„Kunst vermag zu trösten“ Ruth Brauner, Bildende Künstlerin_Niederösterreich 25.1.2022

Liebe Ruth, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich musste mich im letzten Jahr oft zusammenreißen und mich selbst daran erinnern, dass die täglichen Zeiten für meine künstlerische Arbeit nicht in Vergessenheit geraten. Die ständigen Wechsel zwischen Präsenz- und Online, muss ich zugeben, zehren an mir. Ich versuche das Beste aus der jeweiligen Situation zu machen.
An zwei bis vier Tagen die Woche arbeite ich an der Musik- und Kunstschule im Bezirk Mödling. Die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen tut mir gut und bietet mir neben meiner eigenen Atelierarbeit Inspiration und Ablenkung.
In den letzten Monaten habe ich auch so oft als möglich Ausstellungen besucht, auch ein Theaterbesuch ist sich noch ausgegangen. Durch die Einschränkungen der letzten beiden Jahre ist mir einmal mehr bewusst geworden, welchen unglaublichen Reichtum an Möglichkeiten wir üblicherweise haben.
Und last but not least nehmen eine prominente Stelle in meinem Tagesablauf mein Partner und meine Kinder ein. Wir kochen und essen beispielsweise gemeinsam. Ich bin sehr dankbar, gerade in wiederkehrenden Lockdownzeiten, dass ich das Privileg dieser Familiensituation genießen darf.

Ruth Brauner, Bildende Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit. Für mich scheint das die zurzeit wichtigste Eigenschaft zu sein.
Ich habe einmal eine Dokumentation über Angela Merkel gesehen, laut der sie zuerst mal ihren wöchentlichen Saunabesuch wahrnahm, als ihr 1989 die Nachricht von der Erstürmung und dem Fall der Mauer zu Ohren kam. Das hat mich schwer beeindruckt und ich hoffe, dass ich mich in Situationen, die mich bedrängen, daran erinnern werde, um besonnene Entscheidungen treffen zu können.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu?

Kunst kann einerseits über schwierige Zeiten hinweghelfen und vermag den/die Einzelne zu trösten. Andererseits kann Kunst auch neue Wege eröffnen, wenn die alten Wege überholt scheinen, sie kann auch dazu beitragen nach Niederlagen aufzustehen und neu anzufangen. Kunst beinhaltet und verträgt es zu scheitern und immer wieder von Neuem zu beginnen.

Was liest Du derzeit?

Siri Hustvedt, eine Autorin, die mich seit vielen Jahren begleitet. Ich liebe ihre Romane wie auch ihre Essays. In und mit ihnen fühle ich mich aufgehoben, verstanden und getröstet.
Außerdem lese ich gerade den Roman „Die Gastgeberin“ von Karin Ivancsics, einer österreichischen Schriftstellerin, die ich vor zwei Wochen durch Zufall bei einer Lesung in meiner Lieblingsgalerie kunstraumARCADE in Mödling, Nö kennengelernt habe. Der Roman handelt von einer Künstlerin, die mit „ihren Verstorbenen“ in Gesprächen und Diskussionen Zwiesprache hält.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Es kommt eh, wie´s kommen muss und so kommt es dann auch, meistens jedenfalls.“ Das ist sinngemäß ein Zitat aus „Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand“ von Jonas Jonasson, an den genauen Wortlaut kann ich mich leider nicht erinnern. Dieses Buch kann ich aber jeder/m empfehlen. Humor ist eine Eigenschaft, die ebenfalls über schwierige Zeiten hinweghelfen kann und Humor kommt in diesem Buch nicht zu kurz.

Vielen Dank für das Interview liebe Ruth, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Ruth Brauner, Bildende Künstlerin

www.ruthbrauner.at

Fotos_F.Jana Madzigon

24.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Romy spielt sich frei“ Günter Krenn, Molden Verlag

Es ist ein Leben im Rampenlicht, das auch abseits der Filmscheinwerfer nicht erlischt. Alles ist im Bild. Jede Drehpause in jungen Jahren. Jeder Schritt. Da gibt es keinen Winkel im Schatten, in dem es sich zu sich finden lässt…

Da ist die Großmutter, der Vater, die Mutter und die große Tradition des Theaters, des Schauspiels. Vom Hoftheater des Kaisers bis in die Dunkelheit der 1930/40er Jahre. The show must go on. Das Bühnenlicht zählt mehr als alles. Auch jetzt für ein junges Leben…

Und dann so schnell selbst auf Filmplakaten, Titelseiten, Fotos da und dort. Da bleibt keine Zeit um lange in den Spiegel zu blicken…wer bin ich? Es geht weiter und weiter. Schneller und schneller. Die Filmrolle, das Leben, die Liebe…und der Tod…

„Es gibt nur ein Leben, und ich will es leben“ Romy Schneider, 1977

Günter Krenn, Philosoph, Theaterwissenschaftler und Mitarbeiter des Österreichischen Filmmuseums sowie mehrfach ausgezeichneter Autor, legt mit „Romy spielt sich frei“ eine beeindruckende Biographie der Künstler*innendynastie der und rund um die österreichische Schauspielerin Romy Schneider (1938 – 1982) in Wort und Bild vor.

Beeindruckend ist einerseits das Sachwissen zu Biographie und künstlerischer Zeitgeschichte, das in wunderbarer Text- und Bildsprache gleichsam Zeit und Bühne lebendig werden lässt, anderseits der mitreißende Sprachstil, der Leben und Werk der Familie Romy Schneiders filmgleich vor die staunenden, begeisterten Leseaugen stellt.

Ein wunderbarer Lebensbogen in Wort und Bild für Romy Schneiders Fans wie Theater- Filmgeschichteinteressierte, der unvergleichlich ist.

„Günter Krenn ist ein genialer Buchregisseur wie es nur ganz wenige gibt – ein Geschenk in Wort und Bild!“

Günter Krenn, „Romy spielt sich frei: Glanz und Tragik einer Schauspieldynastie“

Walter Pobaschnig

https://literaturoutdoors.com

„Musik ist der direkteste Weg zur Seele des Menschen“ Theresa Aigner, Musikerin _ Wien 24.1.2022

Liebe Theresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Da ich beruflich viel unterwegs bin, gestalten sich meine Tage immer sehr unterschiedlich. Bis zum frühen Vormittag kann ich mich mit Körper-Geist-Übungen sowie Geige-Üben auf den Tag und die aktuellen Erfordernisse einstellen. Danach bin ich am Weg zu meinen Unterrichts-Stellen, zu Proben, Besprechungen, Konzerte oder widme mich der Büroarbeit. Die Lockdown-Zeiten haben meine gesamten Abläufe in (m)ein Zimmer, auf einen Ort projiziert: Online-Unterricht, Üben, Musik hören und erarbeiten. Diese Entschleunigung habe ich sehr schätzen gelernt und möchte ich unbedingt beibehalten. Es lässt mich bewusster und intensiver leben.

Theresa Aigner MA
Musikpädagogin, Musikerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht die Nerven verlieren. Und wenn doch, bieten Sport, Natur und Berge, Freundinnen und Freunde, Tagebücher oder besonders die Kunst eine geeignete Möglichkeit, den inneren Ausgleich wiederherzustellen.
Ich persönlich stelle mir oft die Frage: Was werden wir in 20, 30, 40 Jahre unseren Kindern und Enkelkindern erzählen, wenn sie uns zu dieser Zeit befragen?

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die Kunst allgemein lässt uns spüren, dass wir Menschen analoge und fühlende Wesen sind. Für mich ist die Musik der direkteste Weg zur Seele des Menschen. Findet musikalisch-emotionale Berührung statt, sind wir Menschen im Kontakt miteinander und können im großen gesellschaftlichen Gefüge in Dialog treten. Das lässt uns friedlich mit uns selbst und den brennenden Fragen der Zeit auseinandersetzen.

Was liest Du derzeit?

Marlene Streeruwitz: Geschlecht. Zahl. Fall.

Ihre konsequente und klare Haltung ist für mich eine große Horizonterweiterung.


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Joy, sorrow, tears, lamentation, laughter — to all these music gives voice, but in such a way that we are transported from the world of unrest to a world of peace, and see reality in a new way, as if we were sitting by a mountain lake and contemplating hills and woods and clouds in the tranquil and fathomless water.” (Albert Schweitzer)

Theresa Aigner MA
Musikpädagogin, Musikerin

Vielen Dank für das Interview liebe Theresa, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musikprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Theresa Aigner, Musikerin, MA Musikpädagogin

Fotos_1,2 Johannes-Starmühler; 3 Divinerinnen-Portraits-by-Theresa-Pewal.

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Am Modell der Affäre hat sich nicht viel geändert“ Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Station bei Arthur Schnitzler _ Wien 23.1.2022

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlich willkommen, liebe Valerie Anna Gruber, Schauspielerin, hier im Café Landtmann an der Ringstraße in Wien!

Das Wiener Kaffeehaus ist seit jeher ein Treffpunkt der Kunst, Literatur wie der Begegnung und des Austausches mit Wissenschaft, Kultur. Hier im Cafè Landtmann waren etwa Sigmund Freud oder der Schriftsteller Arthur Schnitzler regelmäßig zu Gast.

Liebe Valerie, was bedeutet Dir die traditionsreiche Wiener Kaffeehauskultur?

Sehr viel. Ich habe zur Geschichte und Kultur dieser Tradition einen großen Bezug. Schon als Jugendliche zog es mich, wenn ich zu Gast in Wien war, ins Kaffeehaus.

Ich verbringe sehr gerne Zeit im Kaffeehaus und ich merkte auch wie sehr es mir in den Lockdowns fehlte.

Das Kaffeehaus ist ein Ort des Gesprächs und der Begegnung. Ein Treffpunkt, auch mit sich selbst. Sinngemäß sagte ja der Schriftsteller Alfred Polgar, „das Kaffeehaus ist der Ort, wo man hingeht, wenn man alleine sein will aber in Gesellschaft“.

Ist das Kaffeehaus für Dich als Schauspielerin auch ein Inspirations- und Arbeitssort?

Ja, ich habe kürzlich ein Konzept im Kaffeehaus fertiggestellt, weil mir Zuhause dazu nichts einfiel. Das war am letzten Tag vor dem Lockdown und ich dachte, ich gehe nochmal ins Kaffeehaus. Und ich habe dann in eineinhalb Stunden ein grobes Konzept verfasst, was mir Zuhause nicht gelungen ist. Ja, das Kaffeehaus hilft oft (lacht).

An welchem Konzept hast Du und arbeitest Du aktuell?

Da möchte ich noch nicht darüber sprechen, da es noch im Entstehen ist (lacht).

Was macht für Dich die Inspiration des Kaffeehauses, gerade im Schreiben,  aus?

Das Kaffeehaus trägt eine Geschichte der Kunst und Kultur, besonders auch des Schreibens in sich, man denke nur an das Genre der Kaffeehausliteratur und die Literatursalons. Das ist immer noch bei uns in Wien spürbar.

Das Kaffeehaus ist auch heute Treffpunkt für Künstler*innen und dies macht eine wesentliche Inspirationsquelle auch in der Gegenwart aus.

Hier mit dem Cafè Landtmann verbinde ich auch stark das benachbarte Burgtheater. Es ist beliebter Treffpunkt vor und nach einer Vorstellung.

Was macht für Dich die Gesprächskultur des Kaffeehauses aus? Was wird da, kann da besprochen werden?

Ich kann mir nichts vorstellen, das nicht in einem Kaffeehaus besprochen werden kann (lacht).

Es ist ein Ort des Gedankenaustausches und des Inputs im Gespräch. Das ist für mich als Künstlerin etwas sehr Wichtiges, weil mich die Begegnung und Kommunikation mit anderen Menschen sehr inspiriert.

Wir haben für unsere literaturoutdoors Station hier thematisch den literarischen Typus des „süßen Mädels“ im Werk des Wiener Schriftstellers, Dramatikers Arthur Schnitzler (1862 – 1931), gewählt. Was charakterisiert diesen Figurentypus und welche Zugänge hast Du dazu?

Mein erster Gedanke dazu war – ein schwieriges Thema, weil ich die Problematik aus feministischer Sicht sehe, dass das „süße Mädel“ als Frauentypus eine Projektionsfläche, ein Wunschgedanke männlicher Phantasie ist, dieser entsprungen ist.

Im „süßen Mädel“ ist sehr viel männlicher Einfluss, auch durch Arthur Schnitzler geprägt, zu sehen.

Welche Perspektiven ergeben sich für Dich in der Darstellung des „süßen Mädels“ heute?

Als Künstler*in gilt es in der Darstellung alle Sichtweisen, weiblich oder männlich, nachvollziehen zu können. Damals wie heute. Das ist meine Aufgabe als Schauspielerin und es gelingt grundsätzlich gut, meistens (lacht).

Wie siehst Du die männlichen Charaktere bei Schnitzler, die mit dem „süßen Mädel“ in Kontakt treten?

Grundsätzlich ist das soziale Gefälle in diesen Begegnungen signifikant und sehr problematisch. Das „süße Mädel“ kommt aus der Vorstadt und die Männer, mit denen sie Umgang hat, sind aus der höheren Gesellschaftsschicht. Sie hat aber faktisch keine Möglichkeit in diese höhere Gesellschaftsschicht aufzusteigen.

Das „süße Mädel“ aus der Vorstadt ist für die höher gestellten Männer in der Stadt keine Heiratsoption sondern ein Vergnügen.

Die Frage ist: was bewegt die Männer so zu handeln? Was suchen sie?

Die Männer flüchten im „süßen Mädel“ aus der Ehe oder vergnügen sich davor mit ihr.

Die Frage ist auch, welche Vorteile hat die Frau davon? Hat sie kurzeitig Zugang zu einer anderen Gesellschaftsschicht?

Setzt das „süße Mädel“ den Typ des naiven, zugänglichen Mädchens bewusst ein? Ist es eine Rolle für sie, hinter der viel mehr steckt? Es ist ein spannendes Feld. Die Frage für mich ist etwa, wo liegt die Macht der Frau in dieser Konstellation.

Worin liegt diese Macht der Frau?

Das ist die Frage (lacht).

Wenn das „süße Mädel“ souverän und selbständig bleibt, hat sie die Macht über den Mann und das soziale Machtverhältnis gleicht sich persönlich aus.

Wenn das „süße Mädel“ aber nicht souverän sein kann, dann wird es schwierig, dann hat sie keine Macht, oder viel weniger Macht.

Die Machtfrage ist da ja sehr stark an die Sexualität gebunden. Wer hat die Macht darüber?

Ich sehe die Männer in Schnitzlers Texten als sehr triebgesteuert und wenig beherrscht und damit wenig machthabend über ihre Sexualität.

Frauen sind da bewusster in ihrer Sexualität und haben damit mehr Macht. Es ist aber auch der Frau nicht abzusprechen, manchmal triebgesteuert zu sein. Das wäre eine Einschränkung, die ich gar nicht treffen will.

Man darf auch nicht vergessen, dass Schnitzler auch provozieren wollte, etwa im „Reigen“. Sexualität offen zu thematisieren war in dieser Zeit ja ein Skandal.

Über Sexualität zu schreiben war etwas extrem Mutiges, Aufrüttelndes – ein Tabubruch.

Die Aufführung des „Reigen“ hatte 2021 ihr 100 Jahr-Jubiläum. Was hat sich seit damals zwischen Mann und Frau verändert?

Zwischen Mann und Frau hat sich politisch und gesellschaftlich durch Emanzipations- Frauenbewegungen viel verändert – aber noch lange nicht genug…

Und gerade im zwischenmenschlichen Umgang solcher paarweisen Konstellationen wie sie im Reigen zu finden sind, hat sich, wie ich finde, gar nicht so viel verändert. Menschen finden aus den unterschiedlichsten Gründen zueinander, haben verschiedene Sehnsüchte, wollen bestimmte Bedürfnisse befriedigt haben und gehen dementsprechend miteinander um.

Aber Sexualität auf der Bühne zu thematisieren ist heute kein Tabu mehr. Die Problematik der Darstellung des Stoffes in der Gegenwart sehe ich eher dann, wenn diese sich zu weit vom Ursprungstext entfernt um Aufmerksamkeit, Aktualität zu erlangen – und dabei die Intention des Textes verliert.   

Wieviel Psychoanalyse, Schnitzler war ja mit Sigmund Freud, dem Begründer der Psychoanalyse im Gespräch, Austausch, steckt denn im Werk Arthur Schnitzlers?

Ja, die Psychoanalyse, sie wird ja zu dieser Zeit modern, ist da literarisch sehr sichtbar.

Man erkennt im Werk Arthur Schnitzlers stark die Einflüsse der Psychoanalyse.

Die literarischen Figuren sind viel psychologischer gebaut als in Texten, die vor Sigmund Freud entstanden sind.

Wie siehst Du das Modell der Affäre heute?

Da hat sich nicht viel geändert. Es heißt vielleicht heute manchmal anders (lacht).

Es ist keine Seltenheit und auch die Rollenbilder der Verführerin und des Verführten, des selbst gewünscht Verführten, haben sich nicht verändert.

Man würde vielleicht meinen, dass der Umgang damit offener und toleranter geworden ist, aber ich glaube, dass das nur einen kleinen Teil der Gesellschaft betrifft. Für den Großteil der Menschen ist eine sogenannte „Affäre“ immer noch ein absolutes No-Go, etwas worüber man nicht spricht, was man eigentlich nicht tut – und trotzdem ist es so weit verbreitet. Ich würde mir manchmal einen offeneren Umgang mit dem Thema wünschen, aber andererseits macht wahrscheinlich auch das Verbotene den
Reiz einer Affäre aus.

Gibt es ein Werk Arthur Schnitzlers, das Dir besonders am Herzen liegt, zu dem Du einen besonderen Bezug hast?

Es gibt zwei – „Liebelei“ und „Reigen“.

Ich finde „Liebelei“ ist ein wahnsinnig spannendes Stück, wie es dramaturgisch aufgebaut ist und durch die interessanten Figuren. Sehr gerne würde ich das einmal spielen.

In „Liebelei“ gibt es mit Christine und Mitzi auch zwei ganz unterschiedliche Frauentypen, die für die Zeit repräsentativ sind.

Der „Reigen“ ist schon wegen seiner Geschichte des Aufführungsverbotes, der Aufregung und des riesigen Skandals bekannt und interessant.

Dieser offene literarische Umgang mit Sexualität bei Schnitzler ist vorher undenkbar gewesen. Da haben wohl Sigmund Freud und die Psychoanalyse auch viel dazu beigetragen, dass es Schnitzler in dieser Form thematisierte.

Beide dramatischen Texte liegen mir sehr am Herzen und natürlich die Novelle „Fräulein Else“. Daraus habe ich oft einen Teil bei Vorsprechen gespielt.

Ist Sexualität auch heute ein Tabuthema?

Ich würde sagen, ja. Oberflächlich betrachtet, würde man vielleicht zu dem Schluss kommen, dass dies überhaupt nicht so ist, dass alles sexualisiert wird und nichts mehr daran aufregt. Aber ich glaube schon, dass es Menschen nach wie vor schwerfällt über Sexualität zu sprechen und sich damit auseinanderzusetzen. Vor allem mit ihrer eigenen Sexualität, und damit offen umzugehen und im Reinen zu sein.

Wie kann man, muss man Schnitzler heute auf die Bühne bringen?

Ich bin durch mein Schauspielstudium in den USA sehr geprägt von der Theatertradition des englischsprachigen Raums, die eine sehr hohe Werktreue hat und wo sich diese Frage gar nicht erst stellt. Es ist klar, dass das Stück auf der Bühne jenes der Zeit ist und da gibt es nicht viel zu rütteln.

Es gibt da hierzulande eine andere Zugangsweise und das kann natürlich auch seinen künstlerischen Reiz haben, das will ich nicht bewerten.  Aber eine moderne Inszenierung sollte trotzdem immer etwas zu erzählen haben. Ich sehe leider viele Produktionen, wo ich das Gefühl habe, die Regie geht ins Leere, weil sie nichts mehr erzählt.

Ich persönlich finde es sehr spannend, den Text in seiner Zeit zu belassen und dem Publikum die Entscheidung zu überlassen, was er heute zu erzählen hat.

Wie nimmst Du das Kaffeehaus als Lebensraum in Tradition und Gegenwart wahr?

Kaffeehäuser haben immer etwas wahnsinnig Gemütliches. Das ist das Licht, die kunstvollen Stoffbezüge, die Stühle und Holzarbeiten, gerade hier im Cafè Landtmann wunderschön zu sehen und das überdauert ja auch die Zeit und es wird viel Wert und Mühe auf den Erhalt dieser Tradition gelegt.

Die Architekten*innen haben sich bei den Kaffeehäusern schon etwas gedacht (lacht). Diese Tradition, Atmosphäre und Geschichte sind spürbar. Man hat sofort das Gefühl, dies ist ein geschichtsträchtiger Ort.

Was gehört für Dich zu einem Kaffeehausbesuch dazu?

Das kommt auf die Aufenthaltsdauer an. Es kann dann etwa eine Melange sein, auch mit einer Mehlspeise dazu. Ich esse aber auch ab und zu gerne im Kaffeehaus.

Welche Mehlspeisen bevorzugst Du?

Die Sachertorte oder einen Topfenstrudel.

Mit Schlag (Anm: Schlagobers)?

Nein, unbedingt ohne Schlagobers (lacht).

Ist das Begegnen, Wahrnehmen unterschiedlicher Menschen im Cafè auch eine schauspielerische Inspiration?

Schauspiel braucht eine große Neugier auf die Welt. Das Kaffeehaus ist natürlich ein idealer Ort dafür.

Die Neugierde auf Menschen ist auch mein Kapital als Schauspielerin, denn Menschen stelle ich ja auf der Bühne, vor der Kamera dar.

Ich stehle wahnsinnig viel vom Leben für die Bühne, weil es so eng zusammenhängt, dass man alles verwerten kann. Das ist eines der vielen schönen Dinge an diesem Beruf.

In unserem vorangegangenen Projekt stand der Entertainer, Sänger, Schauspieler Peter Alexander im Mittelpunkt. Gibt es für Dich auch Parallelen der beiden Wiener Künstler Peter Alexander und Arthur Schnitzler?

Die Wiener Seele und das Wienerische sind bei beiden stark verankert. Natürlich im Wandel der Zeit, in der die beiden gelebt haben.

Da fällt mir noch eine Geschichte zu Arthur Schnitzler ein: Ich war vor einigen Jahren zu einem Vorsprechen an einer sehr bekannten Berliner Schauspielschule und habe dort unter anderem „Fräulein Else“ von Arthur Schnitzler vorgesprochen. Ich bin nicht über die erste Runde hinauskommen und eine Jurorin hat mir dann die Kritik gegeben – wenn ich aus Österreich komme, warum ich denn nicht etwas von einem österreichischen Schriftsteller vorspreche. Da habe ich mir schon meinen Teil gedacht (lacht). Es ist offensichtlich nicht jedem so klar, dass Arthur Schnitzler sehr mit Wien verbunden ist.

Peter Alexander hätte aus Deiner erzählten Anekdote bestimmt eine wunderbare Parodie gemacht und Arthur Schnitzler hätte dies sicherlich ebenso in ein Bühnenstück eingearbeitet.

Das Kaffeehaus ist jetzt im Winter in Ankommen, Aufenthalt mit besonderer Atmosphäre verbunden wie auch zu den anderen Jahreszeiten. Wie siehst Du die Jahreszeiten im Zusammenhang mit der Kaffeehauskultur?

Der Winter, Herbst, Vorfrühling sind für mich klassische indoor- Kaffeehauszeiten mit besonderer Atmosphäre.

Was wünscht Du Dir für die Wiener Kaffeehauskultur in näherer, weiterer Zukunft?

Dass sie ihre Tradition bewahren kann und dass das weiterhin viele Gäste genießen und zu schätzen wissen. Besonders junge Menschen können heute oft nichts mehr damit anfangen, und ich würde mir wünschen, dass die Kaffeehauskultur auch wieder mehr junge Besucher anlockt.

Aber das Kaffeehaus hat so viele Zeiten, auch schwierige und schwierigste, überdauert und ich mache mir da keine Sorgen darum.

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin _ Wien _
reenacting „Süßes Mädel“ Arthur Schnitzler

Herzlichen Dank, liebe Valerie, für Deine Zeit in Wort und wunderbarer Vorbereitung und Darstellung des „süßen Mädels“ im Werk Arthur Schnitzlers (*1862 Wien +1931 Wien), Arzt, Dramatiker, Schriftsteller!

Viel Freude und Erfolg für alle Theater-, Schauspielprojekte 2022!

„Das süße Mädel“ _Arthur Schnitzler_ im Gespräch und szenischem Fotoporträt:

Valerie Anna Gruber, Schauspielerin

https://www.valerieannagruber.com/

Interview und alle Fotos_Walter Pobaschnig _Wien

Station bei Arthur Schnitzler_Café Ladtmann_Wien.

https://literaturoutdoors.com

Walter Pobaschnig 12_21

„Das einfache Leben ist nie einfach“ Hung-min Krämer, Schriftstellerin _ Wuppertal/D 23.1.2022

Liebe Hung-min, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es ist gerade 3:34 Uhr. Da ich seit 2 Uhr wach lag und auch schon meine nächtlichen Dehnübungen gemacht hatte und trotzdem nicht schlafen konnte, dachte ich, ich nutze die Zeit, um diesen Fragebogen auszufüllen. Aber „normalerweise“ (eigentlich erst wieder seit einem halben Jahr) habe ich das von mir sicher nicht genug geschätzte Privileg, ungefähr erst um kurz vor 9 Uhr morgens aufstehen zu dürfen/müssen, um dann zu einer geregelten und, als Sonderfall in dieser Branche, ok bezahlten Arbeit als Architektin zu gehen.  Gegen 17:00 Uhr oder, wenn ich vorher noch einkaufen war, auch 17:45 Uhr komme ich nach Hause und treffe auf meinen Mann. Wenn alles gut geht, gibt es ein Abendessen und wir schauen zusammen etwas. Aber leider ist das einfache Leben nie einfach.

Hung-min Krämer, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube nicht, dass es etwas gibt, das für alle Menschen zur selben Zeit gleich wichtig ist. Im Moment vielleicht Ehrfurcht vor dem Leben anderer.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich finde es beeindruckend, dass Kunst und Literatur immer schon Sprachrohr für gesellschaftliche Notwendigkeiten oder Befindlichkeiten waren und sind. Ich denke, in der Fiktion und in der Abstraktion der Literatur und der Kunst liegen die Freiheit und eine Sensibilität für Notwendiges und Drängendes, ohne die Einschränkung der aktuellen Alltagsrealität. Ich denke, Kunst und Literatur sind ein Nährboden für Gedanken, die dann irgendwann in der Gesellschaft wachsen und Früchte tragen können. Man könnte auch sagen: Kunst und Literatur sind eine erste Stufe der Manifestation.

Was liest Du derzeit?

Nicht viel. Ich finde es immer beneidenswert und auch ein wenig anstrengend zu sehen, wieviel andere offensichtlich lesen.

Gerade habe ich angefangen, angeregt durch ein Gespräch mit einem Freund, „Dein Name“ von Navid Kermani zu lesen, der übrigens auch mit dem Blick auf die Uhr seine Erzählung beginnt. (Aber ich habe das vorher auch schon getan.) Ich bin erst auf Seite 10 des Romans (und der eigentliche Text beginnt erst auf Seite 7!, ich bin einfach immer zu müde zum Lesen) und ich weiß auch nicht, ob ich es ganz lesen werde. Ich lese Bücher oft nur an und lege sie dann erstmal wieder weg. Im Prinzip lese ich lieber Sachbücher. Da fand ich das erste Buch von Rutger Bregman inspirierend: „Utopien für Realisten“.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Die schönere Welt, die unser Herz kennt, ist möglich.“

Charles Eisenstein

Vielen Dank für das Interview liebe Hung-min, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Hung-min Krämer, Schriftstellerin

Foto_Simone Scharbert

3.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die darstellenden Künste wurden plötzlich auf den Kopf gestellt“ Sarah Zelt, Schauspielerin _ Wien 22.1.2022

Liebe Sarah, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als freischaffende Künstlerin ändert sich meine Alltagsroutine alle paar Wochen, manchmal auch alle paar Tage. Das hat sich durch die Pandemie nicht sehr geändert, eher ist es ruhiger geworden. Ich bleibe länger an einem Ort, Wien ist mir noch mehr ein Zuhause geworden und ich habe viele neue Seiten an dieser Stadt entdeckt. Spazieren gehen ist noch wichtiger geworden – als Denkzeit und Fundgrube für schöne wie kuriose Alltagsbegebenheiten.

Neben Proben hat auch die Schreibtischarbeit zugenommen. Mit dem Kollektiv Raumstation erkunde ich an der Schnittstelle zwischen Kunst und Wissenschaft Stadt. Dabei sind wir eigentlich viel im öffentlichen Raum unterwegs, kommen mit Menschen ins Gespräch, wecken Neugier und erproben Zukunftsvisionen für eine lebenswerte Stadt für alle. Über die Pandemie haben wir uns mit dem Podcast „Bitte halten sie die Grünflächen rein und die Hunde fern“ sehr konzentriert mit Gemeindebau und Care auseinandergesetzt. Die dafür entstandenen Interviews lassen in verschiedene Alltagswelten hineinblicken. Diese Einzelgespräche haben mir noch einmal gezeigt, wie existentiell die Frage nach leistbarem Wohnraum gestellt werden muss. Da spitzen sich bestehende Konflikte und Ungerechtigkeiten durch die Pandemie noch zu.  

Sarah Zelt, Schauspielerin, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Wertschätzend zu sein. Solange es die eigene Kraft erlaubt, Kommunikation aufrechtzuerhalten. Das ist sicher nicht leicht und stößt in der angespannten und emotionalisierten Lage, in der wir stecken, schnell an Grenzen. Aber den Versuch diese Grenzen zu verschieben und sich im Dialog näher zu kommen, finde ich unverzichtbar. 

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Sich nicht mehr selbstverständlich mit dem Publikum für das gemeinsame Kunstmachen treffen zu können, erlebe ich als große Lücke. Doch auch in der Distanz bleibt für mich künstlerisches Erleben unverzichtbar. Wesentlich ist für mich die Möglichkeit, weiter zu kommunizieren, zu trösten, sich zu ärgern, sich zum Lachen zu bringen, sich verletzbar zu machen und auch mal hilflos zu zeigen. Vor allem die darstellenden Künste wurden plötzlich auf den Kopf gestellt. Das hat oft weh getan, aber auch Willen zum Durchhalten freigesetzt. Und die Frage: was ist wirklich relevant an meiner Arbeit? Warum kann und will ich nicht damit aufhören?

„Normalität“ wird gerade grundlegend in Frage gestellt, dekonstruiert sich, setzt sich neu zusammen und das in sehr kurzer Zeit. Um damit umzugehen, braucht es glaube ich Vorstellungskraft und Fantasie – als kurze Ruhepause genauso wie als Motivation positiv zu bleiben oder zumindest mit seinem Pessimismus einen freundschaftlichen Bund einzugehen.

Was liest Du derzeit?

Puhh, mal wieder zu viel gleichzeitig: Entangled life von Merlin Sheldrake über das Leben der Pilze unter und mit uns, eine Beethovenbiografie, die mich an die Grenzen meiner musikalischen Kenntnisse bringt, Stadtkonflikte von Gabu Heindl (Empfehlung!) und Was ist der Mensch? Von Mark Twain (die ganz großen Fragen drängen sich ab und an auf)

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Kunst ist Chef.“ Jonathan Meese

Vielen Dank für das Interview liebe Sarah, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspiel-, Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Sarah Zelt, Schauspielerin, Künstlerin

Foto_Florian Liedel

18.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Die Theater sind genauso erkrankt“ Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler _ Wien 21.1.2022

Lieber Heinz-Arthur, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wenn ich keine beruflichen Verpflichtungen habe, fahre ich meine beiden Töchter in die Schule. Eigentlich ein sehr wichtiges Ritual für uns Drei, in den 15 Minuten besprechen wir alles was uns wichtig erscheint, ob es motivierende Worte vor einer Prüfung, die richtigen Antworten auf freche Sprüche von Mitschülern sind oder eine Nachtkritik über meine Vorleseleistung bei der Gute Nacht Geschichte ist, es geht immer lustig her.

Nachdem meine jungen Damen das Auto verlassen haben, beginnt mein Alltag. Telefonieren mit meiner Agentin, zu einem Tonstudiotermin fahren oder wieder nach Hause, um dort zu lesen, zu schreiben oder einfach wieder einmal Ordnung in die Unordnung meiner Zettelwirtschaft zu bringen. Rollenstudium, Textlernen oder neue Ideen aufschreiben und im Idealfall sie gleich mit den richtigen Leuten besprechen und zu teilen sind auch meine Tagesbegleiter. Fad ist mir nicht, nur manchmal langweilig. Doch in dieser scheinbaren Langeweile kommen oft sehr gute Gedanken oder Erkenntnisse auf.

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Eine sehr gute Frage, die jeder für sich selbst beantworten muss. Jeder hat seine Bedürfnisse.

Ich hoffe, daß die Gesellschaft nicht zu sehr auseinanderdriftet und wieder das Gemeinsame im Mittelpunkt steht. Das Freundschaften nicht ob des Impfstatus zerbrechen, daß man dem anderen wieder zuhört. Denn irgendwann ist diese Pandemie auch wieder vorbei und was dann? Es kommen andere Probleme und um sie zu lösen oder erträglicher zu gestalten, benötigt man Freunde, aber auch um Glück und Freude zu erleben und zu fühlen braucht man sie. Und zwar nah und nicht durch einen emotionalen Graben getrennt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater/Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Die momentane Realität ist, daß wir Alle von der Variantenvielfalt dieses Krankheitserregers einfach in den Schwitzkasten genommen werden. War es vor ein paar Monaten noch die Angst, daß die Zuschauer nicht kommen wollen, hat sich jetzt der Angstschweiß der Theaterdirektoren, ob sie genug SchauspielerInnen für den Abend für die Woche habe, um Vorstellungen zu spielen, ja den Spielplan einhalten können, gemischt. Eine schreckliche Situation, denn im Sprechtheater hat man keine Zweitbesetzung, Keine(n) der Einspringen kann. Da die Theaterensemble kleiner wurden, müssen ganze Vorstellungsserien abgesagt werden. Die Theater sind also genauso erkrankt, wie Teile der Bevölkerung. Manche Bühnen haben einen „leichten Verlauf“, weil sie von Geldgebern „geimpft“ wurden, aber manche werden nicht mehr gesunden und einfach sterben. Sie werden einfach weg sein. Sie werden fehlen.

Die Filmindustrie hat bis auf den ersten Lockdown durchgearbeitet, jedoch mit enormem Risiko. Drehtagverschiebungen, Drehverschiebungen oder Drehstopps sind und waren die ständigen Dämonen die in den Köpfen der Produktion, Regie, Cast und Crew herumschwirren und schwirrten.

Und selbst wenn man ein Projekt fertigbekommen hat, muss man um die Kinopremiere zittern. Ich selbst habe in einem bezaubernden Kinofilm „Tutti per Uma“, eine italienisch/österreichische Kinoproduktion, mitgespielt der sollte vor Weihnachten in die Kinos, dann jetzt im Jänner und nun wird er hoffentlich im April dem deutschsprachigen Publikum vorgestellt.

Und nun zum Neubeginn. Er wird kommen, wenn sich alles beruhigt hat. Die Leute werden wieder ins Theater und ins Kino gehen und wieder über Inszenierungen streiten, SchauspielerInnen Lobeshymnen singen oder sie für nicht gut befinden. Eben die Normalität.

Drauf freue ich mich und mit meinen Freunden und Kollegen zusammenzusitzen und bis in die Puppen über Alles und Nichts zu reden.

Was liest Du derzeit?

Sein oder Nicht vom großartigen Klaus Pohl. Ein wundervoller Roman über die Hamletprobenzeit von Peter Zadeks Inszenierung. Ein Buch, das ich Jedem empfehlen kann, der wissen will wie Proben sein können und aber auch für Schauspieler, die das Gefühl haben bei Proben oder am Regisseur zu zerschellen. Dieses Werk wirkt beruhigend gegen jegliche Versagensangst.

Hamster im Hinteren Stromgebiet von Joachim Meyerhoff. Auch dieses Buch ist sensationell ehrlich und birgt für mich als Arztsohn so manche Pointe. Es ist wirklich toll geschrieben.

Und

Lockvogel Ein spannender Krimi geschrieben von meiner Schauspielschulfreundin Theresa Prammer.

Diese drei Bücher beweisen, daß Schauspieler nicht nur spielen können, sondern auch schreiben.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der beste Weg ein Problem vergessen zu können, ist, etwas daraus zu lernen.

Und

Wer auf der Stelle tritt kann nur Sauerkraut fabrizieren.

Beide Zitate von Sir Peter Ustinov. Die gefallen mir momentan sehr gut.

Vielen Dank für das Interview lieber Heinz-Arthur, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielseitigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Heinz-Arthur Boltuch, Schauspieler, Sprecher, Regisseur, Autor

Foto_Barbara Kaudelka

12.1.2022_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ich = ? Du = ? Wir = ? “ Bernd Ernst, Schriftsteller_Pirmasens, Rheinland-Pfalz/D 20.1.2022

Lieber Bernd, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Als Brotjobler und Familienmensch wird mir mein Stundenplan oft vorgegeben. Ich genieße deshalb meine Freizeiten und widme mich zumindest dem Lesen täglich. Dem Schreiben werde ich mich in Kürze wieder intensiver widmen können, weil neben dem o. g. ein Nachbarschaftsprojekt im Rahmen von Demokratie leben! ausläuft. Ich freue mich meine laufenden literarischen Projekte: ein weit vorangeschrittener Lyrikband, ein Manuskript mit Erzählungen, sowie eine Romanidee, aus der ich gerade Figuren entwickle und mit der Szenenplanung begonnen habe, in naher bzw. nicht allzu ferner Zukunft zum Abschluss zu bringen.

Bernd Ernst, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ich glaube, die Rückbesinnung auf die wesentlichen Werte, die wir bisher kennen, unserer Existenz, der Demokratie und unseres Zusammenlebens, etc. sind ganz wichtig. Aber es sollte dann auch eine zukunftsfeste Weiterentwicklung stattfinden. Am besten unter Berücksichtigung globaler Einflussfaktoren bei der wir die Nachhaltigkeit unseres Denkens und Handelns in den Fokus stellen! Wir brauchen den konstruktiven Dialog in allen Lebenslagen. So in etwa. Ich kann das natürlich nicht allumfassend beantworten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Bevor wir nach der Rückbesinnung in die Zukunft aufbrechen, sollten wir eine Bestandsaufnahme machen und Antworten finden auf diese Fragen:

Ich = ?

Du = ?

Wir = ?

und uns vielleicht Ziele definieren.

Sicher ist das Studium der Literatur ein wichtiges Hilfsmittel bei der Selbstfindung und beim Reifeprozess eines Individuums und möglicherweise nachhaltiger als ein flüchtiger Blick auf ein Kunstwerk. Was der Einzelne dabei in sich aufnimmt, hat natürlich Auswirkungen auf die Ausprägung der Innenwelt die wiederum die Außenwelt beeinflussen kann. Inwieweit die Menschheit bei der Auswahl und des Studiums von Literatur, die sie voranbringen sollte,  insgesamt bis dato erfolgreich war, möge man bewerten.

Ohne Zweifel sind das Erzeugen und das Beschäftigen mit Kunst im Allgemeinen wichtig für die Ausprägung von Kultur und Kulturen. Was das Abhandenkommen hingegen mit uns macht, erlebten wir ja auch.

Literatur und Kunst können Hilfsmittel sein, aber am Ende gestalten der Mensch und die Menschheit!

Was liest Du derzeit?

Ich lese momentan „Crossroads“ von Jonathan Franzen.

Zuvor habe ich „Ein Sohn der Stadt“, des von mir sehr geschätzten Kent Haruf gelesen. Dessen Werk in an dieser Stelle wärmstens empfehlen möchte!

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hier möchte ich aus dem Gedicht „Manche mögen Poesie“  von Wislawa Szymborska“ zitieren:

Poesie –

was aber ist Poesie.

Manch wacklige Antwort

ist dieser Frage bereits gefolgt.

Aber ich weiß nicht, ich weiß nicht. Ich halte mich daran fest,

wie an einem rettenden Geländer.

Vielen Dank für das Interview lieber Bernd, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Bernd Ernst, Schriftsteller

https://www.berndernst.de/

Foto_privat.

25.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ende in Sicht“ Ronja von Rönne. Roman. dtv Verlag

Da war der Regen im Kopf. Jetzt und immer schon. Und dann die Brücke. Jene in die Tiefe. Ins Dunkel. Nicht jene zur Welt. Zu den Gesprächen, den Plänen.

Jetzt war das Leben der Anderen weit weg. Und sie hier. Mit dem Blick hinunter und dem Schneckenhaus in der Hand. Es fällt. Und auch sie…

Und dann Hella. Die Musik im Radio des Autos „out oft he dark“. Auch ihr Weg hat ein letztes Ziel. Und dann fällt Juli. Mittenhinauf.

Und jetzt geht es weiter. Für beide. Erstmal zur Raststation. Kaltes Wasser ins Gesicht…70 Cent…life or death goes on…?

Mal sehen…

der Blick auf zwei Leben, das Gewordensein…im Gespräch…die Straße entlang…bis dahin oder dorthin…

Die Berliner Schriftstellerin, Journalistin, Bloggerin und Bachmannpreisteilnehmerin 2015 Ronja von Rönne legt mit ihrem Roman „Ende in Sicht“ ein mitreißendes roadmovie unterschiedlicher Lebensalter vor, das im packenden Erzählstil wie der psychologischen Raffinesse überzeugt. Spannung, Dynamik wie Witz und Ironie verbinden Tragödie und Komödie zu einem Meisterwerk moderner Literatur. Zweifellos ein Buch zur Zeit, das begeistert.

„Ein abgründiges wie packendes psychologisches roadmovie der Generationen“

Walter Pobaschnig 1_22

https://literaturoutdoors.com

„Es gibt in komplexen Themen wenig Wirksameres als eine Geschichte“ Armin Wühle, Schriftsteller_Hannover 19.1.2022

Lieber Armin, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

An der Dusche und dem Kaffee am Morgen hat sich nichts geändert. Danach geht es zunächst an den Schreibtisch, wo ich die ersten unverbrauchten Stunden schreibend verbringe. Neben meiner Schriftstellerei habe ich einen Teilzeitjob, der mir viel Spaß macht, dorthin verschwinde ich dann zur Mittagszeit (oder ich bleibe, wie nun häufiger, einfach am Tisch und öffne einen neuen Tab)

Armin Wühle, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir uns nicht die Grundlage jeglicher konstruktiver Diskussion – die Anerkennung von Fakten – nehmen lassen.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst und Literatur waren schon immer hervorragende Mittel, um uns komplexe Themen nahbar zu machen; um uns Blickwinkel näher zu bringen, die wir nicht kennen, und so Verständnis zu schaffen. Es gibt in dieser Hinsicht wenig Wirksameres als eine Geschichte, und wenn diese auch ästhetisch-künstlerisch überzeugt, ist sie für mich rundum gelungen.

Was liest Du derzeit?

Momo von Michael Ende, das ich trotz vielfacher Empfehlungen nie gelesen hatte (und das einem immer wieder deutlich macht, dass Ende auch ein hervorragender Verfasser absurder Literatur war). Etwas unbeachtet daneben liegt Cloris von Rye Curtis; ein gut geschriebener Roman, der mir aber an vielen Stellen unnötig grausam daherkommt, daher kämpfe ich mich ein wenig durch.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Schneit es, oder ascht es?“ (aus Thomas Köcks „Klimatrilogie“), sicherlich keine ganz verkehrte Frage in unseren Zeiten

Vielen Dank für das Interview lieber Armin, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an Künstler*innen:

Armin Wühle, Schriftsteller

Foto_privat.

3.11.2021_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com