„Unser Alltag wird sich radikal ändern müssen“ Markus Ostermair, Schriftsteller_ München 3.1.2021

Lieber Markus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ziemlich langweilig, fürchte ich. Neben der täglichen Hausarbeit (meine Frau hat zum Glück eine Vollzeitstelle) beantworte ich E-Mails und erledige meine Brotjobs als Texter und Übersetzer, sofern welche reinkommen.

Da ich eh die meiste Zeit von Zuhause aus gearbeitet habe, unterscheiden sich meine Tage kaum zu denen vor Corona. Nur die Abende und die Freizeit leiden darunter, aber da bin ich ja wahrlich nicht der einzige. Es ist natürlich schade, dass genau in diesem Jahr mein Debütroman „Der Sandler“ erschienen ist und bisher kaum Lesungen vor Publikum stattgefunden haben, aber ich hoffe, dass sich die Lage im Laufe des Jahres 2021 etwas entspannt und einiges nachgeholt werden kann. Das Thema des Romans ist ja Obdachlosigkeit – und das wird leider aktuell bleiben und sich eher noch verschärfen, fürchte ich.

Markus Ostermair, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gesund zu bleiben und zu erkennen, dass doch vieles verändert werden kann, wenn man nur will. Uns stehen wahrscheinlich noch ärgere Krisen bevor (Klima), nur sind da die Zusammenhänge in Bezug auf das individuelle Handeln im Alltag nicht so deutlich erkennbar, wobei wir es natürlich alle wissen. Unser Alltag wird sich radikal ändern müssen, aber dafür wird sich zuerst das landläufige Verständnis von Politik, Arbeit und Verdienst ändern müssen. Bisher wurde immer an die individuelle Verantwortung des:der mündigen Bürger:innen (d.h. Konsument:innen) appelliert, wobei alle erstens in permanenter Konkurrenz (in Bezug auf Arbeitsplätze aber auch auf Konsumgüter) zueinander stehen und zweitens alle in völliger Entfremdung zu den Vorbedingungen und Konsequenzen ihrer Handlungen leben: Andere ernten die Felder ab, andere transportieren die Güter über die Autobahnen und pennen auf Rastplätzen, andere sortieren den Müll, pflegen die Kranken, schlachten und zerlegen die Tiere im Akkord, nähen die Klamotten für jede neue Saison zusammen, verlegen die Rohre, vergasen die Küken… und ganz andere ertrinken auf dem Weg in dieses „Paradies“.

Das ist keine Freiheit! Das sind keine Errungenschaften! Das ist das organisierte Verschieben und Auslagern von Zwängen und Leid bei gleichzeitigem Verschließen aller Augen und Ohren. Nicht andauerndes Wachstum und Produktionssteigerungen können das Ziel sein, sondern radikale Ressourcenschonung bei gleichzeitigem Abbau der Entfremdung untereinander und zu unserer Umwelt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich habe mich nicht zurückhalten können und das in der vorigen Frage schon etwas angedeutet. J

Bei Literatur als rein sprachlichem Diskurs ist man versucht zu glauben, dass sie kaum etwas bewirken kann. Aber Werbung und Politik sind auch rein sprachliche Diskurse (okay, bei der Werbung kommen meist Bilder hinzu), und sie sind äußerst wirkmächtig. In der ernsthaften Auseinandersetzung mit Literatur kann man lernen, dass das, was nicht dasteht, oft genauso wichtig ist, wie das, was geschrieben wurde. Literatur braucht neben der Vielstimmigkeit der einzelnen Texte auch den Resonanzraum der nicht realisierten Möglichkeiten.

Diesen Erkenntnisprozess kann man anwenden auf politisches Sprechen und das ganze Konsumgelaber, und die dort fortlaufend produzierten Mythen sind leicht zu entlarven.

Daneben kann Kunst ganz allgemein natürlich immer auch die Dinge explizit machen, über die sonst kaum oder auf unangemessene Art und Weise gesprochen wird.   

Was liest Du derzeit?

Ich lese immer mehrere Sachen parallel. Neben dem Bett liegt schon lange „Ästhetik des Widerstands“ von Peter Weiss, wobei das Buch manchmal auch monatelang ungeöffnet bleibt, aber es ist zum Glück geduldig.

Ansonsten lese ich gerade interessiert die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „PS – Politisch Schreiben“, die sich dem Phänomen Prosadebüt widmet, und mal wieder eines meiner Lieblingsbücher, nämlich „Jakob von Gunten“ von Robert Walser.

Beim Abspülen höre ich mir noch den Podcast „Resi liest“ des Münchner Residenztheaters an. Da lesen verschiedene Schauspieler:innen neu erschienene Texte. Derzeit sind online: „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber und „Die Sommer“ von Ronya Othmann.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Oh, in solchen Dingen bin ich nicht sehr gut… Ich nehme einfach eine zufällige Passage aus „Jakob von Gunten“, die mir sprachlich sehr gefällt, wobei es noch viel mehr von ihnen gibt!

„Das Leben mit seinen wilden Gesetzen ist überhaupt für gewisse Personen nur eine Kette von Entmutigungen und schreckenerregenden bösen Eindrücken. Menschen wie Schacht sind zur fortlaufenden, leidenden Abneigung geboren. […] Armer Schacht. Er ist ein Kind, und er sollte in Melodien schwelgen und sich in gütige, weiche, sorgenlose Dinge betten können. Für ihn sollte es heimliches Plätschern und Vogelgezwitscher geben.“

Und zwei meiner Lieblingsdreizeiler aus Ricarda Kiels „Kommt her ihr Heinis ich will euch trösten“:

Put

Put Put

That Birdy down

*

Pilze

sagste

haste

Vielen Dank für das Interview lieber Markus, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Ich danke ebenfalls!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Markus Ostermair, Schriftsteller

Osburg Verlag – Der Sandler (osburg-verlag.de)

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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