„Künstler_innen der Off-Szene sind wahre Überlebenskünstler_innen“ Mona May_Künstlerin _ Wien 6.9.2020

Liebe Mona, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Na ja, mein Leben und mein Tagesablauf sehen jetzt nicht viel anders aus, als vor COVID 19. Ich lebte, bis zum 14. März dieses Jahres, sehr isoliert und zurückgezogen mit meinem Mann auf dem Land. Mein tägliches Brot war und ist: schreiben, schreiben, schreiben. Und organisieren, inszenieren und ein paar verrückte Dinge in die Welt zu setzen. So weit mir das in meiner Situation eben möglich ist, denn ich arbeite sozusagen vom Bettsofa aus. Was mich nicht daran hindert Theaterstücke wie „Lilith’s Kuss“ oder mein neuestes Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ zu schreiben und zu inszenieren. Mit meinem GOETHE IST TOT – WIR LEBEN Projekt bin ich nicht nur auf einigen Social Media Kanälen umtriebig, sondern schreibe diese auch für das Online-Magazin www.kuenstler-leben.com. Und mit viel Freude betreibe und pflege ich das Format argeLiteratur, das eines meiner jüngsten Kinder ist. Also ich habe immer viel zu tun.

Der Grund liegt in einer Erkrankung, durch die ich seit zweieinhalb Jahren nicht mobil bin und auch das Haus ohne fremde Hilfe nicht verlassen kann. Bis zum 14. März lebten wir, wie schon erwähnt, auf dem Land, in einem winzig kleinen Ort, direkt an der Donau. Eine traumhaft schöne Gegend, sehr idyllisch und abgelegen, dort wo sich sozusagen Fuchs und Henne gute Nacht sagen. Allerdings war die Schattenseite unseres romantischen Landlebens: soziale Isolation, die natürlich durch meine außergewöhnliche Situation, äußerst begünstigt wurde.

Zum Glück kann ich seit geraumer Zeit künstlerisch, dadurch, dass sich mein Zustand bereits wesentlich verbessert hat, wieder intensiv arbeiten, was ich sehr liebe – die Kunst ist ja gewissermaßen mein Lebenselixier. Darum, und weil ich wieder näher bei meinen Freunden, Kolleginnen und Kollegen sein wollte, übersiedelten wir an besagtem 14. März nach acht Jahren Landleben wieder nach Wien. Hier sollte alles leichter werden und die „soziale Isolation“ ein Ende finden. Dem war aber nicht so, denn am 16. März wurde, wie alle wissen, die Ausgangssperre verhängt und wir fanden uns in der fast gleichen Situation wieder. Nur der Schauplatz hatte sich geändert und auch die Erledigung alltäglicher Dinge, wie der Einkauf von Lebensmitteln, da wir jetzt einen Supermarkt ums Eck haben. Gott sei Dank sind mein Mann und ich mit jeder Menge Humor gesegnet und so fanden wir, dass wir als „Isolationsvollprofis“ den anderen einiges voraus hätten und wir das schon irgendwie hinkriegen würden.

Ich muss allerdings zugeben, dass es nicht gerade leicht war, hier alleine auf all den Umzugskartons und in dem Chaos zu sitzen und nicht zu wissen, wann diese Situation sich ändern wird. Vor allem da wir ja wirklich auf die Hilfe unserer Freunde angewiesen gewesen wären, aber die durften eben nicht kommen.

Schlussendlich haben wir auch das bravourös gemeistert und mittlerweile ist es in unserem neuen Zuhause in Wien schon recht wohnlich. Es stehen nur mehr einige hundert Schachteln herum, die darauf warten ausgeräumt zu werden. Und das Beste ist, dass wir in unserer neuen Wohnung, seit den Lockerungen auch schon an meinem neuen Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ proben können.

 

Tanz Solo Mona May 1

(Tanz Solo _ Mona May) 

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Ruhe, Gelassenheit, Durchhaltevermögen und Vertrauen, Vertrauen und noch einmal Vertrauen – in sich selbst und in die anderen. Vor allem die verordnete Distanz als Chance für eine neue und vielleicht unbekannte Form der Nähe zu anderen und zu sich selbst zu begreifen. Zu begreifen, dass im Abstandhalten Respekt vor- und füreinander liegt, dass der Abstand nicht zwingend soziale Isolation heißen muss. Und dass wir der aufkeimenden Angst – der eigenen und der fremden – freundlich begegnen. Auch, dass wir weiterhin Fragen stellen, dass wir das, was jetzt geschieht, von vielen Seiten durchleuchten und uns nicht in eine Panik treiben lassen – auch von uns selbst nicht.

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei dem Theater, Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich sehe die jetzige Herausforderung, vor die wir uns, angesichts der Corona-Krise, gestellt sehen, als riesengroße Chance, um den Stellenwert und die gesellschaftliche Bedeutung der Kunst in einem diskursiven Dialog neu zu definieren. Dies müsste natürlich öffentlich und auf sehr breiter Ebene geschehen. Vor allem für die sogenannte Subkultur- oder Off-Szene und ihre Kulturschaffenden, die ja oft wie die Underdogs der Gesellschaft behandelt werden – was sie natürlich definitiv nicht sind. Denn wir alle wissen, dass das Gegenteil der Fall ist und aus der Off-Szene – wenn sie nicht versucht es dem Staatstheater gleich zu tun – sehr oft die maßgeblichen Impulse für die Weiterentwicklung der Gesellschaft und der Kunst kommen.

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(Substanz _ Johannes Gellner)

Da die Künstler_innen der Off-Szene häufig auch mit der Gestaltung von Kunst im öffentlichen Raum und Outdoor-Veranstaltungen vertraut sind und zudem meist eine intensive Auseinandersetzung mit alternativen, ungewöhnlichen Lebensformen, auch in Bezug auf das soziale Miteinander, in formaler und ästhetischer, genauso wie in thematischer und inhaltlicher Hinsicht gewohnt sind, könnten gerade jetzt von ihnen ausschlaggebende Beiträge für die anstehenden und notwendigen gesellschaftlichen Veränderungen kommen. So könnte zum Beispiel die Distanz und die Weite des öffentlichen Raums ein Weg zur Nähe sein. Um es scherzhaft zu formulieren: das würde die antivirale und antibakterielle Wirkung der Kunst noch deutlicher hervorheben.

Gerade in Österreich sind die hierarchischen Strukturen des (Staats-)Theaters beklemmende Realität. Traditionspflege ist zwar gut und schön, sie alleine bringt uns aber nicht weiter. Da könnten jetzt die Künstler_innen der Off-Szene, die ja im öffentlichen Bewusstsein weitgehend unsichtbar sind, eine wichtige Rolle spielen, denn gerade sie werden jetzt im Licht der Krise sichtbar. Nicht zuletzt deswegen, weil auch ihr Überlebenskampf deutlich zutage tritt und in das Bewusstsein zumindest einiger Köpfe vordringt. Sie, und ihre bewusstseinsfördernde und dadurch gesellschaftsverändernde Arbeit, könnten jetzt aus dem Schatten einer einseitigen und unwürdigen Förderpolitik, die sie zu Bittstellern degradiert, treten. Zurecht finden sie in dieser Ausnahmesituation einige engagierte, namhafte und weitsichtige „Fürsprecher_innen“, die sich mit ihnen solidarisch zeigen. Dadurch das viele Kunstschaffende wahre Überlebenskünstler_innen sind, die aufgrund ihres harten Überlebenskampfes ausgesprochen soziale Fähigkeiten ausgebildet haben, könnten sie zu relevanten Vorbildern der Gesellschaft werden, die Lösungen anzubieten haben.

Der Übergang, die Fuge, die Schwelle von etwas Altem zu etwas Neuem ist immer mit einer Verunsicherung verbunden, das ist im persönlichen individuellen, wie im gesellschaftlichen kollektiven Leben so. Veränderung oder Wandel geht immer auch mit der Suche nach (Neu-)Orientierung einher. Dieser Suche nach Orientierung geht im besten Fall ein reflexiver Prozess voran, der dann durch Versuche, Experimente und Forschungen zu neuen Erkenntnissen und Ergebnissen führt, die uns neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Für viele Künstler_innen der Off-Szene sind diese Prozesse gang und gäbe und sie verfügen daher über einen reichen Erfahrungsschatz, der jetzt kollektiv nutzbar wäre.

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So gut und wunderbar die digitalen Medien und die Social Media Kanäle auch sind, sie werden die Menschen über kurz oder lang in eine noch größere Vereinsamung führen. Auch wenn diese immer ausgefeilter und raffinierter werden, am Schluss steht die Sehnsucht nach echter Berührung und nach einem gemeinsamen Atem in einem Raum. Jetzt sind wir froh, dass wir uns über diese Wege austauschen und uns mitteilen können. Doch die Zukunft liegt  dort nicht. Das Neue wird weit über das digitale Zeitalter hinausgehen (müssen) und vielleicht in vielem an die alten Theaterformen anknüpfen. Das Alte ist dann das Progressive, weil ein Grundbedürfnis von uns Menschen Nähe ist. Daran wird auch COVID 19 nichts ändern können. Es ist und bleibt also spannend.

Die Reflexion alleine wird aber die Veränderung nicht bewerkstelligen können, denn wenn wir in ihr stecken bleiben, kann das einen Stillstand beziehungsweise eine Rückkehr zum Gewohnten und Alten bringen. Es und wir brauchen daher den Mut und die Courage zur aktiven und tätigen Gestaltung. Neue Formen, werden weder in der Kunst noch in der Gesellschaft mal einfach so aus dem Ärmel geschüttelt. Die beste Idee hilft niemanden, wenn sie  in der Schublade des alten Denkens oder der Untätigkeit verrottet.

 

 

 

 

Was liest Du derzeit?

Zurzeit führe ich das Leben einer Lese-Asketin. Ich lese aber „zwangsweise“ selbst Geschriebenes, weil ich zum einen gerade mit einem wunderbaren Ensemble mein neuestes Stück „SONNENTAGE – die neuen Plagen der Menschheit“ inszeniere und zum anderen – worüber ich mich wahnsinnig freue – gerade mit der Veröffentlichung meiner Textsammlung „argeWorte Wortskulpturen von Mona May“ und eines Lyrikbandes beschäftigt bin.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„So bin ich solidarisch mit Dir, einfach, weil Du Mensch bist, von Menschen geboren, so wie ich. Weil Menschen einander brauchen, weil wir, wenn nichts mehr übrig geblieben ist, das uns hält, nur uns haben.“

Aus dem MAHNMAHL: Die Tischrunde der Hoffnung und Zuversicht / Mona May 2017

 

Mona May Pressefoto1

 

Vielen Dank für das Interview liebe Mona, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen vielfältigen Kunstprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

Sehr gerne, danke für die Einladung, es war mir eine große Freude.

 

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Mona May: Künstlerin

argeWorte Wortskulpturen von Mona May

Fotos_Mona May

 

26.7.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

https://literaturoutdoors.com

 

 

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