„Nun herrschen andere Regeln. Vertrauen dürfen, Menschen um sich zu haben, die man liebt – das wird immer wichtiger“ Christina Jonke_ Schriftstellerin _ Klagenfurt 8.9.2020

Liebe Christina, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

In der glücklichen Lage als Schreibende einen Gutteil meiner Arbeit immer bei mir zu haben, konnte dieses unselige Virus meine persönliche Tätigkeitsstruktur eigentlich kaum verändern. Ich übe mich in „Business as usal“ und versuche konsequent an meinen Textprojekten zu arbeiten. Oberflächlich gesehen.

Alles was die operative Theaterarbeit betrifft, hat Covid-19 – wie bei den vielen Kolleg*innen auch – natürlich völlig zum Stillstand gebracht. Will ich die Situation unbedingt von der positiven Seite betrachten, gab und gibt es einen ziemlich großen Spielraum zur Reflexion des Weges, auf dem ich mich befinde. Diesen angeblichen Freiraum kann ich manchmal gut und phasenweise gar nicht nutzen. Ja, warum eigentlich nicht? Warum kann ich meine Fenster schamlos ohne Vorhänge zeigen, im Garten ohne Buschmesser flanieren und die ganze Nachbarschaft mit variantenreichen Kuchen verwöhnen? Diese innere und äußere Unruhe, die mir die aktuelle Situation aufzwingt, ist leichter durch handfeste Tätigkeiten zu bändigen als durch die Suche nach fiktiven Lebensräumen. Diese Zeit, die Maßnahmen wie social distance in allen ihren Ausformungen verordnet, löst in mir das Gefühl aus, selbst in einer konstruierten Blase festzusitzen. Wird sie platzen oder werden wir uns irgendwann alle darin einrichten – und was dann? Wird das Projekt, das ich gerade für den Herbst vorbereite, überhaupt über die Bühne gehen können? Der innige Wunsch zu arbeiten und Unsicherheit dominieren abwechselnd den Alltag.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Sehnsucht danach, dass alles wieder gut wird, spüre ich ganz stark rund um mich und auch in mir. Wie aber kann diese Sehnsucht gestillt werden und was bedeutet „alles wird gut“? Es war ja niemals „alles gut“, aber vielleicht hatte man vor Covid-19 das Gefühl, sich auszukennen und sein Leben „im Griff“ zu haben. Nun herrschen andere Regeln. Vertrauen dürfen, Menschen um sich zu haben, die man liebt – das wird immer wichtiger. Das ermöglicht es auch fremden Menschen gegenüber respektvoll und achtsam aufzutreten und das schließt durchaus den rücksichtsvollen Umgang mit unserem Planeten mit ein. Je mehr räumlichen Abstand wir untereinander halten müssen, desto mehr Gefühl sollten wir in unser Sprechen und Handeln legen, damit unsere Welt nicht völlig verhärtet und aus den Fugen gerät.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, dem Theater, der Kunst an sich zu?

Kunst ist ein kostbares Lebensmittel! Sie unterstützt uns maßgeblich dabei, Mensch zu sein und bleiben!

 

Was liest Du derzeit?

Ludwig Roman Fleischer, Die letzten hundert Jahre.

 

 Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Zuviel Licht hindert uns daran die Sterne zu sehen. (Graham Greene)

Vielen Dank für das Interview liebe Christina, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literatur- , Theaterprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Christina Jonke_Schriftstellerin, Regisseurin

https://www.texte.jonkeonline.at/

Foto_privat.

28.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

 

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