„Still schweigt der See“ Tina Schlegel. Bodensee Krimi.

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Autor: Tina Schlegel Titel: Still schweigt der See Reihe: Bodensee Krimi, Region: Baden-Württemberg ET: August 2020 ISBN 978-3-7408-0936-2, (i4)_(0936-2) ebook: 978-3-96041-673-9, (e2)_(673-9)

Da ist der stille See. Der nimmt was ihm gegeben wird. Leben und Tod. Heute war es wieder so. Die dunkle Seite. An den vielen Booten ist es zu erkennen, die nach dem Tod in der Tiefe suchen…

Und da ist das Schachspiel. Die Figuren auf dem Schwarz und dem Weiß. Und die Worte der beiden Männer dazu. Was denn jetzt und wie zu gewinnen sei? Nicht hier am Brett aber draußen auf den Brettern der Welt. Den Rednerpulten, den Fernsehansprachen. Den Wahlkämpfen. Zug um Zug. Da muss doch was möglich sein…

Miriam steht vor dem Bild Ihrer Landschaft. Betrachtet es lange. Kommissar Sito ist neben ihr. Seine Nähe tut ihr gut. Er ist da und bleibt. Wie ein ruhender See in den Jahreszeiten. Das ist viel. Vielleicht alles…

Roman Enzig ist Wissenschaftler und Profiler. Sein Schwarz und Weiß ist der Blick auf den Tatort. Auf Spuren und Aussagen. Auf Überlegungen und Züge. Beim Vorbereiten eines Vortrages ist er am Schreibtisch eingeschlafen und Anna kommt jetzt sanft zu ihm…

Dann steht Enzig am Vortragspult. Sein Auditorium hört gespannt zu. Sein Thema ist ihm vertraut. Doch dann bricht das Schwarz, das Dunkle in den Moment. Männer und Gewehre, Angst und Stille…Die Welt zerreißt jetzt…und Miriam sitzt in der ersten Reihe…

 

Tina Schlegel, Autorin und Kulturjournalistin setzt mit den fünften Band Ihrer Bodensee Krimi Reihe ein weiteres highlight mitreißender Krimispannung, in welcher der Mensch und seine Abgründe in variantenreichen Facetten eindrücklich dargestellt werden. Die erfahrene Autorin schafft es einzigartig, Handlungsstränge und aktuelle Themenstellungen unserer Gesellschaft zu verbinden und auf den Menschen und seinen Entscheidungswillen rückzubinden.

 

„Es geht bei Tina Schlegel immer um den Menschen und seine Abgründe aber auch um das spiegelnde Licht der Hoffnung“

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„Nun herrschen andere Regeln. Vertrauen dürfen, Menschen um sich zu haben, die man liebt – das wird immer wichtiger“ Christina Jonke_ Schriftstellerin _ Klagenfurt 8.9.2020

Liebe Christina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In der glücklichen Lage als Schreibende einen Gutteil meiner Arbeit immer bei mir zu haben, konnte dieses unselige Virus meine persönliche Tätigkeitsstruktur eigentlich kaum verändern. Ich übe mich in „Business as usal“ und versuche konsequent an meinen Textprojekten zu arbeiten. Oberflächlich gesehen.

Alles was die operative Theaterarbeit betrifft, hat Covid-19 – wie bei den vielen Kolleg*innen auch – natürlich völlig zum Stillstand gebracht. Will ich die Situation unbedingt von der positiven Seite betrachten, gab und gibt es einen ziemlich großen Spielraum zur Reflexion des Weges, auf dem ich mich befinde. Diesen angeblichen Freiraum kann ich manchmal gut und phasenweise gar nicht nutzen. Ja, warum eigentlich nicht? Warum kann ich meine Fenster schamlos ohne Vorhänge zeigen, im Garten ohne Buschmesser flanieren und die ganze Nachbarschaft mit variantenreichen Kuchen verwöhnen? Diese innere und äußere Unruhe, die mir die aktuelle Situation aufzwingt, ist leichter durch handfeste Tätigkeiten zu bändigen als durch die Suche nach fiktiven Lebensräumen. Diese Zeit, die Maßnahmen wie social distance in allen ihren Ausformungen verordnet, löst in mir das Gefühl aus, selbst in einer konstruierten Blase festzusitzen. Wird sie platzen oder werden wir uns irgendwann alle darin einrichten – und was dann? Wird das Projekt, das ich gerade für den Herbst vorbereite, überhaupt über die Bühne gehen können? Der innige Wunsch zu arbeiten und Unsicherheit dominieren abwechselnd den Alltag.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Sehnsucht danach, dass alles wieder gut wird, spüre ich ganz stark rund um mich und auch in mir. Wie aber kann diese Sehnsucht gestillt werden und was bedeutet „alles wird gut“? Es war ja niemals „alles gut“, aber vielleicht hatte man vor Covid-19 das Gefühl, sich auszukennen und sein Leben „im Griff“ zu haben. Nun herrschen andere Regeln. Vertrauen dürfen, Menschen um sich zu haben, die man liebt – das wird immer wichtiger. Das ermöglicht es auch fremden Menschen gegenüber respektvoll und achtsam aufzutreten und das schließt durchaus den rücksichtsvollen Umgang mit unserem Planeten mit ein. Je mehr räumlichen Abstand wir untereinander halten müssen, desto mehr Gefühl sollten wir in unser Sprechen und Handeln legen, damit unsere Welt nicht völlig verhärtet und aus den Fugen gerät.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Kunst ist ein kostbares Lebensmittel! Sie unterstützt uns maßgeblich dabei, Mensch zu sein und bleiben!

Was liest Du derzeit?

Ludwig Roman Fleischer, Die letzten hundert Jahre.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zuviel Licht hindert uns daran die Sterne zu sehen. (Graham Greene)

Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literatur- , Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christina Jonke_Schriftstellerin, Regisseurin

https://www.texte.jonkeonline.at/

Foto_privat.

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„Die Kunst wird die Rolle des Kindes in „Des Kaisers neue Kleider“ übernehmen – uneitel, egobefreit und die Stimme erheben“ Marie Förster, Schauspielerin, Köln _ 7.9.2020

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zuerst einmal ignoriere den am Vorabend ambitioniert gestellten Wecker.
Irgendwann stehe ich auf, entscheide, dass Yoga, Backen und Cello spielen besser morgen passieren, weil ich zu spät aufgestanden bin. Dann stelle ich einen Wecker für den nächsten Tag, da fühle ich mich gleich besser.

Als nächstes telefoniere ich, schreibe Mails bis mir die Augen brennen, putze Zähne, lese Zeitung, schaue einen Film, frage mich, warum ich müde bin, tanze für zehn Minuten wild durch die Wohnung und fühle mich danach frei genug, um an einer Rolle zu arbeiten, bevor ich nach einem Teller Nudeln wieder ins Bett falle.

Am nächsten Morgen ignoriere ich den Wecker wieder und beginne von vorn.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Demut.

De-mut könnte ja bedeuten, gegen den „-mut“ zu gehen, doch ich finde, es meint gerade genau das Gegenteil.
Die Demut und den Mut, auszuhalten, weiterzugehen und die Veränderung anzuerkennen, die uns gerade überrollt.

Auch auszuhalten, dass die Erkenntnisse, die uns diese Veränderung bringt, zuweilen sehr schmerzen und nach lebensbejahender Rage oder Trauer verlangen werden.
Und dazu die Lust, sich davon immer wieder überrollen zu lassen, die werden wir langfristig brauchen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was dabei persönlich und gesellschaftlich wesentlich sein wird, ist in meinen Augen nur der Grad an Grandeur und Beherztheit, mit der wir bereit sind, dem zu folgen, was uns in die Stille der Pandemie hinein mehr als direkt angeschaut hat – jeder für sich und wir alle zusammen.
Die Kunst, das Spiel und alle seine Formen werden darin in meiner Sehnsucht die Rolle des Kindes in „Des Kaisers neue Kleider“ übernehmen und uneitel, egobefreit und angebunden die Stimme erheben, um zu sagen, was sichtbar, greifbar ist und welche Konflikte auf der Hand liegen.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kunst es sich störrisch bequem macht in der Gewissheit, nicht system-, dafür aber seelen- und universal relevant zu sein. Wie das aussieht und wer das wie umsetzt, darauf freue ich mich jetzt schon!

 

 

Was liest Du derzeit?

 Ich arbeite die „Zeit“ auf, die ich über einige sehr aktive Wochen hinweg gepflegt beiseite gelegt hatte. Außerdem „Shantaram“ von Gregory Roberts.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I´m looking for the truth. The audience doesn´t come to see you, they come to see themselves.“ (Julianne Moore)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Förster, Schauspielerin

https://mariefoerster.jimdofree.com/

Foto_Marie Förster.

 

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„Die Richterin“ Lydia Mischkulnig. Roman. Haymon Verlag.

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Die Augen brennen. Das Licht verschwimmt über den Akten. Aber dazu gibt es ja Tropfen. Ein paar Lidschläge. Passt wieder. Alles geht seinen Gang. Der Stapel wird sortiert. Die Asylanträge häufen sich jetzt für die Richterin. Länderdokumentationen. Atteste. Links oder rechts. Eine erste Entscheidung. Schutzwürdig oder komplizierter Fall. Jetzt tränen die Augen wieder. Sie ist im Büro allein. Arbeit und Termine. Das Leben, die Hoffnungen, die Verhängnisse, der anderen und die eigenen. Verdichtet und ausgebreitet…

Wie in dem Fotoalbum jetzt. Sie und ihr Bruder. Zwei Wege. Ihre Doktorarbeit und die stationäre Hilfe für den Bruder in der Schweiz. Dann das Album von der Hochzeit mit Joe am Wörthersee. Ihr Bruder Karl war damals im Hochsommer einfach aufgestanden und schwimmen gegangen – „…hatte er verlautbart, dass er Hochzeit mit den Undinen am Wörthersees feiern wollte und war einfach schwimmen gegangen…“.

Jetzt 40 Jahre danach gibt es Joe noch immer an ihrer Seite. Haus, Garten, Pool. Und dazwischen die Fotoalben in der Stadtwohnung. Die Anträge im Büro. Die Welt da und dort. Die Gründe und die Abgründe…

Und dazwischen sie, die Richterin…Und jetzt beginnt sich alles zu bewegen, zu erschüttern…

Die mehrfach ausgezeichnete österreichische Schriftstellerin Lydia Mischkulnig, u.a. Bertelsmann Literaturpreis 1996 (Klagenfurt), legt mit „Die Richterin“ einen Roman vor, der kompromisslos wie hintergründig das Leben in allen Facetten von Routine und Entscheidung, Banalität und Tragik wie Sehnsucht und Endstation begeisternd öffnet. Ein Panoptikum unserer Welt im Kleinen wie Großem, das bis zur letzten Seite eindringlich, spannend, humorvoll wie nachdenklich packt.

„Witz und Intellekt. Lydia Mischkulnig weiß einzigartig was Sprache würzt und pfeffert, um das Leben zu erahnen. Ein großartiger Roman.“

 

Walter Pobaschnig 8_20

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„Künstler_innen der Off-Szene sind wahre Überlebenskünstler_innen“ Mona May_Künstlerin _ Wien 6.9.2020

Liebe Mona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na ja, mein Leben und mein Tagesablauf sehen jetzt nicht viel anders aus, als vor COVID 19. Ich lebte, bis zum 14. März dieses Jahres, sehr isoliert und zurückgezogen mit meinem Mann auf dem Land. Mein tägliches Brot war und ist: schreiben, schreiben, schreiben. Und organisieren, inszenieren und ein paar verrückte Dinge in die Welt zu setzen. So weit mir das in meiner Situation eben möglich ist, denn ich arbeite sozusagen vom Bettsofa aus. Was mich nicht daran hindert Theaterstücke wie „Lilith’s Kuss“ oder mein neuestes Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ zu schreiben und zu inszenieren. Mit meinem GOETHE IST TOT – WIR LEBEN Projekt bin ich nicht nur auf einigen Social Media Kanälen umtriebig, sondern schreibe diese auch für das Online-Magazin www.kuenstler-leben.com. Und mit viel Freude betreibe und pflege ich das Format argeLiteratur, das eines meiner jüngsten Kinder ist. Also ich habe immer viel zu tun.

Der Grund liegt in einer Erkrankung, durch die ich seit zweieinhalb Jahren nicht mobil bin und auch das Haus ohne fremde Hilfe nicht verlassen kann. Bis zum 14. März lebten wir, wie schon erwähnt, auf dem Land, in einem winzig kleinen Ort, direkt an der Donau. Eine traumhaft schöne Gegend, sehr idyllisch und abgelegen, dort wo sich sozusagen Fuchs und Henne gute Nacht sagen. Allerdings war die Schattenseite unseres romantischen Landlebens: soziale Isolation, die natürlich durch meine außergewöhnliche Situation, äußerst begünstigt wurde.

Zum Glück kann ich seit geraumer Zeit künstlerisch, dadurch, dass sich mein Zustand bereits wesentlich verbessert hat, wieder intensiv arbeiten, was ich sehr liebe – die Kunst ist ja gewissermaßen mein Lebenselixier. Darum, und weil ich wieder näher bei meinen Freunden, Kolleginnen und Kollegen sein wollte, übersiedelten wir an besagtem 14. März nach acht Jahren Landleben wieder nach Wien. Hier sollte alles leichter werden und die „soziale Isolation“ ein Ende finden. Dem war aber nicht so, denn am 16. März wurde, wie alle wissen, die Ausgangssperre verhängt und wir fanden uns in der fast gleichen Situation wieder. Nur der Schauplatz hatte sich geändert und auch die Erledigung alltäglicher Dinge, wie der Einkauf von Lebensmitteln, da wir jetzt einen Supermarkt ums Eck haben. Gott sei Dank sind mein Mann und ich mit jeder Menge Humor gesegnet und so fanden wir, dass wir als „Isolationsvollprofis“ den anderen einiges voraus hätten und wir das schon irgendwie hinkriegen würden.

Ich muss allerdings zugeben, dass es nicht gerade leicht war, hier alleine auf all den Umzugskartons und in dem Chaos zu sitzen und nicht zu wissen, wann diese Situation sich ändern wird. Vor allem da wir ja wirklich auf die Hilfe unserer Freunde angewiesen gewesen wären, aber die durften eben nicht kommen.

Schlussendlich haben wir auch das bravourös gemeistert und mittlerweile ist es in unserem neuen Zuhause in Wien schon recht wohnlich. Es stehen nur mehr einige hundert Schachteln herum, die darauf warten ausgeräumt zu werden. Und das Beste ist, dass wir in unserer neuen Wohnung, seit den Lockerungen auch schon an meinem neuen Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ proben können.

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(Tanz Solo _ Mona May) 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe, Gelassenheit, Durchhaltevermögen und Vertrauen, Vertrauen und noch einmal Vertrauen – in sich selbst und in die anderen. Vor allem die verordnete Distanz als Chance für eine neue und vielleicht unbekannte Form der Nähe zu anderen und zu sich selbst zu begreifen. Zu begreifen, dass im Abstandhalten Respekt vor- und füreinander liegt, dass der Abstand nicht zwingend soziale Isolation heißen muss. Und dass wir der aufkeimenden Angst – der eigenen und der fremden – freundlich begegnen. Auch, dass wir weiterhin Fragen stellen, dass wir das, was jetzt geschieht, von vielen Seiten durchleuchten und uns nicht in eine Panik treiben lassen – auch von uns selbst nicht.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich sehe die jetzige Herausforderung, vor die wir uns, angesichts der Corona-Krise, gestellt sehen, als riesengroße Chance, um den Stellenwert und die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst in einem diskursiven Dialog neu zu definieren. Dies müsste natürlich öffentlich und auf sehr breiter Ebene geschehen. Vor allem für die sogenannte Subkultur- oder Off-Szene und ihre Kulturschaffenden, die ja oft wie die Underdogs der Gesellschaft behandelt werden – was sie natürlich definitiv nicht sind. Denn wir alle wissen, dass das Gegenteil der Fall ist und aus der Off-Szene – wenn sie nicht versucht es dem Staatstheater gleich zu tun – sehr oft die maßgeblichen Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaft und der Kunst kommen.

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(Substanz _ Johannes Gellner)

Da die Künstler_innen der Off-Szene häufig auch mit der Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum und Outdoor-Veranstaltungen vertraut sind und zudem meist eine intensive Auseinandersetzung mit alternativen, ungewöhnlichen Lebensformen, auch in Bezug auf das soziale Miteinander, in formaler und ästhetischer, genauso wie in thematischer und inhaltlicher Hinsicht gewohnt sind, könnten gerade jetzt von ihnen ausschlaggebende Beiträge für die anstehenden und notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen kommen. So könnte zum Beispiel die Distanz und die Weite des öffentlichen Raums ein Weg zur Nähe sein. Um es scherzhaft zu formulieren: das würde die antivirale und antibakterielle Wirkung der Kunst noch deutlicher hervorheben.

Gerade in Österreich sind die hierarchischen Strukturen des (Staats-)Theaters beklemmende Realität. Traditionspflege ist zwar gut und schön, sie alleine bringt uns aber nicht weiter. Da könnten jetzt die Künstler_innen der Off-Szene, die ja im öffentlichen Bewusstsein weitgehend unsichtbar sind, eine wichtige Rolle spielen, denn gerade sie werden jetzt im Licht der Krise sichtbar. Nicht zuletzt deswegen, weil auch ihr Überlebenskampf deutlich zutage tritt und in das Bewusstsein zumindest einiger Köpfe vordringt. Sie, und ihre bewusstseinsfördernde und dadurch gesellschaftsverändernde Arbeit, könnten jetzt aus dem Schatten einer einseitigen und unwürdigen Förderpolitik, die sie zu Bittstellern degradiert, treten. Zurecht finden sie in dieser Ausnahmesituation einige engagierte, namhafte und weitsichtige „Fürsprecher_innen“, die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Dadurch das viele Kunstschaffende wahre Überlebenskünstler_innen sind, die aufgrund ihres harten Überlebenskampfes ausgesprochen soziale Fähigkeiten ausgebildet haben, könnten sie zu relevanten Vorbildern der Gesellschaft werden, die Lösungen anzubieten haben.

Der Übergang, die Fuge, die Schwelle von etwas Altem zu etwas Neuem ist immer mit einer Verunsicherung verbunden, das ist im persönlichen individuellen, wie im gesellschaftlichen kollektiven Leben so. Veränderung oder Wandel geht immer auch mit der Suche nach (Neu-)Orientierung einher. Dieser Suche nach Orientierung geht im besten Fall ein reflexiver Prozess voran, der dann durch Versuche, Experimente und Forschungen zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen führt, die uns neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Für viele Künstler_innen der Off-Szene sind diese Prozesse gang und gäbe und sie verfügen daher über einen reichen Erfahrungsschatz, der jetzt kollektiv nutzbar wäre.

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So gut und wunderbar die digitalen Medien und die Social Media Kanäle auch sind, sie werden die Menschen über kurz oder lang in eine noch größere Vereinsamung führen. Auch wenn diese immer ausgefeilter und raffinierter werden, am Schluss steht die Sehnsucht nach echter Berührung und nach einem gemeinsamen Atem in einem Raum. Jetzt sind wir froh, dass wir uns über diese Wege austauschen und uns mitteilen können. Doch die Zukunft liegt  dort nicht. Das Neue wird weit über das digitale Zeitalter hinausgehen (müssen) und vielleicht in vielem an die alten Theaterformen anknüpfen. Das Alte ist dann das Progressive, weil ein Grundbedürfnis von uns Menschen Nähe ist. Daran wird auch COVID 19 nichts ändern können. Es ist und bleibt also spannend.

Die Reflexion alleine wird aber die Veränderung nicht bewerkstelligen können, denn wenn wir in ihr stecken bleiben, kann das einen Stillstand beziehungsweise eine Rückkehr zum Gewohnten und Alten bringen. Es und wir brauchen daher den Mut und die Courage zur aktiven und tätigen Gestaltung. Neue Formen, werden weder in der Kunst noch in der Gesellschaft mal einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Die beste Idee hilft niemanden, wenn sie  in der Schublade des alten Denkens oder der Untätigkeit verrottet.

Was liest Du derzeit?

Zurzeit führe ich das Leben einer Lese-Asketin. Ich lese aber „zwangsweise“ selbst Geschriebenes, weil ich zum einen gerade mit einem wunderbaren Ensemble mein neuestes Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ inszeniere und zum anderen – worüber ich mich wahnsinnig freue – gerade mit der Veröffentlichung meiner Textsammlung „argeWorte Wortskulpturen von Mona May“ und eines Lyrikbandes beschäftigt bin.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„So bin ich solidarisch mit Dir, einfach, weil Du Mensch bist, von Menschen geboren, so wie ich. Weil Menschen einander brauchen, weil wir, wenn nichts mehr übrig geblieben ist, das uns hält, nur uns haben.“

Aus dem MAHNMAHL: Die Tischrunde der Hoffnung und Zuversicht / Mona May 2017

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Vielen Dank für das Interview liebe Mona, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Sehr gerne, danke für die Einladung, es war mir eine große Freude.

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mona May: Künstlerin

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„Es ist unabdingbar, dass wir uns mehr Zeit für die Kunst nehmen, für die Seelenbildung“ Dana Grigorcea, Schriftstellerin_Zürich _ 5.9.2020

Liebe Dana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diesen Sommer bleibe ich mit der Familie zu Hause, in Zürich. Ich richte mich ganz nach den Wünschen meiner Kinder, die Ferien haben. Verbringe also fast jeden Tag im Badeanzug am See. Wenn wir nicht schwimmen oder Ping-Pong spielen, lesen wir. Überhaupt ist die Liegewiese der Badeanstalt, in die wir gehen, ein seltsamer Lesesaal: liegende, hockende, merkwürdig verrenkte Menschen am Lesen.  

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig, dass wir nicht tollkühn werden und die Corona-Schutzmaßnahmen missachten. Es ist wichtig, dass wir Rücksicht nehmen auf die Schwächsten unserer Gesellschaft. Und es ist wichtig, dass die Corona-Erfahrung ein Weckruf wird: Dass wir unser Konsumverhalten überdenken und auch möglichst alles, was in Diktaturen hergestellt wird, sowie Unternehmen, die keine Rücksicht nehmen auf Mensch und Umwelt, boykottieren. Außerdem ist es unabdingbar, dass wir uns mehr Zeit für die Kunst nehmen, für die Seelenbildung.    

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur, und Kunst an sich, macht den Menschen idealerweise empathischer. Man übt sich im Standpunktwechsel, bleibt offen für den Anderen. Überhaupt übt man sich im Staunen über die Möglichkeiten der Welt, die Möglichkeiten des Ausdrucks. Literatur kann die Welt verändern. Aber, wie mich unlängst ein Leser aus Indien fragte: Wie kann Literatur die Welt verändern, wenn so viele Menschen gar nicht lesen können? Hierzu kommt Schulen eine wichtige Rolle zu. Ich plädiere dafür, dass Schreibende in Schulen gehen, immerzu die Begegnung suchen mit Menschen, die am Anfang eines Weges stehen.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese schon zum dritten Mal Stefan Zweigs Novelle „Der Attentäter“ und bin restlos begeistert. Die Novelle werden mein Mann, der Schriftsteller Perikles Monioudis, und ich unbedingt in unserem Telegramme Verlag bringen – schon im Herbst! Es ist ein Meisterstück der Literatur, und ich bin voller Demut ob Zweigs literarischem Geschick, Figuren mit Tiefe zu zeichnen, die Atmosphäre zu verdichten …   

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf meiner Indien-Lesereise letzten Herbst traf ich in Kalkutta eine Schülerin, mit der ich mich lange unterhielt. Sie hatte viel gelesen, machte kluge Exkurse über die Weltliteratur. Bei der Verabschiedung bat sie mich um eine persönliche Widmung in meinen Roman „An Instinctive Feeling of Innocence“, den sie als Parabel über das heutige Indien gelesen hatte. Sie sagte: Sorry ma´am, my name is difficult to write … Shrishti … It means “Universe“.    

Vielen Dank für das Interview liebe Dana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dana Grigorcea: Schriftstellerin

https://www.grigorcea.ch/8650277/alle-bucher

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„Erkennbar werden in dieser Zeit die gesellschaftspolitischen Notwendigkeiten“ Michael Hedwig, Künstler, Wien _4.9.2020

Lieber Michael, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eine Mischung aus anhaltender Urlaubsstimmung, ich komme gerade aus Osttirol nach Wien, und Findung eines Überblicks im Atelier. Osttirol ist übrigens jener Bezirk Tirols ohne aktuell nachweisliche Coronafälle. Mein Tagesablauf ist bestimmt durch gemeinsames Kochen mit meiner Frau, Lesen, Zeichnen, Mathematik-Auffrischung mit unserem 10-jährigen Sohn, der in die erste AHS kommen wird. Scooby-Doo-Zeichentrickfilme schauen.

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(Michael Hedwig, Großglockner bewundern, 31.07.2020, Foto: Simina Badea)

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Für mich ist jetzt besonders wichtig „da zu sein“. Eine leichte Struktur für den Alltag zu finden die uns als Familie einerseits Freiräume bietet, in der jede(r) ihre/seine Dinge erledigen kann und andererseits Zeiträume schafft, in denen wir zusammenfinden. – Das sollte jede(r) für sich selbst und ihre/seine nähere Umgebung definieren. Die engeren Strukturen kommen mit Schulbeginn wieder wie von selbst.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Ich denke, dem Wunsch nach Aufbruch und Neubeginn wird wohl noch etwas abwartende Geduld vorausgehen müssen. Leichter erkennbar werden in dieser Zeit die gesellschaftspolitischen Notwendigkeiten, von der Neubewertung unserer Gesamtstrukturen mit dem Ziel der Erlangung sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Balance bis zur Realisierung planetarischer Bewusstheit auf der Basis von Mitgefühl und Selbstverantwortung.

Die Kunst, lieber sage ich, „die Künste“ können auf diesem Weg Hinweise geben. Jedenfalls ein möglichst weiter „Künste-Begriff“ vorausgesetzt. Wir lernen aus allen Sparten.

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(Michael Hedwig, distance learning, 2020, Acryl auf Leinwand, 2-teilig, 50x80cm)

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese im „Wanderführer Osttirol“ sozusagen als Nachlese, und immer wieder „Das, was durchscheint durch das, was erscheint“ von Pir Vilayat Inayat Khan.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf der schmalen Rundwanderung Ködnitztal hat die letzte Station das Thema „Klangspuren – In die Stille horchen“ (Wanderführer Osttirol)

„…Es ist eine Tatsache, dass die Photonen ihrer Aura mit einer Geschwindigkeit von 300 000 Kilometern pro Sekunde durch den Raum reisen. Können Sie sich vorstellen: 300 000 Kilometer pro Sekunde! Schließlich treffen sie die Sterne.“ (Pir Vilayat Inayat Khan, „Das, was durscheint durch das, was erscheint.“ Kapitel 8, Arbeiten mit Licht, Seite 136)

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Vielen Dank für das Interview lieber Michael, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Vielen Dank!

 

5 Fragen an KünstlerInnen

Michael Hedwig, Künstler

https://www.hedwig.at/

 

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„Widerstand in Kärnten“ Vinzenz Olip. Hermagoras Verlag.

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Gegenwart und Verantwortung. Geschichte und Verantwortung. Zukunft und Verantwortung. Zeit und Leben befindet sich immer in dieser Perspektive und Aufgabe. Der kritischen Perspektive und verantwortungsvollen Aufgabe zu sehen, zu benennen, zu recherchieren, zu präsentieren was Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft war und ist. Daraus eröffnen sich Wege in ein Morgen in Vertrauen und Hoffnung. In Freiheit und Verantwortung.

Vinzenz Olip, Historiker, legt mit dem Buch „Widerstand in Kärnten – Agenten, Patrouillen, Militärmissionen nördlich der Drau“ eine umfassende historische Recherche und Quellenkunde (Akten der Gestapo wie der Partisanenabteilungen und der alliierten Militärmissionen, weitere) vor, die Einblicke in die Widerstandssituation in Kärnten in der NS-Zeit gibt. Olip geht dabei bis auf die politischen Auseinandersetzungen der 1930er Jahre zurück und spannt dann den Bogen über den Anschluss 1938, die Kriegsjahre und die Entwicklungen und Ereignisse des Widerstandes bis zum Kriegende 1945.

Ganz außergewöhnlich sind auch die Bilddokumente der Zeit, die Einblicke in die Situation und die Aktivitäten des Widerstandes geben. Ein umfassender Anhang mit Quellen-, Archiv wie Orts- und Personenverzeichnis ermöglicht das unmittelbare Zuordnen von Ereignissen und Berichten.

Zusammenfassend ist das große Bemühen des Autors in Quellenrecherche, Dokumentation und Zusammenschau hervorzuheben, welche Grundlage eines Buches ist, welche die weitere historische Perspektive und Forschung befruchtend begleitet wird. Dafür ist dem Autor herzlich zu danken.

 

„Ein Buch, das umfassend erinnert und dokumentiert und damit an Menschrecht, Frieden und Freiheit zu allen Zeiten mahnt“

 

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„Ein gutes Buch bewirkt im besten Fall: Klarheit. Und sei es nur die, dass alles unklar ist“ Paul Auer, Schriftsteller_ Millstatt/Wien _ 3.9.2020 

Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich verbringe den Sommer am Millstätter See, wo ich ein Appartementhaus betreibe. Genieße das beschauliche Leben am Land … Protzautos, die die durch kleine Dorfgassen brettern; der Lärm der Rasenmäher; die Schlagermusik, mit der die betagte Nachbarin die ganze Siedlung beglückt; und natürlich die unzähligen Baustellen, jene im Nachbarort Seeboden ist mein heuriger Favorit … Wenn der Bürgermeister einer Tourismusgemeinde während der Hauptsaison einen Kreisverkehr errichten lässt, was täglich Staus provoziert, kann nicht alles so schlimm sein. Oder die Apokalypse naht. Diesbezüglich bin ich noch unentschieden und werde erst im Herbst klarer sehen. Wenn im Oktober die Rollläden in Kärnten heruntergezogen werden, löse auch ich mich von meiner Touristiker-Existenz und wechsle in die Winterruhe. Im Gegensatz zum klassischen Kärntner Vermieter verarbeite ich die sommerliche Auslastung nicht am Strand von Thailand, sondern am Schreibtisch von Rudolfsheim-Fünfhaus.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir Nerven bewahren. Die kommenden Zeiten werden nicht leichter, für niemanden. Wie meist ist die persönliche Befindlichkeit nicht scharf von der allgemeinen zu trennen, aber ich spüre doch eine gewisse ans Absurde grenzende Ambivalenz in der Gesellschaft zwischen Angst und Ignoranz. Vielleicht ist das an einem Kärntner See noch einmal deutlicher wahrzunehmen, auf offener Bühne wird das Stück „ein Sommer wie immer“ gespielt, indes SchauspielerInnen und Publikum in jedem Moment mit der Schließung des Theaters rechnen. Da niemand sagen kann, wie lange diese Vorstellung dauert und ob sie danach noch einmal ins Programm genommen wird, wirken alle Beteiligten etwas outriert.

Abgesehen davon sollten wir uns all der schönen Illusionen aus der Zeit des Lock-Downs erinnern, Veränderungen, die wir uns für das eigene Leben und die Gesellschaft gewünscht haben. Wenn auch die dem Virus umgehängten Erwartungen für die Welt, neoromantischer Destruktivismus, vollkommen überzogen waren und mehr von der Sehnsucht nach einem anderen Sein denn dem Wissen um die Trägheit großer Transformationen zeugten. Manche haben ja getan, als lägen nach zwei Wochen Lock-Down 20 Jahre Ausnahmezustand hinter uns, als wären wir Helden, weil wir nicht daran zerbrochen sind. Was womöglich stimmt. Daher: Nerven bewahren.       

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist der Dialog. Empathie zu üben, hierbei jedoch klare Positionen einzunehmen. Und darin sehe ich das größte Problem: Denn um eine klare Position einzunehmen, muss man sich gut kennen, wissen, was und wohin man will, welche Erwartungen man hat. In einer relativierenden Gesellschaft wie unserer ist die Artikulation dieser Klarheit herausfordernd. Wenn Kunst im Menschen über welche Umwege auch immer Klarheit evozieren kann, ist schon vieles erreicht. Das ist es auch, was, um in meinem Metier zu bleiben, ein gutes Buch im besten Fall bewirkt: Klarheit. Und sei es nur die, dass alles unklar ist.   

Was liest Du derzeit?

Louis-Ferdinands Célines „Reise ans Ende der Nacht“. Jedoch geht in der Lektüre nichts weiter, da mich der Schriftzug einer großen Baufirma am Kran unterhalb meines Hauses in seinen Bann zieht. Ich wage nach Wochen dieses Anblicks zu behaupten, ein Seeblick wird erst durch einen Baukran veredelt.  Zudem werde ich Tag für Tag daran erinnert, dass wir in Zeiten des Umbruchs leben und alle BauarbeiterInnen sind.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus meinem Text „Wilder Vogel“:

„Denn bekanntlich hat jener Mensch in kindischen Zeiten wie diesen verloren, der seine eigenen oder die Bedürfnisse seiner Mitmenschen ernst nimmt (dass der Mensch sich wichtig nimmt, bedeutet nämlich leider keinerlei Ernsthaftigkeit) – denn etwas ernst zu nehmen heißt in erster Linie, sich der möglichen Blöße enttäuschter Erwartungen hinzugeben, was sich nach all den Jahrzehnten grausamer Blutrünstigkeit und peinlicher Pathetik kein halbwegs auf- und abgeklärter Mensch erlauben kann, weswegen nicht nur Gott tot ist, sondern auch alle, die ihn getötet haben, aber eben auch alle, die ihn wiederzubeleben versuchen.“   

Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Paul Auer, Schriftsteller

Foto: privat

26.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

„Ohne Atem des Publikums fühlt sich das Theater tot an“ Ambra Berger, Schauspielerin _ Wien 2.9.2020

Liebe Ambra, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Eine sehr lebendige Form zwischen kochen, zwei Kinder beschäftigen und sich immer wieder den Raum nehmen um die eigenen Projekte voranzutreiben.

 

Porträt ambra berger

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Im Moment zu sein und die Angst los zu lassen vor dem was kommt…den Aufbruch und die Veränderung wahr zu nehmen. Viel zu lachen, Zeit mit Lieblings – Menschen zu verbringen und der kreativen Streitkultur zu frönen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel,  der Kunst an sich zu?

Ich habe oft darüber nachgedacht was es bedeutet in einem „System relevanten“ Job zu arbeiten und mich gegen diesen Begriff gewehrt aber Kunst gibt es schon so lange und zieht sich durch alle Krisen hindurch…Ich glaube es ist wesentlich weiterhin dran zu bleiben und sich von dieser Schockstarre zu lösen: Dem Theater wurde der Stecker gezogen und es wurde in den virtuellen Raum verbannt aber das funktioniert nicht, denn Theater braucht den Strom des Publikums das ist wie eine gegenseitige Wechselwirkung. Ohne Atem des Publikums fühlt sich das Theater tot an.

Kunst nährt die Seele, im Theater kann man sich in Momente/ Figuren verlieben, man kann träumen, sich verlieren im Augenblick um dann wieder bitterböse mit der Realität konfrontiert zu sein. Im Theater kannst du frei sein, das ganze Leben in einen neuen auch absurden Kontext stellen- das ist einfach herrlich.

 

 

Was liest Du derzeit?

 *Gleis 4“ von Franz Hohler, einem Schweizer Autor… Er zieht mich mit seiner klaren, einfachen Sprache in seinen Bann.

 

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

*Soll ich essen machen oder Mayonnaise lachen?“  Ein Hoch auf Kazim Akboga.

 

Vielen Dank für das Interview liebe Ambra viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Theater- und Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Ambra Berger, Schauspielerin

https://www.ambraberger.ch/

 

24.7..2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com