„Und wir fragen uns in diese Stille hinein: Was brauchen wir wirklich?“ Simone Meier, Schriftstellerin _ Zürich _27.11.2020

Liebe Simone, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich sitze im Corona-Homeoffice und simuliere Normalität. Das heisst ich gehe am Morgen raus und spaziere durch den Park vor unserem Haus oder durch den Park hinter unserem Haus. Im einen hab ich mal Roger Federer getroffen, im anderen noch niemanden. Ich mache das, weil ich am Morgen einen Ersatz für den Arbeitsweg an der frischen Luft in die Redaktion brauche. Das bisschen Bewegung und Hirnlüften. Dann gehe ich heim, mache eine WhatsApp-Sitzung mit den Redaktions-Kollegen, schreibe meine Artikel und blicke dabei auf den Park. Die Kinder aus dem Hort spielen in ihrem Winterzeug wie gepolsterte Zwerge unter den Bäumen, Hunde sind Hunde, und gelegentlich kommt ein Mann mit einem Laubbläser vorbei, was sinnlos ist. Zwischendurch erhalte ich Mails von meiner Lektorin aus Zürich, meiner Pressefrau aus Berlin oder meiner Bookerin aus Frankfurt, im nächsten Februar erscheint mein neues Buch, gerade heute ist es druckfertig geworden, die Maschine, die loslegt, wenn die kreative Arbeit abgeschlossen ist, läuft. Abends mixe ich Drinks, meine Freundin kocht was Feines, zum Essen schauen wir Kochshows, danach was Besseres. Dann schlafen. Viel träumen. 

Simone Meier, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Gelassenheit. Auch Dankbarkeit für alles, was gut ist im Leben. Vorsicht. Rücksicht. Für Freunde da sein, die alleine sind. Vom inneren Vorrat zehren, von Erinnerungen an Reisen und Feste und eine Unbeschwertheit, die irgendwann zurückkommt.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man sich unsere Gesellschaft vor Corona anschaut, dann herrschte da ein Rausch der Überangebote. Mit Corona wurde es still. Und wir fragen uns in diese Stille hinein: Was brauchen wir wirklich? Und da muss es der Kunst, muss es der Literatur gelingen, sich wichtig zu machen. Ihre Systemrelevanz zu beweisen und zu behaupten. Das braucht ein Selbstbewusstsein, das jetzt gerade vielen Kulturschaffenden abgehen mag. Die Zeiten sind absolut zermürbend. Ich denke, wir sollten mit der größten Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit an unsere Bücher, Filme, Bilder etc. gehen, sollten ihnen alle Wertigkeit einbrennen, zu der wir fähig sind und alle Liebe. Damit sie leuchten und sichtbar sind.

Was liest Du derzeit?

«2666» von Roberto Bolano.  Ein Freund, der Schriftsteller Christoph Höhtker, hat es mir empfohlen. Tolles Buch. Auch wenn ich fast nie Bücher von Männern lese …

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ich habe zwei Lieblingsgedichte. «Ode on Melancholy» von John Keats und «Im Gewitter der Rosen» von Ingeborg Bachmann. Einen Fragebogen aus Österreich beantworte ich selbstverständlich mit Bachmann. Was genau die Dichterin mit ihren Zeilen gemeint haben könnte, interessiert mich nicht. Texte müssen losgelöst von einer Autorschaft überdauern können. Aber ich finde Bachmanns Sprachbilder gewaltig schön und mich fasziniert die Atmosphäre der Bedrohung, der Gefahr, die sie hervorrufen.

Wohin wir uns wenden im Gewitter der Rosen,
ist die Nacht von Dornen erhellt, und der Donner
des Laubs, das so leise war in den Büschen,
folgt uns jetzt auf dem Fuß.

Vielen Dank für das Interview liebe Simone, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Simone Meier, Schriftstellerin

5 Fragen an KünstlerInnen:

Simone Meier, Schriftstellerin, Journalistin

Fotos_Renate Wernli

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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