„Dass der radikale Einschnitt letzten Jahres die Musikbranche zu mehr Gestaltungswillen führt“ Sarah Sophie Schuster „Siri“ Sängerin_Lissabon 7.1.2020

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Jetzt, wo die Tage so kurz sind, zieht es mich in der Dunkelheit schon immer recht bald in’s Bett und entsprechend früh beginnt dann meist der nächste Tag mit einer Kanne grünem Tee und Morgenyoga. Bis der Rest der Stadt dann irgendwann erwacht ist, habe ich meine E-Mails meistens schon erledigt und bereite mich entweder auf anstehende Online-Coachings vor oder mache mich auf den Weg zum Meer, um ein paar Stunden Surfen zu gehen. Seit Anfang Dezember bin ich nämlich in Lissabon, da ich mich Anfang des Jahres Hals über Kopf in die Stadt verliebt und während des ersten Lockdowns in Wien festgestellt habe, dass mich nach Abschluss der Studioarbeiten zu meiner ersten EP und nach Abzug aller Tätigkeiten, die unter das Berufsverbot fallen, nichts übrig bleibt, was mich dezidiert an diesen Ort bindet und ich mir damit quasi aussuchen kann, wo ich die nächsten Monate verbringe. Also habe ich meine Wiener Wohnung untervermietet und bin nach einem Videodreh auf Fuerteventura direkt hierher weitergeflogen, wo ich nun die nächsten Monate verbringen und an der Veröffentlichung meiner Musik arbeiten werde.

Sarah Sophie Schuster_Siri_Sängerin, Musikerin

Da Fuerteventura nur sehr gering von Corona betroffen war / ist und auch in Lissabon nur wenige Einschränkungen gelten, weil die Portugiesen sehr selbstdiszipliniert aber emotional entspannt mit der Situation umgehen, lebe ich deshalb nun schon seit 6 Wochen in dem großen Luxus, mich weiterhin weitgehend frei bewegen zu dürfen und dabei lediglich auf ein paar Dinge achten zu müssen, die grundsätzlich eh nie eine große Zumutung für mich waren. Eine Maske stört mich persönlich nicht sonderlich und sogar mit den Ausgangsbeschränkungen beim ersten Lockdown in Wien konnte ich wohl verhältnismäßig gut umgehen, weil ich es gewohnt bin, viel mit mir allein zu sein und längere Phasen des Rückzugs sogar immer wieder brauche, um mich innerlich aufzuräumen. Die wirkliche Herausforderung bestand für mich, als nicht allzu abgrenzungsbegabter Mensch im Frühling eher darin, mit den Stimmungen umzugehen, wenn ich denn mal zum Spazierengehen oder Einkaufen vor die Tür gehen musste und dabei allerhand absurde Szenen miterlebte: sich gegenseitig oder die KassiererInnen anschreiende Menschen in Supermärkten, völlig verängstigte, verunsicherte und verzweifelte ältere Damen in den Stockwerken unter mir, die in Tränen ausbrachen, wenn ich ihnen etwas vorbeibrachte oder abholte und dieses fürchterlich lähmende Gefühl dabei, sie nicht einfach in den Arm nehmen zu können. Auch mit PolizistInnen habe ich mehrere bedenkliche Erfahrungen gemacht, die sich mit ein bisschen Empathie alle leicht erklären lassen, aber dennoch eine gewisse Verstörung bei mir hinterließen.
Da empfinde ich den achtsamen, aber freundlichen Umgang der PortugiesInnen und die weitgehende Distanzierung zur täglichen Berichterstattung nun als außerordentlich erholsam.     

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich finde es immer ein bisschen anmaßend und übergriffig der Allgemeinheit Ratschläge zu erteilen; besonders in dieser Situation, von der die Menschen ja ganz unterschiedlich betroffen sind. Ich glaube, dass der Imperativ dieser Zeit vielleicht sogar genau darin liegt, sich diese Frage selbst zu beantworten und dafür kann ich nur meine Erfahrungen teilen, denen zufolge es sich in Krisen immer als am hilfreichsten herausgestellt hat, verstärkt den Weg nach Innen anzutreten und in Beziehung mit mir selbst zu gehen. Einerseits, um für das Setzen der eigenen Schritte in all dem Chaos überhaupt hinreichend entscheidungsfähig zu sein und andererseits nicht so leicht auf Projektionen hereinzufallen. Vom eigenen Wohlbefinden abgesehen, würde ich sogar behaupten, dass sich an diesem Punkt ein großer Teil unserer Demokratiefähigkeit entscheidet und damit die Voraussetzung für ein friedliches Zusammenleben. Angst getriebene, in Ohnmacht gefangene Geister treffen bekanntlich selten weise Entscheidungen und sind dabei auch nicht besonders angenehme Zeitgenossen. Die Fähigkeit, Dissens auszuhalten, zwei konträre Wahrheiten oder Interessen unangetastet nebeneinander stehen lassen zu können, sie zunächst einmal anzuerkennen und ‚nur‘ sachlich miteinander auf Augenhöhe zu verhandeln, bedarf möglicherweise eines gewissen Intellekts, aus meiner Sicht aber vor allem emotionaler Mündigkeit; eines Bewusstseins über die eigenen Rückkopplungsmechanismen und die Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen, anstatt sie dem Gegenüber im Affekt unverdaut um die Ohren zu hauen. Nun kann man diagnostizieren, dass wir darin als Gesellschaft schon vor Corona nicht besonders gut waren und lange darüber nachdenken, was die Gründe dafür sind, die zweifellos sehr grundlegender Natur sind. Andererseits hat es aber eben eine kollektive Zwangspause wie diese zuvor noch nie gegeben und vielleicht liegt gerade darin die große Chance dieser Zeit, in jenen erzwungenen Rückzug bewusst einzuwilligen und in der Stille ein Stück mehr eigene Klarheit und Zentrierung zu finden.  

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich mag die optimistische Implikation dieser Fragestellung sehr, bin mir allerdings leider nicht so sicher, ob denn wirklich schon feststeht, dass es ein Aufbruch, oder nicht doch vielleicht ein Umbruch – womöglich sogar ein Zusammenbruch – wird. Die Einigung zwischen diesen 3 Szenarien besteht offensichtlich in der Annahme, dass uns ein Bruch bevorsteht und zur Debatte steht nur, wie wir dem begegnen; ob es uns gelingt, so weit wie möglich bewusst, kooperativ und gestalterisch mit den Veränderungen umzugehen oder wir in Angst und Ohnmacht stecken bleiben und versuchen, mit aller Kraft das Vergangene zu erhalten; alte Lösungen auf veränderte Umstände anzuwenden und im Außen Schuldige dafür zu suchen, wenn das nicht funktioniert.
Ich glaube, dass sich in diesen Wochen und Monaten entscheidet, auf welches Szenario wir tatsächlich zulaufen und dass dabei wesentlich sein wird, wie jeder einzelne sich Tag für Tag im Hier und Jetzt entscheidet; im Umgang mit den Veränderungen durch das Virus, vor allem aber im Umgang miteinander; ob wir in unseren Begegnungen mit offenen Herzen und klarem Verstand an runden Tischen Platz nehmen oder uns in voller Schutzmontur und bis unter die Zähne mit Todschlagargumenten bewaffnet an Frontlinien zueinander aufstellen.
Das mag vielleicht ein bisschen melodramatisch klingen, aber bei mir haben Flüchtlings- und Finanzkrise, Me-Too und nun Corona eben vor allem zu der Einsicht geführt, dass Meinungsfreiheit an sich noch keinen absoluten Wert darstellt, sondern jener Wert und seine konkrete Wirkung maßgeblich von der Diskursfähigkeit einer Gesellschaft abhängt, weil das Recht jedes einzelnen auf eine freie Meinung und deren Äußerung jegliche demokratische Absicht und friedensstiftende Wirkung verliert, wenn jeder einzelne auf seine Meinung diktatorische Wahrheitsansprüche erhebt. Sprache, die ja eben dem Zweck des Austausches dient, ist nichts wert, wenn jeder sprechen und gehört werden, aber keiner zuhören und verstehen will; wenn die, die einer Meinung sind, sich nur immer wieder gegenseitig das erzählen, was sie eh schon glauben mit absoluter Sicherheit zu wissen und die Haltung annehmen, dass der Rest nur überschrien, zum Schweigen gebracht oder gar ganz eliminiert werden müsse. Welche Folgen solche Haltungen haben, ist in der Rückschau ja in so ziemlich jedem Land auf dieser Erde zu besichtigen und alle glaubten sie dabei Recht zu haben, was die Einsicht nahe legt, dass es nie um die Idee selbst und deren Richtigkeit oder Falschheit geht und diese damit genau genommen ziemlich austauschbar ist, sondern es immer der Anspruch auf deren absolute Gültigkeit und damit die Verweigerung jeglicher Verhandlung waren, die diese Welt immer und immer in den Wahnsinn geführt haben. Deshalb höre ich in den letzten Jahren in ‚Dubito ergo sum‘ immer mehr einen lauter werdenden Imperativ, der sich vor allem an die Generationen richtet, die entweder aus Motiven der Überforderung oder einer kultivierten moralischen Hybris in ihrer Sicht auf die Welt jeden Moment des möglichen Zweifels in ihren Erkenntnissen darüber herauskürzen wollen.

Ich glaube, dass die Kunst bei all dem einen großen Teil dazu beitragen kann, die seichten Gewässer der schnellen Seite-Eins-Affekt-Antworten und deren oft so polemische Einordnungen ein Stück weit zu verlassen, sich in existenziellere Untiefen vorzuwagen und diese in ihren Graustufen ein bisschen besser auszuleuchten. Ich persönlich finde es nämlich auch aus künstlerischer Sicht völlig uninteressant, welche Seite Recht hat und bin kein großer Fan davon, für eine von beiden Kampfeshymnen gegen die andere zu schreiben. Mich interessiert vielmehr die beiderseitige Not, die zu dieser gedanklichen Aufrüstung führt; die emotionalen Dynamiken von Kontrolle und Ohnmacht und die individuelle Wahrnehmung und Bewertung der Gegenwart durch die Erfahrungsbrille ganz persönlicher Vergangenheitsszenarien.

Von ihrem Wirken auf die Gesellschaft abgesehen, glaube ich, dass die Kunst selbst vor ein paar wichtigen Fragen in Bezug auf ihre Identität und Positionierung in der Gesellschaft steht. Kommerzialisierung und Digitalisierung wirken ja schon lange wie ein kontinuierlich schiebender Gletscher auf unsere Berufswelt und ich hoffe, dass der radikale Einschnitt dieses Jahres vor allem die Musikbranche aus ihrem schlafwandlerischen Umgang mit diesen Veränderungen erweckt und zu mehr Gestaltungswillen führt. 

Was liest Du derzeit?

Seitdem ich Anfang des Jahres für eine Bachelorarbeit gefühlte 30 Bücher zum Thema Angst innerhalb relativ kurzer Zeit gleichzeitig gelesen habe und in den darauf folgenden Monaten von praktischen Anschauungsbeispielen dazu geradezu verfolgt wurde, litt ich leider unter einem gewissen Input-Kater, der nur vom erneuten Lesen Maria Abramovic‘s Biographie ‚Durch Wände gehen‘ im Sommer kurzzeitig unterbrochen wurde. Dies empfand ich als unglaublich befriedendes Antidot, von dessen Nachwirkungen ich gerade noch sehr zehre. 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

“The greatest hazard of all, losing one’s self, can occur very quietly in the world, as if it were nothing at all. No other loss can occur so quietly; any other loss – an arm, a leg, five dollars, a wife, etc. – is sure to be noticed.”

Søren Kierkegaard, The Sickness Unto Death

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah Sophie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sarah Sophie Schuster_Siri_Sängerin, Musikerin

Fotos_privat_Mauro Ladu

31.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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