„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

Vor der Flut _ Cover

 

„Vor der Flut“ Corinna T.Sievers. Roman. Neuerscheinung Frankfurter Verlagsanstalt

Sie lebt auf der Insel. Und diese ist immer nahe daran verschlungen zu werden. 1850 gab es eine Katastrophe, 1962 eine Sturmflut und jetzt rückt der Eisberg in den Wintermonaten bedrohlich nahe. Im stillen Eheozean mit Hovard, ihrem Ehemann, ist auch sie täglich nahe daran in Demütigung unterzugehen. Ihr Beruf hält sie. Die Aufmerksamkeit für Menschen, die proportional mit der Distanz und Ignoranz Hovards zunimmt. Ihre Aufmerksamkeit in allem steigert. Von Kopf bis Fuß. Besonders auf die Männer. Und diese holt sie sich – wie das Meer die Insel. Im Sturm. Und wirft sie zurück. Mit Liebe hat das nichts zu tun hier. Nur mit Lust. Und die hat einen Zweck…

Dann betritt Erik ihre Zahnarztpraxis. Er ist verheiratet. Das Interesse beider ist geweckt. In seinem Haus kommt es zum Akt. Er will ein Wiedersehen. Will, dass Sie über Nacht bei ihm im Hotel bleibt. Doch der bestimmende wie gegenüber den Affären seiner Frau tolerante Hovard ist irritiert. Stürzt im gemeinsamen Haus und ist hilflos am Boden. Doch Sie bricht auf. In einem Abend voller Ungewissheiten, Begegnungen und Katastrophen, die alles verändern werden…

Corinna T.Sievers, Schriftstellerin und Kieferorthopädin, Bachmannpreisteilnehmerin 2018, legt mit ihrem dritten Roman „Vor der Flut“ eines der tiefsinnigsten und radikalsten Bücher vor, die je über den Anspruch von modernem Frau- wie Mannsein geschrieben wurden.

Es geht im mitreißenden spannungsgeladenen Erzähltempo um die selbstbewusste innere Befreiung einer Frau im Ehealltag. Transzendenz, im Sinne persönlicher Mitteilung und Bewegung mit- und zueinander, ist zum Loch an der kahlen Ehewand über der Analyse-Wohnzimmercouch geworden. Nichts füllt diese Leerstelle, die auch symbolisch auf den kulturgeschichtlichen Prozess von Wert zu Nihilismus verweist. Darin findet sich das selbstbewusste Ringen von Judith gegen die völlige persönliche Auflösung im subtilen wie hilflosen Machtanspruch des Mannes wieder. Lust als (imaginierte) Ekstase vollzieht Judith jetzt in Selbstbewusstsein wie Distanz und der Bloßstellung des Mannes als (gespiegeltes) Sexualobjekt.

Die Autorin legt eines der besten Bücher zu Vision und Realität von Frau und Mann in schonungsloser wie beeindruckender Analyse und sprachlicher Raffinesse vor. Es ist eine erzählerisch fulminante humorvoll radikal feministische Ansprache an moderne Beziehungswirklichkeiten im fordernden Entwicklungs- wie Verfallsprozess von Körper und Geist. Wie dezidiert ein An- wie Aufruf an den modernen Mann – seid aufmerksamer, poetischer, denkt, redet und vor allem versucht nicht einer Frau eine Mütze aufzusetzen. Denn die fliegt sofort aus dem Fenster. Und der Mann hinterher.

Ein Buch zur Zeit über weibliche Selbstbehauptung, Widerstand und Ekstase und ein Weckruf gegen das Ende von Poesie in der Gegenwart im entschiedenen Abgrenzen von modernen subtilen Formen männlicher Gewalt und Macht. Aber auch ein Buch über den Weg des Alters, der Macht der Natur, der Ohnmacht und Angst des Menschen wie der unendlichen Hoffnung und Geduld der Liebe.

 

„Ein literarisches Ereignis, das in sprachlicher wie inhaltlicher Raffinesse und Tiefsinnigkeit einzigartig beeindruckt und Mann und Frau der Gegenwart radikal anspricht.“

 

Walter Pobaschnig, Wien 3_2019

https://literaturoutdoors.com

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