„Die Literatur muss sich nicht hetzen – der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken“ Peter Marius Huemer, Schriftsteller_ Wien 27.11.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich in den letzten Monaten so gut wie nicht geändert. Mein Leben spielt sich vornehmlich in meiner Wohnung ab. Ich bin Drinnenmensch. Das ist nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Es geht mit der Arbeit als Schriftsteller, als Rezensent und mit meinen Hobbys einher. Um 12:00 Mittag wache ich auf, wenn mein Hund den einsamen Vormittag satt hat. Dann gehen wir eine Runde spazieren, dann Kaffee, dann Mittagessen. Den Nachmittag verbringe ich mit Arbeit am PC (Das Schreiben allein füllt keine Kühlschränke) oder – wenn keine Arbeit anfällt – wird gespielt.

Ich bin ein Nachtschreiber. Erst wenn alles ruhig ist und ich weiß, dass einige Stunden lang keine Nachrichten, keine E-Mails, keine Anrufe kommen können, bringe ich es über mich, überhaupt anzufangen. An dieser Hemmung gedenke ich zu arbeiten.

In Zeiten der wahren und emotionalen Ausgangsbeschränkungen habe ich wenig Künstlerisches zustande gebracht. Dafür bin ich aber seit Juli stolzer Träger des Master-Ranges in Starcraft 2 – das wird Ihnen nicht viel sagen, aber ich versichere Ihnen, dass es Grund ist, äußerst beeindruckt zu sein. Zum Glück war ich aber davor umso produktiver, weswegen in Bälde einige erfreuliche Veröffentlichungen anstehen.

Das vergangene halbe Jahr hat mich unruhiger gemacht, eine Spur pessimistischer und hat plötzlich den unbändigen Wunsch zu reisen in mir ausgelöst. Der wird sich aber bestimmt verflüchtigen, sobald das wieder leichter geht.

 

Peter Marius Huemer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Die Antworten auf diese und die nächste Frage sind naturgemäß grobe Vereinfachungen.

Uns aus unserer kollektiven Stasis zu befreien, den Lagerkoller abzuschütteln und wieder aktiv zu werden. Was ich an mir selbst aber auch im Allgemeinen zurzeit beobachtet habe, ist ein großes tatenloses Warten. Das ist verständlich, weil all unsere Pläne aufgeschoben wurden, aber so zu tun, als müsste nur genug Zeit vergehen, damit wir genau dort weitermachen können, wo wir stehen geblieben waren, ist nicht nur unrealistisch, sondern wäre sogar eine Dummheit. Damit meine ich nicht, dass wir uns an die Ausnahmesituation gewöhnen, denn die oft beschworene neue Normalität, in der wir alle Eigeninitiative und alle Kontrolle über die Zukunft abgeben und sozusagen die Hände zum Himmel werfen, auf das irgend eine höhere Macht, sei es nur Schicksal oder Zufall oder die Führungskraft der Politik uns von der Situation erlösen, ist kein erstrebenswerter Zustand. Ein Umdenken muss stattfinden. Wohin dieses dann führen soll? Darauf habe ich keine letztgültige Antwort. Nur, dass es vermutlich nicht von unseren gegenwärtigen festgefahrenen Gesellschaftsstrukturen ausgehen wird. 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur hat gesellschaftlich an Gewicht verloren. Wir machen auf die gesamte Bevölkerung gesehen Nischen-Kunst. Natürlich würden wir uns wünschen, das wäre anders, aber genau diese Stellung gibt uns ungemeine Freiheit und Unabhängigkeit, die wir nutzen müssen. Die Literatur muss sich nicht hetzen. Sie kann sich leisten, politisch zu sein, ohne ständig stumpf zu agitieren. Mehrdeutigkeit und das Rotieren um eine Frage, der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken. Ich denke, dass die Literatur in der Rolle der hinterfragenden und abstrahierenden Instanz trotz eingeschränkter Reichweite unersetzbar bleibt. Aber, um diese Rolle weiter ausfüllen zu können, wird es nötig sein, neuen kreativen und intellektuellen Mut zu finden und nicht der Versuchung einer zu Ich-bezogenen Literatur zu erliegen. Diesen Mut muss aber die gesamte Branche fassen – nicht nur die Schreibenden selbst tragen die Kunst auf den Schultern. 

 

 

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich „Jokerman“ von Stefan Kutzenberger und parallel „Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan. Beide Bücher kann ich nur wärmstens empfehlen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Da fragte ein Blinder, Hast du was gehört, Drei Schüsse, antwortete ein anderer, Aber da hat doch auch ein Hund geheult, Er hat schon wieder aufgehört, das war bestimmt der dritte Schuss, Umso besser, ich hasse es, wenn Hunde heulen.“ – Die Stadt der Sehenden, José Saramago

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Marius Huemer, Schriftsteller

https://www.petermariushuemer.com/literatur

 

 

Foto_privat

23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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