„Den Blick zu erheben, den eigenen Horizont zu erkennen, ihn zu lieben, zu vertrauen und ihn zu erweitern“ Anita Wiegele, Künstlerin_Finkenstein/K. _10.12.2020

Liebe Anita, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es sind viele Stunden, die ich heute füllen darf. Diese Gedanken lösen täglich Hoffnung, Freude und Dankbarkeit in mir aus. Ja, es ist eine Gnade durch diese momentan gebremste Unwirklichkeit die Möglichkeit zur Gestaltung einer neuen Wirklichkeit geschenkt zu kriegen.

Antia Wiegele_Künstlerin

So banal wie meine Tätigkeiten im täglichen Haushaltsgeschehen auch sein mögen, so kunstgeschwängert sind meine sich ständig darin drehenden Gedanken. Ein zweites Programm sozusagen, was sich in meinem Hirn abspielt.

So führe ich zwischen dem Kochen, dem weihnachtlichem Kekse backen, den täglichen Spaziergängen und was sonst noch alles inner- und außerhalb meiner vier Wänden so anfällt, ein sehr intimes Hirninnenleben.    

Anita Wiegele_ „Auf Reisen gebettet“

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im FLOW zu bleiben. In der immer weiter nach vorne strebenden Energie zu wandeln. Den Blick zu erheben, den eigenen Horizont zu erkennen, ihn zu lieben, zu vertrauen und ihn zu erweitern. Mein Horizont ist vermutlich so wie bei vielen anderen zeitweise verschwommen um ihn genau zu erkennen. Deshalb hab ich mich an das Fühlen zurückerinnert. Diesen Rat würde ich weitergeben, weniger schauen, viel mehr fühlen und dem Weg der inneren Sprache vertrauen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich denke meinen lichten, privaten Hafen habe ich gefunden. Der Platz an dem ich mich geborgen fühle.  Doch auch hier gibt es täglich Neubeginn. Die körperliche Anwesenheit geliebter Menschen über die gewohnte Weite hinaus zeigt mir viel Neues an mir und an meinem Gegenüber.

Jetzt hab ich zwar die geschenkte Zeit in meinem Tag, die räumliche Distanz aber welche fehl, macht vieles neu und auch fremd. Eine Distanz, welche so notwendig ist das Gegenüber klar zu sehen. Ein Schritt weiter weg würde manchmal dem Atmen mehr Jauchzen geben. So ist jeder Tag eine neue Herausforderung ein Neuanfang im Altgewohnten.

Wenn ich an einen NEUANFANG in der Kunst denke, dann bemerke ich an mir dass es mehr als die Malerei braucht. Mehr als die Leinwand, den Pinsel, den Stift, die Farbe.

Da mein Hirn, also dieses 2. Programm der Kreativität, mir stündlich Material liefert, Material welches mir zu wichtig ist um auf den richtigen Zeitpunkt der Umsetzung zu warten, habe ich das Blatt Papier und die Fotografie als fixen Tagespunkt noch intensiver in mein Leben genommen. Ein Ventil das mir hilft alle mir so wunderbaren und auch einschneidenden Momente tagebuchartig  in meine Zukunft hinein zu fixieren. Vieles werde ich vergessen.  Wie Krümel eines angebissenen Brotes im Floor des Teppichs werde ich sie entsorgen oder wer weiß vielleicht finden sich nach einiger Zeit bereits als unwichtig erachtete Erinnerungskrümel wieder. Aus diesen Dingen entstehen bei mir immer die besten Dinge. Das war schon immer so.

Bei meinem interdisziplinären Projekt „die gerahmte Zeit“ beschäftige ich mich intensiv mit der Zeit und mit den Menschen, dem Fremden, der Angst und mit meiner Bestimmung. Dieses Projekt entstand aus diesen vielen Krümeln, welche ich über eine lange Periode gesammelt habe. So sind viele kleine Dinge schon perfekt in ihrem Entstehen, brauchen aber Luft zum Atmen. Erst zum richtigen Zeitpunkt werden sie groß, bilden ein Ganzes und zeigen sich in ihrer ganzen Wucht.

Interdisziplinäres Projekt “ die gerahmte Zeit „

Nein, es wird keinen Neuanfang geben, dafür bräuchte es ja einen vorherigen Stopp. Wenn du durch und durch die Kunst lebst, weil sie dir keine andere Wahl lässt, wird sie dich nicht zu einem Neuanfang zwingen. Sie ist aber ungnädig darin dir einen kompletten Ausstieg zu ermöglichen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese das großartige Buch von Sandra Gugic  ZORN und STILLE

Ein Roman über das Thema „was heisst es aus einem Land zu kommen, das es nicht mehr gibt“… die Autorin schreibt in einer sehr poetischen Sprachmelodie über Freiheit, Liebe, Kunst, Vater-Mutter-Geschwister Thema und über das wichtige Wort Selbstbestimmung.

Ein wundervolles Buch das mir erlaubt, mich an einzelnen Textstellen festzukrallen um zu genießen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Es geht hier nicht um mich. Es geht um ein Auge. Es ist der Blick der die Geschichte zusammenhält.

(aus dem Buch Zorn und Stille)

Vielen Dank für das Interview liebe Anita, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anita Wiegele, Künstlerin

Fotos_Anita Wiegele

9.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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