„Kunst ist schon immer ein Ort gewesen, an dem die Leute auch Emotionen verarbeiten können“ Elisabeth Blutsch, Schauspielerin_Wien 7.1.2021

Liebe Elisabeth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Einen normalen, sich wiederholenden Tagesablauf habe ich momentan um ehrlich zu sein gar nicht. Jeder Tag sieht ein bisschen anders aus. Im Prinzip versuche ich mich zuhause mit diversen Onlineprogrammen fit zu halten und spazieren zu gehen. Ich habe aber auch endlich Zeit um Dinge zu erledigen, die ich sonst vor mir herschiebe. Meine Wohnung hat dementsprechend eine Generalsanierung bekommen ;).

Elisabeth Blutsch_ Schauspielerin _ Musicaldarstellerin, Tänzerin, Choreographin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke, es ist jetzt besonders wichtig ruhig zu bleiben und nicht in Panik vor der Zukunft zu geraten. Es wird immer einen Weg geben, man muss sich nur gut umsehen. Die Zeit zuhause kann man auch dafür nutzen, sich mental zu stärken, in etwa mit Meditation, und – so abgedroschen das auch klingen mag – mehr in sich zu gehen. Man darf sich ja Gedanken um die Zukunft machen, aber sich deswegen verrückt machen hilft nie.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Das Wesentliche ist in einer Gesellschaft immer das Miteinander. Wir stecken hier alle mit drin, jeder leidet unter dieser Pandemie, so oder so. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen ein bisschen mehr die Augen aufmachen, bisschen mehr links und rechts schauen. Denn jetzt geht es darum die Gemeinschaft zu stärken und sich nicht gegenseitig zu beschuldigen. Gerade in schwierigen Zeiten sollte man einen kühlen Kopf behalten und überlegt handeln.

Die Kunst ist schon immer ein Ort gewesen, an dem die Leute nicht nur eine Ablenkung von ihren alltäglichen Sorgen und Problemen haben, sondern auch Emotionen verarbeiten können. Gerade deswegen ist es sehr schade, dass wir momentan nicht auf die Bühne, hinter die Kamera, in die Vortragssäle können. Ich freue mich sehr auf die Zeit, in der das alles wieder möglich ist und wir die Menschen hin und wieder auf andere Gedanken bringen und inspirieren dürfen.

Was liest Du derzeit?

Die Nachrichten ;). Außerdem höre ich den Podcast „Gemischtes Hack“, der bringt immer gute Stimmung.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

So ist das Leben eben, es muss Beben geben. (Textzeile aus „Tide Is High“ von Seeed)

Vielen Dank für das Interview liebe Elisabeth, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspiel-, Musicalprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Elisabeth Blutsch  _Schauspielerin _ Musicaldarstellerin, Tänzerin, Choreographin

Foto__Jan Frankl

6.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Menschen brauchen nun mal Bilder und Geschichten, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen“ Lykke Hellström, Künstlerin_Berlin 6.1.2021

Liebe Lykke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Routine gibt es nicht. Ich lass mich treiben. Arbeite, esse, schlafe, wenn mir danach ist. Ich telefoniere viel mehr mit Freunden. Hab mehr Zeit zum Lesen. Ich hab keine drängenden Termine, Museen und Galerien sind geschlossen. Ich bin gewöhnlich immer in Bewegung. Dabei gibt es Pläne, Abläufe, Anforderungen, Regeln, Öffnungszeiten, kurzum: Struktur. Die ist für mich erst einmal dahin. Stillstand und Eingeschränktheit bei gleichzeitiger Strukturlosigkeit ergo Freiheit, finde ich zur Abwechslung mal ganz interessant.

lykke hellström – clouded mind, heavy heart (self portrait rough edit)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß, die Situation ist für viele Menschen aus diversen Gründen sehr schwierig, wenn nicht sogar existenziell bedrohlich. Ich hab Glück, brauche nicht viel, bin einigermaßen safe. Ich will also aus einer bequemen Position heraus keineswegs irgendwelche Kalendersprüche oder Durchhalteparolen reproduzieren. Diese Art toxischer Positivität macht mich wütend. Man muss es den Leuten lassen, auf ihre Art Sorgen zur Sprache zu bringen, ohne dass jemand sofort mit einem rosa Putzläppchen drüber geht und sagt, es wird schon alles gut werden, ohne wirklich zuzuhören oder Hilfe anzubieten.

lykke hellström – i didn’t mean to

Ich kann definitiv nicht für uns alle sprechen. Aber ich merke, dass ich mental ganz gut damit fahre, diesen verordneten Stillstand als zeitlich begrenztes Experiment anzunehmen, alles zu abstrahieren, im weiter gefassten Kontext, auch historisch, zu sehen. Ich beobachte mich und andere mit großer Faszination dabei, wie wir versuchen mit dem Ausnahmezustand zurecht zu kommen. Wie sich Begegnungen ins Netz verlagern beispielsweise, eine andere Dimension bekommen. Wie unterschiedlich Menschen reagieren… Ich muss zugeben, das Ungewöhnliche an der ganzen Situation reizt und amüsiert mich. Das klingt vielleicht etwas zynisch. Schlussendlich mögen wir aber doch alle Geschichten von Menschen, die sich in schwierigen Situationen bewähren müssen. Jetzt stecken wir eben selbst in so einer Geschichte. Ich versuche, einen objektiven Blick zu wahren. Das ist für mich zumindest sinnvoll und wichtig. Ich bin neugierig und gespannt, was noch kommen wird.

lykke hellström – i will find a center in you

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, es wird wirklich Veränderungen geben. Vor allem in Bereichen, die unmittelbar die Bedingungen der Pandemie hervorgebracht haben. Der Wissenschaft und den entsprechenden Experten muss dazu Gehör verschafft werden. Da können Kunst und Literatur durchaus einen Beitrag leisten. Menschen brauchen nun mal Bilder und Geschichten, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Stories sind essenziell für menschliches Miteinander und beeinflussen uns, helfen uns Haltungen zu entwickeln oder zu hinterfragen. Kunst- und literarische Werke sind generell immer auch Seismographen und Brenngläser für gesellschaftliche Entwicklungen. Dazu müssen sie nicht einmal in dezidiert politischer Absicht geschaffen werden.

In puncto politischer Absicht wundert es mich allerdings etwas, dass Kulturakteure ihre Stimme nicht vehementer für sich selbst einsetzen. Gemeinsam auf die Barrikaden gehen, zum Beispiel für ein Grundeinkommen. Liegt vermutlich am antrainierten Einzelkämpfer-Dasein. Ich bin auch hier neugierig gespannt, wie es weitergeht. Ein bisschen mehr Lärm und Zusammenrottung hätte ich schon erwartet.

lykke hellström – mountains in your mind are higher than they appear

Was liest Du derzeit?

In Buchform: „Sexkultur“ von Bettina Stangneth und „Fremdes Licht“ von Michael Stavaric

Online: Die Fragmente und Notate von Julia Knaß auf Instagram (@balkonage)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„We’re all part of the same compost heap.“ (Chuck Palahniuk)

Vielen Dank für das Interview liebe Lykke, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lykke Hellström_Künstlerin

Alle Fotos__Lykke Hellström

6.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Es wird wichtig sein, die Spaltung in der Gesellschaft, das gegenseitige Verurteilen wieder aufzulösen“ Maria Fliri, Schauspielerin_Wien 6.1.2021.

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das frühe Aufstehen wegen der Kinder erhält mir glücklicherweise die Tagesstruktur, dennoch fühlt sich alles anders an. Das Leben ist gewissermaßen geschrumpft worden, und die Reduktion auf die eigenen vier Wände als „Input“ nervt. Das Unterrichten an der
Schauspielschule findet m.o.w. virtuell statt, stundenlanges Sitzen vor dem Bildschirm ist eigentlich genau das, was ich nie wollte, und ersetzt den Live-Unterricht niemals. Zudem nehme ich Hörbücher auf (wieder vor dem Kastl)… Außerdem war ich zu dieser Jahreszeit noch nie so viel draußen wie jetzt und alle Wege mach ich mit dem Fahrrad, trotz Kälte. Nach Weihnachten beginne ich mit Proben, nicht wissend, wann und wie dann gespielt werden darf, trotzdem ist die Vorfreude riesig.

Maria Fliri, Schauspielerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht in geistige Isolation zu verfallen, sich, auch wenn es manchmal
Überwindung kostet, auszutauschen!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich glaube, es wird wichtig sein die Spaltung in der Gesellschaft, das gegenseitige Verurteilen, das so stark spürbar ist, wieder aufzulösen. Und wie immer wird hoffentlich das Theater dazu beitragen diese Spannungen zu thematisieren, zu übersetzen und eine Möglichkeit bieten, sie auch abzubauen, und sei es nur für den/die Einzelne(n).

Was liest Du derzeit?

„Kaputt“ von Curzio Malaparte, über den Untergang Europas im 2.
Weltkrieg.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Time, thou must untangle this…!“

Vielen Dank für das Interview liebe Maria, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Fliri, Schauspielerin

Maria Fliri – Schauspielerin | Aktuell

Fotos_Elisa Unger

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst hält uns am Leben und verbindet“ Nicole Gerzabek, Schauspielerin _ Wien, 6.1.2021

Liebe Nicole, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht wirklich verändert, da ich ein sehr getriebener Mensch bin und mich gerne zügig weiterentwickle. Es gibt für mich immer etwas zu tun. Auch bin ich dankbar, dass bei mir nicht alles still steht und doch immer wieder ein Drehtag oder eine Probe eintrudelt.

Das Schöne an der derzeitigen Situation – ich schlafe öfter mal aus und habe mehr Zeit für Dinge, die mir richtig Spaß machen – Gitarre spielen, lesen, Schauspielworkshops, kochen, trainieren, die Liste ist endlos lang. Besonders viel Zeit verbringe ich gerade mit einer lieben
Freundin, denn wir schreiben an einer Serie. Für dieses „kreative Wachbleiben“
bin ich sehr dankbar.

Nicole Gerzabek, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wir alle sollten jetzt besonders achtsam sein und erkennen, wie gut es uns doch geht. Ebenso die Zeit zu Hause genießen, wer weiß ob wir jemals wieder so viel Zeit zu Hause mit unseren Liebsten verbringen können. Vielleicht sollten wir alle mehr unsere innere Kraft entdecken, zu mehr Glück und Zufriedenheit gelangen und dann unsere Persönlichkeit neu aufblühen lassen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen.
Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater,
Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Kunst macht sichtbar, sie hält uns am Leben und verbindet, genau das braucht die Gesellschaft gerade dringender denn je. Die Kunst hat jetzt mal Zeit – Zeit sich
zu entwickeln und das gehört auch dazu, es ist ihr Antrieb. Ich sehe es so – die Kunst
und Künstler ruhen sich gerade ein wenig aus, damit es bald frisch und noch
phantastischer weitergehen kann. Ich hoffe allerdings auch, dass diese Pause
gut genutzt wird, um bessere Rahmenbedingungen für künstlerische
Produktionen zu schaffen, denn in diesem Bereich gibt es einiges zu tun.

Was liest Du derzeit?

Ich lese zur Zeit „freeing the natural voice“ von Kristin Linklater, es ist eher ein
Arbeitsbuch und hilft mir gerade sehr zu einer authentischen Verbindung mit
meiner Stimme zu kommen.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich erfreue mich sehr oft an dem Zitat von Oskar Wilde:
Am Ende wird alles gut! Und wenn es noch nicht gut ist, ist es noch nicht das
Ende.

Vielen Dank für das Interview liebe Nicole Gerzabek, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Danke ebenfalls.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nicole Gerzabek, Schauspielerin

Nicky Gerzabek | Schauspielerin

Visagistin_Nina Peters

Fotos_Walter Pobaschnig_Palais Hotel Kempinski Wien _ 18.12.2020

5 Sterne Luxus Hotel im Zentrum Wien | Palais Hansen Kempinski Vienna

17.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst soll Freiheit sein, bereichern dürfen und wieder erzählen können“ Veronika Petrovic, Schauspielerin, Wien 5.1.2021

Liebe Veronika, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Meine Tage sind Abläufe von kleinen Routinen geworden. Da finden sich auch solche, die mich vor einem Jahr noch sehr belustigt hätten, z.B. das abendliche Aufräumen von Küche und Wohnzimmer. Alles an seinen Platz zu legen bzw. eine Ordnung in einem Jahr voller Unordnung herzustellen, empfinde ich als beruhigend und schön.

Spazieren, Malen, Sport und Kochen, Hörbücher und Schreiben sind Begleiter geworden, die einen Tag zum Alltag werden lassen.

Veronika Petrovic_Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Sich selbst und das Bewusstsein immer wieder ins Hier und Jetzt zu holen.

Gedanklich zu sehr in der Zukunft zu verharren oder in vergangenen Erlebnissen zu verweilen, führt früher oder später zu einem Ungleichgewicht der Gegenwart und des Moments, in dem man sich gerade befindet.

Tief durchatmen und sich dessen bewusst sein, dass Gedanken und Gefühle nicht in Stein gemeißelt sind. Wenn man traurig ist, wissen, dass in ein paar Minuten, Stunden, Tagen auch wieder die Sonne scheinen wird. Im Wohnzimmer zu „Build Me Up Buttercup“ zu tanzen wirkt hierbei z.B. Wunder.

Veronika Petrovic in „Lies mein Herz“ _ Briefwechsel Ingeborg Bachmann_Paul Celan _Theater Werk-X Petersplatz, 1010 Wien. 9.2.2019

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Kunst soll Freiheit sein, bereichern dürfen und wieder erzählen können. Vor allem aber soll sie mutig sein.

Ich wünsche mir, dass wir als Gesellschaft reflektierter weitermachen als zuvor. Ich wünsche mir Menschen, die durch die Ruhe und den Aufschrei der vergangenen Monate begreifen, dass wir materiell gesehen weniger brauchen als wir dachten und gesellschaftlich gesehen bemerken, dass unsere Taten Einfluss auf Mitmenschen, Tiere und Natur haben und dass wir geben müssen wenn wir nehmen wollen.

Was liest Du derzeit?

„Ein wenig Leben“ von Hanya Yanagihara

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ingeborg Bachmann schrieb in einem ihrer Briefe:

„Ich werd gewiss nie mehr durch den Stadtpark gehen, ohne zu wissen, dass er die ganze Welt sein kann (…)“

Ich musste im Laufe dieses seltsamen Jahres oft an diesen Satz denken, weil die Worte so großartig daran erinnern, dass Schönheit überall zu finden ist. Ebenso Wohlgefühl und Schmerz.

Ich denke, dass wir wachsen können, indem wir den Kreislauf von Höhen und Tiefen zulassen und dabei das Atmen nicht vergessen.

In diesem Sinne noch ein abschließender Satz aus einem Navajo Gebet:

„May you walk in Beauty“

Veronika Petrovic in „Lies mein Herz“ nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Umjubelte Uraufführung von Junges Theater Wien und Werk-X Petersplatz, Wien. 9.2.2019

Vielen Dank für das Interview liebe Veronika viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Veronika Petrovic, Schauspielerin

Veronika Petrovic

Foto_Porträt_Raphaela Wagner

Alle Fotos_Theater „Lies` mein Herz“ _Wien 2_2019_Walter Pobaschnig

„Lies mein Herz“ nach dem Briefwechsel von Ingeborg Bachmann und Paul Celan. Umjubelte Uraufführung von Junges Theater Wien und Werk-X Petersplatz, Wien. 9.2.2019 | Literatur outdoors – Worte sind Wege

3.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„und die kunst? sie ist ein dauerpumpendes muskelstück eines jeden landes, eines jeden staates herz“ Michael Blümel, Künstler _ Bad Mergentheim/D _ 5.1.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

es gibt ja menschen, deren vorstellungsbilder von in-den-tag-hineinlebenden künstlern, evokationen von tagträumern oder dergleichen entsprechen, was ich schon lange schmunzelnd zur kenntnis nehme, da ich aus sicht anderer ein berserker bin. was den arbeitsrhythmus betrifft, ergeht es mir im grunde unverändert, als frühaufsteher nutze ich ohnehin den tag & künstlerische prozesse finden oftmals unter selbstgewählten rückzugsbedingungen statt, was nicht bedeutet, ich würde mich darin dauerhaft suhlen wollen. die tägliche, berufliche kommunikation mit verlegern, autoren, kunden, auftraggebern ist zwar persönlich-räumlich eingeschränkter, änderte sich aber mehrheitlich nicht gravierend, da geographisch bedingte begebenheiten bereits zuvor vorhanden waren. zudem bieten digitale möglichkeiten eine zwar persönlich-menschlich nicht ersetzbare, dafür eine gute alternative zum gegenseitigen sich-wahrnehmen in zeiten eingeschränkter begegnungen.

Michael Blümel, Künstler

zum glück leiden – trotz finanzieller einschränkungen, weder meine eigene disziplin noch meine motivation, obwohl ein teil meiner arbeit übergreifende projekte mit schriftstellern, schauspielern, musikern, etc., beinhalten, wie z.b. live-aktionszeichnen während lesungen, performances, konzerten, wo man die unterschiedlichen rezeptionswellen des publikums wie ein seismograph wahrnimmt, wahrnehmen darf, was gut & wichtig ist.

andererseits schöpfe ich viel mehr aus den wenigen, dafür gesprächsintensiveren begegnungen mit freunden, was nicht heißen soll, ich hätte eine genuine aversion gegen größere tischgesellschaften, ganz im gegenteil. oder z.b. aus der natur, bei ausgiebigen spaziergängen, ideenfindungen vor ort, entweder sitzend & skizzierend vor oder in hütten, auf geköpften bäumen, im wuselndem laub, entfernten wahrnehmungen & in-augenscheinnahmen mit der spezies mensch, zum glück nicht den ersten, auch wenn einem zuweilen dieser eindruck zwickt. im ernst, klar, der besuch bei freunden, treffen in cafés, kino, theater- & museumsbesuche, ausstellungen, usw., all das fehlt sehr.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

schmerzen (ja, es gibt ausnahmen, gerade auch aus historischer sicht) vergehen irgendwann einmal, jeder von uns geht anders mit ihnen um. die einen sind weniger schmerzempfindlich & lassen ihren schreien & gebrüllten emotionen freien lauf, empfinden die gesundheitsschutzmaßnahmen als folter, menschenunwürdige behandlungen, unsere demokratie bedrohende, illegale, staatsautoritäre methoden & dergleichen mehr.

hinterfragen & diskutieren darf & soll man das. gleichzeitig wollen diese menschen mitleid, bemitleidet & wahrgenommen werden, was in uns menschen seit jeher schlummert & haust. die anderen versuchen ihre schmerzen mit hilfe unter-schiedlichster arten zu lindern. das gelingt mal besser, mal schlechter. ein „vorteil“ dieser menschen könnten vielseitige interessen & fähigkeiten sein, obwohl angesichts derzeit deutlich weniger vorhandener freiräume auch diese nicht in vollen zügen ausgeschöpft & angewendet werden können.

andere ventile, insbesonders sich diese selbst zu schaffen, trotz der einschränkungen, bedürfen außer schmerzlindener beschäftigungsausgleichender möglichkeiten vor allem sozialer fundamente, familien- & freundesfester gemeinschaften, die sich – auch ohne pandemie – nicht tagtäglich vernachlässigt fühlen dürfen.

diese vernachlässigungen sind bedauerlicherweise glühende herdplatten in unserem system. lasst uns als gesellschaft solidarischer & rücksichtsvoller miteinander umgehen & handeln, an die besonders gefährdeten unter uns denken, umso größer sind die chancen die pandemie einzudämmen, bestenfalls sie gemeinsam zu besiegen, ins exil zu schicken, am besten dorthin, wo wir innerhalb einer zukünftig rational erfassbaren zeit nichts allzumenschliches entsenden können.     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

ich nehme hier nur einmal das wort gerechtigkeit. der schön-edle begriff & die bedeutung gerechtigkeit gehen mitunter geradezu leichtfertig, gepaart mit politischer eloquenz & diverser strategien – unabhängig vor oder nach wahlen – einher oder man behandelt das wort wie einen fußball, der nach dem spiel untauglich geworden ist & auf dessen frischglänzend fabrizierter lederner haut bereits im kommenden spiel ein anderer sponsor zu sehen ist. dabei spielt die gerechtigkeit innerhalb eines (jeden) systems bekanntermaßen im zusammen-spiel einer ausgewogenen sozialen & friedvolleren gesellschaft mit aufrichtig praktizierenden politischen verantwortlichen solch eine immense rolle, derer sich mit sicherheit alle bewußt sind, die aber aus sicht bestimmter menschen, ob aus politischer unvernunft, feigheit, unfähigkeit, karrierennutzungs-bedingter kalküle, angst zu viel volksgerechten ausgleich in umlauf zu bringen, usw., eben ein bewährter, „kontrollierbarer spielball“ im großen volksstadion bleiben soll. mit zur gerechtigkeit gehören unter anderen die wirkliche anerkennung – nicht „nur“ uns kulturschaffender, sondern auch all jener menschen, die unter nicht hinzunehmbaren entlohnungen, einer beschämenden lohnwürde, den dauergeschmierten motor „germoney“ aufrechterhalten; jour par jour. ergo eine respektvolle anerkennung, die sich nicht allein mit einem zu recht geforderten mindesteinkommen zufrieden gibt, vielmehr künstler aller couleur, nicht nur häufig diejenigen, die als staats-bedeutende, weltweit erfolgreiche kulturwerbefiguren & messeprodukt-betreibenden beachtung finden (so sehr ich mich für diejenigen & deren erfolge freue), sondern der breiten, künstlerisch tätigen berufsgruppen respektabler annehmen, damit diese wenigstens angst- & sorgenfreier arbeiten können. darf das in einem so erfolgreichen industriestaat wie deutschland abwertend als tagträumerische spaziergänge, gar als realitätsferne utopie tituliert werden? nein! und die kunst? sie ist eine gigantische waage, eine hand, streichelnd, ohrfeigend, weisend, warnend, offen, geschlossen, mitziehend, winkend. sie ist vielmehr, sie ist ein dauerpumpendes muskelstück eines jeden landes, eines jeden staates herz.

Was liest Du derzeit?

stets mehreres, parallel.

derek mahon (gedichte).

ulrich alexander boschwitz „menschen neben dem leben“ (roman)

erich mühsam „tagebücher“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

verzichts- & trennungsschmerzen sind nicht zu unterschätzen, aber nicht gleichzustellen mit den leiden erkrankter & trauernder.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Blümel, Künstler

michael blümel / malerei, illustration, buchobjekte, buchgestaltung, grafikdesign (michael-bluemel.de)

Alle Fotos_Michael Blümel

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Zur Kunst: unermüdlich weitermachen. Man wird erst später wissen warum“ Verena Gotthardt, Schriftstellerin _ Wien, 4.1.2021

Liebe Verena, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Noch vor einem Jahr war ich oft und lange, manchmal einen ganzen Nachmittag in Kaffeehäusern und habe dort alles aufgeschrieben, mir Notizen zu Beobachtungen gemacht. Jetzt mache ich das in meinem Zimmer oder alleine auf der Parkbank.

Verena Gotthardt, Schriftstellerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zu wissen, wann wir genug Kaffee getrunken haben am Morgen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Etwas Banales, und zwar aus der Zeit zu lernen. Wir vergessen ja dann doch gerne sehr schnell. Zur Kunst: unermüdlich weitermachen. Man wird erst später wissen warum.

Was liest Du derzeit?

Und ich schüttelte einen Liebling von Friederike Mayröcker

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„…wenn man so tut als wäre man zu Hause, stirbt man nicht.“

Wohin denn ich, Marie -Luise Kaschnitz

Vielen Dank für das Interview liebe Verena, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literatur-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Verena Gotthardt_Schriftstellerin, Künstlerin

Verena Gotthardt – Fotografien und Texte

Foto__Sima Prodinger

20.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst ist emotional und kommuniziert über Kanäle, die wir häufig gerne vernachlässigen“ Julia Bugram, Künstlerin, Wien_4.1.2021

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen gegen 7:30, meine zwei Kater versorgen, anschließend ein kleines Frühstück mit vietnamesischem Kaffee und dann geht’s meist auch schon an den Computer – die Digitalisierung lässt grüßen. Zwischendurch wird analog gearbeitet, bis das nächste ZOOM-Meeting wieder ruft und entspanntes Lesen den abendlichen Ausklang einläutet.

Julia Bugram, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Abwechslung und Zusammenhalt.

Wege zu finden, damit einem die Decke nicht auf den Kopf fällt und wir körperlich und geistig bei Gesundheit bleiben. Nachdem aktuell wahnsinnig viele Ausgleichs-Möglichkeiten ersatzlos gestrichen sind ist das unter Umständen gar nicht so einfach.

Die aktuelle Situation ist fordernd und birgt für jede_n individuelle Herausforderungen. Doch wir sind nicht alleine damit. Der Austausch über die Challenges dieser Zeit erscheint tröstlich. Auch als Sonnenschein darf es in Anbetracht der Umstände mal bewölkt sein.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Als Kunstschaffende lebe ich davon Dinge aktiv und bewusst wahrzunehmen, zu verarbeiten und mich darüber auszudrücken. Ich bin der Überzeugung, dass Kunst unglaublich viel kann, was mir mit Worten zu beschreiben recht schwer fällt. Angefangen von Perspektivenwechseln, darüber neue Wege aufzuzeigen, neue Türen zu öffnen, Emotionen hervorzurufen und vieles weiteres. Mein Traum bleibt, dass Kunst Menschen Hoffnung schenkt. Ausflüge in andere Welten, Wahrheiten, einen Aufbruch in Unbekanntes/Neues. Kunst schenkt uns Trost, darf und soll neugierig machen, helfen die Augen ein Stück weiter zu öffnen. Sie darf dabei auch durchaus kritisch sein und Missstände aufzeigen. Kunst ist emotional und kommuniziert über Kanäle, die wir häufig gerne vernachlässigen.

Was liest Du derzeit?

Jaqueline Scheiber – Offenheit

Haruki Murakami – Hard boiled egg wonderland

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe.“ (Astrid Lindgren – Pipi Langstrumpf)

Wenn die Unmöglichkeiten schier unendlich groß sind denke ich gerne an dieses Zitat. Es hat sich bereits oft genug bewahrheitet.

Vielen Dank für das Interview liebe Julia viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Bugram, Künstlerin

Julia Bugram

Fotos_Jolly Schwarz

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Unser Alltag wird sich radikal ändern müssen“ Markus Ostermair, Schriftsteller_ München 3.1.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ziemlich langweilig, fürchte ich. Neben der täglichen Hausarbeit (meine Frau hat zum Glück eine Vollzeitstelle) beantworte ich E-Mails und erledige meine Brotjobs als Texter und Übersetzer, sofern welche reinkommen.

Da ich eh die meiste Zeit von Zuhause aus gearbeitet habe, unterscheiden sich meine Tage kaum zu denen vor Corona. Nur die Abende und die Freizeit leiden darunter, aber da bin ich ja wahrlich nicht der einzige. Es ist natürlich schade, dass genau in diesem Jahr mein Debütroman „Der Sandler“ erschienen ist und bisher kaum Lesungen vor Publikum stattgefunden haben, aber ich hoffe, dass sich die Lage im Laufe des Jahres 2021 etwas entspannt und einiges nachgeholt werden kann. Das Thema des Romans ist ja Obdachlosigkeit – und das wird leider aktuell bleiben und sich eher noch verschärfen, fürchte ich.

Markus Ostermair, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund zu bleiben und zu erkennen, dass doch vieles verändert werden kann, wenn man nur will. Uns stehen wahrscheinlich noch ärgere Krisen bevor (Klima), nur sind da die Zusammenhänge in Bezug auf das individuelle Handeln im Alltag nicht so deutlich erkennbar, wobei wir es natürlich alle wissen. Unser Alltag wird sich radikal ändern müssen, aber dafür wird sich zuerst das landläufige Verständnis von Politik, Arbeit und Verdienst ändern müssen. Bisher wurde immer an die individuelle Verantwortung des:der mündigen Bürger:innen (d.h. Konsument:innen) appelliert, wobei alle erstens in permanenter Konkurrenz (in Bezug auf Arbeitsplätze aber auch auf Konsumgüter) zueinander stehen und zweitens alle in völliger Entfremdung zu den Vorbedingungen und Konsequenzen ihrer Handlungen leben: Andere ernten die Felder ab, andere transportieren die Güter über die Autobahnen und pennen auf Rastplätzen, andere sortieren den Müll, pflegen die Kranken, schlachten und zerlegen die Tiere im Akkord, nähen die Klamotten für jede neue Saison zusammen, verlegen die Rohre, vergasen die Küken… und ganz andere ertrinken auf dem Weg in dieses „Paradies“.

Das ist keine Freiheit! Das sind keine Errungenschaften! Das ist das organisierte Verschieben und Auslagern von Zwängen und Leid bei gleichzeitigem Verschließen aller Augen und Ohren. Nicht andauerndes Wachstum und Produktionssteigerungen können das Ziel sein, sondern radikale Ressourcenschonung bei gleichzeitigem Abbau der Entfremdung untereinander und zu unserer Umwelt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe mich nicht zurückhalten können und das in der vorigen Frage schon etwas angedeutet. J

Bei Literatur als rein sprachlichem Diskurs ist man versucht zu glauben, dass sie kaum etwas bewirken kann. Aber Werbung und Politik sind auch rein sprachliche Diskurse (okay, bei der Werbung kommen meist Bilder hinzu), und sie sind äußerst wirkmächtig. In der ernsthaften Auseinandersetzung mit Literatur kann man lernen, dass das, was nicht dasteht, oft genauso wichtig ist, wie das, was geschrieben wurde. Literatur braucht neben der Vielstimmigkeit der einzelnen Texte auch den Resonanzraum der nicht realisierten Möglichkeiten.

Diesen Erkenntnisprozess kann man anwenden auf politisches Sprechen und das ganze Konsumgelaber, und die dort fortlaufend produzierten Mythen sind leicht zu entlarven.

Daneben kann Kunst ganz allgemein natürlich immer auch die Dinge explizit machen, über die sonst kaum oder auf unangemessene Art und Weise gesprochen wird.   

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Sachen parallel. Neben dem Bett liegt schon lange „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, wobei das Buch manchmal auch monatelang ungeöffnet bleibt, aber es ist zum Glück geduldig.

Ansonsten lese ich gerade interessiert die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, die sich dem Phänomen Prosadebüt widmet, und mal wieder eines meiner Lieblingsbücher, nämlich „Jakob von Gunten“ von Robert Walser.

Beim Abspülen höre ich mir noch den Podcast „Resi liest“ des Münchner Residenztheaters an. Da lesen verschiedene Schauspieler:innen neu erschienene Texte. Derzeit sind online: „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber und „Die Sommer“ von Ronya Othmann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Oh, in solchen Dingen bin ich nicht sehr gut… Ich nehme einfach eine zufällige Passage aus „Jakob von Gunten“, die mir sprachlich sehr gefällt, wobei es noch viel mehr von ihnen gibt!

„Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, leidenden Abneigung geboren. […] Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben.“

Und zwei meiner Lieblingsdreizeiler aus Ricarda Kiels „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“:

Put

Put Put

That Birdy down

*

Pilze

sagste

haste

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke ebenfalls!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Ostermair, Schriftsteller

Osburg Verlag – Der Sandler (osburg-verlag.de)

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Jeder Tag zählt und hat seine eigenen Plagen“ Konstantin Hanack, Schriftsteller, Heidelberg 3.1.2021

Lieber Konstantin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit einiger Zeit habe ich festgestellt, dass es einen Tag in der Woche gibt, an dem ich schlecht schlafe. Welcher Tag das ist und was die Bedingungen sind, dass er vor der Tür steht, kann ich nicht sagen. Wenn es aber soweit ist, bin ich bereit und weiß, was ich mit der Zeit anfangen muss, die ich wach liege, nämlich Gedichte schreiben, meist rhythmisierte. Das muss metabolische Gründe haben. Ich weiß nicht, welche es sind. Aber wenigstens lässt sich etwas Fruchtbares aus diesen Nächten mitnehmen.

Sonst verlaufen die Tage gleichförmig. Ich stehe auf, esse viel Frühstück, schreibe einen Stoß, dann, wenn ich nicht arbeiten muss, lege ich mich wieder hin, schreibe wieder etwas, trinke Kaffee, mache Sport, Mittag naht, gegen 14 Uhr schreibe ich wieder, lege mich wieder ihn, räume mein Gehirn auf, ab 16 Uhr sinkt die Leistungskurve, am Abend gebe ich entweder Deutschunterricht oder gehe vor die Tür. Montags kaufe ich für die Woche ein, meist bei Rewe oder Aldi.

Konstantin Hanack, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht ist für alle wichtig, was auch vor Corona wichtig war, nämlich dass die Menschen Ziele haben, auf die sie zu leben und zu arbeiten können. Ich persönlich bin der Meinung, dass es am besten ist, sich auf das zu konzentrieren, was zuerst vor einem liegt. Langfristige Ziele scheinen mir weniger wichtig. Jeder Tag zählt und hat seine eigenen Plagen. Anders gesagt: Intuitives Leben ist gelungenes Leben und eine Intuition reicht nicht über sich selbst hinaus. Sie kommt, du musst nach ihr leben! Dann kommt die nächste, du folgst auch ihr! Dann wieder eine und immer so weiter…

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich denke, persönlich und privat bleibt die Funktion der Literatur, die Gesundheit zu erhalten. Gesellschaftlich sollte sie die Solidarität stärken und auf soziale Ungleichheit aufmerksam machen. Corona dürfte die Leser und Leserinnen, die Literatur und Kunst konsumieren, dafür sensibilisiert haben.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich Goethes Briefe an Frau von Stein. Mein frischester, aktuellster Lesegedanke ist, dass Goethe die „Eselei“ seines Jugendfreundes Lenz, von der er auch hier schreibt, nicht negativ gemeint haben muss, sondern vielleicht wohlwollend. Folglich wäre sie nicht der Grund, weshalb Lenz im Dezember 1776 Weimar verlässt, wie das in der Germanistik als „Wahrheit“ behandelt wird.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Liebe gibt mir alles und wo die nicht ist, dresch ich Stroh. – Goethe an Charlotte von Stein

Vielen Dank für das Interview lieber Konstantin, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Konstantin Hanack_Schriftsteller

Foto_privat.

2.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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