„Kunst ist ein Gesellschaftsspiegel. Abgesehen davon macht Kunst großen Spaß“ Maria Schuchter, Schauspielerin _ Wien _6.12.2020

Liebe Maria, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In unterschiedlicher Reihenfolge und Intensität: eine tägliche Portion Bewegung, so oft wie möglich im Freien. Lange Gespräche, Meditation, viele Filme oder Serien schauen. Wo es nötig ist, Ordnung ins Leben bringen, ausmisten. Pflegerituale, Musik hören, Tee trinken, essen, lesen, zum Himmel schauen. Da ich als Ärztin arbeite, befinde ich mich außerdem regelmäßig auf der Notfallambulanz in einem Krankenhaus oder in einer Ordination.

Maria Schuchter, Schauspielerin _ Palais Auersperg _ Wien

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Tief zu atmen, trotz Maske. Aufmerksam nach Innen zu lauschen, trotz der vielen verwirrenden Stimmen da draußen. Wissen, dass all das vorbeigehen wird und auch wieder ganz andere Zeiten kommen werden. Was tut uns wirklich gut und was nicht? Was wollen wir weiterverfolgen und was können wir getrost hinter uns lassen?

Wichtig ist es auch, sich mit vielen Pflanzen zu umgeben und ab und zu mit ihnen zu sprechen!

Maria Schuchter, Ärztin

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Selbst wenn es mitunter schwerfällt: dem Prozess zu vertrauen und mit den damit einhergehenden Gefühlen umgehen zu lernen – etwas anderes bleibt uns letztlich ja nicht übrig. Die Kunst kann uns zu der dazu notwendigen Offenheit, Weitsichtigkeit und Reflektiertheit verhelfen. Sie kann erheben, befreien, uns aus den dunklen Ecken locken, inspirieren und der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten. Mal abgesehen davon macht Kunst großen Spaß.

Was liest Du derzeit?

Derzeit lege ich mich da nicht fest und wechsle mehrmals täglich je nach geistiger Tagesverfassung zwischen Hochglanzmagazinen, medizinischer Fachliteratur, Büchern über Philosophie oder Ernährung, Whatsapp-Chats und schönen Bildbänden. Und auf meinem Nachtkästchen liegt heute „Dicht“ von Stefanie Sargnagel.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

No one without your conscious or subconscious permission can lockdown your mind, your imagination, your creativity, your vitality, your love, your resilience, your beauty, your generosity and your personal power“. – Guru Jagat –

Maria Schuchter, Schauspielerin, Ärztin

Vielen Dank für das Interview liebe Maria! Viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Maria Schuchter, Schauspielerin _ Palais Auersperg

5 Fragen an KünstlerInnen:

Maria Schuchter, Schauspielerin, Ärztin

Fotos_Portrait_Palais Auersperg Wien_Walter Pobaschnig _12_2020 _weitere_privat.

26.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Nachdenken noch weiter zu verfeinern – alles steht jetzt zur Disposition“ Marcus Roloff, Schriftsteller – Frankfurt/Main _ 6.12.2020

Lieber Marcus, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie auch vor der Pandemie schon: Früh raus, Kaffee kochen (oft gebracht kriegen von meiner wunderbaren Frau), Übersetzen im Bett, zweiter Kaffee im Bett, Übergang zum Mails-Checken und -Beantworten; Duschen, mit nassen Haaren aufs Fahrrad zur Arbeit; nachmittags Übersetzen, die eigenen Texte überfliegen, häppchenweise verbessern und weiterschreiben; Hausaufgaben des Sohnes besprechen, Lehrer-Schmidt-Videos suchen, Katzenklos machen, um die Ecke Einkaufengehen, Abends Gespräche am Tisch oder vorm Fernseher, Zuhören, Weitersprechen; später gen Nacht allein weiter im Text.

Marcus Roloff, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, weiterhin alles, was schon immer wichtig war: Verlässlichkeit, Empathie, Liebe. Den Leuten, die um einen sind, mehr zurückgeben als man zu bekommen meint, diese im positiven Sinne schlechte Balance immer weiter vorantreiben. Es ist schrecklich, aber ich genieße diese vergrößerte Ruhe auch, diese räumliche Eingeschränktheit, die mir wie einem Schulkind beim Nachsitzen die Möglichkeit gibt, angefangene Arbeiten zu beenden, neue zu beginnen, vor sich hin zu träumen (auch wenn ich mich damit in die Gefahr begebe, der Frosch zu sein, der im heißer werdenden Wasser einfach sitzen bleibt). Besonders wichtig scheint mir, das Nachdenken noch weiter zu verfeinern, Unerträglichkeit und Reglosigkeit auszuhalten, um zu noch interessanteren Ergebnissen zu kommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Alles steht jetzt zur Disposition, alles wird und muss hinterfragt werden. Dieser Lockdowndämmerzustand kann, soll und muss ein wundervoller Nährboden für neue Ideen, Lebensentwürfe, Utopien und ernst zu nehmende Gesellschaftskritik sein. Spaßkultur zum Beispiel: könnte vorbei sein; soziale Klüfte: könnten tiefer denn je, auf Jahrhunderte hinaus neu betoniert so vermessen werden, dass alles, wofür zuvor gekämpft wurde, umsonst war; Internet als Lebens- und Warenform: könnte sich zur echten Blase auswachsen, die uns alle ärmer und verblödeter denn je zurücklässt; das so genannte Private könnte sich als unendliche Hölle entpuppen. Literatur hat weiterhin die Aufgabe, das alles mitzuteilen.

Was liest Du derzeit?

Philip Lamantia „Collected Poems“, Literaturzeitschriften („mütze“, „außer.dem“), Jan Wilm „Winterjahrbuch“, Bernd Leukert „erben des verschiedenen“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus Angst vor dem Tod rückt man enger zusammen.“ / „Der Krieg der Viren. Wie beschreibt man das?“ (Heiner Müller)

„Die Welt wird enger mit jedem Tag …“ (Franz Kafka)

6.12.2020 _ Lieber walter, ich sitze gerade im zug nach hamburg und hab die fragen spontan beantwortet – hat mich gefreut! alles gute! marcus

Vielen Dank für das erste online Zug-Interview lieber Marcus, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute und gute Fahrt nach Hamburg!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marcus Roloff_Schriftsteller

Foto_Arlene Rohmann.

6.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Alles, was von Menschen geschaffen wurde, kann von Menschen verändert werden“ Christian Baron, Schriftsteller_Berlin_6.12.2020

Lieber Christian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich nicht ins Büro muss, was aktuell zum Glück meist der Fall ist, dann schalte ich mich morgens gegen zehn Uhr bei „Zoom“ noch im Schlafanzug in die Redaktionskonferenz der Wochenzeitung „der Freitag“, bei der ich in Teilzeit als Redakteur angestellt bin. Danach setze ich Kaffee auf, mache mich frisch für den Tag und gehe meinem Broterwerb nach, der meist darin besteht, die Texte anderer Autorinnen und Autoren zu redigieren. Wenn ich nicht für die Zeitung arbeiten muss, widme ich mich mit großer Leidenschaft meinem nächsten Buch, an dem ich gerade angefangen habe zu arbeiten. Nach Feierabend nutze ich die Phase der Kontaktverbote, der Reisebeschränkungen und des stillgelegten Kulturlebens zum Lesen. Außerdem wühle ich mich seit Monaten begeistert durch die Filmgeschichte. Das Western-Genre hat es mir besonders angetan, wie konnte ich nur so lange ohne John Ford und Sergio Leone leben? Meine beiden Katzen freuen sich übrigens auch, dass ich für sie jetzt noch mehr Zeit zum Spielen und Kuscheln hab.

Christian Baron, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass man diejenigen in seinem sozialen Umfeld besonders im Blick behält, die diese Krise nicht als Chance zur Entschleunigung nutzen können. Es macht einen Unterschied, ob man diese Zeit als Teil der Home-Office-Elite nutzt, um im Eigenheim in der grünen Vorstadt mit den Kindern und Enkeln im Garten zu spielen, oder ob man als alleinerziehende Mutter in Zwangskurzzeit in der engen Zweizimmerwohnung ohne Balkon verbringen muss. In vielen Haushalten ist das Konto leer, die Nerven sind überspannt, soziale Kontakte sind immer noch weitgehend untersagt – das ist eine toxische Mischung, die häusliche Gewalt begünstigt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mein Vertrauen in das bestehende Wirtschaftssystem ist sehr gering, weshalb ich von der Politik auch leider keine Verbesserung erwarte, was die Bekämpfung der Armut angeht. Die müsste aber dringend zur Priorität werden, das zeigt diese Pandemie sehr deutlich. Was die Rolle der Kunst angeht, hat sich aus meiner Sicht nichts wesentlich geändert. Nehmen wir nur mal mein Feld, die Literatur: Ich empfinde das Lesen von Büchern an sich schon als subversiven Akt. Diktatoren fürchten die Kunst seit jeher, darum verbieten sie ja so gern Filme, Bücher und Bilder. Wer Bücher liest, versetzt sich in andere hinein, lernt oder stärkt seine Fähigkeit zu Empathie und erkennt, dass jede Existenz veränderbar ist. Das gilt auch für das Politische: Alles, was von Menschen geschaffen wurde, kann von Menschen verändert werden. An dieses aufklärerische und gesellschaftsverändernde Potenzial der Kunst glaube ich, auch wenn diese Sichtweise in zynisch-abgeklärten Zeiten wie diesen oft als naiv abgetan wird.

Was liest Du derzeit?

Gerade lese ich mich durch das Gesamtwerk von Irmgard Keun, die dabei ist, zu einer meiner literarischen Hausgöttinen zu werden. Was für eine atemberaubende Autorin! In ihrer Sprache liegt so ein souveräner, böser Witz. Ihr Stil ist so unprätentiös und zugänglich, aber trotzdem ungemein poetisch. Die Hauptfiguren sind fast immer Frauen vom unteren Rand der Klassengesellschaft, die an den Grenzen des Kapitalismus und des Patriarchats verzweifeln, ohne einfach nur Opfer zu sein. Allein dieser herrliche Satz, den Doris sagt, die Protagonistin im Roman „Das kunstseidene Mädchen“ von 1932: „Man muss alle hassen, die einen entlassen können!“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wenn sie es schaffen, dass du dir die falschen Fragen stellst, brauchen sie sich keine Sorgen über die Antworten zu machen.“

Thomas Pynchon

Christian Baron, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Christian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christian Baron_Schriftsteller

Fotos_Hans Scherhaufer

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Literatur und Kunst werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten“ Svenja Gräfen, Schriftstellerin _ Leipzig _6.12.2020

Liebe Svenja, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Allmählich merke ich doll, dass ich gar keinen Urlaub, keine Auszeit hatte dieses Jahr, und mich zum Schreiben und Erledigen von Dingen viel mehr motivieren muss als üblich. Aber ich gehe jeden Tag mit dem Hund raus, das hilft und gibt Struktur, und ich lese zum ersten Kaffee am Morgen erstmal ein paar Seiten. Physiotherapie ist gerade auch oft ein Tageshighlight. Ansonsten versuche ich mir nicht auch noch selbst zusätzlichen Stress zu machen. Wenn ich mal nicht alles auf meiner To Do-Liste abhake, so be it, ich darf dann trotzdem noch nett zu mir sein.

Sevenja Gräfen, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich denke es ist wichtig, dass wir uns selbst mit einer guten Portion Sanftheit und Verständnis zu begegnen versuchen. Die Situation zehrt an uns, wir vermissen Freund*innen und Familie, machen uns Sorgen, sind genervt — ja, verdammt, das alles sind sehr legitime Gefühle, die wir nicht verdrängen sollten. Stattdessen lieber drüber reden. Halt am Telefon oder auf Abstand beim Spazierengehen. Und auch drüber reden, was wir konkret tun können! Zum Beispiel, wenn möglich, Geld spenden für die Seenotrettung. Oder Freund*innen, Nachbar*innen fragen, wie und ob wir sie unterstützen können.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst generell werden verarbeiten, einordnen, reflektieren und dadurch Perspektivwechsel ermöglichen und für ein Gefühl des Verstandenwerdens sorgen. Sie werden Fragen stellen, hoffentlich. Unangenehme Fragen. Und sie auch beantworten. Können wir so weitermachen wie „vorher“? Nein, bitte nicht! Sie werden beruhigen und ablenken und Hoffnung geben vielleicht auch. Hoffentlich. Ich wünsche mir in jedem Fall mehr queere Perspektiven. Noch mehr Bücher von Menschen, die nicht weiß, cis und männlich sind.

Was liest Du derzeit?

Wie beinahe immer mehrere Bücher parallel. Gerade sind es in den letzten Zügen Mely Kiyaks „Frausein“, dann „Schreibtisch mit Aussicht“, herausgegeben von Ilka Piepgras, und endlich „All About Love“ von bell hooks.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Artists need to make art. Why? Because it’s a fundamental way you take care of yourself and process information and feelings and communicate and make sense of being alive. Your art matters because your life matters.“ (Beth Pickens)

Vielen Dank für das Interview liebe Svenja, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Svenja Gräfen, Schriftstellerin

www.svenjagraefen.de 

Foto_privat.

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen“ Julia Costa, Schriftstellerin _ Innsbruck 6.12.2020

Liebe Julia, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Aufwachen, das Geträumte rekapitulieren (wenn es sich nicht gleich verflüchtigt hat), aufstehen, dann je nach Tag: Texte überarbeiten, Mails beantworten, Briefe schreiben, Lieder proben, Lieder schreiben, herumräumen, Dinge ordnen, ausmisten, lesen, recherchieren (Momentan viel über Pflanzen für ein Langgedicht über Ankunft und Abschied), Briefe zur Post bringen, einkaufen, zwei Mal in der Woche Einkäufe zu meiner Oma bringen, kochen, essen, mit meinen Mitbewohnenden plaudern, zwischendurch aufstehen, dehnen, spazieren gehen, dann weiterarbeiten, so in etwa. Und viel telefonieren und Nachrichten in der Weltgeschichte herumschicken. Abends manchmal Radiosendungen hören und zeichnen. Nie fertig werden, es gibt so viel zu tun, die Welt ist so groß, es gibt so viel zu lernen, zu suchen, zu fragen, zu beschreiben. Irgendwann schlafen. So waren die letzten knapp drei Wochen, ab nächster Woche wird sich all das wieder auf die Nachmittage und Abende verschieben, arbeite vormittags in einer Schule.

Julia Costa, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Was für alle wichtig ist, weiß ich nicht, ich bin nicht sicher, ob es etwas gibt, das für alle gilt. Obwohl, beim Schreiben denk ich mir gerade, es gibt wohl schon Dinge, die für alle gelten. Es bräuchte allerdings viel Zeit und viel Raum, das zu umkreisen und umschreiben. Einfach und kurz gesagt, glaube ich, es sind dieselben Dinge besonders wichtig, wie immer. Sind im Wesentlichen überhaupt immer dieselben Dinge wichtig. Sich immer wieder zu fragen, was ist jetzt gerade in meinem Leben kostbar. Und diese kostbaren Menschen, Verbindungen, Tätigkeiten, Orte, Dinge und sich selbst in dem ganzen Gefüge drin so gut es geht wahrzunehmen und zu pflegen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Das sind so große Fragen. Wie vorher schon geschrieben, denke ich, dass das Wesentliche, das wirklich Wichtige im Grunde immer dasselbe ist. Vermutlich kann aber jeder Mensch nur für sich selbst ergründen, was wesentlich ist. Für mich persönlich ist das Wesentliche zu versuchen, der Welt, die mich umgibt, den Menschen um mich, den Orten, an denen ich mich bewege, den Fragen, die sich in meinem Leben stellen, mit Wertschätzung und größtmöglicher Aufrichtigkeit zu begegnen. Und das gilt es immer aufs Neue zu lernen, immer weiter zu lernen, wir Menschen sind so gut darin, uns zu täuschen. Mich beschäftigen trotz Pandemie nach wie vor dieselben Fragen. Wie begegnen wir Menschen der Welt und uns gegenseitig, wie achten wir uns und das, was uns umgibt, wie tue ich das in meinem kleinen individuellen Leben, wie tue ich das in meiner Arbeit, meinen Liedern, meinem Schreiben. Ich muss aber dazu sagen, dass ich im Gegensatz zu vielen Kolleginnen und Kollegen das Glück habe, durch meine zusätzliche Arbeit in der Schule finanziell abgesichert zu sein und so, obwohl ich natürlich auch spüre, dass einiges wegbricht, dennoch nicht in existenzielle Schwierigkeiten zu kommen. Deshalb fällt es leicht, mich weiterhin mit denselben Fragen zu beschäftigen.

Ich glaube, die Rolle der Literatur, der Kunst ist es, sich die Dinge genau anzuschauen, sie schreibend (oder in anderer Weise) zu umkreisen, ehrlich zu sein, das Entdeckte zu zeigen, Fragen zu stellen, nicht unbedingt Antworten zu geben. Manchmal vielleicht auch das, aber mir zumindest geht es im Schreiben, in den Liedern nicht darum. In der aktuellen Situation glaube ich, dass es gut ist, Dinge zu denken, die es noch nicht oder nicht mehr gibt. Die Dinge, die wir nicht haben wollen, wie sie sind, anders zu denken, als sie sind. Durch die Beschreibung, das Zeichnen, das Darstellen, das Erzählen, das Abbilden, das Vertonen von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten verändert sich vielleicht auch in der Realität, was möglich ist und was nicht. Anzuschauen, wie es war, wie es ist und uns auszudenken, wie es sich entwickeln könnte, wie es sein könnte, damit es gut ist, gut wird, uns das auszumalen, immer wieder, im Kleinen und im Großen.

Was liest Du derzeit?

Die „Autobiografie mit fremder Feder“ über den Clown Dimitri von Hanspeter Gschwend. Die Beschäftigung mit Clownerie macht mir das Leben leichter und schöner und freier. Kann ich grundsätzlich sehr empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein Zitat, das ich in einer Dokumentation im SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) einmal aufgeschnappt habe, es wurden Menschen mit einer Suchterkrankung porträtiert und jemand hat gesagt:

„Es zählt nicht, wo ich gewesen bin, es zählt, wohin ich gehe.“

Vielen Dank für das Interview liebe Julia, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur-, Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Herzlichen Dank für die Fragen!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Julia Costa_Poetin, Musikerin

Poetin und Musikerin | Julia Costa (julia-costa.net)

Foto_privat.

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren“ Felix Schiller, Schriftsteller _ Berlin 6.12.2020

Lieber Felix, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe (zum Glück) eine Festanstellung in Vollzeit, für die ich derzeit im Homeoffice arbeite. Also sehen meine Tage sehr gleichförmig aus: von etwa 10 bis 18 Uhr arbeiten, dann Joggen und/oder Einkaufen und Kochen, und ab 20 Uhr zurück an den Schreibtisch, um an freien Projekten oder meinen literarischen Texten zu arbeiten. Dann ab 0 Uhr lese ich noch ungefähr zwei Stunden. Am Wochenende Spazieren und Freunde treffen und nachholen, was ich in den verschiedenen Arbeitsbereichen unter der Woche nicht geschafft habe.

Felix Schiller, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

„Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, was für uns alle gleichermaßen wichtig sein könnte. Jede*r braucht etwas anderes, für viele ist die Situation schwierig. Wichtig finde ich aber, auch das Glück zu sehen und nicht zu vergessen, wenn man es auch im Ausnahmezustand hat: einen Job, der nicht überlastet oder gefährdet, Kontakt zu Menschen, die gesund sind, ein Dach überm Kopf, Möglichkeiten, sich zu beschäftigen, physische und psychische Unversehrtheit. Das ist wichtig, Gesellschaft sollte alle dabei unterstützen, dies zu bekommen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wir brauchen endlich wieder eine Ethik des Verzichts, eine positive Bewertung des Unterlassens, in der Coronakrise wie auch im Klimawandel, wenn man es sich leisten kann. Bartleby the Scrivener als vorbildliche Sozialfigur unserer Zeit. Vielleicht bietet die Pandemie ja eine Chance zum Einüben dieser Haltung, wir werden sie brauchen, denke ich.

Das meine ich aber nicht nur wirtschaftlich, sondern auch durchaus für den Bereich der Kultur. Alle überhitzten, sich immer weiter verdichtenden und dabei teils nach außen abschottenden Systeme sollten kühler werden, das heißt langsamer. Der kulturelle Output muss selbst nachhaltiger werden, Bücher länger präsentiert, Stücke länger auf den Spielplänen bleiben, die Tragödie der Kultur muss weniger tragisch werden. Literatur und Kunst sollten auch einen Blick entwickeln für die eigenen dromologischen Strukturen. Ich glaube, im Schaffen von solidarischeren und offeneren Sozialräumen könnte Literatur und Kunst am ehesten ihre Rolle finden, an Modellen für eine künftige Gesellschaft mitzuarbeiten, Trost, Lust, Zerstreuung und Konzentration zu spenden, Verarbeitungsmöglichkeiten und Reflektionsflächen bereitzustellen. Der Kulturbereich müsste es erst schaffen, das Eitelkeit, Egoismus, Überheblichkeit und berechnendes Verhalten fördernde Star- und Konkurrenzsystem zurückzufahren, zu starke Machtakkumulationen zu verhindern, modellhaft also bei sich selbst neu zu beginnen. Erst dann wird er glaubhaft als Teil der Gesellschaft an Aufbruch und Neubeginn mitwirken können. Trotzdem ist das Steuergeld natürlich in der Kultur immer besser aufgehoben als bei der Rettung von Tui.

Was liest Du derzeit?

Dorothee Elmiger: »Aus der Zuckerfabrik« (sehr langsam seit Ewigkeiten, damit es nicht aufhört)

Gedichte von Róža Domascyna, Franz Richard Behrens, Walter Buchebner und Lisa Goldschmidt

Vilém Flusser: »Gesten. Versuch einer Phänomenologie«

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„The Poetry is in the pity“

Wilfred Owen

Vielen Dank für das Interview lieber Felix, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Felix Schiller, Schriftsteller

Foto_Renè Löffler

Felix Schiller wurde 1986 in Weissenburg in Bayern geboren und studierte Philosophie, Geschichte und Germanistik in Freiburg, Basel, Wien und La Paz. Er arbeitete als Veranstalter, Kurator und Lektor u.a. für das Literaturhaus Stuttgart, das Literaturarchiv Marbach, das Haus für Poesie und das Literarische Colloquium Berlin. 2017 erschien bei hochroth München der Band regionale konflikte, der unter „Die besten Lyrikdebüts 2017“ gewählt wurde. 2018 schrieb er Texte für die Stückentwicklung mit Pflegeauszubildenden Silent Service (UA Theater Freiburg). Er war zweimaliger Finalist beim open mike und ist 2021 zum Lyrikpreis Meran eingeladen.

4.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Utopisch denken und in der Utopie an alle denken, nicht nur an die eigene Blase“ Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin – Köln_6.12.2020

Liebe Ulrike, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Das frage ich mich ehrlich gesagt, auch. Was ist ein Ablauf? Ich war im Frühjahr melancholisch, aber diszipliniert und habe schnell in einen guten Arbeitsrhythmus gefunden habe. Jetzt im Herbst fällt mir alles sehr viel schwerer. Die Gleichzeitigkeit der Ereignisse hat ihren Reiz verloren. Ich vermisse das Unterwegs sein, Leute treffen, neue Eindrücke sammeln. Ich vermisse das Chaos, das ich ordnen muss.

Ulrike Ann Bleier, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wenn ich das wüsste. Vielleicht auszuhalten, dass es einen Bruch gegeben hat. Vielleicht auszuhalten, dass wir nicht wissen, was auf uns zukommt, dass wir aber eine Haltung dazu entwickeln können. Dass wir die Zeit nutzen können, um uns darüber klar zu werden, was jetzt wichtig ist und was in Zukunft wichtig sein wird. Solidarität zum Beispiel. Was ist das? Vielleicht weniger „die gute Tat“ vorzeigbar kultivieren, dafür mehr eine Haltung in einem politischen Sinne finden, die sich abseits von schönen Worten auch langfristig als glaubwürdig erweisen muss.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Mehr Skepsis gegenüber dem Markt entwickeln! Der Markt interessiert sich nicht für Literatur, er interessiert sich nur für den Verkauf von Literatur. Er ist uns kein gutes Gegenüber. Dieses Jahr hat das mehr als deutlich gezeigt. Stattdessen: mehr ausprobieren, mehr mit dem experimentieren, was ungesagt ist, was unentdeckt ist. Und vielleicht unverstanden und unentdeckt bleiben wird. Dabei nicht überheblich sein und nicht mit dem Unverstandensein kokettieren, sondern in Kontakt mit jede:r:m einzelne:n möglichen Leser:in bleiben. Utopisch denken und in der Utopie an alle denken, nicht nur an die eigene Blase.

Was liest Du derzeit?

„Die Biographie von Rot“von Anne Carson. „Garten, Baby“ von Christine Zureich.
Und eine Ausgabe der Literaturzeitschrift die horen über „Neue Literatur aus Quebec“.

Alle drei Lektüren kann ich wärmstens, wärmstens, wärmestens empfehlen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Aus zwei kauernden Klumpen Welt sprang das Wort hervor!“
(Anne Carson, Die Biographie von Rot)

Vielen Dank für das Interview liebe Ulrike, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ulrike Anna Bleier, Schriftstellerin

About Ulrike Anna Bleier (bleier-online.de)

News (bleier-online.de)

Foto_privat.

3.12.2020 Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht…“ Bernd Lüttgerding, Schriftsteller_Brüssel 6.12.2020

Lieber Bernd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein jetziger Tagesablauf ist ähnlich wie in den Jahren davor: Ich stehe möglichst früh auf (und weil derzeit abends kein Besuch kommt, fühle ich mich frisch) und schreibe, esse, schlafe, schreibe, lese – und schlafe wieder. Mal gucken, wie lange das noch gut geht. Leider gehe ich, seit mehr Leute in der Umgebung spazieren gehen, selbst weniger. Und ich kaufe noch weniger gerne ein. (Dadurch gibt es mehr Kartoffeln aus der landwirtschaftlichen Nachbarschaft, das spart obendrein Geld.) Ein sonderlich begeisterter Kneipengänger war ich nie, aber seit einigen Monaten merke ich, wie der Gedanke an Kneipen, an Bier und Mischgetränke und Schnäpse, getrunken in Gesellschaft und im Gespräch, in mir gradezu obsessiv wird. Aber nun, auch das ist, wenn überhaupt, ein Luxusproblem.

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das weiß ich nicht. Derzeit gibt es ja wahrscheinlich kein solches Wir einer sich gemeinschaftlich identifizierenden Gesellschaft. Und ich glaube nicht, dass Covid ausrechen wird, so etwas herbeizubeschwören. – Alles, was jetzt für uns alle besonders wichtig wäre, wäre meiner Ansicht auch ohne Covid für uns alle besonders wichtig, nämlich dass wir alle finanziell über die Runden kommen, und dass wir uns den anstehenden, bzw sich schon anbahnenden Krisen (zB Klima, Wasser, Artensterben, um nur die global schwerwiegendsten zu nennen, also auch unserm zerstörerischen Wirtschaften usw.) widmen. – Und jedem Einzelnen wünsche ich das, was ich auch mir selbst wünsche: Unsicherheit aushalten, die Informationsflut meiden, wo sie unkonstruktiv ist, Ängste bewältigen… – Na ja, das Übliche. –

Andererseits, wer weiß, vielleicht brächte es etwas, wenn wir diese vage in der Luft hängende Aufbruchsstimmung schürten und versuchten, sie am Leben zu erhalten. Ende der 90er Jahre gab es diese schreckliche Fernsehwerbung: Mann und Frau auf einem Traumschiff. Er beugt sich zu ihr und fragt: „Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, was wäre das?“ Sie: „Alles soll so bleiben, wie es ist.“ Das wurde ja kultiviert und sollte als erstrebenswertes Lebensgefühl der träumenden Mittelklasse am Ende der Geschichte rübergebracht werden. Wenn dieser gemütlichen Selbstgefälligkeit nun eine echte Aufbruchsstimmung ins Gesicht bliese, wäre das vielleicht… – Nun, wir werden vermutlich sehen, was passieren wird.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur,  der Kunst an sich zu?

Da bin ich gespannt, ob wir wirklich vor einem Aufbruch stehen werden. Kunst und Literatur funktionieren ja sehr indirekt und entwickeln ihre größte Kraft, wenn ihnen von offizieller Seite keine sonderliche Rolle zukommt.

Was liest Du derzeit?

Peter Brown, „Through the Eye of a Needle. Wealth, the Fall of Rome and the Making of Christianity in the West“ – ein großartiges Buch, das mir langgestellte Fragen beantwortet.

Auf dem Nachttisch liegen im Moment Gedichte von Melanie Katz, Nora Bossong, Adrian Kasnitz, Patrick Wilden, Georg Leß und Ulrich Koch. Manchmal beunruhige ich mich auch mit einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In dem Roman „Das lahme Schicksal “ von den Brüdern Strugatzki sagt oder denkt der Held angesichts der sich grundlegend ändernden Welt (ich zitiere ungenau aus dem Gedächtnis): „Als ich die Zeichen der Zukunft an mir bemerkte, wie zog es mich da in die Vergangenheit zurück“ – Die Stelle finde ich sehr schön, weil sie in der Geschichte die mühselig errungene Einsicht einläutet, dass nichts je wieder so sein würde, wie es immer war.

Ich hab aber noch eins:

Ich bin so an Freiheit gewöhnt, daß mir der Ruf zum Mittagessen unangenehm ist, weil ich gehorchen muß. (Jean Paul)

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Vielen Dank für das Interview lieber Bernd, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Bernd Lüttgerding, Schriftsteller

Bernd Lüttgerding (berndluettgerding.blogspot.com)

Foto_Marie-Françoise Plissart

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Das Theater hat sich sehr schnell an die Gegebenheiten angepasst und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen“ Iris Schmid, Schauspielerin _ Wien 6.12.2020

Liebe Iris, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Beginnen tut jeder Tag gleich: mit einer dreiviertel Stunde Yoga und anschließend einer Tasse (schwarzem) Kaffee. Ab dann nehme ich was kommt, arbeite an aktuellen und anstehenden Projekten, bastle Adventkalender und Weihnachtsgeschenke und lese viel.

Iris Schmid, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Kopf nicht hängen zu lassen. Die Situation zu akzeptieren und auch etwas Positives daraus zu schöpfen, z.B. dass wir nachweislich nachhaltiger leben und einkaufen seit März.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater und der Kunst an sich zu?

Das Theater hat sich sehr schnell an die Gegebenheiten angepasst und alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, damit sich das Rad sicher weiterdrehen kann, wenn auch in einem anderen Tempo. Vielleicht lässt uns dieses gemäßigtere Tempo wieder mehr auf Qualität und weniger auf Quantität achten. Ich wünsche mir, dass wir die Chance der Entschleunigung im Theater nutzen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gern mehrere Bücher parallel. Ganz oben liegt im Moment: „Too much and never enough“ von Mary L. Trump und „Das Kind in dir muss Heimat finden“ von Stefanie Stahl.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

The show must go on!

Iris Schmid_Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Iris, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Iris Schmid, Schauspielerin

IRIS SCHMID_SCHAUSPIELERIN

Alle Fotos_Walter Pobaschnig_Hotel Regina_Wien 27.11.2020

3.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Jeder Tag muss neu bedacht und arrangiert werden“ Simone Scharbert, Schriftstellerin _ Erftstadt/D_6.12.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Tagesablauf klingt nach Geschwindigkeit, nach einer steten Wiederholung. Gegenteiliges ist der Fall: Ich habe eher das Gefühl, dass gerade jeder Tag anders ist, alles immer wieder neu bedacht und arrangiert werden muss. Eine neue Langsamkeit in den Tagen steckt. Und dennoch stehe ich weiterhin früh auf, mache Kaffee, je nach Wochentag Frühstück und Pausenbrot für die Kinder, um dann festzustellen, dass sie vielleicht gar keinen Unterricht haben, später in die Schule gehen oder früher als gedacht wieder nach Hause kommen.

Um mich dann, je nach Wochentag, an den Schreibtisch zu setzen oder um ins Lädchen zu gehen (unser hiesiges Ehrenamtsprojekt), um zu lesen, oder, je nach Tag, im virtuellen Kosmos ins Uni-Seminar oder in Schreibwerkstätten zu tauchen, mit Lyrik im Gespräch zu sein, immer mal wieder einen Blick aus dem Fenster zu werfen, dem Himmel nachtasten, dann wieder zum Briefkasten zu gehen, den Briefkasten zu leeren, eine neue Postkarte für »A POSTCARD A DAY« zu machen, um zu telefonieren, mit den Kindern zu sein, wieder zu schreiben, kurzum: Um im Tag zu bleiben.

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Vielleicht: Sorgsamkeit. Die eigene Dünnhäutigkeit zeigen dürfen, die Dünnhäutigkeit der oder des Anderen zulassen. Räume öffnen: Für Gespräche, für Austausch, für gemeinsames Schweigen. Für Stille auch. Aufmerksamkeit. Gegenüber den Entwicklungen unserer eigenen Zeit, den kleinen, den großen Änderungen. Ruhepausen. Staunend (im Sinn von Wisława Szymborska), gerade jetzt in diesen seltsam-schwierigen Tagen, gegenüber der Welt bleiben.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe sehr, dass das Gemeinsame im Vordergrund stehen wird. Vielmehr die Möglichkeit, gerade jetzt gemeinsam Neues auf den Weg zu bringen. Dem Musil‘schen Denken nach nicht nur einen Sinn für Wirklichkeit, sondern auch für Möglichkeiten zu entwickeln, zu fördern, so wie Robert Musil es im »Mann ohne Eigenschaften« zu Beginn so treffend beschreibt. Und für vermeintlich »unmögliche« Möglichkeiten und Utopien sind Literatur und Kunst ein wunderbarer Ort: Die Gelegenheit Neues auszuprobieren, gesellschaftliche Sollbruchstellen auszuloten und eventuelle Problemstellen auch zu spiegeln. Gleichzeitig kann die Literatur, die Kunst auch als Zufluchtsort, als Refugium in unsicheren Zeiten fungieren, in den Worten von Yoko Tawada: »… welche Heimat kann sicherer sein als die Literatur?«

Was liest Du derzeit?

Aktuell höre ich mit großer Freude »Kudos« von Rachel Cusk (gelesen von Sandra Hüller), lese den wunderbaren Miniaturen-Band »Tango ohne Argentinien« von Klaus Johannes Thies und immer noch, immer wieder diese die Zeit so sehr treffenden Theaterstücke »Wut« bzw. »Die Schutzbefohlenen« von Elfriede Jelinek.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

»Denken Sie nicht aus einem Grund, das ist gefährlich – denken Sie aus vielen Gründen.«

Ingeborg Bachmann (»Probleme zeitgenössischer Dichtung«, Frankfurter Vorlesungen)

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Scharbert, Schriftstellerin

Fotos_privat

29.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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