„Wesentlich wird sein, im kleinen Kreis wirkungsvoll zu sein. Die richtigen Dinge zu tun“ Alexandru Bulucz_Schriftsteller_ Frankfurt/Main 11.12.2020

Lieber Alexandru, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich bin Vater eines fast dreijährigen Sohnes und einer fast einjährigen Tochter. Obwohl die Mutter der Kinder, meine Partnerin, die selbst Schriftstellerin ist neben ihrem Beruf als Verlegerin, ganz sicher mehr in die Erziehung der Kinder investiert als ich (Parität ist freilich das Ideal und unverwirklicht), ist mein Tagesablauf gänzlich von der Familienkonstellation bestimmt. Ich wache um etwa acht Uhr als besonders schlimmer Morgenmuffel widerwillig auf und fahre den Sohn erst einmal in die Kita. Es dauert etwa 40 Minuten, bis ich wieder zurück bin. Das erste, das ich danach fast immer unternehme, ist, zu meinem Stammcafé an der Ecke zu spazieren und dort meinen doppelten Espresso und ein plattes Wasser zu trinken. Danach arbeite ich Emailkorrespondenzen ab oder versuche, verschiedene Texte und Projekte weiterzuentwickeln, wenn ich nicht an der Reihe bin, in der Kita-Zeit des Sohnes auf die Tochter aufzupassen. Um etwa 15:30 Uhr fahre ich den Sohn aus der Kita abholen. Es dauert etwa 40 Minuten, bis ich wieder zurück bin. Jetzt beginnt die Zeit des Zeittotschlagens, in der an die Tätigkeit des Schriftstellers gar nicht mehr zu denken ist. Es beginnt der Versuch, die Kinder, so gut, es geht, zu bespaßen und ihnen das Leben wohlig zu machen. Erst nachdem der Sohn einschläft, spätestens um 21 Uhr, kehre ich zu meinem Laptop zurück. Jetzt bleiben mir etwa drei Stunden Arbeitszeit, bevor die bleierne Müdigkeit noch bleierner wird. Doch auch diese Zeit wird häufig damit verbracht, Emailkorrespondenzen abzuarbeiten oder sich anderweitig abzulenken. Ich habe es in diesem Jahr trotzdem irgendwie zustande gebracht, neben meinem Gedichtband zwei weitere größere Projekte zu einem guten Abschluss zu bringen. Darüber hinaus viele kleinere. Die würde ich allerdings nicht unbedingt als kreativ bezeichnen: Rezensionen, Essays, Lesungen … Kreativ wäre, wieder Lyrik zu schreiben. Was mir bisher, nach Erscheinen der „Petersilie“, nicht möglich war. Wem soll ich die Schuld dafür geben? Mir? Der Familienkonstellation? Dem allgemeinen Tief, in dem man sich nach einer größeren literarischen Publikation befindet? Der Pandemie? Es ist jedenfalls multikausal, und ich nehme an, dass der Körper längst an einem neuen Gedichtband arbeitet. Er nimmt die neuen Erfahrungen und Reize wie ein Schwamm auf und lässt sie durch sich hindurchgehen. Noch beschäftigt sich das Unbewusste damit. – Spätestens um 0 Uhr lege ich mich hin. Davor schaue ich mir vielleicht noch die Tagesschau an; Jimmy Kimmel, Stephen Colbert, Trevor Noah, John Oliver und Sonstiges: Snooker, Interviews mit Public Intellectuals (so zumindest nennt man sie heute). Alles auf Youtube. So ungefähr sieht mein Tagesablauf aus, den freilich unzählige Kontingenzen, von denen ich gar nicht gesprochen haben, deformieren …

Alexandru Bulucz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Aktuell leben rund 7,77 Milliarden Menschen auf der Welt (laut: Statista). Das ist eine schöne Zahl. Ich kann nicht für alle sprechen und auch nicht für alle, die ich kenne und die mich kennen.

This being said: Besonders wichtig ist, die Hygiene-Basics umzusetzen (Hände waschen, sich nicht ins Gesicht fassen, wenige Gegenstände berühren, körperlichen Abstand halten, Maske tragen) und Ruhe zu bewahren in der Pandemie und in den verschiedenen Arten des Lockdowns. Die Möglichkeiten sozialen Kontakts in ihrer Vielfalt und Bandbreite so lange wahrnehmen, bis das lebensschützende körperliche Abstandsgebot durch andere Formen des Lebensschutzes obsolet wird. Alles tun, um nicht zu vereinsamen und um geistig nicht zu verkümmern. Robust bleiben. In die Expertise der Expert*innen vertrauen.

Verantwortung besteht zurzeit darin, Verantwortung abzugeben. Oder anders: Verantwortlich handelt zurzeit, wer bereit ist, Verantwortung abzutreten an die richtigen Leute. Voilà, ein Wort, das das Potenzial hat, zu einem geflügelten Wort zu werden. An wen Verantwortung abtreten? – An die, die sie zu tragen wissen. Wissen! Denn es geht hier um lebensschützendes Wissen und ganz sicher nicht um Befindlichkeiten. Der Umgang mit der Pandemie ist keine Glaubens-, sondern eine Wissenssache.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst zu?

Wesentlich wird sein, im kleinen Kreis wirkungsvoll zu sein. Die richtigen Dinge tun. Für die Menschen um einen herum da sein, wenn Bedarf besteht. Sicherstellen, dass jemand da sein wird für einen, wenn Bedarf besteht. Sich professionell therapieren lassen, wenn sich eine Depression anbahnt, weil die Pandemie einem doch mehr zusetzt als gedacht.

Der Literatur kommt in dieser beklemmenden Situation trotzdem nicht die Rolle der Erbauung zu. Ich denke, die Literatur (bitte als Plural denken!) hat momentan genug Widerstände, aus denen sie als gute Literatur hervorgehen kann. Und: Auch gute Literatur darf gern unterhalten.

Ich denke außerdem nicht, dass Literatur eine gesellschaftliche Rolle zu erfüllen hat. Die gesellschaftliche Rolle der Literatur, das ist eine Kategorie der Vergangenheit.

Eine Rolle hatte Kunst zum Beispiel zwischen 1933-1945 oder in der DDR. Dort konnte sie jedoch auch eine Anti-Rolle haben. Wenn sie eine Anti-Rolle hatte, dann war sie leider in den Augen der Kunstfunktionäre „entartet“ oder „schmarotzerhaft“, dann hatte sie eine Widerstands- oder Untergrundrolle, dann spielte sie – als einzig sich selbst treu seiende Kunst – eine lebensgefährliche Rolle.

In einer Demokratie entfallen solche Kategorien, glücklicherweise. Was in meinen Augen bleibt oder bleiben sollte: der literarische Versuch, die Materialermüdung der Sprache (bitte als Plural denken!), ihren Verschleiß im Alltag und durch Gegenwartsdiskurse aufzuzeigen. Literatur lässt sich unter Umständen als Wartung gesprochener Alltags- und Diskurssprachen verstehen.

Was liest Du derzeit?

Ich werde ein weiteres Mal Marzanna Kielars „Lass uns die Nacht“ (Ü: Renate Schmidgall, Edition Lyrik Kabinett) und Mila Haugovas „Zwischen zwei Leeren“ (Ü: Anja Utler, Edition Korrespondenzen) lesen. Ich möchte die Bände rezensieren. Ich darf vorgreifen: Ich bin von Kielar begeistert.

Welchen literarischen Impuls möchtest Du uns mitgeben?

Einen literarischen Trost will ich mitgeben: Krankheit garantiert keine gute Literatur. Doch gute Literatur ist häufig nichts anderes als ein Genesungsprozess.

Vielen Dank für das Interview lieber Alexandru, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Alexandru Bulucz, Schriftsteller 

Foto_Renate von Mangoldt

25.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

Ein Gedanke zu „„Wesentlich wird sein, im kleinen Kreis wirkungsvoll zu sein. Die richtigen Dinge zu tun“ Alexandru Bulucz_Schriftsteller_ Frankfurt/Main 11.12.2020

  1. Ich kenne Alexandru ( ist mein Sohn) aber nicht genug . Ich bin immer wieder überrascht wie sich entwickelt hat , von kleine schüchterne Junge zu eine der intelligenten Rumänen.
    Bin stolz ist zu wenig gesagt . Dafür bin dankbar

    Liken

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