„Es ist unabdingbar, dass wir uns mehr Zeit für die Kunst nehmen, für die Seelenbildung“ Dana Grigorcea, Schriftstellerin_Zürich _ 5.9.2020

Liebe Dana, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Diesen Sommer bleibe ich mit der Familie zu Hause, in Zürich. Ich richte mich ganz nach den Wünschen meiner Kinder, die Ferien haben. Verbringe also fast jeden Tag im Badeanzug am See. Wenn wir nicht schwimmen oder Ping-Pong spielen, lesen wir. Überhaupt ist die Liegewiese der Badeanstalt, in die wir gehen, ein seltsamer Lesesaal: liegende, hockende, merkwürdig verrenkte Menschen am Lesen.  

AyseYavas

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Es ist wichtig, dass wir nicht tollkühn werden und die Corona-Schutzmaßnahmen missachten. Es ist wichtig, dass wir Rücksicht nehmen auf die Schwächsten unserer Gesellschaft. Und es ist wichtig, dass die Corona-Erfahrung ein Weckruf wird: Dass wir unser Konsumverhalten überdenken und auch möglichst alles, was in Diktaturen hergestellt wird, sowie Unternehmen, die keine Rücksicht nehmen auf Mensch und Umwelt, boykottieren. Außerdem ist es unabdingbar, dass wir uns mehr Zeit für die Kunst nehmen, für die Seelenbildung.    

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur, und Kunst an sich, macht den Menschen idealerweise empathischer. Man übt sich im Standpunktwechsel, bleibt offen für den Anderen. Überhaupt übt man sich im Staunen über die Möglichkeiten der Welt, die Möglichkeiten des Ausdrucks. Literatur kann die Welt verändern. Aber, wie mich unlängst ein Leser aus Indien fragte: Wie kann Literatur die Welt verändern, wenn so viele Menschen gar nicht lesen können? Hierzu kommt Schulen eine wichtige Rolle zu. Ich plädiere dafür, dass Schreibende in Schulen gehen, immerzu die Begegnung suchen mit Menschen, die am Anfang eines Weges stehen.

 

Was liest Du derzeit?

Ich lese schon zum dritten Mal Stefan Zweigs Novelle „Der Attentäter“ und bin restlos begeistert. Die Novelle werden mein Mann, der Schriftsteller Perikles Monioudis, und ich unbedingt in unserem Telegramme Verlag bringen – schon im Herbst! Es ist ein Meisterstück der Literatur, und ich bin voller Demut ob Zweigs literarischem Geschick, Figuren mit Tiefe zu zeichnen, die Atmosphäre zu verdichten …   

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Auf meiner Indien-Lesereise letzten Herbst traf ich in Kalkutta eine Schülerin, mit der ich mich lange unterhielt. Sie hatte viel gelesen, machte kluge Exkurse über die Weltliteratur. Bei der Verabschiedung bat sie mich um eine persönliche Widmung in meinen Roman „An Instinctive Feeling of Innocence“, den sie als Parabel über das heutige Indien gelesen hatte. Sie sagte: Sorry ma´am, my name is difficult to write … Shrishti … It means “Universe“.    

Vielen Dank für das Interview liebe Dana, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Dana Grigorcea: Schriftstellerin

https://www.grigorcea.ch/8650277/alle-bucher

Foto_Ayse Yavas

27.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

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