„Neben aller Hygiene halte ich die Diskurshygiene für den dicksten Punkt auf der To-do-List“ Katharina Tiwald, Schriftstellerin_Wien 8.1.2021

Liebe Katharina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich nicht geändert – weil ich ja dienstags bis freitags als Lehrerin an einer Wiener Mittelschule arbeite, da ändern sich höchstens die Unterrichtsbedingungen. Im Moment stehe ich mit Maske vorm Mund vor einer ebenso maskierten Klasse; während der Lockdowns treffen wir einander am – oder im – Computer.

Was meine schriftstellerische Arbeit betrifft, kann ich nur sagen: ich habe heuer viel gearbeitet.

Katharina Tiwald, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Neben aller Hygiene halte ich die Diskurshygiene für den dicksten Punkt auf der To-do-List. Es ist irre, in den Medien von Demos zu lesen, auf denen angebliche „QuerdenkerInnen“ sich mit Anne Frank vergleichen – nur weil uns die Achtung auf das Gemeinwohl jetzt zu Dingen zwingt, die eben unangenehm sind! In dieselbe Kategorie fällt das Tragen eines (fast mag ich das nicht schreiben) Judensterns mit der Aufschrift „Ungeimpft“.

Gleichzeitig ist es notwendig, die Eingriffe des Staates auch wirklich ständig öffentlich zu diskutieren und sozusagen ein Monitoring zu betreiben: es kann nicht sein, dass sich ein Menschenbild herausbildet, das den Mitmenschen in erster Linie als Gefährder und Risikofaktor zeichnet.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich würde mich wehren wollen gegen ein Bild von der Kunst und Literatur als Seelenschmeichler. Gute Literatur begleitet uns dann, wenn harte Erfahrungen darin gespiegelt werden; ich denke, das meinte Viktor Frankl (auch) mit seiner Idee von der Bibliotherapie – in der Literatur zu entdecken, dass wir auch im Elend nicht allein sind, weil andere das Elend ebenfalls erfahren haben. Dann heißt das aber auch, dass das Lesen nicht immer schön und lustig ist (auch wenn nicht automatisch jede Form von schwieriger Lektüre gute Literatur sein muss…). Ich finde übrigens den Slogan „Lesen ist Abenteuer im Kopf“ sehr einseitig: manchmal ist Lesen auch Arbeit, manchmal ist es anstrengend, durch einen Text zu gehen. Dann ist es eben anstrengend!

Was sich heuer auch gezeigt hat, ist das Verbindende von Theater und Kunst, das in der Gemeinsamkeit der Erfahrung besteht. Es ist nicht dasselbe, sich etwas – und wenn es noch so gut abgefilmt ist – zuhause anzuschauen oder mit hunderten Leuten in einem Theaterraum zu sein. Das Erlebnis geht sozusagen durch den Publikumskörper durch, man spürt, wie etwas ankommt, aufgenommen und verarbeitet wird: das alles ist in den letzten Monaten nicht passiert. Ich freue mich sehr auf die Zeit, wenn diese Form von Erlebnis wieder möglich sein wird.

Was das wirklich große Ganze betrifft, hoffe ich sehr, dass uns das vergehende, vergangene Jahr zeigt, dass wir als Gesellschaft auf eine große Bedrohung doch relativ gut reagieren können – und ich wünsche mir, dass diese Erfahrung auf unseren Umgang mit dem Klimawandel umgelegt wird. Ob wir ein Solidaritätskonzept aus der gegenwärtigen Krise ziehen können, das auch jene einbezieht, die – zum Beispiel – unter menschenunwürdigen Umständen in Flüchtlingslagern dahinvegetieren müssen, wird sich zeigen – im Moment sehe ich da eher (im wahrsten Wortsinn) schwarz. Der Kunst und der Literatur die Möglichkeit zuzuschreiben, einen Gesinnungswandel herbeizuführen, halte ich für utopisch. Dieses konkrete Thema ist in Kunst und Literatur schon lange da; allerdings hat künstlerischer Output und Arbeit dazu wohl eher die Funktion, diejenigen zu bestärken, die auf einen Wandel hinarbeiten. Ich glaube nicht, dass wir durch Aktionen, die sich an ein kunstgewohntes Publikum richten, die Verschlossenen erreichen; die Literatur ist aber ohnehin ein leises Medium und verführt vielleicht die Einzelnen in ihren Kammern zu ein paar anderen Gedanken.

Was liest Du derzeit?

Mein „Winterbuch“ ist heuer Olga Tokarczuks „Die Jakobsbücher“, und auch aufs Lesen von Patrick Roths neuem Buch „Das Gottesquartett“ freue ich mich.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die Literatur darf kein undurchlässiges, uns nur noch verstrickendes Netz sein. Durchlässig sollte sie sein, Passagenbereiterin selbst, auf ein Anderes verweisend, was für den Leser noch ansteht – wie die Realisierung des Traums dem Träumer und nun erwachten Erinnerer noch ansteht. Nur die eigene Erfahrung zählt am Ende, nur sie ist das Ziel. (…) Die Liebe zur Literatur zum Beispiel wäre tödlich, wenn mir am Schluss einfiele, dass die Gedanken, die mir da durchs Hirn rasen, an die Iwan Iljitschs am Ende von Tolstojs ‚Der Tod des Iwan Iljitsch‘ erinnern. Ich wäre ein Mann, zu dem nichts mehr käme, das ihn sprachlos macht …“ (Patrick Roth: Im Tal der Schatten. Frankfurter Poetikvorlesungen 2002.)

Vielen Dank für das Interview liebe Katharina, viel Freude weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute! 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Katharina Tiwald_Schriftstellerin

Vita – Katharina Tiwald

Foto__Dessislaw Pajakoff

20.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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