1938. Frühjahr. Österreich hat aufgehört zu existieren. Ist jetzt ein Teil des nationalsozialistischen Deutschland. Seit dem 12.März, dem Eimarsch deutscher Truppen. Alles hat sich verändert. Es gilt sich dem Regime in allem zu beugen. Kritik und Widerstand wird verfolgt…
Dann der 10.April. Eine „Volksabstimmung“ zum Anschluss Österreichs an Deutschland wird vom Regime angesetzt. Alle sind aufgerufen ihr „Ja“ dabei kundzutun. Offen müssen sie unterzeichnen…
Auch im Heimatort von Karl Bleimfellner ist es so. Der Student ist jetzt zurückgekehrt. Führt Gespräche und spürt den Druck im Ort, das zu tun was erwartet wird. Mit „Ja“ zu stimmen. Doch sein Weg ist ein anderer…
Palmsonntag. Sein Weg führt ins Wahllokal, in dem alle Dorfhonoritäten versammelt sind. Der Bürgermeister sieht ihn an. Und die Hand von Karl bewegt sich zum „Nein“…
Der österreichische Dramatiker Thomas Arzt legt mit „Die Gegenstimme“, seinen ersten Roman vor, der in Sprachvirtuosität, Spannung wie gesellschaftspolitischem Anspruch überzeugt. Der gefeierte Dramatiker erschafft auch im Prosatext eine dichte, mitreißende Atmosphäre, welche Leserin und Leser bühnengleich teilnehmen lässt am Ortsgeschehen dramatischer Handlung. Diese Verbindung von Dramakonzeption und Prosa gelingt ausnehmend gut und kreiiert gleichsam ein neues Literaturgenre. Es ist im Lesen immer auch ein sehr anschaulisches Bild-Geschehen und Ereignen, welches im Kopf entsteht und erschüttert wie begeistert.
„Ein Roman wie ein Blitzschlag. In Literatur, Kopf und Gesellschaft. Packend und sensationell!“
Lieber Vilmos, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich schlafe schon seit längerem sehr wenig und verbringe schlaflos viel Zeit mit Fragen zum aktuellen Stück, „Die Schamlosen“ nach Daniil Charms, das sich grad in den Endproben befindet. Nach dem Frühstück entweder zu den Coronatests, die ich schon wegen der Proben regelmäßig mache, oder gleich ins Theater. Komme dann meist nach 20 Uhr nach Haus.
Nagy Vilmos_Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich glaube, dass wir aufpassen müssen, dass wir die wesentlichen Fragen des Zusammenlebens, der Empathie, der sozialen Kompetenzen, der Lebensfreude durch die Dominanz der Pandemie als wichtigstes gesellschaftliches Thema nicht aus den Augen verlieren. Wir müssen begreifen, dass es keine absolute Sicherheit gibt und mit dieser wie auch mit anderen Gefahren leben lernen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Theater ist ein Mikroskop des Lebens und findet, was erheblich ist, im Augenblick statt. Theater ist immer konkret und lässt trotzdem alle Assoziationstüren offen. Diese Unmittelbarkeit und das gemeinsame Erleben einer Aufführung wird nach dieser Zeit der selbstverordneten Isolation wichtiger denn je sein – wenn man uns denn lässt.
Was liest Du derzeit?
Mehrere Bücher gleichzeitig, neben dem gesammelten Werken von Daniil Charms, Mittelreich von Josef Bierbichler, sowie Kapital und Ideologie von Thomas Piketty
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Man sollte sich das ja als Erstes bewahren: dass man Veränderungen zulässt, so schmerzhaft sie für einen auch sein mögen. Dadurch ist man gezwungen, seinen Blickwinkel zu ändern und womöglich ganze ästhetische Kategorien über den Haufen zu werfen und nach neuen Herangehensweisen zu suchen.“ (Bruno Ganz)
Vielen Dank für das Interview lieber Vilmos, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Theater-, Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Nagy Vilmos_Schauspieler, Regisseur, Autor und Produzent
Foto_privat
15.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Elena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nicht sehr vielseitig, aber doch intensiv. Ich versuche mich selbst zu disziplinieren und stehe sehr früh auf, um ca. 04.30. Meine Tage beginnen stets mit Yoga und Meditation. Es ist eine Art Selbstdisziplin, die mir auch Selbsterkenntnis bringt und mir hilft entspannter und vertrauensvoller durch den Alltag zu gehen. Ich bin dankbar, dass ich die Zeit dafür habe.
Ich lese, ich koche für meine Familie, ich kümmere mich um meine Kinder und Katzen, ich spaziere in der Natur. Ab und zu gibt es ein e-Casting oder ein Filmprojekt.
Und wenn die Sonne scheint, genieße ich es und das Leben ist wunderschön.
Elena Platon, Schauspielerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig ist es, eine Kommunikationsbrücke aufzubauen und gemeinsam kreative Lösungen für die aktuelle Krise sowie für unsere Zukunft auf diesen Planeten Erde zu finden. Wichtig ist auch, uns selbst persönlich kritisch zu analysieren und uns von alten Gewohnheiten, die uns nicht mehr dienen, zu befreien. Besonders wichtig ist es auch, ein neues Bewusstsein zu entwickeln, in dem ‘ich’ nicht wichtiger als ‘wir’ ist.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich denke, es ist sehr wichtig, dass das Theater aufmerksam gegenüber den gesellschaftlichen Veränderungen ist und auch reagiert. So kann es eine innovative Gesellschaftskraft sein. Mehr als jemals zuvor werden die Menschen nach dem „social distancing“ die Erfahrung des Zusammenkommens im Theater, das Lachen, Weinen und das Lernen voneinander schätzen. Geschichten zu erzählen ist so ein wichtiger Teil unserer Existenz und begleitet uns von der Geburt bis zum Tod – es rettet unser Leben! Was wären wir ohne unsere persönlichen und gemeinsamen Geschichten? Wir brauchen gute Geschichten und gute Erzähler*innen, um eine bessere Zukunft zu gestalten!
Was liest Du derzeit?
Ich lese ‘The Gift of Failure. How the best parents learn to let go so their children can succed’ von Jessica Lahey.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
‘Start walking and the path will appear’ (Rumi)
Vielen Dank für das Interview liebe Elena, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Elena Platon, Schauspielerin
15.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Eine Zeit der weltweiten Krise. Strukturen kommen ins Schwanken, vertraute Wege in Leben und Gesellschaft verändern sich von einem Tag auf den anderen. Modelle der Bewältigung der großen Herausforderungen in Gegenwart und Situation sind in Entwurf und Bewegung. Und auch das Denken über und zu Zeit und Mensch bekommt neue Impulse. Wie wurde diese Welt wie sie ist? Was waren Gründe dafür? Und wie hängen diese mit Frau und Mann zusammen?
Auch eine Zeit des Innehaltens und der Reflexion, des Erkennens und des Aufeinander-Zugehens, des gemeinsamen in die Zukunftblickens in Kritik, Perspektive und Hoffnung…
Meike Stoverock, Biologin mit Forschungsschwerpunkt zu Wechselwirkungen von Lebewesen und Umwelt, legt mit „Female choice“ einen beeindruckenden Überblick, Reflexion wie Perspektivenmodell zu Gesellschaftsentwicklung im Augenmerk des Geschlechterverhältnisses vor. In 5 Grundlagenkapiteln behandelt die renommierte Wissenschaftlerin Selbstverständnis und Modell weiblichen wie männlichen Weltzuganges und arbeitet diese mit sehr interessanten Bezügen und Thesen heraus. Grundlagen moderner Zivilisation wie Paarbeziehung und Gesellschaftsbiographie in Rolle und Erwartung werden diskutiert, analysiert und perspektivisch geöffnet. Es geht um ein neues Selbstverständnis von Frau und Mann wie Gesellschaft und Geschlecht.
„Ein Buch zur Zeit, dass Zivilisation und Zukunft aus der Perspektive des Geschlechterverhältnisses beeindruckend und spannend ins Licht von Kritik und Erkenntnis setzt.“
Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Das hängt stark davon ab, was ich an dem Tag konkret vorhabe, ob zum Beispiel ein E-Casting, ein Dreh, ein längeres berufliches Zoom-Meeting oder etwas Ähnliches ansteht oder nicht.
An freien Tagen stehe ich aktuell eher früh auf, frühstücke und verbringe dann erstmal einige Zeit auf den sozialen Medien, weil das für mich beruflich als Schauspielerin immer wichtiger wird. Tatsächlich kommen nämlich ab und zu mal Anfragen und Rollenangebote über die sozialen Medien herein, einerseits, weil in Facebook-Gruppen Schauspiel- oder Sprecherjobs ausgeschrieben werden, für die ich mich bewerbe, andererseits kamen aber auch schon Rollenangebote, nachdem jemand meine Aktivitäten auf den sozialen Medien einige Zeit verfolgt und sich dann auch mein Demo-Material angesehen hatte, das man auf allen gängigen Schauspielerplattformen findet. Außerdem netzwerke ich viel auf den sozialen Medien und daraus sind schon viele sehr spannende Kontakte und auch schon Zusammenarbeiten entstanden. Und – so absurd das klingen mag – bei manchen Ausschreibungen für Schauspieler/innen wird man tatsächlich auch gebeten, bei der Bewerbung anzugeben, wie viele Follower man auf welchem sozialen Medium hat. Häufig mache ich dann ein Bisschen Yoga und dann kümmere ich mich um das, was am jeweiligen Tag ansteht, z. B. E-Castings, Beschäftigung mit Rollen, die ich (wenn Corona und die dazugehörigen Regeln nicht dazwischenfunken) demnächst spielen werde, Text lernen, ein Drehbuch oder Theater- oder Hörspielskript lesen, Arbeit an neuen Projekten (ich bin ja neben meiner Haupttätigkeit als Schauspielerin auch als Jongleurin, Sprecherin und Regisseurin tätig), Arbeit an neuen Jonglage-Nummern, Jonglage-Videogrußbotschaften (die kann man personalisiert buchen), Sprecher-Aufnahmen, neue Ideen entwickeln …, aber auch administrative Tätigkeiten wie z. B. das Planen von (hoffentlich möglichen) Reisen für Projekte – im März arbeite ich eine Woche als Regisseurin in Österreich, in der Osterzeit sind Dreharbeiten in der Nähe von München geplant – und viel E-Mail-Verkehr zur Vorbereitung auf kommende Projekte. Häufig mache ich am späten Nachmittag dann einen Spaziergang und/oder jongliere, um mich auch darin weiter zu entwickeln. Außerdem versuche ich, mich auch in dieser Zeit weiterzubilden und besuche Webinare (z. B. um Schauspielmethoden kennen zu lernen, die mir noch nicht so vertraut sind oder – ein sehr aktuelles Thema – zu E-Castings) und arbeite ganz einfach an meinen Fähigkeiten.
Natürlich gibt es auch Tage, die anders sind, weil z. B. ein Dreh angesetzt ist oder doch mal ein persönliches Treffen mit jemandem, mit dem ich zusammenarbeite oder ein aktuelles Projekt gerade so sehr meine Aufmerksamkeit und Zeit braucht, dass ich mich den ganzen Tag vorwiegend damit beschäftige.
Außerdem verbringe ich jeden Tag Zeit auf den diversen Schauspieler-Jobplattformen, um nach passenden Ausschreibungen zu suchen und mich auch aktiv zu bewerben.
Und wenn ich abends Zeit habe, dann genieße ich einen guten Film oder eine Serie auf einem Streamingportal, lese oder telefoniere mit Freunden oder lieben Verwandten. 😊
Ich denke, dass es wichtig ist, in einer so schwierigen und ungewöhnlichen Zeit wie jetzt all das nicht aus den Augen zu verlieren, was uns auch jetzt Freude bereiten kann, z. B. ein Telefonat mit einem lieben Menschen, ein guter Film oder ein gutes Buch, das Zwitschern der Vögel bei einem Spaziergang, ein gutes Essen, irgendein Grund zu lachen, Musik, schöne Erinnerungen und die Gewissheit, dass das alles zwar lang, aber nicht ewig dauern kann. Das sind alles Dinge, die man auch mit allen aktuellen Einschränkungen genießen kann, die gut tun, die das Leben schön machen und für die man dankbar sein sollte. (Dankbarkeit trägt tatsächlich dazu bei, glücklich zu sein.) Wir sollten uns in dieser Zeit aber auch weiterhin gegenseitig unterstützen und – wenn nötig – aufmuntern, füreinander da sein (einfach mal reden oder zuhören, wenn es jemandem nicht so gut geht, das geht auch per Telefon) und auch die nicht vergessen, denen es wesentlich schlechter geht als uns (z. B. Obdachlose, Flüchtlinge in katastrophalen Flüchtlingslagern oder auch ältere Menschen im eigenen Umfeld, die einsam sind und denen man schon mit einem Anruf eine große Freude bereiten kann …) und – wenn man die Möglichkeit dazu hat – auch aktiv helfen. (Und wenn es nur darum geht, auf Missstände aufmerksam zu machen, mal irgendwo eine Petition zu unterschreiben oder Ähnliches.)
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ich denke, wesentlich ist einerseits Durchhaltevermögen und Selbstvertrauen, also das Vertrauen in sich selbst, dass man auch die aktuellen Herausforderungen meistern wird, andererseits sicher auch eine gewisse Anpassungsfähigkeit und Flexibilität. Vieles, was vor der Pandemie selbstverständlich war, ist aktuell praktisch unmöglich und damit muss man irgendwie klarkommen. Andererseits entdecken wir durch die aktuelle Situation auch neue Möglichkeiten, wenn wir dafür offen und lernbereit sind. Leichter geht das in jedem Fall, wenn man sich gegenseitig unterstützt, mit Wissen, Tipps und auch einfach manchmal mit Optimismus, guter Laune und Rede- und Zuhörbereitschaft.
Kunst und vor allem Theater werden aktuell häufig ziemlich ausgeschlossen. Die Theater und Kinos werden – obwohl sie laut Studien die sichersten Orte sind, weil dort penibel auf alle nötigen Sicherheitsvorkehrungen geachtet wird – wahrscheinlich zu den letzten Orten gehören, die wieder öffnen dürfen. Inwieweit Theater daher überhaupt eine Rolle bei diesem Aufbruch spielen kann und darf, weiß ich nicht. Ich denke aber, dass es – wie eigentlich immer – auch Aufgabe der Kunst (jetzt eben eher im digitalen Rahmen) ist, einerseits dabei zu helfen, nicht zu verzweifeln, indem die Kunst einfach schöne oder lustige oder inspirierende Momente schafft, aber auch zum Nachdenken anzuregen über das, was sich vielleicht zum Positiven verändern könnte und sollte.
Was liest Du derzeit?
Ich habe gerade eine neue Fassung eines Drehbuches und eines Hörspiel-Skriptes bekommen, die ich derzeit lese. Davor habe ich einen Gedichtband von Gregor Däubler gelesen.
Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Der verlorenste aller Tage ist der, an dem du nicht gelacht hast.“ (Charlie Chaplin)
Anmerkung zum Zitat: Lachen macht schwierige Situationen leichter und es tut einfach gut, sich jeden Tag irgendeinen Grund zu suchen, einmal (gerne auch viel öfter) herzlich zu lachen. Das hilft der Stimmung enorm. 😊
Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Dolores, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da sich alles dauernd verändert, ist mein Tagesablauf eigentlich stressiger als vorher, und dass obwohl es fast keine Projekte gibt, die dann auch wirklich bis zum Ende realisiert werden. Ich muss auch dazu sagen, dass ich kurz vor dem ganzen Wahnsinn Mutter geworden bin, und das ist natürlich nicht gerade wenig Arbeit. Außerdem ist man auch seitdem Lockdown auf sich alleine gestellt. Die Großeltern fallen seitdem komplett weg, man will ja niemanden anstecken und dann sein Leben lang mit der Schuld leben. Nein danke. Dann lieber Schlafdefizit. Mein Lebensgefährte oder ich – wer DARF denn nun was machen, natürlich nur beruflich, Vergnügen gibt’s ja eh kaum – oder – zahlt sich das aus, oder ist das jetzt nötig? Also, ich glaube alles in allem haben es die freischaffenden noch viel schwerer als vorher. Deshalb sind so Worte – wie „Entschleunigung“ – für Menschen wie mich ein Schlag in die Magengrube; Zeit zum Sinnieren bleibt kaum. Wenn mal aber gar nix ist, versuche ich dennoch eine Struktur zu finden. Das brauch ich, in den Tag reinleben kann ich leider nicht, da fühl ich mich untätig. Wahrscheinlich ist das Quatsch, aber leben im Kapitalismus und Aufwachsen in der Arbeiterklasse hinterlassen wohl so seine Spuren. Außerdem arbeite ich halt auch echt gerne. Allerdings ist es aber auch ein Segen, ich habe so viel Zeit für meine Tochter, wie ich sie ohne den ganzen Irrsinn sonst sicher nicht hätte und sie ist somit eine Corona Gewinnerin weil Aufmerksamkeit ohne Ende. Eigentlich ist es Jammern auf hohem Niveau. Ich fühle mich 24/7 gebraucht, ziemlich wichtig und habe endlos Zeit mit meinem großartigen Kind. Ein paar Zimmer mehr und ein Garten wären halt toll und mehr Hände. Ah, bevor ichs vergesse: YouTube Training mit schwer motivierenden US-Amerikaner*innen versuche ich auch im Alltag zu integrieren. Da hol ich mich mir meine Glückshormone. Und in letzter Zeit war ich auch ein paar Mal Eisschwimmen, auch super. Leider hänge ich zu viel am Handy, auch um mit meiner Mutter in Kontakt zu sein, sie sieht ihre Enkelin kaum und vor allem auch wegen Freunden außerhalb Österreichs.
Dolores Winkler_Schauspielerin, Wien
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Ich weiß nicht, was für alle besonders wichtig ist, ich bin mir auch nicht sicher ob ich es für mich selbst beantworten kann. Aber mir ist momentan wichtig – mich selbst gut behandeln und mir sagen, „Achtung es könnte noch schlimmer kommen und irgendwann wird – nur Arbeiten und Shoppen zum akzeptierten Normalzustand“ also genieße den Jetzt-Zustand. Ich gehe immer vom schlimmsten aus, freue mich dann aber umso mehr wenns nicht passiert. Außerdem passiert sowieso soviel grausliger Scheiss und man sollte sich für die Einsetzen, denen es noch schlechter geht. Die, die keine Lobby haben. Noch weniger als vorher. Es wird ja viel über Empathie gelabert, aber mal ehrlich, sind wir nicht alle Narzissten mit unserem belanglosen Instagram Account und unserem Selbsterfahrungstrips. Es gibt ganz andere Probleme; man muss sich nur die EU – Außengrenzen ansehen, es kann einem nur schlecht werden, bei soviel Herzlosigkeit. Da ists, find ich wirklich nebensächlich, ob die oder die andere Inszenierung zur Aufführung kommt. Alleine aber der Fakt, dass ich das sage, zeigt ja schon, dass ich ebenso priviligiert bin. Meine US-amerikanischen Freunde z.b. sind froh, wenn sie überhaupt Food Stamps bekommen. Was mich aber auch ärgert: nein, es ist nicht alleine Aufgabe des Volks mitzuhelfen, oder sagen wir der Künstler*Innen. Menschen wurden in ihre Positionen als Politiker*innen gewählt – wir sollten uns nicht ständig schlecht fühlen für all den Scheiss auf der Welt. Es gibt gewählte Menschen die für diese Widerlichkeiten maßgeblich mitverantwortlich sind. Sie gilt es anzukreiden, sie gilt es, verantwortlich zu machen. Es bereitet mir schon Sorgen, was momentan politisch passiert. Wenn Fakten nichts mehr wert sind und die Fantasie überhand nimmt. Hier kommt wieder die Kunst ins Spiel, es ist Aufgabe der Kunst, diese Themen, wie auch immer geartet, zu behandeln, verhandeln, übersetzen, in Dialog zu treten. Diese Krise hat ja sehr genau aufgezeigt, was so alles schiefläuft. Es hat die Unterschiedlichkeiten in der Gesellschaft stark verdeutlicht, fast wie eine Lupe. Es ist ja jedem völlig bewusst, dass eine Pflegerin systemrelevant ist und so sollte sie auch behandelt werden, ich gehe leider davon aus, dass dies nicht passiert und sie leider weiter unterbezahlt und nicht geschätzt wird. Alles ekelhafte auf der Welt wird gerade noch viel deutlicher. Wenn man momentan nicht das Glück hat, zur herrschenden Klasse zu gehören oder einen überdurchschnittlich gut bezahlten Job zu haben, hat man wohl nicht besonders viel zu lachen oder gerade seinen Plan B oder C geschmiedet. Die Tabuisierung von anderen Jobs neben der Kunst sind ja auch so eine Sache. Der echte und wahre Künstler macht ja nichts außer seiner Kunst. Ja, und die Zahnfee kommt auch noch vorbei, oder wie? Bezahle mich ordentlich und ich muss mir nebenbei nicht die Finger schmutzig machen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Ich hoffe, dass nicht nur die Hochkultur überlebt. Das freie Theater, die Subkultur im Allgemeinen ist etwas sehr Wichtiges, und so sollte es auch behandelt werden. Back to normality – was bedeutet das denn, zurück zu unfair verteilten Löhnen, zurück an den Herd? Man sollte weiterdenken, entstauben, und endlich mal das leben was auch in Inszenierungen behandelt wird. Es kanns doch einfach echt nicht sein, dass Frauen im Kulturbetrieb immer noch weniger verdienen als Männer und immer noch unterrepräsentiert in Führungspositionen sind. Qoute – ja, unbedingt. Es fällt mir kein Argument dagegen ein. Um aber ganz ehrlich zu sein, Kunst ist entbehrlich. Sorry to say, aber die Kunst von der wir hier in unserer Bubble reden, ist Spaß und Berieselung für die Bürgerschicht. Ach, ja, vielleicht ist das auch mal Aufgabe der Kunst, nicht nur in den Wohnzimmern der Bourgeoisie anzukommen sondern mal andere Schichten zu erschließen. Diese Frage stellt man sich aber schon lange, sehr lange und diverse Stadttheater haben sich mit Theater in „schlechten“ Vierteln oder“Problemvierteln“ abgemüht, meist erfolglos, weil Theater halt von diesem Zielpublikum überhaupt keine Ahnung hat und auch keine Vorstellung davon, was es bedeutet, nicht mit Kunst und Kultur aufzuwachsen.
Was liest Du derzeit?
Viel weniger als vorher leider. Ich war vorher viel unterwegs, und da hatte ich immer gut Gelegenheit zu lesen, ob im Zug oder im Bus. Jetzt muss ich mich schon am Klo verstecken; und am Abend schlaf ich meistens eh vor Erschöpfung ein oder schau eine Serie zum Runterkommen. Kurzgeschichten eignen sich aber gut: daher: Krisztina Tóth: Pixel.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Interesse für Kunst oder Literatur hat stets, ob bewusst oder unbewusst, auch damit zu tun, dass man das Selbst aufwertet, indem man sich von jenen abgrenzt, die keinen Zugang zu solchen Dingen haben; es handelt sich um eine „Distinktion“, einen Unterschied im Sinne einer Kluft, die konstitutiv ist für das Selbst und die Art, wie man sich selbst sieht, und zwar immer im Vergleich zu den anderen – den „bildungsfernen“ oder „unteren“ Schichten etwa.“
(Didier Eribon)
und weil grad wieder aktuell
„In Österreich ist das Selbstbewusstsein immer über den Sport gekommen. Er wird wahnsinnig überschätzt, gleichzeitig verachtet man Intelligenz und Kunst.“
(Elfriede Jelinek).
Vielen Dank für das Interview liebe Dolores, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theater-/Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Dolores Winkler, Schauspielerin
Foto__Elsa Okazaki
16.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Harald, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Zum Teil so wie immer, zum Teil völlig anders. Ich lese viel und arbeite an meinem neuen Roman. Das ist im Lockdown nicht anders als sonst. Außerdem arbeite ich weiterhin beim Hörfunk und beziehe Einkommen. Da bin ich privilegiert – vor allem, wenn ich im Vergleich dazu an Schülerinnen und Schülern aus armen Familien denke, die ohne Präsenzunterricht gerade noch mehr abgehängt werden.
Mir fehlen Lesungen, Theater, Museen und natürlich Freunde. Online ist nur ein mäßiger Ersatz. Ich hatte neulich eine Online-Konferenz mit meinen Lektoren. Das war zwar produktiv, aber ich kann mich an diese Formate nur schwer gewöhnen.
Harald Gesterkamp, Schriftsteller, Journalist
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Durchhalten und den Optimismus nicht verlieren. Sich gegenseitig Mut machen, dass wir es schaffen, unsere Projekte umzusetzen.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Pandemie bietet theoretisch die Möglichkeit, unsere bisherige Art zu leben und zu wirtschaften einmal grundsätzlich zu hinterfragen. Ich bin aber realistisch und glaube deshalb nicht, dass dies im großen Rahmen passieren wird.
Doch die Literatur und die Kultur insgesamt sollten zur Reflexion anregen. Künstlerinnen und Künstler können Menschen aus ihrer Welt abholen und mit neuen Überlegungen Horizonte öffnen. Kunst kann so auch bei anderen Kreativität freisetzen. Ich habe zuletzt als Autor an Online-Lesungen teilgenommen, die ausgebucht waren, so dass Interessierte keinen Zugang mehr bekamen. Das heißt, die Menschen dürsten regelrecht nach Kultur. Das ist auch eine Chance.
Aber eine Bitte habe ich: Schreibt nicht so viele Pandemie-Romane! Mir graust davor, dass womöglich jeder meint, sich literarisch über Corona auslassen zu müssen. Nicht jeder kann und nicht jeder muss „Die Pest“ schreiben.
Was liest Du derzeit?
Ich lese oft drei Bücher parallel: einen Roman, einen Band mit kurzen Texten und ein Sachbuch.
Zurzeit sind das: Terézia Mora: Auf dem Seil
Monika Littau: Von der Rückseite des Mondes – Chinesische Miniaturen
und
Wolfram Wette/Detlef Vogel: Das letzte Tabu – NS-Militärjustiz und „Kriegsverrat“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Ich kann nicht anders, als glücklich zu sein.“
Der erste Satz aus Terézia Moras Roman „Auf dem Seil“ stammt zwar von 2019, verbreitet aber auch in Pandemiezeiten Zuversicht.
Vielen Dank für das Interview lieber Harald, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Evamaria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Als freischaffende Künstlerin kann ich mir meinen Tag einteilen, doch ehrlich gesagt, mir fehlt Struktur – der zwischenmenschliche Austausch, das Reisen, das Begegnen von Menschen und Kulturen.
Wenn ich in meinem Zuhause-Rhythmus bin wie jetzt, mache ich Yoga, trinke heißes Wasser bis das Klo ruft, lerne ein paar Lektionen Chinesisch, frühstücke und dann setze ich mich meistens (immer) an den Computer zum Abarbeiten von Mails, schneide an Filmprojekten rum, sichte Material, gehe ins Fotostudio, lese, spaziere im Wald.
Gerade schreibe ich mit meiner Kollegin und Freundin Anna Schwingenschuh an einem Drehbuch – einer menstruationsblutigen Komödie. Das Spazieren hilft hier besonders, um Ideen fließen zu lassen, Bilder entstehen. Ich habe schon für die Schule nie im Sitzen lernen können, bin immer wie Mickey Maus ein Loch in den Boden hin-her-gelaufen (in meiner Vorstellung).
Die Tage zerrinnen in zähflüssiger heißer Masse zwischen meinen Fingern, meinem Körper entlang; sie sind gleichförmiger und auch manchmal gefühlt leer. Als Mensch und Performancekünstlerin ist es immer mein nomadischer Drang gewesen zu reisen, Menschen kennenzulernen. Ich bin neugierig, will Neues erkunden. Jetzt erkunde ich meine Toilette, oder die Sitzecke, oder schaue ins Ofenfeuer, oder backe (zu viel) Kuchen, oder esse (zu viel) Erdnussflips, oder prokrastiniere (zu viel). Das ist eigentlich mein letztjähriger Dauerzustand. Todo-Listen wachsen, oft finde ich sie unter den tausend Zetteln am Schreibtisch nicht mehr und beginne eine neue Liste und die alte taucht irgendwann, wenn alle Abgabetermine vorbei sind, wieder auf. Herrlich! Und dann wundere ich mich, dass ich einige Projekte gestemmt habe. Wow!
Eine seltsame Blase hat sich um mich gebildet (nicht Einsamkeit, aber doch eine Form davon) in der Zoom-Gespräche und Social Media-Sessions wie eine zusätzliche Leersaugpumpe wirken. Es ist so, als würde ich immer gegen diese unsichtbare zähflüssige Blase stoßen, in Zeitlupe zurückgeworfen werden, um in Slow-Motion Anlauf zu nehmen und wieder ein Tag, noch ein Tag, Tag, noch ein Tag, Hashtag, Tag, Tag…
– Humor. Dieser kommt durch zwischenmenschliches Beisammensein. Zum Beispiel beim Zaunbier mit den Nachbarn – mein Mann und Künstlerkollege Andreas Gehlen und ich stehen auf unserer Seite zu zweit auf einer wackeligen Stehleiter die fast unter unserem Gewicht zusammenbricht und prosten über den Steinzaun. Auf Lachen kann jetzt nicht verzichtet werden und ich merke, es tut den Menschen so gut, trotz aller gehäufter Krebsgeschwüre, Sterbefälle, Depressionen, Geldpanik…
– Solidarität! Meine Freunde und Kolleg*innen in Myanmar brauchen Unterstützung. Die Berichte vor Ort sind schockierend. Solidarity Performance for Burma Stand against Military Rule! 1 Wir müssen uns engagieren, auch wenn es “nur” eine Performance-Aktion FÜR die Künstler*innen in Myanmar ist, um die sie gebeten haben! Ich habe gedacht, dass Solidarität zunehmen wird, in manchen Fällen ist das so, oft aber nicht. Jede/r arbeitet für sich, menschliche Instinkte, Mitgefühl, gegenseitige Unterstützung nimmt ab, in seltenen Fällen zu. Social Media Kampagnen werden geliked, ohne Mitgefühl zu entwickeln. Nicht nur ich bewege mich in zähflüssigen Blasen – siehe oben…
– Kleine Taten. Howard Zinn wird in dem Film “Noam Chomsky: Requiem for the American Dream” zitiert: What really matters are the countless small deeds of unknown people who lay the basis for the events of human history. These are the people who have made change in the past; they are responsible for making change in the future, too.2 Ohhhhhh yes…!
– Miteinander Sprechen. Viele sind explosionsartig politisiert. Extrem! Das Sprechen miteinander funktioniert manchmal nicht einmal mehr innerhalb von Familien. Tiefe Klüfte, Spalten, Gletscherritzen, Monsterfressen, Brunnenschächte liegen zwischen uns. Wir müssen wieder miteinander sprechen lernen ohne emotional überzureagieren.
– Politisches Bewusstsein. Wir müssen genau hinhören, aktiv sein und bleiben, nicht einschlafen, nicht hinnehmen. Nach der Pandemie muss der Sprachduktus wieder in eine demokratische Form rückgeführt werden. Ich hoffe “wir schaffen das”?!
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Performancekunst, der Kunst an sich zu?
“Interessant” ist, dass immer als erstes Kultur und Kunst eingeschränkt werden. Wir als Kulturschaffende produzieren Seelennahrung, Nahrung der Zwischenmenschlichkeit, gesellschaftliche Reflektion, jedenfalls in meiner utopischen Auffassung. Es gibt genügend Ego-Shooter, die von einer Ausstellung zur nächsten hechten, ohne umzublicken. Ich brauche Utopien, diese müssen gefördert werden, damit wir Gesellschaft tragen und weiterentwickeln. Wenn keine Träume und Utopien mehr vorhanden sind… wird es düster, traurig, schlaff, undemokratisch. Demokratie muss gelebt werden und mitgetragen werden!
Ich frage mich, welche Erinnerungen werden aus dieser (zähflüssigen Blasen)-Zeit bleiben? Was hat es in uns verändert und kehren wir einfach dahin zurück, wo wir gesellschaftlich, politisch, umwelttechnisch, zerstörerisch aufgehört haben?
Welche Ästhetik wird bleiben oder wird nach der Digitalisierungswelle wieder alles haptisch? Debord schreibt beispielsweise, dass er an Ablagerungsspuren der Zeit in einer Stadt, an den Schichten der Erinnerung interessiert ist. Welche Schichten haben sich jetzt manifestiert und abgelagert? Werden wir uns wieder küssen? Und den öffentlichen Raum unser Eigen nennen? Als Performancekünstlerin ist es mein Leben, meine Kunstform, sich zu begegnen, metaphorisch wie körperlich. Ich glaube, dass vor allem performative Künste eine wichtige Rolle spielen, um wieder in die Berührung zu kommen. Grenzen überschreiten! Wagt! Seid solidarisch! Bleibt wach! Die Kunst könnte dies und so einiges mehr schaffen, wenn sie sich nicht oft selbst auffressen würde. Ich hoffe …
Das ist schlimm, ich muss Bücher besitzen die ich lese! Menschen die Bücher ausleihen und es verbieten, dass sich Rillen in den Buchrücken einlesen, halte ich nicht aus. Das Buch nicht ganz aufschlagen dürfen?! Was?!? Deshalb kaufe ich Bücher, schreibe kleine Zusammenfassungen an den Rand, unterstreiche mit Bleistift. (Es darf nur Bleistift sein!) Früher habe ich nicht parallel gelesen. Das aktuelle Buch musste immer fertig gelesen sein, bevor ich das nächste anfangen “durfte”. Ein kindlicher Zwang, wie das Hüpfen auf nur dunkle und nicht helle Steine oder Pfützen, Striche, Blätter… Jetzt liegen viele angefangene Bücher in Stapeln am Schreibtisch, unterm Tisch, neben dem Bett, im Regal, auf dem Regal, mitten im Zimmer, haha! Ich habe immer ein schlechtes Gewissen den Büchern gegenüber, die so kurz geküsst daliegen, irgendwie respektlos ist das. Die wollen doch geblättert werden! Es geht auch etwas um Geschwindigkeit. Wenn es ein Buch ist, das in 2 Tagen gelesen ist, wie “Freie Geister” von Ursula K. Le Guin – eine utopische Systemhinterfragung, weiß ich, dass ich schneller wieder zu den anderen zurückkehre… “Wie frei ist die Kunst? Der neue Kulturkampf und die Krise des Liberalismus” von Hanno Rauterberg – so schön rosa – ein paar Rillen sind schon in den Rücken gelesen.
Gerade beendet: “Alice Hasters – Was weisse Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten”. Lesen! Wichtig!
Zwischendurch wird der FALTER… dann eine Biographie der Bildhauerin Camille Claudel… so könnte ich weiter durch die Anfangsstadien der Bücher navigieren, einen Stapel nach dem anderen. Eine Schifffahrt durch das Büchermeer. Manchmal fehlt mir die Geduld, um ein Buch weiterzulesen, wenn das nächste am anderen Stapel so rüberlächelt… die rufen mich dann auch so verführerisch, necken mich. Da bin ich eine Schlampe, eine Fremdleserin, wechsle den/die Buch-Partner*in ziemlich oft. Ich frage mich, ob das bei anderen Parallelleser*innen auch so ähnlich abläuft… oder nur ich ein schlechtes Gewissen Büchern gegenüber entwickelt habe?
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Vom Kopf –
„Der Kopf ist jener Teil unseres Körpers, der uns am häufigsten im Wege steht.“ (Gabriel Laub)
in den (politischen?) Gemütszustand – „Heutzutage schämt man sich beinahe, dass man sich immer noch für Dinge schämt, für die man sich auch früher geschämt hat. (Jacques Tati)
der Wohnung –
“Man kann eine Wohnung auch depressiv aufräumen.” (Hermes Phettberg)
während man nichts tut –
“Zeit [musste] verloren werden, damit sie überhaupt wieder erinnert werden kann.” (Jürgen Ritte)
und meist dabei sitzt –
“Der Stuhl ist ein satistisches Produkt und hat autoerotische Anteile.” (Frank Homeyer)
Aktuelle Ausstellung >KRATZIEN< Michaela Polacek / Evamaria Schaller 19. Februar bis 6. April 2021 Galerie 3 / Alter Platz 25 / 9020 Klagenfurt https://www.galerie3.com/
22.2.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Kinga, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Momentan bin ich überraschenderweise in Ungarn, sowas ist in den letzten 8 Jahren nicht passiert, dass ich so lange hier bin. Seit Ende Juli bin ich „zu Hause“, wegen der Corona konnte ich nicht in der Schweiz bleiben, meine Auftritte wurden abgesagt, ich landete in einer ziemlich schwierigen Situation. Ungarnzeit ist spannend, ich hatte zwei Ausstellungen, mache viele aktivistische Arbeit, habe mit KollegInnen Ungarns erste Organisation für Frauenrechte-Frauenrepräsentation in der Literatur gegründet, daneben organisiere ich und versuche „on the top of the water“ zu bleiben. Ich arbeite von frühmorgen bis spätabend: zooms, meetings, organisieren, installieren, malen, Ausstellungsarbeit, Musik kreieren – Gott sei Dank gibt es noch einige Projekte, wo ich teilnehme, inspiriert werde und kreiere – und ein bisschen Geld verdiene.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Hoffnung und Empathie.
Die Frage ist schwierig, ich bin jetzt in einem sehr unsicheren Land, das ich mal mit Absicht verlassen habe. Die Situation hier (sowohl politisch, als auch mental und existential) sehe ich katastrophal, aber! Damit habe ich nicht gerechnet, vielleicht habe ich es auch sogar vergessen, was für unglaublich tapfere und kreative Leute hier in der Kunstszene-Literaturszene (ich mag diese Szenen voneinander nicht trennen) gibt, was für „movements“ hier kreiert werden, wie bunt die ungarische Kultur ist, wie spannend die Veranstaltungen sind. Oft denke ich daran, wie schön es wäre, falls wir wirklich gleich sein könnten, falls diese movements gefördert sein könnten und Demokratie wäre „normal“, sogar langweilig. Reden sollten wir miteinander, viel mehr zuhören – und es passiert schon. Corona hat uns die Einsamkeit und die Stille gezeigt, wie auch die Werte unserer Beziehungen, unsere Freundschaften, unsere Gespräche. Die Frage ist, was wir mit dieser Lehre machen?
Was liest Du derzeit?
Dunkelschwester über Annemarie von Matt und Sakrale Kommunikation
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Mehr Luft!“ ist der Titel des Gedichts von Ungarns meist bekannten Autor, Attila József
Atmen, Natur, Stille
Vielen Dank für das Interview liebe Kinga, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Mischa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Aufstehen, Kaffee, Dusche, Meditieren, Schreibtisch, ggf. Online-Meeting, Schreibtisch, Mittag, ggf. ins Freie, Schreibtisch oder ins Online-Seminar, ggf. Haushalt, Schreibtisch, Abendessen, ggf. Haushalt, ggf. Bewegung/Sport, danach kommt es darauf an, und auch werden die Stichworte hier teilweise anders und spontaner kombiniert. Oft aber ist es tatsächlich recht ähnlich.
Mischa Mangel, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Gleichmut. Freundlichkeit, anderen, uns selbst gegenüber.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Hm. Kann ich auch Jane Hirshfield antworten lassen?
»We look to particular works of art, and to art in general, to renew and change our lives. Alteration – a changed state of being, a changed state of feeling and comprehension – ist what we have built art’s cupboard to store.« (Jane Hirshfield, Poetry, Transformation, and the Column of Tears)
Was liest Du derzeit?
The Writing Life von Annie Dillard, Der Tod des Iwan Iljitsch von Leo Tolstoi, Aus der Zuckerfabrik von Dorothee Elmiger, Gedichte.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
»Zucker!« (Wolfram Lotz, gefunden bei Dorothee Elmiger)
Vielen Dank für das Interview lieber Mischa, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte – vor allem auch für Deinen aktuellen Roman – und persönlich in diesen Tagen alles Gute!