„Menschen brauchen nun mal Bilder und Geschichten, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen“ Lykke Hellström, Künstlerin_Berlin 6.1.2021

Liebe Lykke, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Routine gibt es nicht. Ich lass mich treiben. Arbeite, esse, schlafe, wenn mir danach ist. Ich telefoniere viel mehr mit Freunden. Hab mehr Zeit zum Lesen. Ich hab keine drängenden Termine, Museen und Galerien sind geschlossen. Ich bin gewöhnlich immer in Bewegung. Dabei gibt es Pläne, Abläufe, Anforderungen, Regeln, Öffnungszeiten, kurzum: Struktur. Die ist für mich erst einmal dahin. Stillstand und Eingeschränktheit bei gleichzeitiger Strukturlosigkeit ergo Freiheit, finde ich zur Abwechslung mal ganz interessant.

lykke hellström – clouded mind, heavy heart (self portrait rough edit)

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich weiß, die Situation ist für viele Menschen aus diversen Gründen sehr schwierig, wenn nicht sogar existenziell bedrohlich. Ich hab Glück, brauche nicht viel, bin einigermaßen safe. Ich will also aus einer bequemen Position heraus keineswegs irgendwelche Kalendersprüche oder Durchhalteparolen reproduzieren. Diese Art toxischer Positivität macht mich wütend. Man muss es den Leuten lassen, auf ihre Art Sorgen zur Sprache zu bringen, ohne dass jemand sofort mit einem rosa Putzläppchen drüber geht und sagt, es wird schon alles gut werden, ohne wirklich zuzuhören oder Hilfe anzubieten.

lykke hellström – i didn’t mean to

Ich kann definitiv nicht für uns alle sprechen. Aber ich merke, dass ich mental ganz gut damit fahre, diesen verordneten Stillstand als zeitlich begrenztes Experiment anzunehmen, alles zu abstrahieren, im weiter gefassten Kontext, auch historisch, zu sehen. Ich beobachte mich und andere mit großer Faszination dabei, wie wir versuchen mit dem Ausnahmezustand zurecht zu kommen. Wie sich Begegnungen ins Netz verlagern beispielsweise, eine andere Dimension bekommen. Wie unterschiedlich Menschen reagieren… Ich muss zugeben, das Ungewöhnliche an der ganzen Situation reizt und amüsiert mich. Das klingt vielleicht etwas zynisch. Schlussendlich mögen wir aber doch alle Geschichten von Menschen, die sich in schwierigen Situationen bewähren müssen. Jetzt stecken wir eben selbst in so einer Geschichte. Ich versuche, einen objektiven Blick zu wahren. Das ist für mich zumindest sinnvoll und wichtig. Ich bin neugierig und gespannt, was noch kommen wird.

lykke hellström – i will find a center in you

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe, es wird wirklich Veränderungen geben. Vor allem in Bereichen, die unmittelbar die Bedingungen der Pandemie hervorgebracht haben. Der Wissenschaft und den entsprechenden Experten muss dazu Gehör verschafft werden. Da können Kunst und Literatur durchaus einen Beitrag leisten. Menschen brauchen nun mal Bilder und Geschichten, um komplexe Zusammenhänge zu verstehen. Stories sind essenziell für menschliches Miteinander und beeinflussen uns, helfen uns Haltungen zu entwickeln oder zu hinterfragen. Kunst- und literarische Werke sind generell immer auch Seismographen und Brenngläser für gesellschaftliche Entwicklungen. Dazu müssen sie nicht einmal in dezidiert politischer Absicht geschaffen werden.

In puncto politischer Absicht wundert es mich allerdings etwas, dass Kulturakteure ihre Stimme nicht vehementer für sich selbst einsetzen. Gemeinsam auf die Barrikaden gehen, zum Beispiel für ein Grundeinkommen. Liegt vermutlich am antrainierten Einzelkämpfer-Dasein. Ich bin auch hier neugierig gespannt, wie es weitergeht. Ein bisschen mehr Lärm und Zusammenrottung hätte ich schon erwartet.

lykke hellström – mountains in your mind are higher than they appear

Was liest Du derzeit?

In Buchform: „Sexkultur“ von Bettina Stangneth und „Fremdes Licht“ von Michael Stavaric

Online: Die Fragmente und Notate von Julia Knaß auf Instagram (@balkonage)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„We’re all part of the same compost heap.“ (Chuck Palahniuk)

Vielen Dank für das Interview liebe Lykke, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Lykke Hellström_Künstlerin

Alle Fotos__Lykke Hellström

6.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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