„Kunst ist immer da! Die Wertschätzung dieser ist nicht immer da.“ Andreas Max Martin, Sänger_Weimar_28.11.2020.

Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ein großzügig bemessener Kaffee steht am Anfang des Tages. Die Kinder strukturieren dann den Tag mit einem über jegliche Zweifel erhabenen Imperativ, insbesondere am Morgen und des Abends.

Dazwischen schreibe ich Songtexte, komponiere und fahre ins nahegelegene Fernsehstudio, um meine kleine regelmäßige Sendung aufzuzeichnen. Die abendlichen Konzerte liegen im Moment brach. Ich schreibe umso mehr. Den Tagesablauf umschwebt daher immer ein Gedanke, ein in meinen Augen besonders schönes Wort, eine ausschlaggebende Zeile für einen neuen Text. Ich liebe diese latente Schöpfungssituation, die mich bei allen Tätigkeiten begleitet.

Andreas Max Martin_Sänger, Songwriter, Entertainment

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Differenzieren. Wichtiges von Unwichtigem trennen. Offen zu bleiben, ohne
porös zu werden.


Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und
persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt
dabei der Musik, der Kunst an sich zu?

Die Veränderungen sind gravierend und vielschichtig, voller Ambivalenz für den
Menschen und sein Selbstverständnis. Während die Natur offensichtlich
aufatmet, ist für die Gesellschaft die scheinbare Planbarkeit der nahen und
ferneren Zukunft ins Wanken geraten. Es bewegt sich sehr viel gleichzeitig. Die
Rolle der Kunst hat sich in meinen Augen nicht verändert, die Art und Weise der
Rezeption sehr wohl. Kunst ist immer da! Die Wertschätzung dieser ist nicht
immer da.

Interessant für mich sind die Folgen und Chancen der Entschleunigung, sowohl im individuellen kreativen Prozess, als auch in zwischenmenschlicher Dimension. Da passiert etwas mit uns, das es zu beobachten gilt. Dem Moloch Internet möchte ich in diesem Zusammenhang keinesfalls uneingeschränkt huldigen, doch sehe ich es als Fenster, besser als Schaufenster für die Verbreitung der Kunst, den Genuss dieser und die
Möglichkeit des Feedbacks zu künstlerischem Schaffen. Die Zukunft mäandert.
Sydney Smith empfahl im 18. Jahrhundert, nur bis zur Teatime zu denken. Ich
übe mich darin.


Was liest Du derzeit?

Oliver Hilmes: Witwe im Wahn – Das Leben der Alma Mahler-Werfel
Arkadi und Boris Strugazki: Picknick am Wegesrand


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

In diesem Moment zurückkommend aus dem Park geschrieben:


Wie schön es ist, durch Laub zu laufen
die alten Gräser bilden Schlaufen
ich fall in einen Blätterhaufen
und kletter unbeholfen raus
mit großem schönen Munde
lachst Du mich milde aus
nun rieche ich nach Herbst
und hoffe, daß du es nicht merkst
du schmiegst dich an mich
deine Nasenflügel beben
zumindest heute Nacht
bleib ich noch am Leben

Andreas Max Martin_Sänger, Songwriter, Entertainment

Vielen Dank für das Interview lieber Andreas viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Musik-, Entertainmentprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Andreas Max Martin_Entertainer, Sänger und Songwriter

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Fotos_von oben nach unten _ 1,2 _Roman Möbius. 3_Guido Werner.

2.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Kunst kann vereinen“ Eva Oskarsdottir, Schauspielerin _Wien 11.12.2020

Liebe Eva, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist sehr flexibl und kein Tag gleicht dem anderen. Momentan führe ich Regie bei dem One-Women-Theaterstück „Hot Mess“, geschrieben und gespielt von Evelyne Werzowa. Ich schaue auch, dass ich selbst mindestens einmal im Monat mit meinem Schauspielcoach trainiere. Ich biete auch lösungsfokussiertes Coaching an und coache SchauspielerInnen für deren E-Castings. Es ist mir wichtig, dass ich jeden Tag bewusst lebe und jede Herausforderung als eine Möglichkeit sehe etwas Neues zu lernen. Wie wir Künstler wissen, hat es das Jahr 2020 in sich und aufgrund dessen, bin ich dazu übergegangen vieles über das Internet zu machen.

Eva Oskarsdottir, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Das wir es nicht zulassen, dass die Angst die Oberhand gewinnt. Angst kann einen schwächen und Menschen trennen. Daher ist es so wichtig, mit gegenseitigem Respekt gemeinsam neue Wege zu suchen/zu gehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Kunst kann vereinen. Daher ist es mir wichtig, dass Theater/Film/Kunst ein Sprachrohr der Vielfältigkeit, der Akzeptanz und der Wichtigkeit des Zusammenhaltes ist.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerne mehrere Bücher gleichzeitig bzw. höre mir auch einige Hörbücher an. Meine eigene Selbstreflektion hat an dem Tag begonnen, als ich mich für Schauspiel entschied. Besonders im Jahr 2020 merkte ich, wie wichtig Bücher, welche mich motivieren und unterstützen noch tiefer in die eigene Seele einzutauchen, für mich sind.

Bücher die ich gerade lese: „The Dark Side of the Light Chasers“ von Debbie Ford, „Everything Is Figureoutable“ von Marie Forleo, „Breaking the Habit of Being Yourself“ von Dr. Joe Dispenza

Meine aktuellen Hörbücher für unterwegs: „Lifespan“ von Dr. David A. Sinclair und „Joyful Wisdom“ von Yongey Mingyur Rinpochen.

Wie man meiner aktuellen Bücherliste entnehmen kann, liebe ich Abwechslung und schaue mir ein Thema gerne von mehreren Blickwinkeln an.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Der Schüler kann nicht erwarten Meister zu werden. Der Meister weiß, er wird für immer Schüler bleiben.

Autor ist mir leider unbekannt.

Vielen Dank für das Interview liebe Eva, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Eva Oskarsdottir, Schauspielerin

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Foto_Andrea Sojka

15.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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Foto_Alain Barbero

13.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Und wir fragen uns in diese Stille hinein: Was brauchen wir wirklich?“ Simone Meier, Schriftstellerin _ Zürich _27.11.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sitze im Corona-Homeoffice und simuliere Normalität. Das heisst ich gehe am Morgen raus und spaziere durch den Park vor unserem Haus oder durch den Park hinter unserem Haus. Im einen hab ich mal Roger Federer getroffen, im anderen noch niemanden. Ich mache das, weil ich am Morgen einen Ersatz für den Arbeitsweg an der frischen Luft in die Redaktion brauche. Das bisschen Bewegung und Hirnlüften. Dann gehe ich heim, mache eine WhatsApp-Sitzung mit den Redaktions-Kollegen, schreibe meine Artikel und blicke dabei auf den Park. Die Kinder aus dem Hort spielen in ihrem Winterzeug wie gepolsterte Zwerge unter den Bäumen, Hunde sind Hunde, und gelegentlich kommt ein Mann mit einem Laubbläser vorbei, was sinnlos ist. Zwischendurch erhalte ich Mails von meiner Lektorin aus Zürich, meiner Pressefrau aus Berlin oder meiner Bookerin aus Frankfurt, im nächsten Februar erscheint mein neues Buch, gerade heute ist es druckfertig geworden, die Maschine, die loslegt, wenn die kreative Arbeit abgeschlossen ist, läuft. Abends mixe ich Drinks, meine Freundin kocht was Feines, zum Essen schauen wir Kochshows, danach was Besseres. Dann schlafen. Viel träumen. 

Simone Meier, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gelassenheit. Auch Dankbarkeit für alles, was gut ist im Leben. Vorsicht. Rücksicht. Für Freunde da sein, die alleine sind. Vom inneren Vorrat zehren, von Erinnerungen an Reisen und Feste und eine Unbeschwertheit, die irgendwann zurückkommt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man sich unsere Gesellschaft vor Corona anschaut, dann herrschte da ein Rausch der Überangebote. Mit Corona wurde es still. Und wir fragen uns in diese Stille hinein: Was brauchen wir wirklich? Und da muss es der Kunst, muss es der Literatur gelingen, sich wichtig zu machen. Ihre Systemrelevanz zu beweisen und zu behaupten. Das braucht ein Selbstbewusstsein, das jetzt gerade vielen Kulturschaffenden abgehen mag. Die Zeiten sind absolut zermürbend. Ich denke, wir sollten mit der größten Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit an unsere Bücher, Filme, Bilder etc. gehen, sollten ihnen alle Wertigkeit einbrennen, zu der wir fähig sind und alle Liebe. Damit sie leuchten und sichtbar sind.

Was liest Du derzeit?

«2666» von Roberto Bolano.  Ein Freund, der Schriftsteller Christoph Höhtker, hat es mir empfohlen. Tolles Buch. Auch wenn ich fast nie Bücher von Männern lese …

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe zwei Lieblingsgedichte. «Ode on Melancholy» von John Keats und «Im Gewitter der Rosen» von Ingeborg Bachmann. Einen Fragebogen aus Österreich beantworte ich selbstverständlich mit Bachmann. Was genau die Dichterin mit ihren Zeilen gemeint haben könnte, interessiert mich nicht. Texte müssen losgelöst von einer Autorschaft überdauern können. Aber ich finde Bachmanns Sprachbilder gewaltig schön und mich fasziniert die Atmosphäre der Bedrohung, der Gefahr, die sie hervorrufen.

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Simone Meier, Schriftstellerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Meier, Schriftstellerin, Journalistin

Fotos_Renate Wernli

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ein Grundeinkommen könnte noch mehr Kunstprojekte ermöglichen, die einen ideellen Sinn haben“ Pola Polanski, Schriftstellerin, Künstlerin _ Stuttgart _ 27.11.2020

Liebe Pola, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Morgens um halb acht aufstehen, eine Stunde lang Kaffee trinken und in den Garten schauen. Eine Kombi aus Yoga- und Rückengymnastik steht an. Meistens gehe ich danach eine Stunde in den Wald zum Walken. Nach dem Essen arbeite ich (meistens Grafik Design) per Homeoffice für einen Verlag, bei dem ich einen Minijob habe.

Am späten Nachmittag kümmere ich mich um meine Romanprojekte. Im Moment
überarbeite ich meinen ersten Roman mit dem Schriftsteller Rüdiger Heins zusammen. Die Arbeit an meinem achten Roman, einem Psychothriller mit dem Arbeitstitel „Jagd auf Irrwegen“ ruht gerade ein wenig, da das Lektorat im Vordergrund steht. Rüdiger Heins und ich machen die Lektorats-Termine per Telefon. Ein Telefonat dauert ungefähr zwei Stunden. Hin- und wieder habe ich virtuelle Treffen über Zoom mit meiner Romangruppe. Wenn ich Zeit habe, male ich ein neues Bild. Mein neues Kunstprojekt ist: Bekannte Persönlichkeiten zu malen, die sich entweder umgebracht haben oder wahnsinnig geworden sind.

Einen Tag in der Woche bin ich im Büro des VBKW Verband Bildender Künstler und Künstlerinnen Baden-Württemberg. Dort bin ich alleine und bearbeite den eMail-Verkehr. Wenn es Fragen gibt, telefoniere ich mit der Vorstandsvorsitzenden des Verbandes.

Pola Polanski, Schriftstellerin, Künstlerin


Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die sozialen Kontakte nicht zu verlieren. Die Arbeit im Homeoffice ist zeitweise sehr einsam. Ich vermisse meine Künstler- und Schriftstellerkollegen, genauso auch all die Vernissagen und Lesungen.

Bild_SchriftstellerInnen_Kanon _ Pola Polanski

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich hoffe auf das bedingungslose Grundeinkommen. In dem Fall könnte man auch Projekte verfolgen die einen ideellen Sinn haben, die im Kapitalismus wenig Wert haben.


Was liest Du derzeit?

Von Juli Zeh „Die Stille ist ein Geräusch – Eine Fahrt durch Bosnien“
und James Joyce „Ulysses“.
Wegen Romanrecherche für den Psychothriller: von Günter Wulf „Sechs
Jahre in Haus F“ (in dem Text kommt ein Heimkind vor),
von Gabriel Rolón „Auf der Couch, Wahre Geschichten aus der Psychotherapie“ (ich versuche mich in „Jagd auf Irrwegen“ in eine Psychologin einzufühlen)


Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Wie ich einmal den Himmel zertrümmern wollte, aber keine Kraft
mehr hatte.“

Vielen Dank für das Interview liebe Pola, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Pola Polanski, Schriftstellerin, Künstlerin

Romane – Pola Polanski

Alle Bilder_Fotos_Pola Polanski

23.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Literatur muss sich nicht hetzen – der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken“ Peter Marius Huemer, Schriftsteller_ Wien 27.11.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich in den letzten Monaten so gut wie nicht geändert. Mein Leben spielt sich vornehmlich in meiner Wohnung ab. Ich bin Drinnenmensch. Das ist nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Es geht mit der Arbeit als Schriftsteller, als Rezensent und mit meinen Hobbys einher. Um 12:00 Mittag wache ich auf, wenn mein Hund den einsamen Vormittag satt hat. Dann gehen wir eine Runde spazieren, dann Kaffee, dann Mittagessen. Den Nachmittag verbringe ich mit Arbeit am PC (Das Schreiben allein füllt keine Kühlschränke) oder – wenn keine Arbeit anfällt – wird gespielt.

Ich bin ein Nachtschreiber. Erst wenn alles ruhig ist und ich weiß, dass einige Stunden lang keine Nachrichten, keine E-Mails, keine Anrufe kommen können, bringe ich es über mich, überhaupt anzufangen. An dieser Hemmung gedenke ich zu arbeiten.

In Zeiten der wahren und emotionalen Ausgangsbeschränkungen habe ich wenig Künstlerisches zustande gebracht. Dafür bin ich aber seit Juli stolzer Träger des Master-Ranges in Starcraft 2 – das wird Ihnen nicht viel sagen, aber ich versichere Ihnen, dass es Grund ist, äußerst beeindruckt zu sein. Zum Glück war ich aber davor umso produktiver, weswegen in Bälde einige erfreuliche Veröffentlichungen anstehen.

Das vergangene halbe Jahr hat mich unruhiger gemacht, eine Spur pessimistischer und hat plötzlich den unbändigen Wunsch zu reisen in mir ausgelöst. Der wird sich aber bestimmt verflüchtigen, sobald das wieder leichter geht.

 

Peter Marius Huemer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Die Antworten auf diese und die nächste Frage sind naturgemäß grobe Vereinfachungen.

Uns aus unserer kollektiven Stasis zu befreien, den Lagerkoller abzuschütteln und wieder aktiv zu werden. Was ich an mir selbst aber auch im Allgemeinen zurzeit beobachtet habe, ist ein großes tatenloses Warten. Das ist verständlich, weil all unsere Pläne aufgeschoben wurden, aber so zu tun, als müsste nur genug Zeit vergehen, damit wir genau dort weitermachen können, wo wir stehen geblieben waren, ist nicht nur unrealistisch, sondern wäre sogar eine Dummheit. Damit meine ich nicht, dass wir uns an die Ausnahmesituation gewöhnen, denn die oft beschworene neue Normalität, in der wir alle Eigeninitiative und alle Kontrolle über die Zukunft abgeben und sozusagen die Hände zum Himmel werfen, auf das irgend eine höhere Macht, sei es nur Schicksal oder Zufall oder die Führungskraft der Politik uns von der Situation erlösen, ist kein erstrebenswerter Zustand. Ein Umdenken muss stattfinden. Wohin dieses dann führen soll? Darauf habe ich keine letztgültige Antwort. Nur, dass es vermutlich nicht von unseren gegenwärtigen festgefahrenen Gesellschaftsstrukturen ausgehen wird. 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur hat gesellschaftlich an Gewicht verloren. Wir machen auf die gesamte Bevölkerung gesehen Nischen-Kunst. Natürlich würden wir uns wünschen, das wäre anders, aber genau diese Stellung gibt uns ungemeine Freiheit und Unabhängigkeit, die wir nutzen müssen. Die Literatur muss sich nicht hetzen. Sie kann sich leisten, politisch zu sein, ohne ständig stumpf zu agitieren. Mehrdeutigkeit und das Rotieren um eine Frage, der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken. Ich denke, dass die Literatur in der Rolle der hinterfragenden und abstrahierenden Instanz trotz eingeschränkter Reichweite unersetzbar bleibt. Aber, um diese Rolle weiter ausfüllen zu können, wird es nötig sein, neuen kreativen und intellektuellen Mut zu finden und nicht der Versuchung einer zu Ich-bezogenen Literatur zu erliegen. Diesen Mut muss aber die gesamte Branche fassen – nicht nur die Schreibenden selbst tragen die Kunst auf den Schultern. 

 

 

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich „Jokerman“ von Stefan Kutzenberger und parallel „Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan. Beide Bücher kann ich nur wärmstens empfehlen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Da fragte ein Blinder, Hast du was gehört, Drei Schüsse, antwortete ein anderer, Aber da hat doch auch ein Hund geheult, Er hat schon wieder aufgehört, das war bestimmt der dritte Schuss, Umso besser, ich hasse es, wenn Hunde heulen.“ – Die Stadt der Sehenden, José Saramago

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Marius Huemer, Schriftsteller

https://www.petermariushuemer.com/literatur

 

 

Foto_privat

23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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“Ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben“ Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin_ Zürich_26.11.2020

Liebe Wanda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment habe ich das Glück, das Stück „Gott des Gemetzels“ proben zu können ! Nach einem halben Jahr ohne Proben und Aufführungen natürlich eine große Freude! Wir sind eine feste Truppe und messen jeden Morgen ob jemand Fieber hat und tragen die Temperatur in eine Tabelle ein .Wir sind erst am Anfang des Stückes ,wo die Figuren noch anständigen Abstand zu einander haben:) das wird sich aber bald ändern …

Während der ersten Welle, hat sich mein Alltag gar nicht so von anderen probefreien Phasen unterschieden ,außer, dass die Konzeptgespräche per Zoom oder im Frühjahr dann draußen stattgefunden haben. Lesen , schreiben, denken ,den Körper, die Stimme ,meine Instrumente geschmeidig halten ,in meiner eigenen Struktur. Da waren wir Freiberufler für ein mal im Vorteil ,weil wir uns schon geübt sind im uns selber eine Tagesstruktur zu schaffen.

Wanda Ladina-Wylowa, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität,etwas von dem ich mir wünschen würde ,das es als Schulfach gelehrt werden würde .

Anerkennung der systemrelevanten Berufe in Form von Lohnerhöhungen .

Aber auch der  Erhalt von Gastro – Kunst und Kulturbranche, weil auch sie von  unterschiedlichen Aspekten her sehr wohl sehr relevant sind .

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich war im Herbst 2019 eher niedergeschlagen.Dass wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen oder in Lagern unter den schlimmsten Umständen gefangen halten, hat mich sehr erschüttert ,(und tut es immer noch ) Rassismus schien in der Gesellschaftsmitte angekommen und Hass gegen Frauen im Netz und auf der Straße am zunehmen, die Kluft zwischen arm und reich stetig am Wachsen .Da habe ich dann die ersten  paar Wochen während des Lockdowns eine Art Hochgefühl gehabt, weil ich tatsächlich geglaubt habe ,dass sich nun die Welt auf einen Schlag ändern würde, Das Grundeinkommen eingeführt ,kaum mehr geflogen und die Welt endlich als eine begriffen .Dem war dann leider nicht so .

Gelder wurden an Fluggesellschaften verteilt ,niemand hat die Geflüchteten aufgenommen und nach dem anfänglichen Solidarisch-Sein war sich dann doch jede und jeder selbst die/der Nächste .

Aber vielleicht war ich auch ungeduldig und das Virus hat doch einiges an Bewusstsein geschaffen, was es heißt Mensch zu sein, da werde ich auch nie zu hoffen auf hören und da setzt die Kunst ein .Da bin ich wie die Figur Veronique ,die ich gerade spiele. Sie sagt .“ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben.“

Was liest Du derzeit?

Ich lese :“Der Platz „von Annie Ernaux ,ein sehr wichtiges Buch .Ganz selten ,habe ich so präzise beschrieben bekommen  ,wie eine Schriftstellerin die Klasse beschreibt ,die sie ,um das werden zu könne  was sie nun ist ,hat verlassen müssen.Leider habe ich bereits alle von ihr gelesen,bis auf „Die Scham“.Es liegt bereits auf meinem Nachttisch .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rezept von Mascha Kaleko

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Wanda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin

Fotos_1 Sava Hlavacek ; 2 _Ariane Pochon

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich möchte, dass wir heilen. Ich möchte aber auch, dass wir uns erinnern“ Teresa Grandits, Künstlerin _ Wien 26.11.2020

Liebe Teresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist im Großen und Ganzen „geregelt“. Auch bedingt durch mein zweites Standbein. In der Früh aufstehen, fertig machen, arbeiten, Kaffee trinken, arbeiten, essen, arbeiten, spazieren, telefonieren, am Abend einen Spritzer trinken.

Teresa Grandits, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Willen, die Haltung und das Lachen zu bewahren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Bedeutung kommt dabei der Kunst zu?

Das ist eine „große“ Frage und ich weiß nicht ob ich eine gebührende, großartige Antwort darauf geben kann. Für mich persönlich, in Bezug auf den Menschen (Individuum), verhält sich diese Krise ähnlich wie beim Erfahren von Schmerz. Eine komplexe, subjektive, teils invasive, intensive, kurzfristige, langfristige usw. Sinneswahrnehmung. Diese ist stark an Emotionen gekoppelt, sie verändert uns. Geduld und Ehrlichkeit beweisen, neue Wege gehen die man (vielleicht) nicht gesucht hat, usw. Egal, welchen „Schmerz“ man erfahren hat: vor der Corona Krise, während und vielleicht danach. Ich möchte, dass wir heilen. Ich möchte aber auch, dass wir uns erinnern. Wenn es zur Kunst kommt: die ist, bleibt und wird sein, was sie immer war. Es sind die Menschen(Künstler), die mit ihr arbeiten, durch sie verarbeiten und folglich die Betrachter, die Gesellschaft.

Was liest Du derzeit?

Benjamin von Stuckrad-Barre „Panikherz“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hhm… da würden mir einige einfallen, aber vielleicht zur Thematik am besten:

„In der Krise beweist sich der Charakter.“

Vielen Dank für das Interview liebe Teresa viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Teresa Grandits, Künstlerin

www.grandits.org

Foto_privat.

23.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wichtig scheint mir, dass sich Literatur mit Offenheit behauptet“ Sebastian Görtz, Schriftsteller _ Halle/Saale, D _ 26.11.2020

Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Jahren versuche ich, zwei Welten auseinanderzuhalten: mein literarisches Schreiben und meine Beschäftigung bei einem Museumsverbund in einer früheren Bergbauregion. Ich begreife diese Welten als ausgesprochen gegensätzlich, kann aber auch nicht ausschließen, dass eine in die andere greift. Ich pendle morgens von der Stadt in einen ländlichen Raum. Der Gegenverkehr steht im Stau. Pendeln gegen den Strom. Wenn ich am Ziel bin, pendle ich weiter von Museum zu Museum. Unterwegs: Halden, Ex-Betriebsgelände, Kurven um Verschwundenes. Museen dokumentieren, erhalten, berichten, Neues entsteht. Auch in der Region steigt die Zahl der Corona-Infektionen rapide an. Veranstaltungen sind abgesagt. Die Museen schließen. Zugleich laufen viele interne Planungen weiter. Ein großes Projekt soll unter Zeitdruck vorbereitet werden. Als wäre das eine Zeit wie jede andere. Diese Tage machen müde. Wenn ich dann abends endlich müde genug bin, gebe ich der Literatur Raum. Das ist aktuell einer der vielleicht sichersten Räume.

Sebastian Görtz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Verbindlich für alle ist wohl Distanz. Jenseits des Infektionsgeschehens aber halte ich Ansprüche auf Allgemeingültigkeit in der Kultur für schwierig. Vieles in der Kunst lebt von Brechungen und Uneindeutigkeiten. Wichtig scheint mir, dass sich beispielsweise Literatur – mit und nach Corona – nicht in die Eindeutigkeitsfalle begibt, sondern sich mit Offenheit behauptet. Kultur, die Selbstironie zulässt, wird immer attraktiv sein. Und selbstverständlich brauchen Künstlerinnen und Künstler finanzielle Rahmenbedingungen, um diese Zeit zu überstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte schaut, wurden viele entscheidende Themen frühzeitig in der Literatur verhandelt, bevor sie auf breiter gesellschaftlicher Ebene besprochen wurden – etwa Fragen zu Gender, Migration, Körper, Herkunft, Urheberschaft oder Ökologie. Selbstverständlich reflektiert Literatur auch Corona. Meine Hoffnung wäre, dass dabei einerseits Aufrichtigkeit und andererseits künstlerische Brechungen aufeinandertreffen. Tocotronic etwa veröffentlichte das Lied „Hoffnung“ mit Lockdown-Bezügen. Alle überzuckerte Nähe ist dabei zugleich unterkühlte Distanz. Die Parodie eines aufrichtigen Lockdown-Songs ist ein aufrichtiger Lockdown-Song. Vielleicht sind es solche Annäherungen, die alles erträglicher machen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami – allerdings noch in der von Giovanni Bandini und Ditte Bandini aus dem Englischen übersetzten Fassung. Inzwischen liegt auch die Übersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe vor – „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Das Buch hat die richtige Lockdown-Länge. Und wenn man zwischendurch einige Zeit aussetzt, ist es halb so wild: Der Protagonist hockt am Grunde eines Brunnens und schaut nach oben. Er wartet dort geduldig, bis man den Roman wieder in die Hand nimmt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Internet findet man häufig den gut gemeinten Rat, dass man viel lesen solle, weil man mit Büchern nicht nur eines, sondern viele Leben führen könne. Vielleicht hilft das gerade tatsächlich: das zu lesen, was aktuell nicht real erlebbar ist. Von mir ist aktuell eine kurze Erzählung im Literatur-Quickie Verlag erschienen. In dem Text „Die Schatulle der Madame Jacqueline“ gerät das Leben der Hauptfigur nach einem Theaterbesuch erheblich ins Wanken. Man sollte mehr Theaterromane lesen. Und Bücher über Sportveranstaltungen. Über Vorträge, Lesungen, Kinobesuche, Gruppentänze, Kaffeefahrten. Über Nähe. Große Nähe. Damit wir Kontakt halten.

Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sebastian Görtz, Schriftsteller

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1.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Bienen und das Unsichtbare“ Clemens J.Setz. Suhrkamp Verlag.

Da ist die Flucht nach Schweden. Und die verlorene Sprache. Alles beginnt neu. Und alles beginnt mit der Sprache. Dem Sehen, dem Wahrnehmen, dem Annehmen. Dem Symbol – Bliss. Bliss ist der Name einer Kunstsprache, die von  Charles Kasiel Bliss (1897 – 1985) erfunden wurde.  Für den 1979 geborenen Mustafa wird es das Fenster und die Gestalt der Welt. Wird es Traum und Poesie…

Karl Blitz, so der Geburtsname von Charles Kasiel Bliss, wird in Czernowitz geboren.Die Monarchie. Eine Welt der Sprachen aber auch der Stille, der Gesten, schnellen Zeichen. Der junge Karl beobachtet das Kommen und Gehen der Menschen aus allen Himmelsrichtungen und ihre Formen und Versuche von Sprache. Dann der Weg nach Wien, das Studium. Und das Dunkel 1938. Seine spätere Frau Claire rettet den jüdischen Chemiker aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Eine rastlose Flucht beginnt. Schließlich der Fluchtpunkt Shanghai. Ein Neubeginn. Auch für eine Sprache….

„Die Sprache muss sehr leicht sein“ so der Begründer der Esperanto Sprache. Die Welt im einfachen Wort. Wie ein Gedicht. Auf den Punkt. Den Angelpunkt von Welt…

Der österreichische Schriftsteller Clemens J.Setz, der 2020 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde, legt mit „Die Bienen und das Unsichtbare“ eine ganz außergewöhnliche wie spannende Reise zu den ganz elementaren Lebensquellen des Menschen in der Welt dar – die Formen von Sprache/Sprachen.

Und es wäre nicht Clemens J.Setz wenn dies nicht eine fantastische, abenteuerliche Reise in die schier unendlichen Ungewöhnlichkeiten des Lebens und der Welt ist. Die Mitte ist dabei immer der Weg zur Sprache, der Vergangenes zu fassen, Gegenwart anzueignen und Zukunft zu ermöglichen sucht. Und dieser ist so vielfältig wie der Mensch. Sprache spiegelt das utopische Potenzial des Menschen und der Autor erzählt einmalig von diesen Möglichkeiten des Seins.

„Anfang und Ende von Sprache. Zweifellos das Buch zur Zeit – was ist und wenn, wie zu sagen und wovon ist zu schweigen.“

Walter Pobaschnig 11_20

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„Die Frage ist, welche Rolle Autor!nnen und Künstler!nnen einnehmen, wenn es immer schwerer wird, von ihrer Arbeit zu leben“ Nikolai Vogel, Schriftsteller _ München 26.11.2020

Lieber Nikolai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Noch mehr daheim. Noch mehr vor dem Computer. Aber auch wieder mehr hinter Büchern. Seiten umblättern. Ein eigenartiger Sommer. Immerhin auch draußen am Fluss. Und schreibe auch wieder viel mit der Hand. Auftritte und Lesungen gehen mir ab. Während des so genannten „Lockdowns“ veröffentlichte ich meinen Roman „Angst, Saurier“ aus dem Jahr 2017, der merkwürdig passte, vierzig Tage lang in täglichen Lesungsfolgen auf YouTube. Ausstellungsbeteiligungen hatte ich zwar ein paar, aber dennoch fühlt sich das seltsam an. Du machst etwas, aber es sollen nur wenige kommen. Oder du machst etwas, aber bleibst fern.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Frage nach einer gerechten Gesellschaft. Wie auch die Frage nach einer Umwelt, die noch länger hält, also in der wir es noch länger aushalten können. Und die Frage, ob dies doch alles im „weiter so“ überrollt wird. Und im Kleinen denke ich, haben wir jetzt alle zu lernen, wie man in der neuen Distanz kommuniziert. Wie man mit den Armen lächelt.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst leben immer ja auch von dem, was schon da ist. Die Gegenwartskunst ist nur eine Facette. Die Frage ist, welche Rolle Autor!nnen und Künstler!nnen einnehmen, wenn es immer schwerer wird, von ihrer Arbeit zu leben. Mit ihrer Arbeit zu leben. Und so geht es zunehmend um das Leben-können. Und darum wie wir leben.

 

Was liest Du derzeit?

 Einige neue Bände von Kolleg!nnen. Einiges wieder und wieder. Im Hin und Her zwischen Texten, die ich noch nicht kenne und Büchern, die ich längst wieder lesen will. Da wäre zum Beispiel „Das Leben Gebrauchsanweisung“ von Georges Perec. Und vielleicht komme ich dann mal zur „Menschlichen Komödie“. Die steht schon länger da …

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „und Augenblicke, die uns im Gedächtnis bleiben

während wir sie erleben, wissen wir noch nichts davon

der Weg zu einem Supermarkt im Urlaub, die Musik auf einem Bootssteg

wo man ein Lied gehört hat und was danach kam“

(aus meinem Band „fragmente zu einem langgedicht“, gutleut Verlag 2019, Vers 354-357)

Vielen Dank für das Interview lieber Nikolai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nikolai Vogel_Schriftsteller und Bildender Künstler

http://www.nikolaivogel.com/

Foto_Marian Wilhelm

25.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com