Sergej Wodolaskin, einem russischen Roman über einen mittelalterlichen Wunderheiler.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspiel-, Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Herzlich gerne!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Dangl, Schauspieler, Schriftsteller

Michael Dangl: Aktuelles

Foto_Moritz Schell

14.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich glaube fest an die Notwendigkeit von gegenseitigen „Erzählungen““ Peter Laher, Künstler_ Drosendorf/NÖ 6.4.2021

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinen Tagesablaufsgewohnheiten- bzw.Notwendigkeiten hat sich nicht allzu viel geändert. Schlafstörungsbedingt schlafe ich wann immer ich schlafen kann. Wenn ich wieder „weltkompatibel“ bin, arbeite ich regelmässig im Atelier, wie ich das die meiste Zeit meines Lebens getan und gehalten habe. Ich arbeite gegenwärtig an Kohle/Tusche Zeichnungen, die ich zu großformatigen Collagenbildern zusammenzufügen versuche. Ich beschäftige mich unter anderem mit den , in meiner Lebensumgebung im Waldviertel, landschaftsverändernden Großschlägerungen der vom Borkenkäfer geschädigten Waldlandschaften. Das Waldviertel wird wohl bald „Kahlviertel“ heißen müssen. Was weltweit geschieht, geschieht auch unmittelbar vor meiner/unserer Haustüre. Dazwischen wird gelesen und mitunter spazieren gegangen.

Peter Laher, Künstler

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich formuliere im Konjunktiv, Austausch wäre wichtig, reden über das, was rundherum allenthalben geschieht und das gemeinsam abzuwägen und zu beratschlagen, was konkret zu tun wäre. Weil das aber entsprechend Gesprächspartner bräuchte und  die nicht  immer und überall zu haben sind, ist das notfalls auch als „Selbstgespräch“ zu führen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Wir sind ja existentiell angewiesen auf „Sinnproduktion“, anders ist die Welt ja in ihren Erscheinungsformen nicht auszuhalten. War wohl auch nie anders, kann wohl auch nicht anders sein. Deshalb sind Kunst und Literatur so wichtig, gegenwärtig kommt mir das noch dringlicher vordem je. Nach Lesungen, Vernissagen, Kino-oder Theaterbesuchen hat man immer ein gesteigertes Bedürfnis sich darüber auszutauschen, was man soeben gesehen hat, wie einem das gerade Erlebte jeweils „vorgekommen“ ist. Ich glaube fest an die Notwendigkeit von gegenseitigen „Erzählungen“.

Was liest Du derzeit?

Immer gleichzeitig mehrere Bücher über den „Tag“ verteilt. Gegenwärtig sehr angetan von John Burnside „What light there is- Über die Schönheit des Moments“, Michelle Houellebeques Essays „ Ein bisschen schlechter“, daneben habe ich seine beiden Gedichtbände „ Wiedergeburt“ und der „Sinn des Kampfes“ aus dem Regal geholt und lese zwischendurch wieder hinein. Und schließlich Max Beckmann „ Die Realität der Träume in den Bildern“ und Werner Hofmann „Die Grundlagen der modernen Kunst“, das ich 25 Jahre nicht mehr in der Hand hatte.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Den letzten Satz den ich gestern bevor mir die Augen dann endlich doch zugefallen sind bei John Burnside auf S.146 noch bewußt gelesen habe :

„Der Himmel kann warten, alles andere aber ist um uns, zeugt von den Grenzen unseres Verweilens hier, beschreibt die Pose zwischen dem Ich und dem Anderen, die eine Heimat schafft, erinnert an die Existenz von Licht und der prachtvollen Last der Farbe“.

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Laher, Künstler

bsa – laher (bsa-art-ooe.at)

Peter Laher | Werk-X (werk-x.at)

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es ist für jede(n) wichtig wahrgenommen zu werden, zu wissen, dass die eigene Existenz zählt“ Emily Stewart, Violinistin, Wien 5.4.2021

Liebe Emily, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich stehe unter der Woche kurz vor 7 auf. Bis 8 Uhr morgens erleben wir den üblichen Familienwirbelsturm, den man hat, wenn man Kinder pünktlich zur Schule bringen muss. Danach fahre ich in mein kleines Studio im 2. Bezirk, meistens mit dem Rad aber wenn ich Zeit habe mache ich kurze Spazierpausen dazwischen um die Stadt ein bisschen zu genießen. Dann erledige ich Email kram, oder schreibe ein paar Ideen auf, oder fang an zu üben, hängt davon ab was mir in dem Moment durch den Kopf geht – wobei ich gestehen muss, dass ich in letzter Zeit sehr unkreativ und unproduktiv war. Zum Glück habe ich jetzt neue Projekte auf die ich hinarbeiten kann, und ich freue mich sehr wieder konkrete Aufgaben zu haben. In nächster Zeit muss ich mich mehr aufs komponieren konzentrieren, eine willkommene Herausforderung. Da ich gerade wieder studiere muss ich auch für die Uni einiges lesen und vorbereiten. Hin und wieder treffe ich gute Freunde und Bekannte zum spazieren und Ideen auszutauschen – in den Fällen gibt es zusätzlich den mittlerweile üblichen Corona-Test-Boxenstopp. An manchen Tage kann es die eine oder andere Studioaufnahme geben. Aber grundsätzlich ist die musikalische Arbeit mit anderen eher selten.

Emily Stewart, Violinistin

 Am Nachmittag hole ich die Kinder ab und dann ist wieder Wirbel.

Ansonsten gibt es Wäsche. Wäsche, sowohl schmutzige als auch saubere, ist ein großer Bestand meines Lebens.  Jede(r), der/die in einem Haus mit Kindern lebt wird mir Recht geben: Sysiphus hat mit dem Stein Glück gehabt.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich würde sagen Ruhe und Geduld. Es sind nicht unbedingt meine Tugenden, aber ich versuche sie zu verinnerlichen. Es gibt zurzeit zu viele Dinge, die man nicht ändern kann, dagegen zu kämpfen ist verlorene Energie. Je ruhiger und geduldiger man ist, nicht nur mit der Außenwelt sondern mit sich selber, umso einfacher ist es einen positiven Ausblick zu bewahren – und das brauchen wir auf alle Fälle.

Wichtig ist aber auch der Kontakt zu anderen Menschen zu pflegen, in welcher Form auch immer. Es ist gerade sehr leicht zu vereinsamen und in Depressionen zu fallen. Ein Anruf, ein Brief, eine Nachricht können den Tag unglaublich versüßen, sogar retten – hier gilt wirklich „a little goes a long way“. Es ist für jede(n) wichtig wahrgenommen zu werden, zu wissen, dass die eigene Existenz zählt.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die moderne, globalisierte Welt hat vor allem uns im Westen ein sehr sicheres, komfortables Leben geschenkt. Ich behaupte wir sind dadurch etwas träge geworden. Wir können alles zu jeder Zeit haben. Wir brauchen wieder Ecken und Kanten. Die Musik hat es oft geschafft, diese zu zeichnen. Musik hat innerhalb der Künste eine besondere Kraft, weil sie in uns eindringt und Gefühle herauskitzelt, die vielleicht lang nicht mehr greifbar waren. Sie hat einen viszeralen Effekt, wir reagieren intuitiv auf sie auf. Ich denke Musik muss wieder in der Lage sein uns alle wieder wach zu rütteln und nicht mehr so selbstgefällig zu sein.

Ich glaube was mir derzeit am meisten fehlt ist Inhalt. Wir reden alle von „Content“ aber gemeint ist hauptsächlich die Optik – und dies nicht nur in der Kunst sondern auch im Alltag. Wir sind dennoch gesättigt von diesem Übermaß an sogenannte Perfektion und Illusion. Es berührt einem nicht. Und um an einem Aufbruch teil zu nehmen muss man eine gewisse Dringlichkeit spüren, sich angesprochen fühlen, die Dinge beim Namen nennen können. Kunst und Musik haben es z.B. in den 60ern geschafft die Stimmungen der Zeit zu erfassen und gesellschaftliche Impulse zu geben, die tatsächlich was bewirkten. Ich hoffe das passiert wieder.

Was liest Du derzeit?

Ich lese oft mehrere Bücher parallel. Gerade sind es Eddie Izzards Autobiographie „Belive Me – a memoir of love, death, and jazz chickens„, „A Season in Hell“ von Arthur Rimbaud, und gerade am Start „England, My England“ von D.H.Lawrence. Nebenbei habe ich als Corona Projekt alle Bücher von Raymond Chandler zu lesen – derzeit ist „The High Window“ im Programm.

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Listen to the hummingbird

Whose wings you cannot see

Listen to the hummingbird

Don’t listen to me“

– Leonard Cohen

Emily Stewart, Violinistin

Vielen Dank für das Interview liebe Emily, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Emily Stewart, Violinistin, Musikerin

Emily Stewart (emily-stewart.com)

Fotos_1,3,4 _ Maria Frodl; 2_Rania Moslam

12.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen“ Katharina Kummer, Regisseurin_Wien 5.4.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Funktionierend im Schreibmodus: aufstehen, bewegen. Grüntee trinken Bürokratie und Telefonate erledigen. Interviews führen, schreiben. Mich nach nahen Menschen erkundigen. Rausgehen. Essen. Eventuell weiterschreiben, lesen, schlafen. Glücklicherweise habe ich extrem geringe Fixkosten, keine Kinder etc. und bin seit jeher ohnehin am liebsten allein, außer wenn ich inszeniere, beim Proben.

Funktionierend im Regiemodus: Aufstehen und ins Theater rennen. Ab 10 Uhr Proben. Während die Spieler Nachmittagspause machen, an der Fassung sitzen, Beleuchtung, Arbeitsgespräche führen. Nach der Probe Wein trinkend weiterarbeiten. Schlafen gehen. Alles wie immer nur ohne Premieren.

Oder völlig lost und beyond sein. Tage damit verbringen, mit Monstren zu kämpfen. Mich verstecken. Wüten. Im Kreis drehen. Versuchen immer schwierigere Level weirdester mindspaces zu durchqueren. Compulsive behaviours verschiedenster Art. Nicht funktionieren.

Oder Abläufe, von denen ich noch gar nicht wußte, dass ich sie mag. Wie etwa, mich ohne Arbeitsbezug mit Leuten treffen. Weder funktionieren noch nicht-funktionieren also. Leben. Ohne Produktivitätsanspruch.

Katharina Kummer _ Toihaus _Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Diese Frage habe ich delegiert. An den kommunistischen Freund meines Vertrauens: Linke Parteien unterstützen, sie in Richtung radikalerer Ziele pushen, wie etwa die Kollektivierung von Land und Eigentum. Klassenbewusstsein und ein Bewusstsein für die Dynamiken des Kapitalismus in Europa und der imperialistischen Gewalt im globalen Süden schärfen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Schauspiel/Theater, der Kunst an sich zu?

„Aufbruch“, „Neubeginn“, „alle gesellschaftlich und persönlich“… zu diesen Phrasen habe ich nicht das geringste Verhältnis. Sie sind wie mottenzerfressene Pullover, die nicht mal mehr für die Altkleidersammlung taugen.

Zu Theater allerdings habe ich durchaus ein Verhältnis und „dem Theater“ hätte meines Erachtens nach nichts Besseres passieren können, als die Totalzerstörung durch diese Pandemie.

Als ich als Jurymitlglied an Vorsprechen an einer Schauspielschule teilnahm, haben Bewerberinnen auf meine Frage, warum sie Theater machen wollen, oft etwas gesagt wie: „Weil ich keine Lust auf so einen langweiligen Bürojob habe“. Als Motivation eines Kunstschaffens, das etwas hervorbringt, was für irgendeinen Rezipienten auch nur ansatzweise von Wert sein könnte, ist das selbstverständlich ziemlich mager. Als Aussage, die Rückschlüsse auf den Status Quo der Kulturproduktion unserer Gesellschaft zulässt, ist es umso aufschlussreicher:

Was für ein Armutszeugnis stellt sich eine sich als ungemein fortschrittlich gerierende Zivilisation aus, wenn unzähligen jungen Menschen lediglich völlig entfremdete und als sinnlos empfundene Tätigkeiten als Alternative dazu erscheinen, einer winzigen Kulturelite anzugehören? Wie krass ist der Rückschluss auf die Alltagskultur einer Welt, in der man entweder völlig sinnlose Dinge herstellen oder sich an deren Vermarktung, Verwaltung oder Vermüllung beteiligen kann oder auch an den Abläufen der Organisation dieser Sinnlosigkeiten oder an der Vollstreckung des Schutzes dieser inhaltlichen Armseligkeiten! Nichts von alledem eröffnete den Bewerberinnen – zu Recht – eine Lebensperspektive, in der irgendeine Möglichkeit von Selbstausdruck zu finden war oder die ein als sinnvoll empfundenes Gestalten der Energie in Aussicht stellte, die die Verdichtung von Raum zu einem Körper innerhalb einer gewissen Zeitspanne bereithält, die man ein menschliches Leben nennt.

Die kleine Berufs-Kulturelite hingegen befindet sich mit ihren Stimmen, ihrem Schaffen, ihrem Ausdruck, ihren Persönlichkeiten und ihren Perspektiven völlig im Rampenlicht und führt dort gleichzeitig einen von der besagten entfremdeten Alltagskultur zu großen Teilen abgetrennten Spezialdiskurs.

Die Unkultur unser Lebensart wird jetzt im tiefen Fall sichtbar, den viele erleben, wenn es darum geht, überhaupt mit seiner Zeit und Energie umzugehen. Selbstverständlich wäre es perfide, das den Einzelnen anzulasten. Die ökonomische Struktur, die soziale Architektur, die inneren – sowohl geistigen als auch affektiven -Kapazitäten sind derart unterentwickelt, dass so viele ins Schleudern geraten angesichts des Wegbrechens eines ohnehin als sinnlos empfundenen äußersten Gerüsts. Wie gesagt: ein Armutszeugnis für eine Zivilisation.  

Warum ich schon seit Jahren, wenn ich nicht gerade selber Theater mache, kaum mit Theaterleuten befasst bin, ist weil mich die Homogenität dieser Szene zutiefst langweilt. Ihre Zusammenkünfte, an denen die immer gleichen teilhaben, erfüllen meist in erster Linie die Funktion, sich im vom Inner Circle hervorgebrachten Spezialdiskurs in den eigenen Anschauungen selbst zu vergewissern, zu beruhigen und zu bestätigen.

Verstehen Sie mich richtig: eine elitäre Kultur und Spezialdiskurse ermöglichen die Entwicklung ästhetischer Qualitäten, die nur in dieser Konzentration gedeihen können. Das hat einen großen Wert, nur ist der Spalt zwischen den sich Ausdrückenden und den in die entfremdete Sinnlosigkeit Verbannten riesig. Und ich meine das im globalen Sinn, nicht nur in unserem spezifischen kulturellen Zusammenhang. Aber auch. Die Diversität, die ich in meinen selbst gewählten anderen Kontexten erlebe ist keineswegs da vorhanden, wo hörbar gedacht und gestaltet wird.

In diesem Sinne begrüße ich eine Totalzerstörung der bestehenden Theaterstruktur durch die Pandemie. Wie ein Neubeginn aussieht, wird sich zeigen. Es ist oft hinderlich, dem schon inmitten des Zusammenbruchs krampfhaft vorzugreifen. Erstmal gilt es, den Niedergang zu genießen und vollständig geschehen zu lassen. Dann Schneefall, Ruhe.

Wenn „das Theater“ tatsächlich nicht überleben würde, hätte es meinen Segen. Das halte ich allerdings für maximal unwahrscheinlich. Mich interessiert Theater in der Hinsicht, wie und wo es von Ritual stammt. Das mit besagten Skills zu kreuzen, die ich ja selbst im Eliteprofidiskurs erworben habe, ist meine Spezialität. Ich mache Theater, wo immer es einen Rahmen gibt, der mich interessiert und dann, wenn es mir ohnehin angetragen wird. I love it. The essence of theatre itself is not to blame. Im Angesicht dessen, dass völlige Konsistenz virtuell ist, ist die Konsequenz, die ich aus meiner Kritik ziehe nicht, dass ich den Griffel aus der Hand lege, sondern lediglich that I stick to what I wanna say, dass ich darauf verzichte, aktiv irgendeine Karriere voranzutreiben, dass ich sowohl in meinen Arbeiten als auch in meinem sozialen oder oft auch asozialen Verhalten die Heterogenität suche und herstelle, die ich in bestehenden Kulturzusammenhängen vermisse. 

Anyway: um den Samen der Theatralität, der in vielen schlummert und der auf neue Weise Blüten treiben wird, mache ich mir gar keine Sorgen. Meine ehemalige Studentin Ruchi Bajaj schrieb mir neulich: „Wir verdauen unser gegenwärtiges Selbst, das wir erfunden haben. Aber es war alles nur Illusion. Es bricht noch das Alter der Teezeremonie an.“  

Achso – die materielle Perspektive des hier Gesagten betreffend: siehe Antwort auf die Frage davor.

Was liest Du derzeit?

Caliban and the Witch von Silvia Federici, Der Gebrauch der Körper von Giorgio Agamben, Oblomow von Iwan Gontscharow, die philosophischen Chroniken von Nancy, was Marcus Steinweg gerade auf Facebook postet, eine Aufsatzsammlung über Lady Di. Ich vermisse als einziges die Bibliotheken!! Dass man gemeinsam in einem Raum ist, aber jeder in seiner geistigen Welt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Kathy Acker – schon voll von Krebs und auf ihren Tod zugehend – hielt bei einem Roadtrip am Straßenrand, um zu pinkeln, legte sich in die Wiese und sagte: “the sun feels so good on my cunt!”

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Kummer, Regisseurin, Autorin

Zur Person: Die Regisseurin und Autorin Katharina Kummer ist Jahrgang 1981. Bereits während ihres Linguistikstudiums an der HU Berlin Gastengagements bei Film und Theater. Auf der Suche nach einer Kombination aus performativem und konzeptuellem Arbeiten fand sie beim Puppen-, Figuren- und Objekttheater die Möglichkeit, die Bühne als Szene exzessiven Denkens zu nutzen. 2011 machte sie an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch ihr Diplom. Während ihres Festengagements als Spielerin am Puppentheater Halle (2011- 2017) realisierte sie bereits diverse Uraufführungen als Regisseurin und Autorin, darunter für sie wichtige Arbeiten wie „Ach und Weh – eine Liebesmüllabfuhr unter Aufsicht von Elfriede Jelinek“ (Soloproduktion 2009), „wir werden alle unsre mütter“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2014), „FUCK YOU, Eu.ro.Pa!“ (Text: N. Esinencu, Maxim Gorki Theater 2015, erster Preis des Secondo Theaterfestivals in Zürich), „MIRJAM & MYRIAM oder: Sieh dich vor, im Traum eines kleinen Mädchens gefangen zu sein“ (Uraufführung DSCHUNGEL WIEN 2016) und „Bei uns ist alles un Ordnung!“ (Uraufführung Puppentheater Halle 2017). „Rote Sonne oder: Dieser Planet geht mir auf die Nerven“ (Uraufführung, Staatstheater Augsburg 2018), „Turm /Schleier, Puppe /Fleisch“ (Uraufführung, TOIHAUS Salzburg, 2020). Derzeit lebt sie als freie Regisseurin und Schauspieldozentin in Wien und Bayern.

Regie | Theater Chemnitz (theater-chemnitz.de) 11.3.2021

Foto_Ela Grieshaber

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, möglichst lange „sehend“ zu bleiben“ Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin_Avrillé bei Angers/F 4.4.2021

Liebe Franziska, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment gar nicht so viel anders als sonst, da wir in Frankreich im Moment keinen harten Lockdown mehr haben und die Schulen seit September auch offen geblieben sind. Richtig schwierig war es im März/April 2020, mit 100 Prozent Distanzunterricht, Homeoffice auch für meinen Mann und Sechsjährigem, der schon massenweise Aufgaben bekam. Glücklicherweise gab es in letzter Zeit weder in meinem Lycée noch in der Vorschule meines Sohnes Corona-Fälle. Ich weiß aber, dass diese Ruhe trügerisch ist.

Morgens ziehe ich mein Wildkind an, obwohl es das längst selbst kann, trinke einen Kaffee, dann arbeite ich entweder zu Hause oder fahre gleich (je nach Unterrichtsbeginn) mit Bus oder Straßenbahn nach Angers in die Schule. In unserem Département ist die Maske auch draußen überall Pflicht. Die ständig beschlagene Brille am Morgen erinnert daran, dass etwas anders ist. Der Unterricht ist meistens harmonisch, die Schüler*innen sind froh, dass sie da sein können. Ich möchte, dass sie trotz allem schöne Erinnerungen an ihre Schulzeit haben. Mittags gehe ich in die Kantine, mit Sicherheitsdistanz zu den anderen und immer mit einem komischen Gefühl im Bauch, aber im Lehrerzimmer wäre es noch schlimmer, weil wir da noch mehr aufeinander hocken. Ab und an gibt es ein Picknick mit einem guten Freund und Kollegen, der auch Deutscher ist, in einem Vorbereitungsraum, den ich ganz pikant Kabuff nenne, wir essen dann mit anderthalb Meter Distanz und offenem Fenster. Ins Café können wir ja nicht.

Franziska Beyer-Lallauret _ Schriftstellerin

Wenn ich – meist vor der Sperrstunde um 18 Uhr – nach Hause komme, sind mein Mann und Wildkind da, dann ist Familienzeit, gemeinsames Kochen, Tanzen, Fernsehen, Legoteile suchen etc. Später das Kuschelritual und Abendlektüre, im Moment lesen wir „Das kleine Gespenst“. Meistens ist es danach schon halb zehn und ich muss entscheiden, ob ich noch korrigiere, was meistens nötig ist. Ansonsten schaue ich mit meinem Mann Filme und Serien auf ARTE, beantworte Mails, chatte oder arbeite an meinen Gedichten. Letzteres ist allerdings eher am Wochenende oder in den Ferien möglich. Es passiert nämlich, dass ich mich festschreibe bis in die Morgenstunden … seltsamerweise habe ich gerade eine eher produktive Phase, trotz der Pandemie.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich antworte mal ganz subjektiv: Barmherzigkeit, anderen und sich selbst gegenüber. Lächeln, auch unter der Maske, ein Leuchten in die Augen legen und verschenken, wenn es passt. Offen bleiben für Überraschungen. Sich schützen, auf sich achten, so gut es geht. Die Kinder und Jugendlichen im Blick behalten, ihnen Möglichkeiten bieten, zusammen kreativ zu sein, sie reden und fragen lassen. Der Trauer Raum und Worte geben, wenn sie über uns kommt. Sich klarmachen, dass alles endlich ist. Seinen Lieben Zärtlichkeit schenken, und allen, die es brauchen, ein offenes Ohr. Das Leben genießen, wie es eben möglich ist, das Glas gerne halbvoll mit Sauvignon blanc füllen. Die Natur und ihr derzeitiges Erwachen bewusst erleben. Ich bin so dankbar, dass ich ins Grüne kann und ans Wasser, das war vor einem Jahr in Frankreich unmöglich, da waren Wälder, Wege an Flüssen entlang und Strände gesperrt und wir durften uns nur mit selbstausgestellter Bescheinigung in einem Ein-Kilometer-Radius um unser Domizil bewegen, eine Stunde am Tag. Diese Erfahrung wirkt noch nach. Deshalb verreisen wir jetzt im Rahmen des Erlaubten auch mal für ein paar Tage, ans Meer, in die benachbarte Bretagne und gehen viel an die Loire. Ansonsten auch wichtig, gerade für Künstler*innen: Mehr kommunizieren, sich vernetzen, einander schreiben, gemeinsame Ideen verwirklichen. Bücher und Gedanken tauschen. Sich trauen, auf die anderen zuzugehen, Dinge aussprechen, die man immer schon sagen wollte, es aber aus irgendwelchen Gründen nicht gewagt hat. Vor allem wenn es nette Dinge sind. Und sich gegenseitig trösten. Es gibt im Moment viele Menschen, die Trost brauchen. Last but not least, Pläne machen für später: Reisen, Museumsbesuche, Konzerte, Lesungen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Ingrandes sur Loire, zwischen Angers und Nantes

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Gestern haben wir im Literaturunterricht über die Frauen der Romantik gesprochen, für die noch jede Geburt eine Gratwanderung zwischen Diesseits und Jenseits war, jeder Schnupfen des Kindes zu einem Urteil werden konnte. Wir können uns das heute vielleicht besser vorstellen als noch vor einem Jahr. Der Tod, den wir so schön aus unserem Alltag verbannt hatten, ist ein Stück weit in die Mitte der Spaßgesellschaft gerückt. Ich denke, viele kennen mittlerweile jemanden, der an Corona gestorben ist. Wenn wir Pech haben, stand dieser Jemand uns nahe und wir konnten nicht zur Beerdigung. Wir werden hier gerade alle mehr oder weniger auf unsere eigene Verletzlichkeit zurückgeworfen, körperlich, seelisch, beruflich, privat.  Das Leben fühlt sich paradoxerweise intensiver an. Wir stellen vielleicht tiefgründiger Fragen, verschieben Prioritäten, rücken im Idealfall enger zusammen. Oder werden einsamer, ängstlicher, wütender. Nach dem Lockdown hoffen wir auf den Rausch, die Freudentänze, den Überschwang des Irgendwann. Auf der anderen Seite wissen wir um die Resignation, die Enttäuschung, das Hadern mit dem, was kaputtgegangen ist. All diese sich überschneidenden Befindlichkeiten wird die Kunst einfangen, wie sie es immer schon getan hat, aber die so erzählten Geschichten, Töne und Bilder werden in ein weltumspannendes kollektives Gedächtnis eingehen; die Literatur könnte vielleicht dafür sorgen, dass die, die durch die Erfahrung der Pandemie „sehend“ geworden sind, auch möglichst lange „sehend“ bleiben. Um es mal frei nach Bachmann zu sagen.  

Was liest Du derzeit?

Sehr viel Lyrik durcheinander, neben dem eben erschienenen Jahrbuch Gedichtbände ganz verschiedener Autorinnen, die ich alle gerade mit Bewunderung entdecke. Heute zum Beispiel liegen hier „Sansibar und andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt und „Die idiotische Macht deiner Wimpern“ von Sünje Lewejohann.

Und natürlich lese ich das POEDU, das eben erschienene Buch zum Projekt von Kathrin Schadt, wo Kinder zu Aufgaben erwachsener Dichter*innen wirklich göttlich gute Gedichte verfasst haben.

Außerdem den Roman „Elbwärts“, von Thilo Krause, der wie ich aus Sachsen stammt und die Handlung in der Landschaft der Sächsischen Schweiz ansiedelt, in Dörfern, Städtchen und auf Bergen, die ich gut kenne.

Und schließlich den zauberhaften Briefwechsel zwischen der Dichterin und Malerin Johanna Hansen und dem amerikanischen Schriftsteller David Oates. „Schreiben ist eine Art von Luftwiderstand“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe Ingeborg Bachmann ja vorhin erwähnt. Ihre „härtere(n) Tage“ aus „Die gestundete Zeit“ sind leider eingetroffen, es werden auch nicht die letzten sein, nun warten wir alle auf diesen anderen, den guten Tag, „an dem die Menschen schwarzgoldene Augen haben.“

Und es gibt ein bekanntes Gedicht von Rilke, das mir schon immer sehr viel bedeutet hat. Im heutigen Kontext erschließt sich da noch einmal eine ganz neue Lesart, finde ich.

Wandelt sich rasch auch die Welt

Wandelt sich rasch auch die Welt

wie Wolkengestalten,

alles Vollendete fällt

heim zum Uralten.

Über dem Wandel und Gang,

weiter und freier,

währt noch dein Vor-Gesang,

Gott mit der Leier.

Nicht sind die Leiden erkannt,

nicht ist die Liebe gelernt,

und was im Tod uns entfernt,

ist nicht entschleiert.

Einzig das Lied überm Land

heiligt und feiert.

Vielen Dank für das Interview liebe Franziska, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Franziska Beyer-Lallauret, Schriftstellerin

Franziska Beyer-Lallauret (franziska-beyerlallauret.eu)

Foto_Charles Moreau

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Wir brauchen Literatur, Musik, Theater, Kunst, um unser Leben entfalten zu können“ Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin _Bonn 4.4.2021

Liebe Ingeborg, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe noch mehr Zeit für mich und lerne, da ich alleine lebe, gerade den wichtigsten Menschen in meinem Leben ganz besonders gut kennen. Mit all seinen Hoffnungen für die Zukunft, all seinen Sehnsüchten, auch nach Vergangenem und Verlorenem. Mag sein, dass mir, als älterem Menschen, gar nicht so viel fehlt, wie den jungen Leuten. Mein Radius ist kleiner geworden. Und wenn sich doch das negative Gedankenkarussell zu drehen beginnt, teile ich meine Sorgen mit meinen liebsten Menschen, die, dank  moderner Technik, immer erreichbar sind. Dann habe ich im Mai eine Woche Urlaub gebucht, in einem schönen Hotel am Meer. Ich hoffe das klappt. Ich brauche etwas, worauf ich mich freuen kann. Immerhin: Ich lebe! Dafür bin ich angesichts der vielen armen Menschen, die an Corona sterben mussten, sehr dankbar.

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ich habe einen relativ festen Tagesplan. Morgens schreibe ich, bzw. ich versuche, Gedichte zu schreiben, auch wenn die Wörter sich seit längerer Zeit vor mir zu verstecken scheinen. Ich bin geduldig und warte auf sie. Wenn sie ausbleiben, versuche ich es am nächsten Tag wieder. Am Nachmittag lese ich sehr viel. Bei schönem Wetter gehe ich am Rhein spazieren. Ich hänge mehr vor dem Fernsehen als sonst. Schaue viele Talkshows. Wenn sich Menschen über ein Thema unterhalten, fühle ich mich mit ihnen im Gespräch und nicht so alleine. Ich habe aber immer weniger Lust auf Online-Veranstaltungen. Es ist einfach nicht dasselbe. Es fehlen die direkten Kontakte, Berührungen, Umarmungen, persönliche Gespräche, Nähe und Wärme. Um ruhig zu werden und in den Schlaf zu kommen meditiere ich am Abend. 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, vielen Menschen ist deutlich geworden, wie sehr wir uns alle brauchen.  Die soziale Distanzierung, die Abgrenzung  von Freunden und Familienangehörigen, die Arbeit im Homeoffice, das Fehlen der sonst  täglichen Routine, als wäre jeder auf einer einsamen Insel gelandet, darf nicht zum Lebensprinzip werden. Ich glaube aber, es wird lange dauern, bis wir uns wiedererkennen und wieder Vertrauen in uns und das Leben allgemein haben.

Vielleicht hilft uns allen eine Rückbesinnung auf das, was wirklich zählt, vielleicht geht auch von dieser schlimmen Zeit eine Hoffnung aus. Viele Menschen sind in ihrer Seele zutiefst verletzt. Die vielen negativen Schlagzeilen, die wir täglich hören: Schicksalsschläge, Todesfälle, in einigen Ländern überfüllte Krankenhäuser, Angst um Arbeitsplätze und die Existenz. Wir sind unserer Freiheit beraubt, zu tun, was wir möchten, hinzugehen wohin auch immer wir wollen, Menschen zu treffen, auch in großer Zahl. Das ist eine sehr giftige Mischung für die Psyche.  Wichtig für uns alle ist, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben, dass bald wieder Leichtigkeit und Unbeschwertheit  zurückkehren.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Nach diesem tiefen Einschnitt durch die Pandemie sind wir alle mehr als sonst gefragt, unser eigenes zukünftiges Tun und Vorhaben zu reflektieren. Ein glückliches und reiches Leben ohne Musik und Theater, ohne Literatur und Kunst ist für die meisten von uns kaum möglich. Wir brauchen das alles, um unser Leben entfalten zu können. Diese Bedürfnisse sind so wichtig und wesentlich wie elementare Bedürfnisse  nach einem Zuhause, nach Essen und Schlafen. Es ist ein Irrtum, wenn behauptet wird, man könne darauf verzichten. Dies ist uns in Coronazeiten sehr deutlich geworden, vor allem in Italien, wo Menschen sich solidarisch zeigten durch ihren Balkongesang. Von Süd-  bis Norditalien sangen und spielten die Menschen auf ihren Instrumenten. Dieser Trend breitete sich in ganz Europa aus.

Kunst repräsentiert und entwickelt unsere Träume und unsere Lebenswirklichkeit. Sie liefert innovative und kreative Ideen für unsere Gesellschaft. Sie macht unser Leben lebenswert und schenkt uns individuelle Identität und sorgt gleichzeitig für Verständigung unter Menschen verschiedener Herkunft. Sie bietet Anlass, wieder miteinander ins Gespräch zu kommen, gemeinsam zu feiern und sich zu begeistern.

Was liest Du derzeit?

Ich lese täglich Gedichte. Im Augenblick vor allem:

Johanna Hansen: Zugluft der Stille

Klara Hurkova: Der offene Raum

Franziska Beyer-Lallauret: Warteschleifen auf Holz

Dann:

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir

Ottessa Moshfegh: Der Tod in ihren Händen

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Dichtung und Liebe haben nicht nur die Besonderheit ihrer Zeit außer der Zeit
gemeinsam: beide sind zweckfrei. Dienen keinem „Um zu“, sondern sind
um ihrer selbst willen da, wie alles, worauf es in Wahrheit ankommt.

(Hilde Domin)

Vielen Dank für das Interview liebe Ingeborg, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ingeborg Brenne-Markner, Schriftstellerin

Ingeborg Brenne-Markner Archive – Lektorat Wortgut (lektorat-wortgut.de)

Foto_privat

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst wird sich zunehmend bemühen, neue Denkweisen sichtbar zu machen“ Jón Thor Gíslason, Künstler_ Düsseldorf 3.4.2021

Lieber Jón Thor, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?   

Seit Einbruch der Pandemie hat mein Tagesablauf sich nicht schwer geändert. Ich tue das, was ich sonst immer tue – Kunst. Stehe morgens auf, trinke einen Kaffee und fange mit der Arbeit an.

Wenn sich etwas geändert hat, dann dass ich jetzt noch mehr arbeite als früher, da ich jetzt mehr Zeit zu Verfügung habe, häufig auch abends, bis ich ins Bett gehe.

Jón Thor Gíslason_Künstler

 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Als Maler bin ich im Atelier noch einsamer als vorher. Man trifft keine Menschen. Es kommt keiner vorbei und kauft ein Bild. Es finden keine Ausstellungen statt, also auch keine Eröffnungen wo Menschen zusammenkommen. Ich glaube so ähnlich wie mir geht es vielen meiner Kollegen. Daher müssen wir gut auf uns aufpassen, dass wir nicht in so ein „schwarzes Loch“ fallen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst ans sich zu?

Mit dem Experiment, der Abwendung von der „reinen“ Theorie zu Gunsten der positivistisch-materialistischen Grundhaltung, müssen wir den Verlust der Vertrautheit mit der Natur teuer bezahlen. Das aus den Fugen geratene Gleichgewicht unserer Flora und Fauna ist ein unmissverständliches Zeichen dafür, dass diese Herausforderung des Experiments alle Grenzen gesprengt hat. Auch die Umweltverschmutzung und die Häufung dramatischer Naturereignisse durch den Klimawandel sind eine klare Botschaft an die Menschheit, ein Menetekel. Dass Mensch und Natur zusammengehören, dass wir ein Teil dieser Natur sind und sie daher nicht ignorieren dürfen oder mit ihr machen können, was wir wollen, müsste uns spätestens gegenwärtig klar geworden sein. Was wir der Natur antun, tun wir uns selber an.

So gesehen, ist ein notwendiges Umdenken unvermeidbar.  In Zukunft wird sich daher die Kunst zunehmend damit bemühen, dem Menschen -auf verschiedene Art und Weise und mit verschiedenen künstlerischen Mittel – neue Denkweisen sichtbar zu machen.

 Was liest du derzeit?

Emmanuel Lévinas: Ethik und Unendliches

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mitgeben?

 Seit realistisch, werdet romantisch.

Vielen Dank für das Interview lieber Jón Thor, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jón Thor Gíslason, Künstler

Jón Thor Gíslason | Der Maler, Künstler Jon Thor Gislason aus Island, lebt und arbeitet in Düsseldorf

Foto_privat.

10.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst regt an. Kunst zeigt auf!“ Carina Herbst, Tänzerin_Wien 3.4.2021

Liebe Carina, wie sieht jetzt dein Tagesablauf aus?

Momentan erinnert mich jeder Morgen an ein Wochenende oder an Urlaubszeit, nur fehlt das locker leichte, positive Gefühl dabei. Das Weckerläuten in der Früh soll mich an einen geregelten Tagesablauf erinnern. Aber meistens ignoriere ich den Wecker, denn es ist momentan relativ egal, wann ich tatsächlich aufstehe.

Der Alltag gleicht dem Lauf im Hamsterrad, obwohl die Tage trotzdem sehr unterschiedlich verlaufen. In gewisser Weise fühle ich mich eingegrenzt, eingeschränkt und auf der Ersatzbank abgestellt. Wartend, dass das „normale“ Leben wieder beginnt. Ahnend, dass es nicht wie zuvor weitergehen wird. Hoffend, dass es doch möglich ist.

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Dann raffe ich mich auf und besinne mich auf die Tatsache, dass es mir grundsätzlich gut geht. Ich bereite meine Online-Stunden vor, überlege welche Art von Training ich für mich selbst machen möchte, und kümmere mich auch um alltägliche Dinge, wie den Haushalt, Einkaufen gehen etc.

Donnerstags geht es frisch getestet und mit FFP2-Maske in den einzigen Präsenzunterricht, den ich momentan halten darf, nämlich „Körpertraining und Körperarbeit“ für Schauspieler*innen. Dafür bin ich sehr dankbar. Der Austausch mit meinen Schüler*innen gehört zu meinen Wochen-Highlights!

Ich habe jetzt wieder mehr Zeit, meinem künstlerischen Schaffen – der Tanzimprovisation – nachzugehen. Sie begleitet mich schon seit meiner Kindheit. Die körperliche künstlerische Auseinandersetzung ist eine Konstante, die mich durch viele Höhen und Tiefen getragen hat. Aus ihr entstehen oft Ideen für Choreographien, Tanzprojekte und Inhalte für meinen Unterricht. Vor allem ist sie für mich eine Art Meditation. Wenn ich frei und ohne Leistungsdruck tanze, kann ich alles rundherum vergessen. Das Tanzen hilft mir Gefühle und Gedanken auszudrücken, die ich nicht in Worte fassen kann. Es macht mich glücklich, verbindet mich mit meinem Körper und bringt mich in meine Mitte. Diese Improvisationen sind meine Kraftquelle.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

In gewisser Weise müssen wir die Situation annehmen, wie sie ist, und uns dem, was noch kommt, stellen, um den eigenen Fortschritt nicht zu blockieren. Um weitermachen zu können, müssen wir für Alternativen und neue Lösungsansätze offen sein. Denn genau dieses „Weitermachen“ brauchen wir – vor allem in der Kunst!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist es zu erkennen, wie kostbar die Kunst ist und was für eine Kraft und Tiefe in Live-Performances steckt. Wir brauchen die Bühne. Wir brauchen das „echte Erlebnis“. Wir sind übersättigt vom digitalen, distanzierten Alltag. Kunst setzt dort an, wo das Verlangen nach „echten Erlebnissen“, persönlich und hautnah, größer wird. 

Generell denke ich, dass uns die Kunst in all ihren Facetten helfen kann, die unterschiedlichsten Situationen – wie auch die aktuelle – mit all den damit verbundenen Befindlichkeiten zu verarbeiten. Kunst regt an; Kunst zeigt auf! Oder regt auf und zeigt an? In jedem Fall löst sie etwas in uns aus.

Der Tanz ist für mich ein Ventil. Der Körper kann kraftvoll, zart, energiegeladen, sanft, aufbäumend, behutsam oder explosionsartig das Innere zum Ausdruck bringen. Tanz ist die Poesie des Körpers. Tanz sagt so viel aus, ohne dafür Worte zu verwenden. Gleichzeitig transportiert er noch viel mehr und lädt ein, die eigene subjektive Interpretation hineinzulegen. Wenn mehrere den gleichen Tanz betrachten, wird niemand das Gleiche sehen. Seine Rolle ist es zu inspirieren, damit etwas Neues entstehen kann.

Was liest du derzeit?

Ich lese momentan wenig und wenn dann meistens Fachliteratur für meine Unterrichtsgestaltung. Thematisch reicht das von Körperarbeitsmethoden nach Michael Tschechow bis zu „Functional Anatomy of Yoga“ diverser Autoren.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest du uns mit geben?

Ein Zitat, das mir gerade jetzt noch viel wichtiger erscheint, von der großartigen Pina Bausch.

„Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren!“

Carina Herbst_Tänzerin, Tanzpädagogin

Vielen Dank für das Interview liebe Carina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Carina Herbst, Tänzerin, Tanzpädagogin

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Palais Auersperg_Wien 19.3.2021.

25.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Theater muss sich radikal erneuern“ Ute Liepold, Regisseurin_ Klagenfurt 2.4.2021

Liebe Ute, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zurzeit arbeite ich viel am Schreibtisch, als freiberufliche Regisseurin und Theaterleiterin habe ich immer mehrere Projekte gleichzeitig in Arbeit. Manchmal treffe ich Autor*innen und andere Künstler*innen für mein aktuelles Projekt „Fluid Identities“. Mir scheint, dass sich gerade jetzt viele Beteiligte noch mehr freuen, analog mit Menschen arbeiten zu dürfen.

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Wege zu finden, diese Situation physisch und psychisch auszuhalten.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Wir werden nie wieder so leben, wie wir gelebt haben. Das, was gerade passiert, hat auf allen Ebenen langfristige Auswirkungen.  Ich denke, es ist jetzt wichtig, Fragen zuzulassen: Was passiert mit einer Welt, die dem schnellen Wirtschaftswachstum alles andere unterordnet? In der noch immer Männer das Sagen und die Ressourcen haben. Theater als eine der letzten großen Bastionen des Patriarchats muss sich radikal erneuern: Intendant*innen, Regisseur*innen und Autor*innen müssen ein vielstimmiges Zukunftsnarrativ entwickeln um von einer Welt zu erzählen, in der die weißen, gesunden, männlichen Stadtbewohner endlich Platz machen für alle anderen Menschen dieser Welt.

Was liest Du derzeit?

Francis Fukuyama: Identität. Wie der Verlust der Würde unsere Demokratie gefährdet.

Mieko Kawakami: Brüste und Eier.

Annie Ernaux: Die Scham.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Fremder: erstickte Wut tief unten in meiner Kehle, schwarzer Engel, der die Transparenz trübt, dunkle, unergründliche Spur. Der Fremde, Figur des Hasses und des anderen, ist weder das romantische Opfer unserer heimischen Bequemlichkeit noch der Eindringling, der für alle Übel des Gemeinwesens Verantwortung trägt. Er ist weder die kommende Offenbarung noch der direkte Gegner, den es auszulöschen gilt, um die Gruppe zu befrieden. Auf befremdliche Weise ist der Fremde in uns selbst: Er ist die verborgene Seite unserer Identität, der Raum der unsere Bleibe zu nichte macht, die Zeit, in der das Einverständnis und die Sympathie zugrunde gehen. Wenn wir ihn in uns erkennen, verhindern wir, dass wir ihn selbst verabscheuen.

Julia Kristeva

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Vielen Dank für das Interview liebe Ute, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ute Liepold, Regisseurin, Theaterleiterin

Über uns (wolkenflug.at)

Fotos_Johannes Puch

11.3.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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