„Ein gutes Buch bewirkt im besten Fall: Klarheit. Und sei es nur die, dass alles unklar ist“ Paul Auer, Schriftsteller_ Millstatt/Wien _ 3.9.2020 

Lieber Paul, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich verbringe den Sommer am Millstätter See, wo ich ein Appartementhaus betreibe. Genieße das beschauliche Leben am Land … Protzautos, die die durch kleine Dorfgassen brettern; der Lärm der Rasenmäher; die Schlagermusik, mit der die betagte Nachbarin die ganze Siedlung beglückt; und natürlich die unzähligen Baustellen, jene im Nachbarort Seeboden ist mein heuriger Favorit … Wenn der Bürgermeister einer Tourismusgemeinde während der Hauptsaison einen Kreisverkehr errichten lässt, was täglich Staus provoziert, kann nicht alles so schlimm sein. Oder die Apokalypse naht. Diesbezüglich bin ich noch unentschieden und werde erst im Herbst klarer sehen. Wenn im Oktober die Rollläden in Kärnten heruntergezogen werden, löse auch ich mich von meiner Touristiker-Existenz und wechsle in die Winterruhe. Im Gegensatz zum klassischen Kärntner Vermieter verarbeite ich die sommerliche Auslastung nicht am Strand von Thailand, sondern am Schreibtisch von Rudolfsheim-Fünfhaus.

 

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Dass wir Nerven bewahren. Die kommenden Zeiten werden nicht leichter, für niemanden. Wie meist ist die persönliche Befindlichkeit nicht scharf von der allgemeinen zu trennen, aber ich spüre doch eine gewisse ans Absurde grenzende Ambivalenz in der Gesellschaft zwischen Angst und Ignoranz. Vielleicht ist das an einem Kärntner See noch einmal deutlicher wahrzunehmen, auf offener Bühne wird das Stück „ein Sommer wie immer“ gespielt, indes SchauspielerInnen und Publikum in jedem Moment mit der Schließung des Theaters rechnen. Da niemand sagen kann, wie lange diese Vorstellung dauert und ob sie danach noch einmal ins Programm genommen wird, wirken alle Beteiligten etwas outriert.

Abgesehen davon sollten wir uns all der schönen Illusionen aus der Zeit des Lock-Downs erinnern, Veränderungen, die wir uns für das eigene Leben und die Gesellschaft gewünscht haben. Wenn auch die dem Virus umgehängten Erwartungen für die Welt, neoromantischer Destruktivismus, vollkommen überzogen waren und mehr von der Sehnsucht nach einem anderen Sein denn dem Wissen um die Trägheit großer Transformationen zeugten. Manche haben ja getan, als lägen nach zwei Wochen Lock-Down 20 Jahre Ausnahmezustand hinter uns, als wären wir Helden, weil wir nicht daran zerbrochen sind. Was womöglich stimmt. Daher: Nerven bewahren.       

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wesentlich ist der Dialog. Empathie zu üben, hierbei jedoch klare Positionen einzunehmen. Und darin sehe ich das größte Problem: Denn um eine klare Position einzunehmen, muss man sich gut kennen, wissen, was und wohin man will, welche Erwartungen man hat. In einer relativierenden Gesellschaft wie unserer ist die Artikulation dieser Klarheit herausfordernd. Wenn Kunst im Menschen über welche Umwege auch immer Klarheit evozieren kann, ist schon vieles erreicht. Das ist es auch, was, um in meinem Metier zu bleiben, ein gutes Buch im besten Fall bewirkt: Klarheit. Und sei es nur die, dass alles unklar ist.   

 

 

Was liest Du derzeit?

Louis-Ferdinands Célines „Reise ans Ende der Nacht“. Jedoch geht in der Lektüre nichts weiter, da mich der Schriftzug einer großen Baufirma am Kran unterhalb meines Hauses in seinen Bann zieht. Ich wage nach Wochen dieses Anblicks zu behaupten, ein Seeblick wird erst durch einen Baukran veredelt.  Zudem werde ich Tag für Tag daran erinnert, dass wir in Zeiten des Umbruchs leben und alle BauarbeiterInnen sind.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus meinem Text „Wilder Vogel“:

„Denn bekanntlich hat jener Mensch in kindischen Zeiten wie diesen verloren, der seine eigenen oder die Bedürfnisse seiner Mitmenschen ernst nimmt (dass der Mensch sich wichtig nimmt, bedeutet nämlich leider keinerlei Ernsthaftigkeit) – denn etwas ernst zu nehmen heißt in erster Linie, sich der möglichen Blöße enttäuschter Erwartungen hinzugeben, was sich nach all den Jahrzehnten grausamer Blutrünstigkeit und peinlicher Pathetik kein halbwegs auf- und abgeklärter Mensch erlauben kann, weswegen nicht nur Gott tot ist, sondern auch alle, die ihn getötet haben, aber eben auch alle, die ihn wiederzubeleben versuchen.“   

 

Vielen Dank für das Interview lieber Paul, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Paul Auer, Schriftsteller

Foto: privat

 

26.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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