„Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen“ Marie Gamillscheg, Schriftstellerin, Berlin _ 10.1.2021

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Schreiben, Lesen, Boote schauen, Domino spielen, Schafe füttern, Telefonieren. Mehr Lesen noch. Das klingt alles sehr privilegiert und das ist es auch. Ich hab zurzeit ein Aufenthaltsstipendium auf dem Land. Hier habe ich es gut. Umso mehr versuche ich meine Kolleg*innen und Freund*innen zu unterstützen, sofern das möglich ist.

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir damit aufhören uns gegenseitig ständig Verantwortung und Schuldigkeiten zuzuschieben und uns dennoch erlauben, laut zu sein und zu kritisieren. Und vielleicht sollte man auch aufhören, in diesem Wir zu sprechen (was ich ja bereits selbst tue) – und vielmehr anerkennen, dass jede*r gerade vor unterschiedlichen Problemen steht und mit diesen auch unterschiedlich umgeht. Was immer hilft: Sich zumindest für ein paar Lesestunden in andere Realitäten begeben, wenn die eigene einem nur Sorgen macht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Für mich die gleiche wie immer: Sie hilft mir einerseits mich in meiner Gegenwart zu verordnen und diese kritisch zu beobachten, andererseits schaut sie mit mir darüber hinaus, lässt mich in eine andere Welt eintauchen und schärft meine Sinne.

Aber die Kunst muss sich leider gerade erstmal ganz anderen Dingen widmen: Dass sie überhaupt passieren darf. Und das ist erschreckend.

Was liest Du derzeit?

James Baldwin „Nach der Flut das Feuer“, Simone Weil „Schwerkraft und Gnade“, Josef Winkler „Begib dich auf die Reise oder Drahtzieher der Sonnenstrahlen“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Er fragt, was mich nach Paris führe. Ich konnte nicht schlafen, sage ich.“

 (aus Gegen Morgen, Deniz Utlu)

Vielen Dank für das Interview liebe Marie viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Gamillscheg, Schriftstellerin

Foto_Leonie Hugendubel

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Theater braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist“ Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur_Wien 9.1.2021

Lieber Alexandru, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seitdem ich alle Projekte für letztes Jahr hinter mich gebracht habe, fühlt sich jeder Tag übertrieben monoton an.

Auf der anderen Seite arbeite ich jetzt in aller Ruhe an meinen Herzensprojekte weiter, forste endlich meine lange Leseliste durch und treffe gelegentlich die paar Menschen, die mir wichtig sind; und das ist sehr schön, trotz der Monotonie.

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir diesen ungeheuerlichen beamtendeutschen Sprachgebrauch, der sich in diesem Jahr in das Gehirn jedes Einzelnen eingenistet hat, auf eine Liste niederschreiben und wenn alles vorbei ist, die Zettel auf einem Scheiterhaufen abfackeln.

Auf diese kollektive Katharsis freue ich mich schon.

Wir müssen noch zügig und beschlossen die letzten Kilometer dieses anstrengenden Marathons laufen: die Maßnahmen weiter mittragen (vor allem jetzt!) und sich brav impfen lassen, wenn es so weit ist. Nur so werden wir alle mit der Welt wieder normal interagieren können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich glaube gerne daran, dass durch die gemeinsame Erfahrung, die keiner/keinem erspart geblieben ist, die Menschen tatsächlich ein Stück Empathie und Verständnis füreinander gewonnen haben. Ebenfalls diktiert mir mein Wunschdenken, dass wir alle mehr oder weniger gecheckt haben, dass es im Leben manchmal um wichtigere Dinge geht als nur Leistung, Profit und Besitz; dass wir aufeinander aufpassen müssen.

Systemrelevant gleicht nicht Menschrelevant

Wenn dies tatsächlich so ist, sollten wir mindestens die eine oder die andere Lehre daraus gezogen haben und die sogenannte post-pandemische Welt müsste es widerspiegeln; das Theater war immer gut darin, den Spiegel vor die Gesellschaft zu halten. Es braucht nun endlich einen richtigen Spiegel, der kein Antiquariat-Stück mehr ist.

Was liest Du derzeit?

Viel moderne brasilianische Dramatik; das letzte war „Alles nackte wird bestraft“ von Nelson Rodrigues.

Bei Prosa wäre „Warten auf Barbaren“ von J.M. Coetzee; gerade begonnen.

Und ab und zu Geschichtsbücher; jetzt ist „The Romanian Orthodox Church and The Holocaust“ von Ion Popa

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Chöre, die Aufmärsche und die obskure Symbolik, diese psychologische Besoffenheit, die sind die Bausteine jeglicher Diktatur. Heute lässt sich schwer ohne eine Uniform durch die Ideenwelt gehen. Der kritische Geist hat nie eine Uniform getragen. Er ist ein Zivil.

Mihail Sebastian aus „Wie ich ein Hooligan wurde“

Vielen Dank für das Interview lieber Alexandru, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Theaterprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Herzlichen Dank!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandru Weinberger-Bara, Regisseur

Foto_Anna Brosch.

15.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen“ Jaqueline Rauter, Regisseurin, Villach _9.1.2021

Liebe Jaqueline, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment arbeite ich an den Produktionsvorbereitungen für meinen neuen Kurzfilm „Armenia“, der – wenn die Umstände es zulassen – Mitte 2021 realisiert werden wird. Gemeinsam mit Leopold Fuchs und Rainer Fritz wollen wir ein dramaturgisch wie cinematographisch anspruchsvolles Projekt auf die Beine stellen. Ansonsten hat sich mein Tagesablauf nur geringfügig geändert, da ich entweder an meiner Dissertation oder als Texterin und Lektorin arbeite. Wenn meine Kinder Lockdown-bedingt zuhause sind, unterstützen mein Partner und ich uns gegenseitig, sodass wir beide unserer Arbeit nachkommen können, wenn auch reduziert. Was sich schon geändert hat, ist der geringe Kontakt nach draußen, die Kommunikation, das Netzwerken. Meiner ehrenamtlichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen als Lernhelferin komme ich in Lockdown-Zeiten online nach. Gerade sie brauchen den Kontakt nach draußen am allermeisten.

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Mir fällt eine ganze Reihe von »Wichtigkeiten« ein, besonders in dieser Zeit: die Zuversicht nicht zu verlieren, sich trotz allem etwas vorzunehmen, nicht an allzu negative und unreflektierte Krisenszenarien anzudocken, und das Wichtigste überhaupt ist vielleicht: einfühlsam zu bleiben. Oder es zu werden. Sich das Gefühl zu bewahren, handlungsfähig zu sein, gestaltungsfähig. Ich erlebe immer wieder, dass viele Menschen sich hilflos fühlen, sie denken, es passiert etwas mit ihnen und sie können nichts dagegen tun. Vieles davon ist völlig verständlich, vieles davon rührt aber auch von einer Haltung, die vielleicht immer schon da war und durch andere noch verstärkt wird. Natürlich, es geht nicht allen gut, es geht aber auch nicht allen schlecht. In vielen Teilen der Welt ist die Lage noch einmal dramatischer. Ich denke, es ist und bleibt wichtig, auf sich zu schauen, aber auch auf andere. Und das meine ich nicht nur im Hinblick auf die physische Gesundheit. Menschen, die allein sind, Kinder, die in Familien aufwachsen, wo Gewalt an der Tagesordnung steht – diese Realität ist da, auch wenn sie nicht sichtbar ist, jetzt noch weniger. Darum kreisen meine Gedanken oft. Hinzuschauen, hinzufühlen – nicht nur mich selbst oder die eigene Familie in den Mittelpunkt zu stellen, dem Egozentrismus immer mal wieder die Stirn zu bieten. Das ist eine Haltung, mit der ich durchs Leben gehen will und die ich auch meinen Kindern vermittle.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Film, der Kunst an sich zu?

Für die meisten von uns ist das, was wir gerade erleben, etwas völlig Neues. Etwas, das kaum eine/r vorhergesehen hat. Ein möglicher Aufbruch wäre, zu sehen, dass vieles nicht mehr so weitergehen kann, wie bisher, dass noch einmal genauer hingeschaut werden muss auf all die wichtigen Themen unserer Zeit. Wir kennen mittlerweile unseren sozioökologischen »point of no return«. Auch Pandemien haben  immer etwas mit dem Umgang von Mensch, Tier und Umwelt zu tun. Es gibt viele Diskussionen über unseren »Schutz«, aber wenige bis keine über die »Ursachen«, das vermisse ich. Ich denke, wir müssen uns noch mehr dem Thema Umweltschutz, aber vor allem auch dem Tierschutz widmen – und beides lässt sich ohne einen stärkeren sozialen Gedanken und gesellschaftlich notwendige Umwälzungen nicht denken.

Der Film – die Kunst – sie hat die Rolle, sich mit Themen zu befassen, die den Menschen beschäftigen, mit Gefühl und Intellekt anzureichern und ihm so zu servieren, dass er gar nicht anders kann, als hinzulangen. Für mich ist die Kunst eine Kommunikationsschnittstelle nach draußen, aber auch nach drinnen. Sie schafft es, Schwieriges und Dramatisches so zu verpacken, dass es dein tiefstes Inneres erreicht, dass du es schön findest, auch wenn es hässlich ist – und umgekehrt. Du merkst auf diese Art, alles ist ein Teil von dir und nichts, das ohne dich denkbar wäre. Was sie letztlich ausmacht, ist die Subversion. Kunst ist ein Widerspruch und der muss sie auch bleiben (dürfen).

Was liest Du derzeit?

»Abschiedsfarben« von Bernhard Schlink.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat von Kafka, das mich schon lange begleitet:

»Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt, das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur, aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid, das du vermeiden könntest.

Vielen Dank für das Interview liebe Jaqueline, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Filmprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jaqueline Rauter, Regisseurin

Foto_Anna del Alcazar

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst muss mutig sein und gleichzeitig tröstend an die Hand nehmen“ Dakini Böhmer, Schriftstellerin_Köln 9.1.2021

Liebe Dakini, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, zu viel Kaffee trinken, Gedanken ordnen und ein paar Seiten im Notizbuch füllen. Danach setze ich mich schon an den PC und arbeite an unterschiedlichen Literatur-Projekten. Zwischendurch Spazierengehen und auf Parkbänken sitzen, die Zeit vergessen und mich fragen, welcher Tag eigentlich ist. Die Abende bestehen meist entweder aus Lesen und/oder Weiterschreiben oder mein Mann und ich schlendern noch ein wenig durch die Parks, gucken Filme, kochen spät. Oft sitze ich dann auch nachts noch oder wieder vor dem Computer oder dem Notizbuch. Das Schreiben begleitet mich 24/7. Das ist aber nicht der derzeitigen Situation geschuldet – das ist eben einfach so.

Momentan fehlt mir zwischendurch der Ausgleich. Als sowieso eher Eigenbrödlerin und vor allem Melancholikerin waren Kneipen, Veranstaltungen, Galeriebesuche, Billard spielen (…) immer wichtige Komponenten, um mal den Kopf still zu bekommen, Leute zu treffen, Perspektiven zu wechseln.

Dakini Böhmer_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wertschätzung neu definieren; gar neu erlernen/erlernt haben. Fokussiert sein. Nicht vergessen. Kreativität nutzen. Nicht in trotzige Negativität fallen. Keine Angst vor der Angst haben; sie stattdessen reflektieren, mit ihr einen Tee trinken, aus ihr keine Panik machen. Sich nicht hängen lassen – trotz Homeoffice zwischendurch mal eine Jeans anziehen und sich die Haare kämmen tut ganz gut.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst muss mutig sein und gleichzeitig tröstend an die Hand nehmen. Sie muss kneifen, wo es wehtut, sich tief in Wunden bohren, andere Wunden wiederum heilen; Paradoxie wird zu Symbiose. Und Kunst muss unterhalten, das wird ganz gern vergessen. Sie ist überall und allgegenwärtig. Das war sie immer, wird sie immer bleiben. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern, denke ich. Außer vielleicht, dass so mancher ihre Wichtigkeit noch mehr versteht/wahrnimmt, der vorher nicht viel mit ihr am Hut hatte oder wenn, dann nur unbewusst.

Auf die Gesellschaft bezogen habe ich Hoffnung, dass Neid-Debatten, Zetern und „Besser als“ endlich mal wieder schwinden, um stattdessen Platz zu schaffen für Unterstützung und Händereichen, egal in welchem Bereich. Allerdings ist diese Hoffnung eher klein, was aber auch an meiner grundsätzlich skeptischen Ader liegen mag.

Was liest Du derzeit?

Sowieso stets bei mir trage ich „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa und die gesammelten Gedichte von Rilke, um immer wieder darin zu schmökern. Außerdem lese ich derzeit „Rohstoff“ von Jörg Fauser und Genazinos „Wenn wir Tiere wären“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein kurzer Ausschnitt aus einem meiner Lieblingsbücher „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“ von Geoff Dyer:

> „Insgesamt lief ich herum und sagte mir: ‚Das ist alles von einer völlig erstaunlichen Banalität.‘ “ Das hatte er überhaupt nicht gedacht, aber er dachte es jetzt, während er es sagte.

„Aber das stimmt gar nicht, oder? Weil die Banalität uns gar nicht mehr erstaunt. Wir erwarten sie geradezu. Sie ist richtiggehend beruhigend, ein Qualitätssiegel. In gewisser Weise haben wir in sie investiert. Es ist, als würden wir einen konzeptuellen Durchbruch erleben. Es ist wirklich aufregend. Alle fragen sich, wie lange das noch so weitergehen kann, wann die Blase platzen wird. Tatsächlich ist die Blase schon geplatzt, aber sie dehnt sich trotzdem noch weiter aus. Es ist wie die Entdeckung eines neuen Naturgesetzes.“ <

Vielen Dank für das Interview liebe Dakini, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Selber!

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Dakini Böhmer_Schriftstellerin

Dakini Böhmer (dakini-boehmer.de)

Foto_Ben Schot von Sea Urchin Editions.

Porträt Foto__privat.

6.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Innehalten, schauen, was funktioniert, was funktioniert nicht, was ist grundlegend“ Miroslava Svolikova, Schriftstellerin_Wien 8.1.2021

Liebe Miroslava, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

im moment sehr reduziert. ich versuche die zeit, die im lockdown entsteht für mich zu nutzen und produktiv in mich zu gehen, ich finde das ist eine gute zeit dafür.

Miroslava Svolikova _ Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Innehalten, schauen, was funktioniert, was funktioniert nicht, was ist grundlegend, was wurde bis jetzt übersehen oder mitgeschleift. ich habe das gefühl es wackelt gerade an allen ecken und enden, da brechen ständig gesellschaftliche vulkane hoch.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

ich denke viele probleme der zukunft werden sich nur international lösen lassen, und dieser globale zusammenhang von allem ist jetzt vielleicht wieder schärfer.

zur rolle rolle der kultur: darauf bin ich selber gespannt. kultur ist immer in bewegung, man weiss nie, was da kommt.

Was liest Du derzeit?

den unveröffentlichten text eines freundes

Welches Zitat, Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

passt aufeinander auf. (früchte des zorns)

Vielen Dank für das Interview liebe Miroslava viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Miroslava Svolikova_Schriftstellerin

Foto_Reinhard Werner

7.1.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und kämpfen dafür, dass begriffen wird, wie wichtig der Kunst- Kulturbereich für eine Gesellschaft ist! Und Lachen!“ Claudia Bitter, Schriftstellerin_ Wien 8.1.2021

Liebe Claudia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Bibliothekarin arbeite ich „normal“, Büchereien ohne LeserInnen erlebe ich dabei gespenstisch, bedrückend. Als Autorin und Künstlerin arbeite ich wie bisher, schöpferische Phasen wechseln mit (nur scheinbar) nicht schöpferischen. Mit der Pandemie sind mir Bewegung, Natur, Meditation noch wichtiger geworden. Ich telefoniere mehr als früher, bin viel mehr am Handy. Ich schlafe mehr. Im ersten Lockdown habe ich jeden Tag einen Satz mit der linken Hand geschrieben, seit dem zweiten Lockdown schreibe ich täglich tagebuchartig auf Klopapierstreifen. Schwierig finde ich oft die Abende, an denen ich gerne kulturelle Veranstaltungen besuchen oder Leute treffen würde. Onlinetreffen und Onlineveranstaltungen mag ich nicht sehr gern. Wichtig ist ein Stapel guter DVDs.

Claudia Bitter, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Zusammenhalten, durchhalten, auf sich und auf die anderen achten und auch schauen, wo die Ärmsten unabhängig von Corona bleiben! Und kämpfen dafür, dass begriffen wird, wie wichtig der Kunst- Kulturbereich für eine Gesellschaft ist! Und Lachen!

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das Wichtigste scheint mir, zu verstehen, was diese Pandemie mit uns, unserer Lebensweise, der Weltpolitik zu tun hat, die Zusammenhänge und Ungerechtigkeiten und die daraus folgenden Konsequenzen zu erkennen. Ein umfassendes Umdenken! (Zuversichtlich sein fällt schwer… ) Die Literatur, Kunst kann wie immer, aufzeigen was ist, was sein kann, Herz und Hirn öffnen, erweitern oder uns einfach staunen lassen.

Was liest Du derzeit?

Herta Müller: Heute wär ich mir lieber nicht begegnet

Bov Bjerg: Serpentinen

Jerneja Jezernik: Alma M.Karlin

Das Gedicht & sein Double: die zeitgenössische Lyrikszene im Porträt

Sachbücher zum Thema: Wechseljahre, Schnitzen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

NICHT MÜDE WERDEN

Von Hilde Domin


Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten.

Vielen Dank für das Interview liebe Claudia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Claudia Bitter, Schriftstellerin

www.claudiabitter.at

Aktuelle Ausstellung: Die Sprache der Dinge, im Literaturhaus Wien bis 25.02.2021

Aktuelle Veröffentlichung: Kennzeichnung, Roman, Klever Verlag 2020

Kennzeichnung. Roman

Foto_privat

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Neben aller Hygiene halte ich die Diskurshygiene für den dicksten Punkt auf der To-do-List“ Katharina Tiwald, Schriftstellerin_Wien 8.1.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht geändert – weil ich ja dienstags bis freitags als Lehrerin an einer Wiener Mittelschule arbeite, da ändern sich höchstens die Unterrichtsbedingungen. Im Moment stehe ich mit Maske vorm Mund vor einer ebenso maskierten Klasse; während der Lockdowns treffen wir einander am – oder im – Computer.

Was meine schriftstellerische Arbeit betrifft, kann ich nur sagen: ich habe heuer viel gearbeitet.

Katharina Tiwald, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben aller Hygiene halte ich die Diskurshygiene für den dicksten Punkt auf der To-do-List. Es ist irre, in den Medien von Demos zu lesen, auf denen angebliche „QuerdenkerInnen“ sich mit Anne Frank vergleichen – nur weil uns die Achtung auf das Gemeinwohl jetzt zu Dingen zwingt, die eben unangenehm sind! In dieselbe Kategorie fällt das Tragen eines (fast mag ich das nicht schreiben) Judensterns mit der Aufschrift „Ungeimpft“.

Gleichzeitig ist es notwendig, die Eingriffe des Staates auch wirklich ständig öffentlich zu diskutieren und sozusagen ein Monitoring zu betreiben: es kann nicht sein, dass sich ein Menschenbild herausbildet, das den Mitmenschen in erster Linie als Gefährder und Risikofaktor zeichnet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich würde mich wehren wollen gegen ein Bild von der Kunst und Literatur als Seelenschmeichler. Gute Literatur begleitet uns dann, wenn harte Erfahrungen darin gespiegelt werden; ich denke, das meinte Viktor Frankl (auch) mit seiner Idee von der Bibliotherapie – in der Literatur zu entdecken, dass wir auch im Elend nicht allein sind, weil andere das Elend ebenfalls erfahren haben. Dann heißt das aber auch, dass das Lesen nicht immer schön und lustig ist (auch wenn nicht automatisch jede Form von schwieriger Lektüre gute Literatur sein muss…). Ich finde übrigens den Slogan „Lesen ist Abenteuer im Kopf“ sehr einseitig: manchmal ist Lesen auch Arbeit, manchmal ist es anstrengend, durch einen Text zu gehen. Dann ist es eben anstrengend!

Was sich heuer auch gezeigt hat, ist das Verbindende von Theater und Kunst, das in der Gemeinsamkeit der Erfahrung besteht. Es ist nicht dasselbe, sich etwas – und wenn es noch so gut abgefilmt ist – zuhause anzuschauen oder mit hunderten Leuten in einem Theaterraum zu sein. Das Erlebnis geht sozusagen durch den Publikumskörper durch, man spürt, wie etwas ankommt, aufgenommen und verarbeitet wird: das alles ist in den letzten Monaten nicht passiert. Ich freue mich sehr auf die Zeit, wenn diese Form von Erlebnis wieder möglich sein wird.

Was das wirklich große Ganze betrifft, hoffe ich sehr, dass uns das vergehende, vergangene Jahr zeigt, dass wir als Gesellschaft auf eine große Bedrohung doch relativ gut reagieren können – und ich wünsche mir, dass diese Erfahrung auf unseren Umgang mit dem Klimawandel umgelegt wird. Ob wir ein Solidaritätskonzept aus der gegenwärtigen Krise ziehen können, das auch jene einbezieht, die – zum Beispiel – unter menschenunwürdigen Umständen in Flüchtlingslagern dahinvegetieren müssen, wird sich zeigen – im Moment sehe ich da eher (im wahrsten Wortsinn) schwarz. Der Kunst und der Literatur die Möglichkeit zuzuschreiben, einen Gesinnungswandel herbeizuführen, halte ich für utopisch. Dieses konkrete Thema ist in Kunst und Literatur schon lange da; allerdings hat künstlerischer Output und Arbeit dazu wohl eher die Funktion, diejenigen zu bestärken, die auf einen Wandel hinarbeiten. Ich glaube nicht, dass wir durch Aktionen, die sich an ein kunstgewohntes Publikum richten, die Verschlossenen erreichen; die Literatur ist aber ohnehin ein leises Medium und verführt vielleicht die Einzelnen in ihren Kammern zu ein paar anderen Gedanken.

Was liest Du derzeit?

Mein „Winterbuch“ ist heuer Olga Tokarczuks „Die Jakobsbücher“, und auch aufs Lesen von Patrick Roths neuem Buch „Das Gottesquartett“ freue ich mich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Literatur darf kein undurchlässiges, uns nur noch verstrickendes Netz sein. Durchlässig sollte sie sein, Passagenbereiterin selbst, auf ein Anderes verweisend, was für den Leser noch ansteht – wie die Realisierung des Traums dem Träumer und nun erwachten Erinnerer noch ansteht. Nur die eigene Erfahrung zählt am Ende, nur sie ist das Ziel. (…) Die Liebe zur Literatur zum Beispiel wäre tödlich, wenn mir am Schluss einfiele, dass die Gedanken, die mir da durchs Hirn rasen, an die Iwan Iljitschs am Ende von Tolstojs ‚Der Tod des Iwan Iljitsch‘ erinnern. Ich wäre ein Mann, zu dem nichts mehr käme, das ihn sprachlos macht …“ (Patrick Roth: Im Tal der Schatten. Frankfurter Poetikvorlesungen 2002.)

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Tiwald_Schriftstellerin

Vita – Katharina Tiwald

Foto__Dessislaw Pajakoff

20.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Falls es danach noch nennenswerte Kultur gibt, kommt ihr die Rolle zu, die Menschen wieder zu vereinen“ Sunil Mann, Schriftsteller, Aarau_CH_8.1.2021

Lieber Sunil, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Großen und Ganzen genau gleich wie vor Beginn der Pandemie: Ich stehe auf, dusche, trinke Kaffee und beginne zu schreiben. Der Vorteil, wenn man Autor ist und ohnehin zu Hause arbeitet. Der Nachteil ist natürlich, dass die Situation bedrückend und kein Ende in Sicht ist. Etliche Veranstaltungen können nicht stattfinden. Auch das Privatleben ist beschränkt. Daran wird man sich wohl nie gewöhnen.

Sunil Mann, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass die zu Beginn der Krise vielgepriesene Solidarität wiederbelebt wird und dass man trotz allem eine positive Grundeinstellung beibehält. Und dass man an Zukunftsplänen festhält.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Frage ist, was es nach der Krise davon noch geben wird und was geopfert worden ist. Falls es danach noch nennenswerte Kultur gibt, kommt ihr die Rolle zu, die Menschen wieder zu vereinen, die aufgeklafften Gräben zuzuschütten, Freude und Lebensmut zu verbreiten. Dabei wird hoffentlich vielen bewusst werden, wie wichtig, ja unersetzlich sie ist.

Was liest Du derzeit?

Ralf Rothmann, Hotel der Schlaflosen

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Keines, denn Social Media ist bereits voll von Durchhalteparolen. Ich denke, in  solchen Zeiten muss jeder seinen eigenen Weg finden, mit der Situation umzugehen. Allgemeingültige Rezepte gibt es leider nicht.

Vielen Dank für das Interview lieber Sunil, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sunil Mann, Schriftsteller

www.sunilmann.ch

Foto_Eke Miedaner

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Dass der radikale Einschnitt letzten Jahres die Musikbranche zu mehr Gestaltungswillen führt“ Sarah Sophie Schuster „Siri“ Sängerin_Lissabon 7.1.2020

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jetzt, wo die Tage so kurz sind, zieht es mich in der Dunkelheit schon immer recht bald in’s Bett und entsprechend früh beginnt dann meist der nächste Tag mit einer Kanne grünem Tee und Morgenyoga. Bis der Rest der Stadt dann irgendwann erwacht ist, habe ich meine E-Mails meistens schon erledigt und bereite mich entweder auf anstehende Online-Coachings vor oder mache mich auf den Weg zum Meer, um ein paar Stunden Surfen zu gehen. Seit Anfang Dezember bin ich nämlich in Lissabon, da ich mich Anfang des Jahres Hals über Kopf in die Stadt verliebt und während des ersten Lockdowns in Wien festgestellt habe, dass mich nach Abschluss der Studioarbeiten zu meiner ersten EP und nach Abzug aller Tätigkeiten, die unter das Berufsverbot fallen, nichts übrig bleibt, was mich dezidiert an diesen Ort bindet und ich mir damit quasi aussuchen kann, wo ich die nächsten Monate verbringe. Also habe ich meine Wiener Wohnung untervermietet und bin nach einem Videodreh auf Fuerteventura direkt hierher weitergeflogen, wo ich nun die nächsten Monate verbringen und an der Veröffentlichung meiner Musik arbeiten werde.

Sarah Sophie Schuster_Siri_Sängerin, Musikerin

Da Fuerteventura nur sehr gering von Corona betroffen war / ist und auch in Lissabon nur wenige Einschränkungen gelten, weil die Portugiesen sehr selbstdiszipliniert aber emotional entspannt mit der Situation umgehen, lebe ich deshalb nun schon seit 6 Wochen in dem großen Luxus, mich weiterhin weitgehend frei bewegen zu dürfen und dabei lediglich auf ein paar Dinge achten zu müssen, die grundsätzlich eh nie eine große Zumutung für mich waren. Eine Maske stört mich persönlich nicht sonderlich und sogar mit den Ausgangsbeschränkungen beim ersten Lockdown in Wien konnte ich wohl verhältnismäßig gut umgehen, weil ich es gewohnt bin, viel mit mir allein zu sein und längere Phasen des Rückzugs sogar immer wieder brauche, um mich innerlich aufzuräumen. Die wirkliche Herausforderung bestand für mich, als nicht allzu abgrenzungsbegabter Mensch im Frühling eher darin, mit den Stimmungen umzugehen, wenn ich denn mal zum Spazierengehen oder Einkaufen vor die Tür gehen musste und dabei allerhand absurde Szenen miterlebte: sich gegenseitig oder die KassiererInnen anschreiende Menschen in Supermärkten, völlig verängstigte, verunsicherte und verzweifelte ältere Damen in den Stockwerken unter mir, die in Tränen ausbrachen, wenn ich ihnen etwas vorbeibrachte oder abholte und dieses fürchterlich lähmende Gefühl dabei, sie nicht einfach in den Arm nehmen zu können. Auch mit PolizistInnen habe ich mehrere bedenkliche Erfahrungen gemacht, die sich mit ein bisschen Empathie alle leicht erklären lassen, aber dennoch eine gewisse Verstörung bei mir hinterließen.
Da empfinde ich den achtsamen, aber freundlichen Umgang der PortugiesInnen und die weitgehende Distanzierung zur täglichen Berichterstattung nun als außerordentlich erholsam.     

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es immer ein bisschen anmaßend und übergriffig der Allgemeinheit Ratschläge zu erteilen; besonders in dieser Situation, von der die Menschen ja ganz unterschiedlich betroffen sind. Ich glaube, dass der Imperativ dieser Zeit vielleicht sogar genau darin liegt, sich diese Frage selbst zu beantworten und dafür kann ich nur meine Erfahrungen teilen, denen zufolge es sich in Krisen immer als am hilfreichsten herausgestellt hat, verstärkt den Weg nach Innen anzutreten und in Beziehung mit mir selbst zu gehen. Einerseits, um für das Setzen der eigenen Schritte in all dem Chaos überhaupt hinreichend entscheidungsfähig zu sein und andererseits nicht so leicht auf Projektionen hereinzufallen. Vom eigenen Wohlbefinden abgesehen, würde ich sogar behaupten, dass sich an diesem Punkt ein großer Teil unserer Demokratiefähigkeit entscheidet und damit die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Angst getriebene, in Ohnmacht gefangene Geister treffen bekanntlich selten weise Entscheidungen und sind dabei auch nicht besonders angenehme Zeitgenossen. Die Fähigkeit, Dissens auszuhalten, zwei konträre Wahrheiten oder Interessen unangetastet nebeneinander stehen lassen zu können, sie zunächst einmal anzuerkennen und ‚nur‘ sachlich miteinander auf Augenhöhe zu verhandeln, bedarf möglicherweise eines gewissen Intellekts, aus meiner Sicht aber vor allem emotionaler Mündigkeit; eines Bewusstseins über die eigenen Rückkopplungsmechanismen und die Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen, anstatt sie dem Gegenüber im Affekt unverdaut um die Ohren zu hauen. Nun kann man diagnostizieren, dass wir darin als Gesellschaft schon vor Corona nicht besonders gut waren und lange darüber nachdenken, was die Gründe dafür sind, die zweifellos sehr grundlegender Natur sind. Andererseits hat es aber eben eine kollektive Zwangspause wie diese zuvor noch nie gegeben und vielleicht liegt gerade darin die große Chance dieser Zeit, in jenen erzwungenen Rückzug bewusst einzuwilligen und in der Stille ein Stück mehr eigene Klarheit und Zentrierung zu finden.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich mag die optimistische Implikation dieser Fragestellung sehr, bin mir allerdings leider nicht so sicher, ob denn wirklich schon feststeht, dass es ein Aufbruch, oder nicht doch vielleicht ein Umbruch – womöglich sogar ein Zusammenbruch – wird. Die Einigung zwischen diesen 3 Szenarien besteht offensichtlich in der Annahme, dass uns ein Bruch bevorsteht und zur Debatte steht nur, wie wir dem begegnen; ob es uns gelingt, so weit wie möglich bewusst, kooperativ und gestalterisch mit den Veränderungen umzugehen oder wir in Angst und Ohnmacht stecken bleiben und versuchen, mit aller Kraft das Vergangene zu erhalten; alte Lösungen auf veränderte Umstände anzuwenden und im Außen Schuldige dafür zu suchen, wenn das nicht funktioniert.
Ich glaube, dass sich in diesen Wochen und Monaten entscheidet, auf welches Szenario wir tatsächlich zulaufen und dass dabei wesentlich sein wird, wie jeder einzelne sich Tag für Tag im Hier und Jetzt entscheidet; im Umgang mit den Veränderungen durch das Virus, vor allem aber im Umgang miteinander; ob wir in unseren Begegnungen mit offenen Herzen und klarem Verstand an runden Tischen Platz nehmen oder uns in voller Schutzmontur und bis unter die Zähne mit Todschlagargumenten bewaffnet an Frontlinien zueinander aufstellen.
Das mag vielleicht ein bisschen melodramatisch klingen, aber bei mir haben Flüchtlings- und Finanzkrise, Me-Too und nun Corona eben vor allem zu der Einsicht geführt, dass Meinungsfreiheit an sich noch keinen absoluten Wert darstellt, sondern jener Wert und seine konkrete Wirkung maßgeblich von der Diskursfähigkeit einer Gesellschaft abhängt, weil das Recht jedes einzelnen auf eine freie Meinung und deren Äußerung jegliche demokratische Absicht und friedensstiftende Wirkung verliert, wenn jeder einzelne auf seine Meinung diktatorische Wahrheitsansprüche erhebt. Sprache, die ja eben dem Zweck des Austausches dient, ist nichts wert, wenn jeder sprechen und gehört werden, aber keiner zuhören und verstehen will; wenn die, die einer Meinung sind, sich nur immer wieder gegenseitig das erzählen, was sie eh schon glauben mit absoluter Sicherheit zu wissen und die Haltung annehmen, dass der Rest nur überschrien, zum Schweigen gebracht oder gar ganz eliminiert werden müsse. Welche Folgen solche Haltungen haben, ist in der Rückschau ja in so ziemlich jedem Land auf dieser Erde zu besichtigen und alle glaubten sie dabei Recht zu haben, was die Einsicht nahe legt, dass es nie um die Idee selbst und deren Richtigkeit oder Falschheit geht und diese damit genau genommen ziemlich austauschbar ist, sondern es immer der Anspruch auf deren absolute Gültigkeit und damit die Verweigerung jeglicher Verhandlung waren, die diese Welt immer und immer in den Wahnsinn geführt haben. Deshalb höre ich in den letzten Jahren in ‚Dubito ergo sum‘ immer mehr einen lauter werdenden Imperativ, der sich vor allem an die Generationen richtet, die entweder aus Motiven der Überforderung oder einer kultivierten moralischen Hybris in ihrer Sicht auf die Welt jeden Moment des möglichen Zweifels in ihren Erkenntnissen darüber herauskürzen wollen.

Ich glaube, dass die Kunst bei all dem einen großen Teil dazu beitragen kann, die seichten Gewässer der schnellen Seite-Eins-Affekt-Antworten und deren oft so polemische Einordnungen ein Stück weit zu verlassen, sich in existenziellere Untiefen vorzuwagen und diese in ihren Graustufen ein bisschen besser auszuleuchten. Ich persönlich finde es nämlich auch aus künstlerischer Sicht völlig uninteressant, welche Seite Recht hat und bin kein großer Fan davon, für eine von beiden Kampfeshymnen gegen die andere zu schreiben. Mich interessiert vielmehr die beiderseitige Not, die zu dieser gedanklichen Aufrüstung führt; die emotionalen Dynamiken von Kontrolle und Ohnmacht und die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Gegenwart durch die Erfahrungsbrille ganz persönlicher Vergangenheitsszenarien.

Von ihrem Wirken auf die Gesellschaft abgesehen, glaube ich, dass die Kunst selbst vor ein paar wichtigen Fragen in Bezug auf ihre Identität und Positionierung in der Gesellschaft steht. Kommerzialisierung und Digitalisierung wirken ja schon lange wie ein kontinuierlich schiebender Gletscher auf unsere Berufswelt und ich hoffe, dass der radikale Einschnitt dieses Jahres vor allem die Musikbranche aus ihrem schlafwandlerischen Umgang mit diesen Veränderungen erweckt und zu mehr Gestaltungswillen führt. 

Was liest Du derzeit?

Seitdem ich Anfang des Jahres für eine Bachelorarbeit gefühlte 30 Bücher zum Thema Angst innerhalb relativ kurzer Zeit gleichzeitig gelesen habe und in den darauf folgenden Monaten von praktischen Anschauungsbeispielen dazu geradezu verfolgt wurde, litt ich leider unter einem gewissen Input-Kater, der nur vom erneuten Lesen Maria Abramovic‘s Biographie ‚Durch Wände gehen‘ im Sommer kurzzeitig unterbrochen wurde. Dies empfand ich als unglaublich befriedendes Antidot, von dessen Nachwirkungen ich gerade noch sehr zehre. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“The greatest hazard of all, losing one’s self, can occur very quietly in the world, as if it were nothing at all. No other loss can occur so quietly; any other loss – an arm, a leg, five dollars, a wife, etc. – is sure to be noticed.”

Søren Kierkegaard, The Sickness Unto Death

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sarah Sophie Schuster_Siri_Sängerin, Musikerin

Fotos_privat_Mauro Ladu

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Tanz kann konfrontieren – kann miteinander verbinden, auch beim Einhalten von 1,5 m“ Alina Jacobs, Tänzerin_Rotterdam 7.1.2021

Liebe Alina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An meinem Tagesablauf hat sich durch die Corona-Zeit nicht viel verändert, außer dass ich je nach Lockdown-Stärke mehr oder weniger von zu Hause aus online aktiv sein muss und das natürlich für den Tanz Einschränkungen mit sich bringt. Aber für mich war und ist jeder Tag anders, abhängig von den Projekten und Unterrichts-Aktivitäten die gerade laufen.

Meistens setzt sich mein Tag aus verschiedenen Elementen zusammen, die sich täglich immer wieder neu und oft spontan zusammenfügen und nicht immer vorauszuplanen sind. Dazu gehört vor- und nachbereiten, proben, unterrichten, organisieren und kommunizieren, trainieren, reflektieren und zwischendurch Ruhe-Momente beim Kochen, Essen und Lesen.

Alina Jacobs_Tänzerin, Choreografin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im beruflichen Tun ist denke ich Geduld und gleichzeitig kreativer Proaktivismus wichtig. Akzeptieren, dass nicht alles so geht wie man es gewohnt ist, dass das Tempo anders ist. Flexibel sein, wenn Planungen sich jederzeit ändern können und gleichzeitig proaktiv die Dinge angehen und in den Beschränkungen die Freiheit suchen.

Privat und im Zusammenleben ist Kontakt und Ehrlichkeit wichtig. Auch wenn man den körperlichen Abstand halten muss, ist es essenziell sich auf anderen Ebenen zu verbinden und mit Jedem mit dem man den Abstand nicht halten muss – sich öfter mal in den Arm nehmen, wir brauchen Berührung. Dazu kommt Ehrlichkeit: Sich selbst gegenüber – sodass man Enttäuschung und Einsamkeit nicht ignoriert, sondern zuhört und Bedürfnisse kommuniziert.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Tanz, der Kunst an sich zu?

Die jetzige Erfahrung zeigt uns deutlicher als sonst, dass alles miteinander verbunden ist, dass das Handeln jedes Individuums zählt. Diese Erfahrung ist meiner Meinung nach wesentlich für alle neuen Entwicklungen im Zusammenleben. Dazu hoffe ich, dass Regeln und Maßnahmen die nicht mehr notwendig sind auch wieder losgelassen werden und dabei jeder Einzelne mit Bewusstsein und Eigenverantwortung mit der wiedergewonnen Freiheit umgeht.

Was den Tanz als Kunstform angeht – er kann verschiedene Rollen annehmen: Tanz kann sowohl Zuschauer als den Tanzenden selbst zeitweise aus der jetzigen Situation an einen andern Ort bringen wo man vergessen kann, Tanz kann konfrontieren und sich mit den verschiedenen Meinungen die innerhalb der Gesellschaft herrschen auseinander setzen, über den Tanz können neue Lösungsansätze angeregt werden, Tanz kann Menschen auf verschiedenen Ebenen miteinander verbinden, auch beim Einhalten von 1,5 m, und Gesundheit fördern. Die Wichtigkeit von Tanz und anderen Kunstformen sollte nicht unterschätzt werden für das Finden eines neuen Zusammenlebens und dem Wohl der Gesellschaft.

Was liest Du derzeit?

Somatics (reawakening the mind’s control of movement, flexibility, and health) von Hanna Thomas

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„There are two ways in which a human being can be viewed: from the outside in, or from the inside out. […] The uniqueness of human beings is in being, simultaneously, subjects and objects. Humans are self-sensing and self-moving subjects while, at the same time, they are observable and manipulatable objects.” Hanna Thomas

Vielen Dank für das Interview liebe Alina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Tanzprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alina Jacobs, Tänzerin, Choreografin

Foto_Joep van Aert

22.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com