„Wichtig scheint mir, dass sich Literatur mit Offenheit behauptet“ Sebastian Görtz, Schriftsteller _ Halle/Saale, D _ 26.11.2020

Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Jahren versuche ich, zwei Welten auseinanderzuhalten: mein literarisches Schreiben und meine Beschäftigung bei einem Museumsverbund in einer früheren Bergbauregion. Ich begreife diese Welten als ausgesprochen gegensätzlich, kann aber auch nicht ausschließen, dass eine in die andere greift. Ich pendle morgens von der Stadt in einen ländlichen Raum. Der Gegenverkehr steht im Stau. Pendeln gegen den Strom. Wenn ich am Ziel bin, pendle ich weiter von Museum zu Museum. Unterwegs: Halden, Ex-Betriebsgelände, Kurven um Verschwundenes. Museen dokumentieren, erhalten, berichten, Neues entsteht. Auch in der Region steigt die Zahl der Corona-Infektionen rapide an. Veranstaltungen sind abgesagt. Die Museen schließen. Zugleich laufen viele interne Planungen weiter. Ein großes Projekt soll unter Zeitdruck vorbereitet werden. Als wäre das eine Zeit wie jede andere. Diese Tage machen müde. Wenn ich dann abends endlich müde genug bin, gebe ich der Literatur Raum. Das ist aktuell einer der vielleicht sichersten Räume.

Sebastian Görtz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Verbindlich für alle ist wohl Distanz. Jenseits des Infektionsgeschehens aber halte ich Ansprüche auf Allgemeingültigkeit in der Kultur für schwierig. Vieles in der Kunst lebt von Brechungen und Uneindeutigkeiten. Wichtig scheint mir, dass sich beispielsweise Literatur – mit und nach Corona – nicht in die Eindeutigkeitsfalle begibt, sondern sich mit Offenheit behauptet. Kultur, die Selbstironie zulässt, wird immer attraktiv sein. Und selbstverständlich brauchen Künstlerinnen und Künstler finanzielle Rahmenbedingungen, um diese Zeit zu überstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte schaut, wurden viele entscheidende Themen frühzeitig in der Literatur verhandelt, bevor sie auf breiter gesellschaftlicher Ebene besprochen wurden – etwa Fragen zu Gender, Migration, Körper, Herkunft, Urheberschaft oder Ökologie. Selbstverständlich reflektiert Literatur auch Corona. Meine Hoffnung wäre, dass dabei einerseits Aufrichtigkeit und andererseits künstlerische Brechungen aufeinandertreffen. Tocotronic etwa veröffentlichte das Lied „Hoffnung“ mit Lockdown-Bezügen. Alle überzuckerte Nähe ist dabei zugleich unterkühlte Distanz. Die Parodie eines aufrichtigen Lockdown-Songs ist ein aufrichtiger Lockdown-Song. Vielleicht sind es solche Annäherungen, die alles erträglicher machen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami – allerdings noch in der von Giovanni Bandini und Ditte Bandini aus dem Englischen übersetzten Fassung. Inzwischen liegt auch die Übersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe vor – „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Das Buch hat die richtige Lockdown-Länge. Und wenn man zwischendurch einige Zeit aussetzt, ist es halb so wild: Der Protagonist hockt am Grunde eines Brunnens und schaut nach oben. Er wartet dort geduldig, bis man den Roman wieder in die Hand nimmt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Internet findet man häufig den gut gemeinten Rat, dass man viel lesen solle, weil man mit Büchern nicht nur eines, sondern viele Leben führen könne. Vielleicht hilft das gerade tatsächlich: das zu lesen, was aktuell nicht real erlebbar ist. Von mir ist aktuell eine kurze Erzählung im Literatur-Quickie Verlag erschienen. In dem Text „Die Schatulle der Madame Jacqueline“ gerät das Leben der Hauptfigur nach einem Theaterbesuch erheblich ins Wanken. Man sollte mehr Theaterromane lesen. Und Bücher über Sportveranstaltungen. Über Vorträge, Lesungen, Kinobesuche, Gruppentänze, Kaffeefahrten. Über Nähe. Große Nähe. Damit wir Kontakt halten.

Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Sebastian Görtz, Schriftsteller

Foto_privat.

1.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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