„Kunst muss mutig sein und gleichzeitig tröstend an die Hand nehmen“ Dakini Böhmer, Schriftstellerin_Köln 9.1.2021

Liebe Dakini, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufstehen, zu viel Kaffee trinken, Gedanken ordnen und ein paar Seiten im Notizbuch füllen. Danach setze ich mich schon an den PC und arbeite an unterschiedlichen Literatur-Projekten. Zwischendurch Spazierengehen und auf Parkbänken sitzen, die Zeit vergessen und mich fragen, welcher Tag eigentlich ist. Die Abende bestehen meist entweder aus Lesen und/oder Weiterschreiben oder mein Mann und ich schlendern noch ein wenig durch die Parks, gucken Filme, kochen spät. Oft sitze ich dann auch nachts noch oder wieder vor dem Computer oder dem Notizbuch. Das Schreiben begleitet mich 24/7. Das ist aber nicht der derzeitigen Situation geschuldet – das ist eben einfach so.

Momentan fehlt mir zwischendurch der Ausgleich. Als sowieso eher Eigenbrödlerin und vor allem Melancholikerin waren Kneipen, Veranstaltungen, Galeriebesuche, Billard spielen (…) immer wichtige Komponenten, um mal den Kopf still zu bekommen, Leute zu treffen, Perspektiven zu wechseln.

Dakini Böhmer_Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wertschätzung neu definieren; gar neu erlernen/erlernt haben. Fokussiert sein. Nicht vergessen. Kreativität nutzen. Nicht in trotzige Negativität fallen. Keine Angst vor der Angst haben; sie stattdessen reflektieren, mit ihr einen Tee trinken, aus ihr keine Panik machen. Sich nicht hängen lassen – trotz Homeoffice zwischendurch mal eine Jeans anziehen und sich die Haare kämmen tut ganz gut.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst muss mutig sein und gleichzeitig tröstend an die Hand nehmen. Sie muss kneifen, wo es wehtut, sich tief in Wunden bohren, andere Wunden wiederum heilen; Paradoxie wird zu Symbiose. Und Kunst muss unterhalten, das wird ganz gern vergessen. Sie ist überall und allgegenwärtig. Das war sie immer, wird sie immer bleiben. Daran wird sich auch jetzt nichts ändern, denke ich. Außer vielleicht, dass so mancher ihre Wichtigkeit noch mehr versteht/wahrnimmt, der vorher nicht viel mit ihr am Hut hatte oder wenn, dann nur unbewusst.

Auf die Gesellschaft bezogen habe ich Hoffnung, dass Neid-Debatten, Zetern und „Besser als“ endlich mal wieder schwinden, um stattdessen Platz zu schaffen für Unterstützung und Händereichen, egal in welchem Bereich. Allerdings ist diese Hoffnung eher klein, was aber auch an meiner grundsätzlich skeptischen Ader liegen mag.

Was liest Du derzeit?

Sowieso stets bei mir trage ich „Das Buch der Unruhe“ von Fernando Pessoa und die gesammelten Gedichte von Rilke, um immer wieder darin zu schmökern. Außerdem lese ich derzeit „Rohstoff“ von Jörg Fauser und Genazinos „Wenn wir Tiere wären“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein kurzer Ausschnitt aus einem meiner Lieblingsbücher „Sex in Venedig, Tod in Varanasi“ von Geoff Dyer:

> „Insgesamt lief ich herum und sagte mir: ‚Das ist alles von einer völlig erstaunlichen Banalität.‘ “ Das hatte er überhaupt nicht gedacht, aber er dachte es jetzt, während er es sagte.

„Aber das stimmt gar nicht, oder? Weil die Banalität uns gar nicht mehr erstaunt. Wir erwarten sie geradezu. Sie ist richtiggehend beruhigend, ein Qualitätssiegel. In gewisser Weise haben wir in sie investiert. Es ist, als würden wir einen konzeptuellen Durchbruch erleben. Es ist wirklich aufregend. Alle fragen sich, wie lange das noch so weitergehen kann, wann die Blase platzen wird. Tatsächlich ist die Blase schon geplatzt, aber sie dehnt sich trotzdem noch weiter aus. Es ist wie die Entdeckung eines neuen Naturgesetzes.“ <

Vielen Dank für das Interview liebe Dakini, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

Selber!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dakini Böhmer_Schriftstellerin

Dakini Böhmer (dakini-boehmer.de)

Foto_Ben Schot von Sea Urchin Editions.

Porträt Foto__privat.

6.1.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s