„Die Kunst wird die Rolle des Kindes in „Des Kaisers neue Kleider“ übernehmen – uneitel, egobefreit und die Stimme erheben“ Marie Förster, Schauspielerin, Köln _ 7.9.2020

Liebe Marie, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Zuerst einmal ignoriere den am Vorabend ambitioniert gestellten Wecker.
Irgendwann stehe ich auf, entscheide, dass Yoga, Backen und Cello spielen besser morgen passieren, weil ich zu spät aufgestanden bin. Dann stelle ich einen Wecker für den nächsten Tag, da fühle ich mich gleich besser.

Als nächstes telefoniere ich, schreibe Mails bis mir die Augen brennen, putze Zähne, lese Zeitung, schaue einen Film, frage mich, warum ich müde bin, tanze für zehn Minuten wild durch die Wohnung und fühle mich danach frei genug, um an einer Rolle zu arbeiten, bevor ich nach einem Teller Nudeln wieder ins Bett falle.

Am nächsten Morgen ignoriere ich den Wecker wieder und beginne von vorn.

 

109817472_737963363710659_1692519178206222991_n

 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Demut.

De-mut könnte ja bedeuten, gegen den „-mut“ zu gehen, doch ich finde, es meint gerade genau das Gegenteil.
Die Demut und den Mut, auszuhalten, weiterzugehen und die Veränderung anzuerkennen, die uns gerade überrollt.

Auch auszuhalten, dass die Erkenntnisse, die uns diese Veränderung bringt, zuweilen sehr schmerzen und nach lebensbejahender Rage oder Trauer verlangen werden.
Und dazu die Lust, sich davon immer wieder überrollen zu lassen, die werden wir langfristig brauchen.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Was dabei persönlich und gesellschaftlich wesentlich sein wird, ist in meinen Augen nur der Grad an Grandeur und Beherztheit, mit der wir bereit sind, dem zu folgen, was uns in die Stille der Pandemie hinein mehr als direkt angeschaut hat – jeder für sich und wir alle zusammen.
Die Kunst, das Spiel und alle seine Formen werden darin in meiner Sehnsucht die Rolle des Kindes in „Des Kaisers neue Kleider“ übernehmen und uneitel, egobefreit und angebunden die Stimme erheben, um zu sagen, was sichtbar, greifbar ist und welche Konflikte auf der Hand liegen.
Ich könnte mir auch vorstellen, dass die Kunst es sich störrisch bequem macht in der Gewissheit, nicht system-, dafür aber seelen- und universal relevant zu sein. Wie das aussieht und wer das wie umsetzt, darauf freue ich mich jetzt schon!

 

 

Was liest Du derzeit?

 Ich arbeite die „Zeit“ auf, die ich über einige sehr aktive Wochen hinweg gepflegt beiseite gelegt hatte. Außerdem „Shantaram“ von Gregory Roberts.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„I´m looking for the truth. The audience doesn´t come to see you, they come to see themselves.“ (Julianne Moore)

 

 

Vielen Dank für das Interview liebe Marie, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Marie Förster, Schauspielerin

https://mariefoerster.jimdofree.com/

Foto_Marie Förster.

 

28.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s