

Rom um 1971
100.Geburtstag Ingeborg Bachmann _
Im Interview _ Gabriele Vasak, Schriftstellerin _ Wien
Liebe Gabriele, welche Zugänge gibt es von Dir zum Werk Ingeborg Bachmanns?
Meine Mutter hat mir zu meinem 16. Geburtstag den Band „Sämtliche Erzählungen“ von Ingeborg Bachmann geschenkt, und ich hab diese Erzählungen „gefressen“ und war und bin begeistert davon. Vor allem „Ihr glücklichen Augen“ hat mich damals wie heute beschäftigt: Darin ist die Rede von den „kranken optischen Systemen“ der Protagonistin Miranda, die ihr schlechtes Sehen als „ein Geschenk des Himmels“ bezeichnet, weil es sie davor bewahrt, das, was die anderen Menschen sehen und mitansehen müssen, aushalten zu müssen. Das empfinde ich als eine brillante Darstellung von Aspekten wie Außenseitertum und Rückzug aufgrund eines Mangels, aber auch das Schaffen von Nischen, in denen verletzliche Menschen sich ihr höchstpersönliches Leben einrichten. Außerdem gibt es da auch ein Identifikationsmoment für mich, da ich selbst nicht sehr gut sehe und meine Brille oft nicht trage, um die Dinge nicht so genau sehen zu müssen….

Literatur outdoors _ Wien 1_26. folgende

Was macht das Besondere Ihres Schreibens aus?
„Die Wahrheit ist den Menschen zumutbar“ hat Ingeborg Bachmann nicht nur gesagt, sondern wohl auch gelebt. Ich denke, sie hat es als Aufgabe aller Schreibenden gesehen, den Menschen die Wahrheit zuzumuten.


Möchtest Du bestimmte Werke hervorheben?
Das ist schwierig, weil alles so gut ist, aber ich liebe die Erzählungen immer noch sehr und auch viele Gedichte – hier vielleicht besonders „Wenn einer fortgeht“:
Wenn einer fortgeht, muß er den Hut
mit den Muscheln, die er sommerüber
gesammelt hat, ins Meer werfen
und fahren mit wehendem Haar,
er muß den Tisch, den er seiner Liebe
deckte, ins Meer stürzen,
er muß den Rest des Weins,
der im Glas blieb, ins Meer schütten,
er muß den Fischen sein Brot geben
und einen Tropfen Blut ins Meer mischen,
er muß sein Messer gut in die Wellen treiben
und seinen Schuh versenken,
Herz, Anker und Kreuz,
und fahren mit wehendem Haar!
Dann wird er wiederkommen.
Wann?
Frag nicht.
Wer sonst hat so intensiv und poetisch über Abschiede geschrieben….

„die Männer sind unheilbar krank…sie sind es, wussten sie das nicht? Alle…“ Ingeborg Bachmann in einem Interview, 1971 _ wie siehst Du Ingeborg Bachmanns Gesellschaftskritik der zerstörerischen wie selbst zerstörerischen patriarchalen Welt heute?
Seit 1971 hat sich einiges verändert, aber wir leben noch immer in einer patriarchalen Weltordnung oder -unordnung, nur dass wir heute andere Spielarten dieser zerstörerischen und selbst zerstörerischen Ordnung kennen und leben. Es ist vielleicht einen Versuch wert, sich dem entgegenzustellen, indem man und frau sie nicht ernst nimmt, in Nischen eine eigene Welt aufbaut und darin lebt.

„Es ist eine seltsame, absonderliche Art zu existieren, asozial, einsam, verdammt, es ist etwas verdammt daran“, so charakterisierte Ingeborg Bachmann Schreiben und Existenz in ihrer Rede zur Verleihung des Anton Wildgans Preises 1971. Ist das Schreiben, die Kunst immer (auch) eine Form des persönlichen „Martyriums“?
Es hat schon etwas Seltsames, sich dem Schreiben auszusetzen und die meiste Zeit in relativer Einsamkeit zu arbeiten, aber ich empfinde es nicht als Martyrium allein zu sein, solange zwischendurch Kontakt und Austausch mit anderen stattfindet. Außerdem kann das alleine Arbeiten auch zu wunderbaren Flows führen – das erlebe ich immer wieder.

Was hättest Du Ingeborg Bachmann gerne gesagt, gefragt?
Mich hätte ihre Haltung zum Tod interessiert.

Was sind Deine aktuellen Projektpläne?
Ich arbeite derzeit an einem literarischen Experiment, bei dem nicht klar ist und auch nicht klar sein soll, ob es ein Dorfroman, ein literarisches Rätsel, eine Liebesgeschichte oder einfach Autofiktion ist. Das ganze wird ein Doppel-Roman, die beiden Teile sind als zusammengehörige, aber eigenständige Romane zu verstehen, die eine gemeinsame Geschichte erzählen, wobei im ersten Teil Rätsel auftauchen, die teilweise erst im zweiten Teil aufgelöst werden, und ich habe unglaublichen Spaß an der Sache.
Herzlichen Dank für das Interview!

Foto: Ingeborg Bachmann: Garibaldi Schwarze, um 1970.
Fotos: Gabriele Vasak _ homestory _ Literatur outdoors _ Walter Pobaschnig 1/26
Walter Pobaschnig 1_26