Irrsinnig viel Zeit verbringe ich gerade in unserer Wohnung. Ich bin nicht nur Autorin, sondern arbeite an vier Tagen in der Woche als Presseredakteurin beim SWR, derzeit im Homeoffice. Diese Arbeit mag ich, bin aber aktuell abends nach einem Bürotag auch manchmal ganz schön abgekämpft.
Mittags mache ich, wenn ich es irgendwie einrichten kann, einen Spaziergang Die Runde variiere ich kaum. 30 bis 40 Minuten: Zum Fluss, nach hinten zum Feld und durch das Wohnviertel zurück. Auf dieser Strecke habe ich schon etliche Texte im Kopf feingeschliffen, große und kleine Entscheidungen getroffen und Ideen keimen lassen. Außerdem die Schwanendynastie auf dem Murgabschnitt vor unserer Haustür besser kennengelernt.
Bis auf diese Zeit an der frischen Luft (und Zeit mit meinem Mann oder Zeit mit Texten auf klassischem Papier) bin ich gerade ziemlich mit dem Laptop verwachsen – ein 2020-Cyborg mit zweifelhafter Körperhaltung. Abends skype ich mit Freundinnen oder gehe in den Untiefen des Internets verloren. Im Frühjahr habe ich Skyrim durchgespielt und bin nach hartnäckigen Versuchen an Dwarf Fortress gescheitert. An den verbleibenden Tagen lese ich, so viel ich kann. Ich schreibe in den Fugen, abends, nachts, oft statt zu schlafen.
Grit Krüger, Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Geduld, Humor, Verantwortungsbewusstsein und das Internet.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Die Kunst findet ihren Weg, in Zeiten des Aufbruchs, in Zeiten der Krise aber auch in relativ friedlichen Zeiten. Literatur schafft es, die richtigen Fragen zu stellen: die, die wehtun, relevant sind, vielleicht aktuell sind, sich aber über das Tagesgeschehen erheben. Sie sorgt dafür, dass verletzliche und hoffnungsvolle Teile in uns spürbar bleiben, schenkt Weite und Würde. Das wird sie auch in Zukunft, da bin ich absolut zuversichtlich.
Wichtig ist es jetzt für uns Künstler*innen, solidarisch zu bleiben und Mut zu zeigen, wenn wir weiterhin dafür kämpfen – laut, wenn es sein muss – dass in unserer Gesellschaft Strukturen geschaffen und erhalten werden, in denen Kunst entstehen kann.
Was liest Du derzeit?
„Monster wie wir“ von Ulrike Almut Sandig „Gestohlene Luft“ von Yevgeniy Breyger „The Earthsea Cycle“ von Ursula K. Le Guin
Dazu Texte, die gerade im Entstehen sind, von lieben, klugen Menschen. Katrins klare, abgründige Prosa, Barbaras Gedichte und Stücke. Romane von Thomas und Matthias und Martin und Fabienne. Ich freue mich sehr darüber, bei ihrem Weg in die Welt dabei sein zu dürfen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Zwischendurch merken wir plötzlich, an einigen halblaut gesagten Worten, daß wir uns mögen.“ (Wolfgang Borchert)
Vielen Dank für das Interview liebe Grit, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Vielen Dank zurück!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Grit Krüger, Schriftstellerin
Foto_privat.
11.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich möchte ehrlich sein 🙂 Also ich wünschte, ich könnte jetzt einfach schreiben, dass ich ganz viel Zeit habe für Dinge, für die ich sonst keine Zeit finde. Die Wahrheit ist anders, aber ich finde, sie sollte gesagt werden.
Daniela Prokopetz_Künstlerin
Jetzt im Lockdown (wir sind aufgrund der Arbeit meines Mannes gerade längere Zeit in Bulgarien) ist meine Tochter den ganzen Tag bei mir und ich jongliere zwischen Mamasein, Haushaltsführung, Emails, Projekten, Ausstellungsorganisation und – planung, an Bildern arbeiten, Social Networking usw… Den Abend nütze ich komplett für die Arbeit. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Film gesehen habe. Ich habe einfach gelernt, sehr effektiv zu arbeiten 😉
Untitled 01: Ohne Titel. 89 x 62 cm, Mischtechnik/ Papier und Acryl mit handbemaltem Rahmen, 2020
Immerhin muss ich sagen – dieser Lockdown trifft mich nicht so wie der erste. Da war ich enttäuscht wegen Projekten, die ins Wasser gefallen sind und abgesagten Ausstellungen. Jetzt habe ich mich gewissermaßen mit der Situation arrangiert und versuche, die Vorteile darin zu sehen. Man darf gar nicht erst daran denken, wie es anderen Menschen in dieser Situation geht und wie sehr Menschen, die im Pflege- und Gesundheitswesen arbeiten, belastet sind. Ich durfte bisher sehr viel Zeit (auch unabhängig von Corona) mit meiner Tochter verbringen und ihr meine Werte vorleben und sehe auch, dass sie vielen Dingen im Alltag und der Natur wertschätzend gegenüber steht. Dafür bin ich sehr dankbar.
Untitled 02: Ohne Titel, Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen 83,5 x 49,5, 2020
Jetzt versuche ich andere Wege zu finden, Projekte zu organisieren und mit Leuten in Kontakt zu treten. Meine Kollegin Karin Czermak und ich haben das Projekt „@art_greencube“ auf Instagram ins Leben gerufen, wo wir künstlerische Positionen in alternativen Präsentationsräumen außerhalb des Galerie- und Ausstellungsraumes zeigen. Begonnen hat es aus der eigenen Not heraus, die Arbeiten nicht mehr im Ausstellungsbetrieb zeigen zu können. Und demnächst wird es ein tolles Projekt gemeinsam geben, das Künstlerinnen weltweit virtuell zusammenführt.
Untitled 03, Ohne Titel. Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen 74 x 54 cm, 2020
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Toleranz und Solidarität. Ich finde es toll, dass bisher einige Projekte ins Leben gerufen wurden, die Künstlerinnen und Künstler unterstützt und ihnen Wertschätzung entgegenbringt – wie dieses hier, das es vielleicht sonst gar nicht gäbe! Danke dafür!(Anm: Ich danke für das Interesse!)
Untitled 04: winter series/Ohne Titel. Mischtechnik/ Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen 19,5 x 14,5 cm, 2020
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?
Die Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft. Sie lässt sich nicht vertreiben, wegdenken – auch wenn man sie noch so klein hält.
Kunst muss nicht perfekt sein, sie muss keiner Theorie entsprechen oder etwas beweisen können – ohne eine Lösung parat zu haben. Sie darf angreifbar sein und fragen, ohne eine Antwort zu finden..
Kunst ist eine Ausdrucksform, es gibt sie, seit es den Menschen gibt und sie wird es auch immer geben. Es sollte Raum sein für die individuelle Entwicklung, für Fehler und Schwächen, für die unscheinbaren Schönheiten im Alltag und Leben, zum Beispiel für zarte, aber wunderschöne Farbabstufungen. Für einfache Materialien und Natur. Vielleicht beeinflusst mich auch das Leben hier in Bulgarien in meiner künstlerischen Arbeit und Lebensanschauung sehr. Das ist hier jetzt nur ein Aspekt – aber den Menschen hier ist es oft wurscht wie es beim Nachbarn im Vorgarten ausschaut und wenn alles nicht ganz so perfekt ist, ists auch ok, dann hat man mehr Zeit für entspannte Dinge.. Der andere wird nicht verpfiffen und alte bröckelige Hausmauern können auch eine gewisse Schönheit ausstrahlen. Das ist jetzt natürlich auch ein Klischee, aber ich muss ja hier keine mathematische Theorie aufstellen 😉 Der Perfektionismus betrifft mich in gewisser Weise selbst und meine eigene Kunst scheint so ein Ventil zu sein, mir Ausdruck verschaffen zu können und meine Lebensanschauung sichtbar zu machen. Wenn der Konsum plötzlich weg bleibt, wird das kreative Potential im Menschen vielleicht wieder mehr Ausdruck finden und wir zu einem individuelleren Leben finden – das kann schon bei den eigenen vier Wänden oder im Garten anfangen.
Anonymous paper object, Malereien, Kinderzeichnungen (Acryl und Aquarell) ca. 15 cm, 2020
Was liest Du derzeit?
Ich setze mich derzeit sehr mit Wabi-Sabi auseinander, einem Schönheitsprinzip in der japanischen Ästhetik. Es ist ein Gegenkonzept zur reproduzierbaren Hochglanzästhetik, dem Kommerz und der Technologie. Dinge haben demnach höheren Wert, je älter sie sind und je länger sie in Gebrauch sind.
Nehmen wir das Symbol der Kirschblüte, die nur ganz kurz und zu einer bestimmten Zeit blüht – diesen Moment wollen wir mit unserem westlichen Denken konservieren und festhalten und auch wenn er schon vorbei ist, wollen wir wieder dorthin.. Wabi-Sabi fragt – was war davor und danach? Diese Zeitspanne ist doch viel länger. Corona bringt uns die Sterblichkeit und Verwundbarkeit des Menschen wieder näher vor Augen. Ich würde mir auch wünschen, dass wir irgendwann einmal sagen würden anstatt – „So alt bin ich schon!“ – „So alt habe ich werden dürfen, so viele Erfahrungen habe ich sammeln dürfen.“ Dass eine gewisse Freunde und Zufriedenheit aufkommt, gesund und gelassen sein zu dürfen und voller Ehrfurcht und besonderer Schönheit, die Risse an der Mauer zu betrachten und das malerische Moos, das sich über Jahr wie ein Kunstwerk an der Hausmauer gebildet hat. Der gesamte Kapitalismus baut nur darauf auf, uns unzufrieden und unglücklich zu sehen. Ist das nicht absurd?
Ich lese meiner Tochter zur Zeit immer wieder das Buch „Dancing through the fields of Color. The story of Helen Frankenthaler“ vor. Wir beide lieben dieses Buch und Helen Frankenthaler ist für mich so eine Ikone des freien Ausdrucks, zu welchem wir alle auf unsere Wege und Weisen wiederfinden sollten.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Was die Hirnforscher dann, beispielsweise mittels funktioneller Kernspintomografe, im Gehirn eines spielenden Menschen messen können, ist eine Verringerung des Sauerstoffverbrauchs aufgrund einer verminderten Aktivität der Nervenzellenverbände im Bereich der Amygdala. Das ist diejenige Hirnregion, die immer dann besonders aktiv wird, wenn wir Angst haben. Im Spiel verlieren wir also unsere Angst. (…) Wenn wir wirklich spielen, erleben wir auch keinen Druck und keinen Zwang mehr, und wenn es nichts mehr gibt, was uns bedrängt, verschwindet auch die Angst.“ (Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist. 3. Auflage, 2018, Carl Hanser Verlag, München, S.20-21)
Und weil ich mich nicht entscheiden kann, gibt es einfach noch eines:
„Alle Dinge einschließlich des Universums selbst befinden sich in einem ununterbrochenen, niemals endenden Zustand des Werdens und Vergehens. (…) Aber wann erreicht etwas seine schicksalshafte Erfüllung? Ist die Pflanze dann vollständig, wenn sie blüht? Wenn sie Samen trägt? Wenn die Samen keimen? Wenn alles zu Dünger wird?“
(Leonhard Koren, Matthias Dietz (Hsg.): Wabi-Sabi für Künstler, Architekten und Designer. Japans Philosophie der Bescheidenheit, Wasmuth Verlag, Tübingen, 9. Auflage 2017, S.47-48)
Daniela Prokopetz_Künstlerin
Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Seraphine, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Besonders spannend ist, was am Ende des Tages noch immer auf meinem Zettel steht…. DAS ergäbe einen interessanten Tag, wenn ich mal wirklich alles umsetze, was ich mir so vornehme…. So viel Lockdown gibt es gar nicht, dass ich mal mein ganzes Zeug unterbringe…. Ich bin die Meisterin der Fülle, wenn es um Ideen und Inhalte auf ‚to do‘ Listen geht….
Seraphine Rastl, Schauspielerin
Nun gut, ein Versuch: Ich stehe mit meinen Kindern auf, meine Tochter ist im homeschooling, mein Sohn geht (auch jetzt) in den Kindergarten, im ersten lock down war er zwei Monate zu Hause, es war Frühling, wir waren sehr viel im Wald, er hat Radfahren gelernt…. Also, er liebt warmes Frühstück, es gibt Porridge oder Palatschinken. Am Vormittag versuche ich SEHR, nicht im Haushalt zu versinken, sondern wirklich für mich selbst und künstlerisch zu arbeiten, kochen ausgenommen. Kochen ist nicht nur notwendig, sondern auch ein kreativer Prozess, ich habe große Freude daran, ein gesundes, frisches Essen zu zaubern, das allen schmeckt. Das erfreut mein Herz- und meinen/unseren Körper. Während ich in der Küche bin, HÖRE ich. Musik, Literatur, aber auch Vorträge. Es gibt so kluge Menschen, soviel Wissen (auch in der Wissenschaft steckt viel Kreativität). Was ich höre/lerne, beflügelt mich, tröstet mich, lenkt mich…. Wir leben tatsächlich in einer komplexen Zeit, in einer filigranen Welt, es ist entscheidend, nach welchen Inhalten wir greifen….
Ich esse mit meiner Tochter zu Mittag, es ergeben sich Gespräche, die ich sehr schätze, dazwischen mischt sich Schule, bei manchem kann ich sie unterstützen, das meiste macht sie zum Glück alleine. Bevor ich meinen Sohn abhole erledige ich noch in Windeseile das, was ich „auf keinen Fall vergessen sollte“.
Am Nachmittag sind wir, wenn es geht draußen. Der Nachmittag vertrödelt sich von selbst, meist sieht es ziemlich aus, wenn mein Partner nach Hause kommt, und hier haben wir jetzt den typischen Konflikt eines ordentlichen Menschen mit einer Chaotin, den ich jetzt nicht ausführe. Also: Aufräumen. Abendessen, Plaudern, Kinder ins Bett stampern, um 22h ist mein herrlicher Feierabend (diesen zelebriere ich auch nach Proben). Von zu Hause aus ist es trotzdem die Zeit der Kommunikation. Telefonate mit Freundinnen, Zeit in sozialen Medien, Gespräche mit meinem Partner. Ich bin eine Nachteule und werde zwischen zehn und eins oft noch sehr aktiv…..
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Besonders wichtig ist, dass wir aufhören, andere Lebewesen auszubeuten. Menschen, Tiere und Pflanzen. Damit wäre ALLEN geholfen – denn wir wollen ja auf dieser schönen Erde noch eine Weile leben…. Am besten gesund, friedlich und fair. Es gibt keinen „Gewinn“, wenn er auf Kosten anderer Menschen oder auf Kosten unseres Ökosystems geht.
Vor einem Aufbruch werden jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?
Wenn ich jetzt sage: Kunst ist ALLES, dann meine ich das wirklich so. Kunst KANN alles. Nähren, trösten, entwickeln, verzaubern, bilden, unterhalten…. Mir fiele jetzt so vieles ein. Also: Essen, Trinken, ein Dach über dem Kopf, dann kommt die Kunst. Wenn wir auf diese Schöpfung mit aller Ernsthaftigkeit und Demut blicken, so ist diese ein KUNSTWERK. Wenn wir ein Baby beobachten, wie es auf Musik reagiert können wir von deren Wirkkraft nicht anders als überzeugt sein….. Dann kommt die Sprachentwicklung: STAUNEN. Als Schauspielerin hat mich die Phase des Rollenspiels beider Kinder komplett fasziniert. Wir Menschen kommen seit jeher im Sinne der Kunst zusammen. Es wird zusammen gegessen, aber dann geht es schon los mit dem Handwerk, der Musik, dem Tanz, der Malerei, dem Erzählen von Geschichten bevor wir ins Bett fallen und uns vermehren (und auch da sprechen wir von Liebeskunst)…. Kunst ist eine geistige Größe, eine verbindende, rituelle Kraft. Kunst ist Bildung. Wir werden „kreative Lösungen“ brauchen, also her mit der Kunst im Bildungssektor, weil kreatives Denken gefragt ist!
Wie es mit der Erwerbsarbeit aussieht, steht auf einem anderen Blatt geschrieben…. Erst einmal geht es um Bewusstwerdung und Wertschätzung gegenüber Kunst und Kultur (und den Menschen, die diese ausüben).
Im Zuge der Digitalisierung und künstlichen Intelligenz werden viele Berufe wegfallen, künstlerische Berufe bleiben….
Ich habe auch keine Ahnung, wie es mit Arbeit und deren Entlohnung weiter gehen wird, auch mir fehlt der Ritus von einem Proben-Prozess bis zur Premiere…. aber ich lege hier ein Bekenntnis ab: ich bin Künstlerin und werde es immer bleiben, egal was ich tue.
Was liest Du derzeit?
Was ich zuverlässig lese, sind Gute-Nacht-Geschichten, davon liegen einige auf dem Nachtkästchen. Ich lese Artikel, gerne auch Interviews, und ich lese immer wieder Ingeborg Bachmann. Mit dem Musil-Museum zusammen entsteht gerade eine youtube-Reihe mit meiner Stimme, meiner Interpretation ihrer Texte. Ingeborg Bachmann ist die Dichterin, die mich am tiefsten berührt, ich bin voller Ehrerbietung, gleichzeitig sind mir ihre Gedanken und sprachlichen Bilder vertraut, meinen „Magister der Künste“ habe ich über Bachmann-Lyrik geschrieben, liegt schon ein Weilchen zurück…..
„Herzklappen von Johnson und Johnson “ Die Autorin Valerie Fritsch beeindruckt mich sehr.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Ich spreche gerne von den drei großen Bs und großen Ls wie:
Berühren, Bewegen, Beten (was immer das für Dich ist)
Lachen, Lieben, Lernen (ich fühle mich derzeit gewissermaßen auf Fortbildung….)
Seraphine Rastl, Schauspielerin
Vielen Dank für das Interview liebe Seraphine, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Seraphine Rastl, Schauspielerin
Fotos_Gerhard Maurer
8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Jeanne-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Nach dem ersten Lockdown hatte ich über den Sommer und Herbst wahnsinnig viel zu tun. Viele Projekte und Vorstellungen wurden vom Frühling auf den Herbst verschoben, sodass es sich besonders im September und Oktober sehr gehäuft hat. Wegen dem erneuten Spielverbot im November sind nun zum zweiten Mal alle meine Vorstellungen und Wiederaufnahmen ausgefallen bzw. auf das Frühjahr verschoben worden.
Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin
Mein Jahr 2020 sah also rückblickend so aus: Nach einer intensiven Arbeitsphase im Februar, einen Tag vor der Premiere in den Lockdown und den völligen Stillstand, dann rein in die vollkommene Überbelastung im Herbst und nun erneut ein völliger Stillstand des Arbeitslebens. Dieses Hin-und-Her von komplett gegensätzlichen Alltagsrealitäten erlebe ich als ungleich viel anstrengender und nervenaufreibender, als der Beruf ohnehin schon ist. Nun versuche ich mit der plötzlichen erneuten Strukturlosigkeit, so gut als möglich umzugehen.
Natürlich gibt es auch außerhalb der Bühne genug zu tun. Durch meine freischaffende Arbeit sammelt sich oft reichlich „Papierkram“ und organisatorische Arbeit an, die während der zeitintensiven Proben auf der Strecke bleiben. Sich zu disziplinieren und tatsächlich jeden Tag weiter zu kommen ist aber gar nicht so leicht. Als eine Person, die sehr selten mit wochenlanger freier Zeit konfrontiert ist, tue ich mir mitunter schwer damit, mir die Tage gut und produktiv einzuteilen. Damit die Zeit aber nicht allzu grau und traurig ist, versuche ich auch weiterhin kreativ tätig zu sein. Ich mache Musik mit Gitarre, Klavier und meiner neuen Loop Station und arbeite an der Konzeption eines Solo-Theaterstücks für das Frühjahr. Außerdem nutze ich die Zeit, um mich in der Küche mal wieder so richtig auszutoben. Meine Leidenschaft für das kreative, vegetarische Kochen kommt in intensiven Arbeitsperioden meistens zu kurz. Das Handtieren mit den verschiedenen Zutaten und das Erfinden neuer Kombinationen und Geschmackserlebnisse hat für mich etwas Meditativ-Entspannendes und ist zugleich auch eine Art kreativ-künstlerischen Ausdrucks.
Ich wäre nicht ganz ehrlich, wenn ich nicht hinzufügen würde, dass in diesen Tagen auch die ein oder andere Fernseh-Serie nicht ungeschaut bleibt. Da gibt es so vielseitige, tolle Sachen. Damengambit auf Netflix hat mich zuletzt sehr begeistert.
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Hoffnung.
Dieses Jahr hat viele Pläne zerschlagen und Urängste genährt. Auf uns selbst zurückgeworfen fanden wir uns unserer Normalität beraubt und machtlos gegenüber den erschütternden Entwicklungen, die unsere Welt an vielerlei Orten annahm. Es ist daher besonders wichtig den Glauben an Transformation und die Kraft des Idealismus nicht zu verlieren.
Solidarität.
Während die meisten von uns darüber jammerten, dass die Karrieren auf Eis liegen und die persönliche Freiheit beschränkt wird, hat diese Krise unter uns, sowie andern Orts breitflächig Existenzen zerstört und auch jenseits des Virus viele Leben gefährdet und gekostet. Erschreckende Bilder aus Moria kommen da beispielsweise unwillkürlich ins Gedächtnis. Sich mit den eigenen Privilegien zu konfrontieren muss kein quälender, ethisch-moralischer Ablasshandel zur seelischen Läuterung sein, als dass es mitunter angesehen wird und weshalb sich viele (so kommt es mir vor) dagegen sträuben. Sicher, es kann weh tun. Aber es kann ebenso eine Chance sein, die Perspektive auf das eigene Leben zum Positiven zu ändern und sich über die eigenen Möglichkeiten, anderen zu helfen und sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen, bewusst zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es jeden Menschen innerlich zutiefst erfreut und beflügelt, solidarisch zu fühlen und zu handeln. Wir müssen nur noch daran arbeiten, unser Solidaritätsgefühl bewusst auf eine größere Gruppe von Menschen auszuweiten, die den des eigenen Bekanntenkreises und der alltäglichen Sichtweite übersteigt.
Phantasie und Schöpfungskraft.
Es ist leicht sich in Zeiten wie diesen zu verkriechen und sich auf das Konsumieren von Medien und Waren und die passive Teilnahme am Weltgeschehen zu beschränken. Gerade in Krisenzeiten wie dieser ist es aber besonders wichtig, sich und die eigene kreative, schöpferische und partizipative Kraft lebendig zu halten. Zur Bewältigung dieser und vor allem auch der momentan medial unterrepräsentierten Klimakrise braucht es so dringend neue Wege und Ideen, den Ausbruch aus alten Denkmustern und vor allem eine vitale, authentische Demokratie, die nur entstehen kann, wenn wir uns alle aktiv einmischen und jede*r von uns sich als Mitgestalter*in einer lebenswerten Zukunft versteht.
Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?
Ich hoffe sehr, dass es tatsächlich ein Aufbruch und Neuanfang sein wird und nicht die Weiterführung jener Regression, die die Pandemie in Hinsicht auf so viele globale Probleme mit sich gebracht hat! Ich glaube wesentlich dabei sind vor allem die eben genannten Punkte. Kunst ist Botschafterin und Advokatin dieser und anderer, für eine Gesellschaft lebenswichtiger Werte. So auch das Theater.
In Zeiten von Krisen und Verunsicherungen, so scheint mir, sinkt oft das Verlangen und die Offenheit der Menschen für schwere Themen und allzu aufwühlende Inszenierungen. Oft schon jetzt, wenn ich meine Branchen-externen Freund*innen und Bekannten ins Theater einlade, kommt zuerst die Frage, „Wie schlimm“ das Stück denn sei. Etwas zu Schlimmem mag man sich nämlich lieber nicht aussetzen.
Wenn wir uns schon in unserem Alltag mit apokalyptischen Szenarien im Klimakontext, extremistischen Gewaltakten und Problemen wie zunehmender Arbeits- und Perspektivlosigkeit herumschlagen müssen, wollen wir nicht auch noch im Theater damit „gequält“ werden. Wir wollen entführt werden in eine andere Welt, wollen Träumen, Lachen und zum Phantasieren verführt werden, um uns und unseren alltäglichen Sorgen für kurze Zeit zu entfliehen und unseren Geist mit neuen, schöneren Bildern zu füllen.
Das ist einerseits natürlich fatal für das politisch-intellektuelle Regietheater, welches Missstände aufzeigen und anprangern, warnen und wachrütteln will, und dafür sein williges Publikum braucht.
Trotzdem frage ich mich, ob das Nachgehen dieser Tendenz, das Anpassen zumindest eines kleinen Teils des Angebots an die Nachfrage, dem Theater nicht auch etwas Wertvolles schenken könnte.
Mir scheint das zeitgenössische Theater, ob Stadt-, Landes-, Staatstheater oder freie Szene unterliegt einem Drang möglichst kritisch, schockierend und vor allem um jeden Preis politisch und gesellschaftlich aktuell zu sein. Das finde ich in Zeiten wie diesen einleuchtend und wichtig und möchte es nicht kritisieren. Allerdings finde ich, dass bei dem Versuch zur ständigen, kompromisslosen Aktualität der auf der Bühne verhandelten Themen, mitunter die Kunst auf der Strecke bleibt. Hat das Theater dort, wo es krampfhaft versucht seine Inhalte mit dem politischen Tagesgeschehen abzugleichen, seine tatsächliche politische Kraft als Institution nicht schon längst eingebüßt?
Was wäre, wenn das Theater sich der Utopie öffnen würde, mit einem Glauben an die ihm eigene transformative Kraft, aber ohne dabei den Bezug zur Gegenwart zu verlieren? Was, wenn es sich mehr als Experimentier-Labor der Zukunft, als Brutstätte revolutionärer Formveränderungen verstehen und einer positiven, gestalterischen Kraft einen Raum geben würde?
Grundlegende, strukturelle Veränderungen, wie sie unsere Zeit so dringend braucht, passieren nicht einfach so. Sie brauchen Raum und Zeit, um erträumt, durchdacht und ausprobiert zu werden. Das könnte das Theater bieten.
Im alten Griechenland, der Wiege unserer westeuropäischen Gesellschaft, war das Theater ein zentraler politischer Bestandteil im Herzen der (so glauben wir) ersten demokratischen Staatsform. Es ist vermutlich nicht einmal übertrieben zu behaupten, dass das Theater als einzigartiges Erlebnis von Gemeinschaft, offenem Diskurs und Einverständnis, die Demokratie in ihrer Praxis damals erst möglich machte.
Dem Theater von morgen eine ähnliche Bedeutung (zurück) zu wünschen, finde ich im Gedanken keinesfalls reaktionär, sondern revolutionär, edelmütig und im besten Sinne tollkühn. Ich würde mir wünschen, dass sich eine neue Generation von Theatermacher*innen dieser herausfordernden Vision ohne Rücksicht auf Verluste verschreibt.
In globalen Krisenzeiten wird Theater als ein kritischer Spiegel seiner Gegenwart allein schnell zu unbedeutend, wenn ihm nichts entgegengesetzt wird. Ich finde Kunst hat gesellschaftlich betrachtet auch eine gewisse Verantwortung zum Aktivismus, wenn es die Katastrophen des Zeitgeschehens erfordern.
Was liest Du derzeit?
„Warum Theater“ von Jako Hayner und „Der Prophet“ von Kalil Gibran
Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?
Theater kann nur Impulse geben, wenn es stattfindet. Da es das momentan nicht kann, möchte ich eine wichtige Aussage zu eben diesem Umstand aus Martin Kusejs Statement zur Lage vom 01. November 2020 mitgeben.
„Ich habe Mühe meinen Unmut darüber zu unterdrücken, in welche Kategorien unsere Arbeit und die Arbeit aller anderen Kulturschaffenden dieses Landes eingeordnet werden. Theater, Opern, Museen und Konzerthäuser werden quasi als Freizeitgestaltung definiert und werden mit Spielhallen, Wettbüros, Bordellen und Paintballanlagen in einen Topf geworfen. Kultur ist aber viel mehr, nämlich ein Gut, das von der öffentlichen Hand aus gutem Grund gefördert wird. Sie ist Nahrung für alle, und nimmt eine schützens- und erhaltenswerte Aufgabe für das Gemeinwesen wahr, ähnlich wie Schulen und Universitäten. Und sie ist das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie. Gerade das macht sie natürlich systemrelevant. Dies spiegelt sich im aktuellen Umgang mit der Kultur nicht wider.“
Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Lieber Alexandru, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Ich bin Vater eines fast dreijährigen Sohnes und einer fast einjährigen Tochter. Obwohl die Mutter der Kinder, meine Partnerin, die selbst Schriftstellerin ist neben ihrem Beruf als Verlegerin, ganz sicher mehr in die Erziehung der Kinder investiert als ich (Parität ist freilich das Ideal und unverwirklicht), ist mein Tagesablauf gänzlich von der Familienkonstellation bestimmt. Ich wache um etwa acht Uhr als besonders schlimmer Morgenmuffel widerwillig auf und fahre den Sohn erst einmal in die Kita. Es dauert etwa 40 Minuten, bis ich wieder zurück bin. Das erste, das ich danach fast immer unternehme, ist, zu meinem Stammcafé an der Ecke zu spazieren und dort meinen doppelten Espresso und ein plattes Wasser zu trinken. Danach arbeite ich Emailkorrespondenzen ab oder versuche, verschiedene Texte und Projekte weiterzuentwickeln, wenn ich nicht an der Reihe bin, in der Kita-Zeit des Sohnes auf die Tochter aufzupassen. Um etwa 15:30 Uhr fahre ich den Sohn aus der Kita abholen. Es dauert etwa 40 Minuten, bis ich wieder zurück bin. Jetzt beginnt die Zeit des Zeittotschlagens, in der an die Tätigkeit des Schriftstellers gar nicht mehr zu denken ist. Es beginnt der Versuch, die Kinder, so gut, es geht, zu bespaßen und ihnen das Leben wohlig zu machen. Erst nachdem der Sohn einschläft, spätestens um 21 Uhr, kehre ich zu meinem Laptop zurück. Jetzt bleiben mir etwa drei Stunden Arbeitszeit, bevor die bleierne Müdigkeit noch bleierner wird. Doch auch diese Zeit wird häufig damit verbracht, Emailkorrespondenzen abzuarbeiten oder sich anderweitig abzulenken. Ich habe es in diesem Jahr trotzdem irgendwie zustande gebracht, neben meinem Gedichtband zwei weitere größere Projekte zu einem guten Abschluss zu bringen. Darüber hinaus viele kleinere. Die würde ich allerdings nicht unbedingt als kreativ bezeichnen: Rezensionen, Essays, Lesungen … Kreativ wäre, wieder Lyrik zu schreiben. Was mir bisher, nach Erscheinen der „Petersilie“, nicht möglich war. Wem soll ich die Schuld dafür geben? Mir? Der Familienkonstellation? Dem allgemeinen Tief, in dem man sich nach einer größeren literarischen Publikation befindet? Der Pandemie? Es ist jedenfalls multikausal, und ich nehme an, dass der Körper längst an einem neuen Gedichtband arbeitet. Er nimmt die neuen Erfahrungen und Reize wie ein Schwamm auf und lässt sie durch sich hindurchgehen. Noch beschäftigt sich das Unbewusste damit. – Spätestens um 0 Uhr lege ich mich hin. Davor schaue ich mir vielleicht noch die Tagesschau an; Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, Trevor Noah, John Oliver und Sonstiges: Snooker, Interviews mit Public Intellectuals (so zumindest nennt man sie heute). Alles auf Youtube. So ungefähr sieht mein Tagesablauf aus, den freilich unzählige Kontingenzen, von denen ich gar nicht gesprochen haben, deformieren …
Alexandru Bulucz, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Aktuell leben rund 7,77 Milliarden Menschen auf der Welt (laut: Statista). Das ist eine schöne Zahl. Ich kann nicht für alle sprechen und auch nicht für alle, die ich kenne und die mich kennen.
This being said: Besonders wichtig ist, die Hygiene-Basics umzusetzen (Hände waschen, sich nicht ins Gesicht fassen, wenige Gegenstände berühren, körperlichen Abstand halten, Maske tragen) und Ruhe zu bewahren in der Pandemie und in den verschiedenen Arten des Lockdowns. Die Möglichkeiten sozialen Kontakts in ihrer Vielfalt und Bandbreite so lange wahrnehmen, bis das lebensschützende körperliche Abstandsgebot durch andere Formen des Lebensschutzes obsolet wird. Alles tun, um nicht zu vereinsamen und um geistig nicht zu verkümmern. Robust bleiben. In die Expertise der Expert*innen vertrauen.
Verantwortung besteht zurzeit darin, Verantwortung abzugeben. Oder anders: Verantwortlich handelt zurzeit, wer bereit ist, Verantwortung abzutreten an die richtigen Leute. Voilà, ein Wort, das das Potenzial hat, zu einem geflügelten Wort zu werden. An wen Verantwortung abtreten? – An die, die sie zu tragen wissen. Wissen! Denn es geht hier um lebensschützendes Wissen und ganz sicher nicht um Befindlichkeiten. Der Umgang mit der Pandemie ist keine Glaubens-, sondern eine Wissenssache.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?
Wesentlich wird sein, im kleinen Kreis wirkungsvoll zu sein. Die richtigen Dinge tun. Für die Menschen um einen herum da sein, wenn Bedarf besteht. Sicherstellen, dass jemand da sein wird für einen, wenn Bedarf besteht. Sich professionell therapieren lassen, wenn sich eine Depression anbahnt, weil die Pandemie einem doch mehr zusetzt als gedacht.
Der Literatur kommt in dieser beklemmenden Situation trotzdem nicht die Rolle der Erbauung zu. Ich denke, die Literatur (bitte als Plural denken!) hat momentan genug Widerstände, aus denen sie als gute Literatur hervorgehen kann. Und: Auch gute Literatur darf gern unterhalten.
Ich denke außerdem nicht, dass Literatur eine gesellschaftliche Rolle zu erfüllen hat. Die gesellschaftliche Rolle der Literatur, das ist eine Kategorie der Vergangenheit.
Eine Rolle hatte Kunst zum Beispiel zwischen 1933-1945 oder in der DDR. Dort konnte sie jedoch auch eine Anti-Rolle haben. Wenn sie eine Anti-Rolle hatte, dann war sie leider in den Augen der Kunstfunktionäre „entartet“ oder „schmarotzerhaft“, dann hatte sie eine Widerstands- oder Untergrundrolle, dann spielte sie – als einzig sich selbst treu seiende Kunst – eine lebensgefährliche Rolle.
In einer Demokratie entfallen solche Kategorien, glücklicherweise. Was in meinen Augen bleibt oder bleiben sollte: der literarische Versuch, die Materialermüdung der Sprache (bitte als Plural denken!), ihren Verschleiß im Alltag und durch Gegenwartsdiskurse aufzuzeigen. Literatur lässt sich unter Umständen als Wartung gesprochener Alltags- und Diskurssprachen verstehen.
Was liest Du derzeit?
Ich werde ein weiteres Mal Marzanna Kielars „Lass uns die Nacht“ (Ü: Renate Schmidgall, Edition Lyrik Kabinett) und Mila Haugovas „Zwischen zwei Leeren“ (Ü: Anja Utler, Edition Korrespondenzen) lesen. Ich möchte die Bände rezensieren. Ich darf vorgreifen: Ich bin von Kielar begeistert.
Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?
Einen literarischen Trost will ich mitgeben: Krankheit garantiert keine gute Literatur. Doch gute Literatur ist häufig nichts anderes als ein Genesungsprozess.
Vielen Dank für das Interview lieber Alexandru, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Alexandru Bulucz, Schriftsteller
Foto_Renate von Mangoldt
25.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Lieber Alfred, hoffe, es geht Ihnen gut!
Lade Sie gerne zu meiner Interview Reihe mit KünstlerInnen zur aktuellen Situation auf meinem Blog ein _ https://literaturoutdoors.com 5 Fragen. Würde mich freuen, wenn Sie mitmachen! Fragen bitte im Anhang. Bitte auch um ein Foto. Schönen Abend und alles Gute! Beste Grüße, Walter
Lieber Walter Pobaschnig – vielen Dank für das Angebot; leider kann ich die Fragen schwer beantworten, da ich seit September letzten Jahres an einer Übersetzung arbeite – 1.000 Seiten Umfang – die im August fertig sein muss. Das geht nicht ohne mindestens sechs Stunden Arbeit am Tag, zusätzlich zu meinen anderen Aktivitäten, und so gesehen war mir die Quarantäne ohnehin von der Übersetzung her verordnet. Auch meine Betroffenheit hielt sich in Grenzen. Ich weiß, dass dies eine privilegierte Situation ist – aber das ist die des Künstlers immer und ersuche um Verständnis –
MfG Alfred Goubran
Lieber Alfred, vielen Dank für Deine Antwort! Sehr schade, aber das verstehe ich natürlich. Wünsche Dir gutes Gelingen und viel Erfolg für alles!
Da Deine Antwort jetzt ja auf die Fragen/Situation eingeht, wärest Du einverstanden, wenn ich diese bringe? Es ist ja eine Wiedergabe der Zeit- und Arbeitssituation und darum geht es ja. Wenn es für Dich passt, bringe ich es am Blog. Was meinst Du? Wenn ja, bitte ich Dich auch um ein Foto. Liebe Grüße.Walter
Lieber Walter – ja, kannst DU gern verwenden; ein Photo findest Du hier zum download:www.goubran.com/photos
Lieber Valentin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Seit Mitte September bin ich „Stadtschreiber“ in Rottweil und als solcher ständiger Mitbewohner von knapp drei Dutzend Schüler*innen in einem schwäbischen Internat. Alle hier, auch die Pädagog*innen (& ich), sind mehr oder minder pubertär unterwegs – ein leicht schräger Haufen, der mir ans Herz gewachsen ist … Es gibt hier drei Mal am Tag bestes Essen. Mein Zimmer wird gesaugt. Ich kann duschen, so heiß und so lange ich will. Ein Kuraufenthalt im Grunde.
Auch das wie in der Kur: Ich kenne niemanden in der Stadt und lerne niemanden kennen. Bars, Restaurants, Kinos, das Theater: allet zu, und meine eigenen Veranstaltungen sind größtenteils ausgefallen. Zeit und Zwang genug, auf sich selbst zurückgeworfen zu sein. Keine Ausflüchte. Es bleibt mir tatsächlich nur das eine.
Die Routine dazu: Aufstehen um 6:30 Uhr. 2 Brote mit Erdnussbutter, bitte, und 1 Marmelade, danke! Und Kaffee! Arbeiten bis 13 Uhr, unterbrochen von Rückenschmerz tilgenden Maßnahmen. Mittagessen. Nochmal an die Arbeit. Später raus. Basketball. Allein oder mit Schüler*innen. Oder in den Wald. Pilze sammeln im Herbst. Pilze, die ich trockne, weil: Kost & Logis inklusive. 18 Uhr Abendessen. Lesen. Tischtennis oder Billard im Freizeitkeller. Dann zu Edeka. Bier und Mate kaufen. Bier ins Internat schmuggeln. Es auf meinem Zimmer trinken. Musik hören. Weiterlesen. Um 22 Uhr fallen schon bald die Äuglein zu.
Dann träumen, bestenfalls.
Möglich, dass ich so zufrieden bin wie lange nicht.
Valentin Moritz, Schriftsteller
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Darüber mag ich mir kein Urteil anmaßen. Was für mich ein Horrorszenario wäre, kann für eine*n Andere*n das pure Glück bedeuten – und umgekehrt. Die Frage ist: Was erwarten wir von der Zukunft? Eine Welt ohne Corona werden wir erleben, ja sogar schon erstaunlich bald, dank Wissenschaft. Aber eine Welt ohne Krise (auch im neutralen Sinn einer unvermittelten umwälzenden Veränderung) wird es nie wieder geben. Also: vermeintliche Einschränkungen als Herausforderungen nehmen. Kritisch entspannt bleiben. Mehr Diogenes aus der Tonne – weniger Henry Ford.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Alles ist relativ und Gesellschaft kein Naturgesetz. Gesellschaft – zunächst einmal im Grunde nichts weiter als ein Konstrukt, das auf bestimmten Ideen basiert. Mythen. Fiktionen, auf die sich eine Gruppe von Menschen geeinigt hat, und die immer wieder neu verhandelt werden. Kunst ist die Sprache, in der diese Verhandlung geführt wird. Sie war von Anfang an dabei – und wird definitiv bis zum Schluss mit von der Partie sein. Insofern brauchen wir uns auch keine Sorgen um sie zu machen – die Kunst wird nicht aussterben. Auch nicht, wenn die AfD (oder irgendein anderer totalitärer Arschlochverein) an die Macht kommt. Kunst ist weder gut noch böse. Kunst ist nicht systemrelevant – nicht in dem Sinne, dass sie benötigt wird, um das System in seiner gegenwärtigen Form zu erhalten. Im Gegenteil, Kunst sorgt für stete Veränderung.
Es ist also vielleicht nicht die Kunst, die „engagiert“ sein muss, nicht die Künstler*innen – sondern die Menschen. Nicht alle Menschen sind Künstler*innen – aber die meisten Künstler*innen sind Menschen. Deshalb kommen sie oft nicht dadrum herum, mit einem politischen Willen zu schreiben, malen, rappen.
Was liest Du derzeit?
David Lynch/Kristine McKenna: „Traumwelten“
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Alles ist heikel und empfindlich, die ganze Menschheit, und die Welt ist unvollkommen.“ (David Lynch)
Vielen Dank für das Interview lieber Valentin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Liebe Anita, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Es sind viele Stunden, die ich heute füllen darf. Diese Gedanken lösen täglich Hoffnung, Freude und Dankbarkeit in mir aus. Ja, es ist eine Gnade durch diese momentan gebremste Unwirklichkeit die Möglichkeit zur Gestaltung einer neuen Wirklichkeit geschenkt zu kriegen.
Antia Wiegele_Künstlerin
So banal wie meine Tätigkeiten im täglichen Haushaltsgeschehen auch sein mögen, so kunstgeschwängert sind meine sich ständig darin drehenden Gedanken. Ein zweites Programm sozusagen, was sich in meinem Hirn abspielt.
So führe ich zwischen dem Kochen, dem weihnachtlichem Kekse backen, den täglichen Spaziergängen und was sonst noch alles inner- und außerhalb meiner vier Wänden so anfällt, ein sehr intimes Hirninnenleben.
Anita Wiegele_ „Auf Reisen gebettet“
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Im FLOW zu bleiben. In der immer weiter nach vorne strebenden Energie zu wandeln. Den Blick zu erheben, den eigenen Horizont zu erkennen, ihn zu lieben, zu vertrauen und ihn zu erweitern. Mein Horizont ist vermutlich so wie bei vielen anderen zeitweise verschwommen um ihn genau zu erkennen. Deshalb hab ich mich an das Fühlen zurückerinnert. Diesen Rat würde ich weitergeben, weniger schauen, viel mehr fühlen und dem Weg der inneren Sprache vertrauen.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?
Ich denke meinen lichten, privaten Hafen habe ich gefunden. Der Platz an dem ich mich geborgen fühle. Doch auch hier gibt es täglich Neubeginn. Die körperliche Anwesenheit geliebter Menschen über die gewohnte Weite hinaus zeigt mir viel Neues an mir und an meinem Gegenüber.
Jetzt hab ich zwar die geschenkte Zeit in meinem Tag, die räumliche Distanz aber welche fehl, macht vieles neu und auch fremd. Eine Distanz, welche so notwendig ist das Gegenüber klar zu sehen. Ein Schritt weiter weg würde manchmal dem Atmen mehr Jauchzen geben. So ist jeder Tag eine neue Herausforderung ein Neuanfang im Altgewohnten.
Wenn ich an einen NEUANFANG in der Kunst denke, dann bemerke ich an mir dass es mehr als die Malerei braucht. Mehr als die Leinwand, den Pinsel, den Stift, die Farbe.
Da mein Hirn, also dieses 2. Programm der Kreativität, mir stündlich Material liefert, Material welches mir zu wichtig ist um auf den richtigen Zeitpunkt der Umsetzung zu warten, habe ich das Blatt Papier und die Fotografie als fixen Tagespunkt noch intensiver in mein Leben genommen. Ein Ventil das mir hilft alle mir so wunderbaren und auch einschneidenden Momente tagebuchartig in meine Zukunft hinein zu fixieren. Vieles werde ich vergessen. Wie Krümel eines angebissenen Brotes im Floor des Teppichs werde ich sie entsorgen oder wer weiß vielleicht finden sich nach einiger Zeit bereits als unwichtig erachtete Erinnerungskrümel wieder. Aus diesen Dingen entstehen bei mir immer die besten Dinge. Das war schon immer so.
Bei meinem interdisziplinären Projekt „die gerahmte Zeit“ beschäftige ich mich intensiv mit der Zeit und mit den Menschen, dem Fremden, der Angst und mit meiner Bestimmung. Dieses Projekt entstand aus diesen vielen Krümeln, welche ich über eine lange Periode gesammelt habe. So sind viele kleine Dinge schon perfekt in ihrem Entstehen, brauchen aber Luft zum Atmen. Erst zum richtigen Zeitpunkt werden sie groß, bilden ein Ganzes und zeigen sich in ihrer ganzen Wucht.
Interdisziplinäres Projekt “ die gerahmte Zeit „
Nein, es wird keinen Neuanfang geben, dafür bräuchte es ja einen vorherigen Stopp. Wenn du durch und durch die Kunst lebst, weil sie dir keine andere Wahl lässt, wird sie dich nicht zu einem Neuanfang zwingen. Sie ist aber ungnädig darin dir einen kompletten Ausstieg zu ermöglichen.
Was liest Du derzeit?
Ich lese das großartige Buch von Sandra Gugic ZORN und STILLE
Ein Roman über das Thema „was heisst es aus einem Land zu kommen, das es nicht mehr gibt“… die Autorin schreibt in einer sehr poetischen Sprachmelodie über Freiheit, Liebe, Kunst, Vater-Mutter-Geschwister Thema und über das wichtige Wort Selbstbestimmung.
Ein wundervolles Buch das mir erlaubt, mich an einzelnen Textstellen festzukrallen um zu genießen.
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
Es geht hier nicht um mich. Es geht um ein Auge. Es ist der Blick der die Geschichte zusammenhält.
(aus dem Buch Zorn und Stille)
Vielen Dank für das Interview liebe Anita, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
5 Fragen an KünstlerInnen:
Anita Wiegele, Künstlerin
Fotos_Anita Wiegele
9.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.
Liebe Juliana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?
Da ich nicht nur Autorin bin, sondern auch an einer Hochschule arbeite, prägt dies auch meinen Tagesablauf. Nach dem Frühstück (das ich meist am PC zu mir nehme, während ich mich durch Nachrichten scrolle) werden Arbeitsmails durchgesehen und bearbeitet. Ansonsten bereite ich Seminarsitzungen vor (und halte diese ab) oder sitze in Videokonferenzen, um dies oder das zu besprechen und zu organisieren. Zwischendurch: Einkaufen, Essen, Haushalt, Bibliothek, Lesen, und an guten Tagen: Schreiben.
Juliana Kalnay_Schriftstellerin
Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?
Versuchen, das Beste daraus zu machen und nicht aus den Augen zu verlieren bzw. uns immer wieder daran zu erinnern, dass…
…die aktuelle Situation nicht für immer anhalten wird und die kleinen und großen Opfer, die wir alle auf die ein oder andere Weise erbringen, dazu dienen, das Licht am Ende des Tunnels ein bisschen näher zu rücken.
…mit jeder Freiheit auch eine Verantwortung einhergeht und die Tatsache, dass etwas erlaubt ist, nicht davon entbehrt, nachzudenken und abzuwägen.
…diese Pandemie alle, in deren Lebenssituation „sich schützen“ überhaupt eine Option darstellt und die in einem Land leben, in dem die Gesundheit der Bevölkerung (und ihre gesundheitliche Versorgung) als oberste Priorität behandelt wird und das selbstverständlich finanzielle Hilfen für besonders Betroffene in Aussicht stellt, schon allein aus diesen Gründen in einer privilegierten Situation trifft.
… es auch noch andere dringende Probleme zu bewältigen gibt, auch wenn diese zwischendurch aus dem Blickfeld geraten sind.
Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?
Literatur und andere Künste können dabei helfen, Dinge, „zwischen den Zeilen“, d.h. auf auf einer intuitiven, emotionalen Ebene verständlich zu machen. Bestimmte Werke können zu uns „sprechen“, wenn wir Trost, Motivation oder einen Sinn suchen, sie können uns aufwühlen (und das ist durchaus positiv gemeint) und wir finden in ihnen neue Impulse und Denkanregungen.
Was liest Du derzeit?
„Aus der Zuckerfabrik“ von Dorothee Elmiger
Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?
„Am Ende war da immer ein Faden weiter gespannt, der über das Volumen hinausging, auf ein Vielleicht verweisend, auf ein Bestenfalls, auf ein Werweiß, das jede versteinerte Version des Werkes außer Kraft setzte.“
(Aus: „Rayuela. Himmel und Hölle“ von Julio Cortázar in der Übersetzung von Fritz Rudolf Fries)
Vielen Dank für das Interview liebe Juliana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!
Es ist ein entscheidendes privates wie berufliches Lebensjahrzehnt der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, das mit den 1960er anbricht. Die gefeierte Lyrikerin ist der shooting star der deutschen Nachkriegsdichtung. Viele literarische Auszeichnungen wie ein Spiegel cover sind Ausdruck davon
Sie zieht 1960 mit ihrem Lebenspartner Max Frisch nach Rom. In der Nähe des prächtigen Gartens der Villa Borghese beziehen sie ein Apartment. Beide verbindet das Schreiben und die private Perspektive möglicher Zukunft. Ingeborg Bachmann ist 34Jahre alt. Und sie wagt nicht nur privat neue Schritte.
Die Prosa wird nun zur Mitte des Schreibens für die in Klagenfurt geborene Schriftstellerin. Erzählungen sind es, die in ihrer Intensität wie Variation gleichsam die eindringliche lyrische Stimme aufnehmen und in neuer Kraft in die erwartungsvolle Welt der Literatur und Gesellschaft setzen. Es ist ein Wagnis, das Bachmann hier eingeht. Doch dieses hatte sie nie gescheut…
Der Erzählband eröffnet mit einem schonungslosen existentiellen Blick auf die Schwelle eines Lebensjahrzehntes, in dem sich die Schriftstellerin gerade befindet – Das dreißigste Jahr. Diese Prosa ist neu in Direktheit, Ansprache und Schonungslosigkeit. Der Band schließt mit Undine geht, einem literarischen Manifest, welches patriarchale Lebensformen und Ansprüche in Doppelbödigkeit und Lüge zertrümmert und zerfetzt.
Ingeborg Bachmann riskiert mit ihrem neuen Schreiben alles und gewinnt alles. Auch ein neues Leben nach Max Frisch – „Ich liebe. Liebt ihr? Wie stellt ihr das fest? Habt ihr höheren Blutdruck?“ (Ein Wildermuth).
Die vorliegende Werkausgabe – Salzburger Bachmann Edition – bietet nun diesen prosaischen Beginn und Meilenstein in der schriftstellerischen Entwicklung Ingeborg Bachmanns (1926 – 1973) in umfassender Editionsform mit literarischem Kommentar wie zeithistorischen wie biografischen Bezügen.
„Ein Ereignis und Meilenstein moderner Literatur in umfassender Kommentarausgabe – ebenso ein beeindruckendes Ereignis moderner Edition!“