„Theater kann nur Impulse geben, wenn es stattfindet“ Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin _ Wien 12.12.2020

Liebe Jeanne-Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Nach dem ersten Lockdown hatte ich über den Sommer und Herbst wahnsinnig viel zu tun. Viele Projekte und Vorstellungen wurden vom Frühling auf den Herbst verschoben, sodass es sich besonders im September und Oktober sehr gehäuft hat. Wegen dem erneuten Spielverbot im November sind nun zum zweiten Mal alle meine Vorstellungen und Wiederaufnahmen ausgefallen bzw. auf das Frühjahr verschoben worden.

Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin

Mein Jahr 2020 sah also rückblickend so aus: Nach einer intensiven Arbeitsphase im Februar, einen Tag vor der Premiere in den Lockdown und den völligen Stillstand, dann rein in die vollkommene Überbelastung im Herbst und nun erneut ein völliger Stillstand des Arbeitslebens. Dieses Hin-und-Her von komplett gegensätzlichen Alltagsrealitäten erlebe ich als ungleich viel anstrengender und nervenaufreibender, als der Beruf ohnehin schon ist. Nun versuche ich mit der plötzlichen erneuten Strukturlosigkeit, so gut als möglich umzugehen.

Natürlich gibt es auch außerhalb der Bühne genug zu tun. Durch meine freischaffende Arbeit sammelt sich oft reichlich „Papierkram“ und organisatorische Arbeit an, die während der zeitintensiven Proben auf der Strecke bleiben. Sich zu disziplinieren und tatsächlich jeden Tag weiter zu kommen ist aber gar nicht so leicht. Als eine Person, die sehr selten mit wochenlanger freier Zeit konfrontiert ist, tue ich mir mitunter schwer damit, mir die Tage gut und produktiv einzuteilen. Damit die Zeit aber nicht allzu grau und traurig ist, versuche ich auch weiterhin kreativ tätig zu sein. Ich mache Musik mit Gitarre, Klavier und  meiner neuen Loop Station und arbeite an der Konzeption eines Solo-Theaterstücks für das Frühjahr. Außerdem nutze ich die Zeit, um mich in der Küche mal wieder so richtig auszutoben. Meine Leidenschaft für das kreative, vegetarische Kochen kommt in intensiven Arbeitsperioden meistens zu kurz. Das Handtieren mit den verschiedenen Zutaten und das Erfinden neuer Kombinationen und Geschmackserlebnisse hat für mich etwas Meditativ-Entspannendes und ist zugleich auch eine Art kreativ-künstlerischen Ausdrucks.

Ich wäre nicht ganz ehrlich, wenn ich nicht hinzufügen würde, dass in diesen Tagen auch die ein oder andere Fernseh-Serie nicht ungeschaut bleibt. Da gibt es so vielseitige, tolle Sachen. Damengambit auf Netflix hat mich zuletzt sehr begeistert.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Hoffnung.

Dieses Jahr hat viele Pläne zerschlagen und Urängste genährt. Auf uns selbst zurückgeworfen fanden wir uns unserer Normalität beraubt und machtlos gegenüber den erschütternden Entwicklungen, die unsere Welt an vielerlei Orten annahm. Es ist daher besonders wichtig den Glauben an Transformation und die Kraft des Idealismus nicht zu verlieren.

Solidarität.

Während die meisten von uns darüber jammerten, dass die Karrieren auf Eis liegen und die persönliche Freiheit beschränkt wird, hat diese Krise unter uns, sowie andern Orts breitflächig Existenzen zerstört und auch jenseits des Virus viele Leben gefährdet und gekostet. Erschreckende Bilder aus Moria kommen da beispielsweise unwillkürlich ins Gedächtnis. Sich mit den eigenen Privilegien zu konfrontieren muss kein quälender, ethisch-moralischer Ablasshandel zur seelischen Läuterung sein, als dass es mitunter angesehen wird und weshalb sich viele (so kommt es mir vor) dagegen sträuben. Sicher, es kann weh tun. Aber es kann ebenso eine Chance sein, die Perspektive auf das eigene Leben zum Positiven zu ändern und sich über die eigenen Möglichkeiten, anderen zu helfen und sich für Menschlichkeit und Gerechtigkeit einzusetzen, bewusst zu werden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es jeden Menschen innerlich zutiefst erfreut und beflügelt, solidarisch zu fühlen und zu handeln. Wir müssen nur noch daran arbeiten, unser Solidaritätsgefühl bewusst auf eine größere Gruppe von Menschen auszuweiten, die den des eigenen Bekanntenkreises und der alltäglichen Sichtweite übersteigt.

Phantasie und Schöpfungskraft.

Es ist leicht sich in Zeiten wie diesen zu verkriechen und sich auf das Konsumieren von Medien und Waren und die passive Teilnahme am Weltgeschehen zu beschränken. Gerade in Krisenzeiten wie dieser ist es aber besonders wichtig, sich und die eigene kreative, schöpferische und partizipative Kraft lebendig zu halten. Zur Bewältigung dieser und vor allem auch der momentan medial unterrepräsentierten Klimakrise braucht es so dringend neue Wege und Ideen, den Ausbruch aus alten Denkmustern und vor allem eine vitale, authentische Demokratie, die nur entstehen kann, wenn wir uns alle aktiv einmischen und jede*r von uns sich als Mitgestalter*in einer lebenswerten Zukunft versteht.

Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe sehr, dass es tatsächlich ein Aufbruch und Neuanfang sein wird und nicht die Weiterführung jener Regression, die die Pandemie in Hinsicht auf so viele globale Probleme mit sich gebracht hat! Ich glaube wesentlich dabei sind vor allem die eben genannten Punkte. Kunst ist Botschafterin und Advokatin dieser und anderer, für eine Gesellschaft lebenswichtiger Werte. So auch das Theater.

In Zeiten von Krisen und Verunsicherungen, so scheint mir, sinkt oft das Verlangen und die Offenheit der Menschen für schwere Themen und allzu aufwühlende Inszenierungen. Oft schon jetzt, wenn ich meine Branchen-externen Freund*innen und Bekannten ins Theater einlade, kommt zuerst die Frage, „Wie schlimm“ das Stück denn sei. Etwas zu Schlimmem mag man sich nämlich lieber nicht aussetzen.

Wenn wir uns schon in unserem Alltag mit apokalyptischen Szenarien im Klimakontext, extremistischen Gewaltakten und Problemen wie zunehmender Arbeits- und Perspektivlosigkeit herumschlagen müssen, wollen wir nicht auch noch im Theater damit „gequält“ werden. Wir wollen entführt werden in eine andere Welt, wollen Träumen, Lachen und zum Phantasieren verführt werden, um uns und unseren alltäglichen Sorgen für kurze Zeit zu entfliehen und unseren Geist mit neuen, schöneren Bildern zu füllen.

Das ist einerseits natürlich fatal für das politisch-intellektuelle Regietheater, welches Missstände aufzeigen und anprangern, warnen und wachrütteln will, und dafür sein williges Publikum braucht.

Trotzdem frage ich mich, ob das Nachgehen dieser Tendenz, das Anpassen zumindest eines kleinen Teils des Angebots an die Nachfrage, dem Theater nicht auch etwas Wertvolles schenken könnte.

Mir scheint das zeitgenössische Theater, ob Stadt-, Landes-, Staatstheater oder freie Szene unterliegt einem Drang möglichst kritisch, schockierend und vor allem um jeden Preis politisch und gesellschaftlich aktuell zu sein. Das finde ich in Zeiten wie diesen einleuchtend und wichtig und möchte es nicht kritisieren. Allerdings finde ich, dass bei dem Versuch zur ständigen, kompromisslosen Aktualität der auf der Bühne verhandelten Themen, mitunter die Kunst auf der Strecke bleibt. Hat das Theater dort, wo es krampfhaft versucht seine Inhalte mit dem politischen Tagesgeschehen abzugleichen, seine tatsächliche politische Kraft als Institution nicht schon längst eingebüßt?

Was wäre, wenn das Theater sich der Utopie öffnen würde, mit einem Glauben an die ihm eigene transformative Kraft, aber ohne dabei den Bezug zur Gegenwart zu verlieren? Was, wenn es sich mehr als Experimentier-Labor der Zukunft, als Brutstätte revolutionärer Formveränderungen verstehen und einer positiven, gestalterischen Kraft einen Raum geben würde?

Grundlegende, strukturelle Veränderungen, wie sie unsere Zeit so dringend braucht, passieren nicht einfach so. Sie brauchen Raum und Zeit, um erträumt, durchdacht und ausprobiert zu werden. Das könnte das Theater bieten.

Im alten Griechenland, der Wiege unserer westeuropäischen Gesellschaft, war das Theater ein zentraler politischer Bestandteil im Herzen der (so glauben wir) ersten demokratischen Staatsform. Es ist vermutlich nicht einmal übertrieben zu behaupten, dass das Theater als einzigartiges Erlebnis von Gemeinschaft, offenem Diskurs und Einverständnis, die Demokratie in ihrer Praxis damals erst möglich machte.

Dem Theater von morgen eine ähnliche Bedeutung (zurück) zu wünschen, finde ich im Gedanken keinesfalls reaktionär, sondern revolutionär, edelmütig und im besten Sinne tollkühn. Ich würde mir wünschen, dass sich eine neue Generation von Theatermacher*innen dieser herausfordernden Vision ohne Rücksicht auf Verluste verschreibt.

In globalen Krisenzeiten wird Theater als ein kritischer Spiegel seiner Gegenwart allein schnell zu unbedeutend, wenn ihm nichts entgegengesetzt wird. Ich finde Kunst hat gesellschaftlich betrachtet auch eine gewisse Verantwortung zum Aktivismus, wenn es die Katastrophen des Zeitgeschehens erfordern.

Was liest Du derzeit?

„Warum Theater“ von Jako Hayner und „Der Prophet“ von Kalil Gibran

Welchen Impuls aus Theaterprojekten möchtest Du uns mitgeben?

Theater kann nur Impulse geben, wenn es stattfindet. Da es das momentan nicht kann, möchte ich eine wichtige Aussage zu eben diesem Umstand aus Martin Kusejs Statement zur Lage vom 01. November 2020 mitgeben.

„Ich habe Mühe meinen Unmut darüber zu unterdrücken, in welche Kategorien unsere Arbeit und die Arbeit aller anderen Kulturschaffenden dieses Landes eingeordnet werden. Theater, Opern, Museen und Konzerthäuser werden quasi als Freizeitgestaltung definiert und werden mit Spielhallen, Wettbüros, Bordellen und Paintballanlagen in einen Topf geworfen. Kultur ist aber viel mehr, nämlich ein Gut, das von der öffentlichen Hand aus gutem Grund gefördert wird. Sie ist Nahrung für alle, und nimmt eine schützens- und erhaltenswerte Aufgabe für das Gemeinwesen wahr, ähnlich wie Schulen und Universitäten. Und sie ist das notwendige Korrektiv in einer lebendigen Demokratie. Gerade das macht sie natürlich systemrelevant. Dies spiegelt sich im aktuellen Umgang mit der Kultur nicht wider.“

Quelle: http://www.kleinezeitung.at/kultur/festspiele/5890850/Statement-des-BurgtheaterDirektors_Martin-Kusej_Ich-habe-Muehe

Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin

Vielen Dank für das Interview liebe Jeanne-Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Ich danke auch!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Jeanne-Marie Bertram, Schauspielerin

Fotos_Walter Pobaschnig _ Bösendorfer Suite_Hotel Regina_Wien 11_2020

20.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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