„und die kunst? sie ist ein dauerpumpendes muskelstück eines jeden landes, eines jeden staates herz“ Michael Blümel, Künstler _ Bad Mergentheim/D _ 5.1.2021

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

es gibt ja menschen, deren vorstellungsbilder von in-den-tag-hineinlebenden künstlern, evokationen von tagträumern oder dergleichen entsprechen, was ich schon lange schmunzelnd zur kenntnis nehme, da ich aus sicht anderer ein berserker bin. was den arbeitsrhythmus betrifft, ergeht es mir im grunde unverändert, als frühaufsteher nutze ich ohnehin den tag & künstlerische prozesse finden oftmals unter selbstgewählten rückzugsbedingungen statt, was nicht bedeutet, ich würde mich darin dauerhaft suhlen wollen. die tägliche, berufliche kommunikation mit verlegern, autoren, kunden, auftraggebern ist zwar persönlich-räumlich eingeschränkter, änderte sich aber mehrheitlich nicht gravierend, da geographisch bedingte begebenheiten bereits zuvor vorhanden waren. zudem bieten digitale möglichkeiten eine zwar persönlich-menschlich nicht ersetzbare, dafür eine gute alternative zum gegenseitigen sich-wahrnehmen in zeiten eingeschränkter begegnungen.

Michael Blümel, Künstler

zum glück leiden – trotz finanzieller einschränkungen, weder meine eigene disziplin noch meine motivation, obwohl ein teil meiner arbeit übergreifende projekte mit schriftstellern, schauspielern, musikern, etc., beinhalten, wie z.b. live-aktionszeichnen während lesungen, performances, konzerten, wo man die unterschiedlichen rezeptionswellen des publikums wie ein seismograph wahrnimmt, wahrnehmen darf, was gut & wichtig ist.

andererseits schöpfe ich viel mehr aus den wenigen, dafür gesprächsintensiveren begegnungen mit freunden, was nicht heißen soll, ich hätte eine genuine aversion gegen größere tischgesellschaften, ganz im gegenteil. oder z.b. aus der natur, bei ausgiebigen spaziergängen, ideenfindungen vor ort, entweder sitzend & skizzierend vor oder in hütten, auf geköpften bäumen, im wuselndem laub, entfernten wahrnehmungen & in-augenscheinnahmen mit der spezies mensch, zum glück nicht den ersten, auch wenn einem zuweilen dieser eindruck zwickt. im ernst, klar, der besuch bei freunden, treffen in cafés, kino, theater- & museumsbesuche, ausstellungen, usw., all das fehlt sehr.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

schmerzen (ja, es gibt ausnahmen, gerade auch aus historischer sicht) vergehen irgendwann einmal, jeder von uns geht anders mit ihnen um. die einen sind weniger schmerzempfindlich & lassen ihren schreien & gebrüllten emotionen freien lauf, empfinden die gesundheitsschutzmaßnahmen als folter, menschenunwürdige behandlungen, unsere demokratie bedrohende, illegale, staatsautoritäre methoden & dergleichen mehr.

hinterfragen & diskutieren darf & soll man das. gleichzeitig wollen diese menschen mitleid, bemitleidet & wahrgenommen werden, was in uns menschen seit jeher schlummert & haust. die anderen versuchen ihre schmerzen mit hilfe unter-schiedlichster arten zu lindern. das gelingt mal besser, mal schlechter. ein „vorteil“ dieser menschen könnten vielseitige interessen & fähigkeiten sein, obwohl angesichts derzeit deutlich weniger vorhandener freiräume auch diese nicht in vollen zügen ausgeschöpft & angewendet werden können.

andere ventile, insbesonders sich diese selbst zu schaffen, trotz der einschränkungen, bedürfen außer schmerzlindener beschäftigungsausgleichender möglichkeiten vor allem sozialer fundamente, familien- & freundesfester gemeinschaften, die sich – auch ohne pandemie – nicht tagtäglich vernachlässigt fühlen dürfen.

diese vernachlässigungen sind bedauerlicherweise glühende herdplatten in unserem system. lasst uns als gesellschaft solidarischer & rücksichtsvoller miteinander umgehen & handeln, an die besonders gefährdeten unter uns denken, umso größer sind die chancen die pandemie einzudämmen, bestenfalls sie gemeinsam zu besiegen, ins exil zu schicken, am besten dorthin, wo wir innerhalb einer zukünftig rational erfassbaren zeit nichts allzumenschliches entsenden können.     

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

ich nehme hier nur einmal das wort gerechtigkeit. der schön-edle begriff & die bedeutung gerechtigkeit gehen mitunter geradezu leichtfertig, gepaart mit politischer eloquenz & diverser strategien – unabhängig vor oder nach wahlen – einher oder man behandelt das wort wie einen fußball, der nach dem spiel untauglich geworden ist & auf dessen frischglänzend fabrizierter lederner haut bereits im kommenden spiel ein anderer sponsor zu sehen ist. dabei spielt die gerechtigkeit innerhalb eines (jeden) systems bekanntermaßen im zusammen-spiel einer ausgewogenen sozialen & friedvolleren gesellschaft mit aufrichtig praktizierenden politischen verantwortlichen solch eine immense rolle, derer sich mit sicherheit alle bewußt sind, die aber aus sicht bestimmter menschen, ob aus politischer unvernunft, feigheit, unfähigkeit, karrierennutzungs-bedingter kalküle, angst zu viel volksgerechten ausgleich in umlauf zu bringen, usw., eben ein bewährter, „kontrollierbarer spielball“ im großen volksstadion bleiben soll. mit zur gerechtigkeit gehören unter anderen die wirkliche anerkennung – nicht „nur“ uns kulturschaffender, sondern auch all jener menschen, die unter nicht hinzunehmbaren entlohnungen, einer beschämenden lohnwürde, den dauergeschmierten motor „germoney“ aufrechterhalten; jour par jour. ergo eine respektvolle anerkennung, die sich nicht allein mit einem zu recht geforderten mindesteinkommen zufrieden gibt, vielmehr künstler aller couleur, nicht nur häufig diejenigen, die als staats-bedeutende, weltweit erfolgreiche kulturwerbefiguren & messeprodukt-betreibenden beachtung finden (so sehr ich mich für diejenigen & deren erfolge freue), sondern der breiten, künstlerisch tätigen berufsgruppen respektabler annehmen, damit diese wenigstens angst- & sorgenfreier arbeiten können. darf das in einem so erfolgreichen industriestaat wie deutschland abwertend als tagträumerische spaziergänge, gar als realitätsferne utopie tituliert werden? nein! und die kunst? sie ist eine gigantische waage, eine hand, streichelnd, ohrfeigend, weisend, warnend, offen, geschlossen, mitziehend, winkend. sie ist vielmehr, sie ist ein dauerpumpendes muskelstück eines jeden landes, eines jeden staates herz.

Was liest Du derzeit?

stets mehreres, parallel.

derek mahon (gedichte).

ulrich alexander boschwitz „menschen neben dem leben“ (roman)

erich mühsam „tagebücher“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

verzichts- & trennungsschmerzen sind nicht zu unterschätzen, aber nicht gleichzustellen mit den leiden erkrankter & trauernder.

Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Michael Blümel, Künstler

michael blümel / malerei, illustration, buchobjekte, buchgestaltung, grafikdesign (michael-bluemel.de)

Alle Fotos_Michael Blümel

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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