“Ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben“ Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin_ Zürich_26.11.2020

Liebe Wanda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment habe ich das Glück, das Stück „Gott des Gemetzels“ proben zu können ! Nach einem halben Jahr ohne Proben und Aufführungen natürlich eine große Freude! Wir sind eine feste Truppe und messen jeden Morgen ob jemand Fieber hat und tragen die Temperatur in eine Tabelle ein .Wir sind erst am Anfang des Stückes ,wo die Figuren noch anständigen Abstand zu einander haben:) das wird sich aber bald ändern …

Während der ersten Welle, hat sich mein Alltag gar nicht so von anderen probefreien Phasen unterschieden ,außer, dass die Konzeptgespräche per Zoom oder im Frühjahr dann draußen stattgefunden haben. Lesen , schreiben, denken ,den Körper, die Stimme ,meine Instrumente geschmeidig halten ,in meiner eigenen Struktur. Da waren wir Freiberufler für ein mal im Vorteil ,weil wir uns schon geübt sind im uns selber eine Tagesstruktur zu schaffen.

Wanda Ladina-Wylowa, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität,etwas von dem ich mir wünschen würde ,das es als Schulfach gelehrt werden würde .

Anerkennung der systemrelevanten Berufe in Form von Lohnerhöhungen .

Aber auch der  Erhalt von Gastro – Kunst und Kulturbranche, weil auch sie von  unterschiedlichen Aspekten her sehr wohl sehr relevant sind .

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich war im Herbst 2019 eher niedergeschlagen.Dass wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen oder in Lagern unter den schlimmsten Umständen gefangen halten, hat mich sehr erschüttert ,(und tut es immer noch ) Rassismus schien in der Gesellschaftsmitte angekommen und Hass gegen Frauen im Netz und auf der Straße am zunehmen, die Kluft zwischen arm und reich stetig am Wachsen .Da habe ich dann die ersten  paar Wochen während des Lockdowns eine Art Hochgefühl gehabt, weil ich tatsächlich geglaubt habe ,dass sich nun die Welt auf einen Schlag ändern würde, Das Grundeinkommen eingeführt ,kaum mehr geflogen und die Welt endlich als eine begriffen .Dem war dann leider nicht so .

Gelder wurden an Fluggesellschaften verteilt ,niemand hat die Geflüchteten aufgenommen und nach dem anfänglichen Solidarisch-Sein war sich dann doch jede und jeder selbst die/der Nächste .

Aber vielleicht war ich auch ungeduldig und das Virus hat doch einiges an Bewusstsein geschaffen, was es heißt Mensch zu sein, da werde ich auch nie zu hoffen auf hören und da setzt die Kunst ein .Da bin ich wie die Figur Veronique ,die ich gerade spiele. Sie sagt .“ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben.“

Was liest Du derzeit?

Ich lese :“Der Platz „von Annie Ernaux ,ein sehr wichtiges Buch .Ganz selten ,habe ich so präzise beschrieben bekommen  ,wie eine Schriftstellerin die Klasse beschreibt ,die sie ,um das werden zu könne  was sie nun ist ,hat verlassen müssen.Leider habe ich bereits alle von ihr gelesen,bis auf „Die Scham“.Es liegt bereits auf meinem Nachttisch .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rezept von Mascha Kaleko

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Wanda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin

News

Fotos_1 Sava Hlavacek ; 2 _Ariane Pochon

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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