„Messer. Ein Fall für Harry Hole“ Jo Nesbo. Neuerscheinung Ullstein Verlag.

 

„Messer. Ein Fall für Harry Hole“ Jo Nesbo. Neuerscheinung Ullstein Verlag.

Da ist das Wasser. Der wilde Fluss. Und das zerrissene Kleid an der morschen Kiefer. Es wird mitgerissen. Stück für Stück. Die Kraft der Natur holt sich jetzt die Leere. Das letzte Weiß im Frühling…Der alte Mann blickt starr hin. Aus dem Schaufenster seines Geschäftes. Sein Schwiegersohn tritt zum Kunden. Der Blick des alten Mannes fällt jetzt leer ins Wasser. Ein Auto. Ein Mann. Ein Todeskampf. Die Stille…

Andernorts das Weiß in den Augen der gequälten Frau. Tränen. Doch Mitleid kennt der Mann davor nicht. Er blickt zu den Messern. Seine Worte sind kalt wie die dunklen Klingen. Ein Todeskampf beginnt…

Und hier das kleine dunkle Zimmer. Die Whiskeyflasche neben dem Bett. Die Erinnerung an Rakel. Die Angst sie zu verlieren. Und so kam es. Wie der Alkohol danach. Und jetzt ist das Weiß der Haut wieder zu sehen. Der Körper fühlt den Schmerz und die Leere. Kann er noch kämpfen? Hat Harry noch Kraft und Mut?…

Auch die Welt draußen liegt im Weiß und Dunkel. In Schatten der Vergangenheit. Den eigenen, den gejagten, den wiederkehrenden. Und Harry nimmt wieder eine Fährte auf. Dem Dunkel dieser Welt hinterher. Mitten im reißenden Fluss von Leben und Tod…

Der norwegische Bestsellerautor Jo Nesbo legt einen neuen Harry Hole Krimi vor, der an seine vielfach gelobte und ausgezeichnete Krimireihe anknüpft. Der Autor versteht es meisterhaft psychologische Narrative und überraschende Handlungsstränge zu verbinden und so einen Kosmos entstehen zu lassen, der in allen menschlichen Rissen und Brüchen in Spannungsschauer folgen lässt.

„Jo Nesbo, zweifellos einer der besten Krimi Autoren der Zeit“

 

Walter Pobaschnig 9_19

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„Ich finde Ironie und Selbstironie in der Kunst sehr erfrischend.“ Lola Lindenbaum, Künstlerin. Station bei Hansi Lang, 15.9.2019

 

 

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Die 1980er Jahre waren ein sehr mutiges Jahrzehnt. Da war viel Bewegung und Experiment in Mode, Musik, Film, Kunst, in der Gesellschaft an sich – das war sehr spannend. Es war aber auch eine Selbstironie, eine Leichtigkeit dabei, eine Persiflage im Spiel der Verwandlung. Meine Wurzeln als Künstlerin liegen in dieser Zeit. In meinen Collagen wird  dies unmittelbar sichtbar. 

 

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Ich finde Ironie und Selbstironie in der Kunst sehr erfrischend. Warum sollte Kunst nicht erfrischen?

 

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Die Gestik war in den 1980er Jahren sehr signifikant. Die Unterarme wurden etwa sehr in Szene gesetzt.

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Der Perfektionismus und Optimierungswahn war in den 1980er nicht so signifikant. Spannend war auch, dass KünstlerInnen mit Genres experimentiert haben.

In meinen Collagen und Selbstbildnissen – da ist viel von den 1980ern.

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Es waren Filme wie 9 1/2 Wochen, Flashdance oder Top Gun, die diese Epoche prägten und impulsgebend waren.

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In den Filmen waren auch viel Psychologie und Projektionsfläche zu sehen. Sowohl im skript wie auch in der Ansprache. Ein Film wie 9 ½ Wochen würde heute nicht mehr gedreht werden. Aber er ist ein gutes Beispiel dafür. Ein Psychogramm über die Zeit hinweg.

 

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Die Gestik, die Mimik, der Tanzstil waren ganz anderes. Ruckartig, improvisiert. Aber damit sehr unmittelbar. Sehr direkt und sehr nahe. In den Videos ist dies gut zu sehen. Es waren einfache Mittel – aber das Ganze der Inszenierung packt.

 

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Die Videos der Zeit waren Sehnsuchtsorte wie escape Szenarios.

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Projektion ist immer ein Teil der Liebe und des Menschseins. Es ist ein Wachstumsimpuls. Gegen die Stagnation. Ich denke, das zeigen die 1980er Jahre sehr gut. Eigentlich in allem.

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Ich kehre immer wieder zu den 1980er zurück. Nicht nur in der Kunst. Sie sind ein Teil meines Lebens. Ein wichtiger Kunst- und Freiraum über und in der Zeit.

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Lola Lindenbaum, Künstlerin   

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Station bei Hansi Lang , Sänger, Schauspieler (1955 – 2008), Wien. Fotos am Wohnort von Hansi Lang.

Alle Collagen _ Lola Lindenbaum

Alle Fotos_Walter Pobaschnig

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„Der Hammer“ Dirk Stermann, Roman. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

 

„Der Hammer“ Dirk Stermann, Roman. Neuerscheinung Rowohlt Verlag.

Graz. 18.Jahrhundert. Der Weg in und aus der Welt ist der Schmerz. Hier wie überall. Ninette ist allein als sie in den Wehen liegt und sich zur Tür der Nachbarin schleppt, um Hilfe zu erbitten. Diese macht sich auf den Weg, doch Ninette kann ihr nicht vertrauen. Neid und Missgunst regieren hier im Kleinen wie im Großen. Als ihr Sohn in der Morgendämmerung in die Welt drängt, zerreißt ihr Schmerzensschrei die Gassen der Stadt. Die junge Mutter blickt jetzt nach Osten. Der Weg ihres Sohnes wird jener eines Reisenden sein. Die Morgensonne hat nach ihm gerufen…

Als der Vater von seinen Amtsaufgaben als Steuereinnehmer zurückkehrt, hält er stolz seinen Sohn in den Händen. Sieben Geschwister sollen noch folgen. Der erste Sohn soll Joseph heißen und zunächst in Wien auf Welt und Weite vorbereitet werden. „Je mehr Sprachen Du sprichst, desto mehr bist Du ein Mensch“ mag sein Vater wohl gehört haben. Joseph soll die Welt der Worte kennenlernen und diese bereisen. Weiter als der Vater je kam. Weg auch aus der Enge des Lebens hier. Des Vertrauten und des Misstrauens. Der Osten soll eine neue Freiheit sein. Und sein Sohn wird diesen Weg in Mut, Ausdauer und voller Überraschungen gehen. In einer Zeit der großen gesellschaftlichen Umbrüche, in welcher der Mensch die Rahmen des Lebens- und Weltbildes neu setzt. Und Joseph wandelt in dieser Galerie einer neuen Zeit….

Der Schriftsteller, Kabarettist und Radiomoderator Dirk Stermann legt mit „Der Hammer“ einen Roman vor, der in mitreißendem Sprachspiel und Wortwitz zu einer Zeitreise im kritischen Blick von Selbst- und Gegenwartsreflexion genial einlädt. Ein Roman, der in Biographie und Geschichte über die Schwächen und Stärken des Menschseins zu allen Zeiten bestens zu erzählen weiß.

„Dirk Stermann weiß um die Facetten, Kraft und Möglichkeiten von Sprache wie kaum ein anderer“

Walter Pobaschnig 8_19

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„Und ich war da“ Martin Beyer. Roman. Neuerscheinung Ullstein Verlag.

 

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„Und ich war da“ Martin Beyer. Roman. Neuerscheinung Ullstein Verlag.

  1. Er steht auf dem Acker. Die kalte, schlammige Erde des Frühjahrs. Wenn er auf seine Füße sieht, sieht er den Tod auf den Schlachtfeldern. Sieht er die Schläge des Vaters. Sieht er den Drill der Jugend. Sieht er das Weglaufen und das Zurückkommen. Dazwischen die Entscheidungen und jetzt die Fragen…

Die Pistole ist in der Tasche. Und der Tod ist überall. Dieser Meister aus Deutschland. Stumm, mit all seinen Gesellen. In Stahlhelm und Gewehr oder Frack und Zylinder. Ich war dabei. Die zerfetzten Körper im Schnee Russlands und jene unter dem Fallbeil…

Und ich bin da. Es war ein Weg hierher. Aus der Erde der Herkunft. Nur kurz zum Himmel geblickt. Immer fort oder hinterher. Den Anderen, hier und dort. Lasst mich erzählen. Vom Dasein im da sein. Alles kommt daher. Auch der Tod auf dem und vor dem ich jetzt stehe. Und ich war – da. Auf dem Acker des Meisters. Des Sämanns aus Deutschland…

Martin Beyer, Bachmannpreisteilnehmer 2019, beeindruckt in seinem neuen Roman „Und ich war da“ mit einer sprachlich sehr feinen wie inhaltlich mutigen Schriftstellerklinge. Der Autor scheut sich nicht vor einer historischen Textmontage im existentiellen Narrativ und hebt damit die Krisis der Innenschau und Rückblenden eines Lebens auf die moralische Ebene der Frage einer Generation wie über Generationen hinweg nach Entscheidung und Verantwortung. Beyer zieht diese Klinge impliziter direkter zeitübergreifender Ansprache und er macht es sehr gut.

Ein textliches Wagnis. Doch das braucht es ja. In Wort und Mut zu allen Zeiten. Was haben wir sonst?

 

„Ein Roman, der in seiner Konstruktion und Erzählkraft mutig überrascht.“

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Walter Pobaschnig 9_19

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„Die Tauben von Brünn“ Bettina Balaka. Roman. Neuerscheinung Deuticke Verlag.

 

„Die Tauben von Brünn“ Bettina Balaka. Roman. Neuerscheinung Deuticke Verlag.

„Sie leben unter den Menschen wie Geister…“ Eine Stadt hat viele Gesichter. Im oben und unten, hüben und drüben. Manche sehen wir und manche bleiben im Dunkeln. Kommen und verschwinden. Beobachten. Und manchmal werden diese Unsichtbaren sichtbar – die Tauben. Sie leben in den Zwischenräumen. Berta kennt sich gut aus mit diesen. Mit den Tauben und den Zwischenräumen des Lebens. Den Möglichkeiten und den Notwendigkeiten. Den Tatsächlichkeiten und den Wendungen, die möglich sind. Da können Tiere ein Vorbild sein. Der Biber etwa, der nur im Dunkel der Nacht sein Werk verrichtet. Und die Taube, die zur Wasserstelle kommt, wenn niemand dies sieht. Es geht um das Überleben. Das Überleben in der Stadt. Wien. Das Überleben in der Zeit. Es ist das 19.Jahrhundert und alles ist in Bewegung…

Seit dem Tod des Vaters, der Brieftaubenzüchter war, ist für die Geschwister Berta und Eduard alles anders geworden. Der Nachbar, Johann Karl von Sothen, bringt beide nach Brünn zu Verwandten. Berta nimmt die Brieftaubenzucht wieder auf. Doch wie die Tauben hoch oben auf Palästen und Schlössern spazieren, tut dies jetzt auch von Sothen. „Das Glück is a Vogerl“ – und diese abgründige Wahrheit findet nun immer mehr in das Bewusstsein von Berta und Eduard. Und es gilt für Sie zu handeln…

Die in Salzburg geborene Schriftstellerin Bettina Balaka legt mit Ihrem neuen Roman „Die Tauben von Brünn“ eine mitreißende Spiegelschau der hinter- und abgründigen Facetten zeitlosen Menschseins vor. Der aufmerksame Sprach- und Erzählstil öffnet eine feine Balance zwischen Spannungsaufbau und Persönlichkeits- wie Zeitanalyse. Die Autorin nimmt in ein historisches Ringen von Skrupellosigkeit und Ohnmacht mit und stellt darin ganz dezidiert die Frage nach Glück, Gerechtigkeit und Selbstbewusstsein über die Zeit hinweg.

„Ein Roman, der in Spracheleganz und Spannung mitreißt und zeitlose Fragen nach Maske und Wahrheit des Menschen stellt“.

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„Die Zeit, die es dauert“ Hanne Orstavik. Roman. Neuerscheinung Rauch Verlag.

 

„Die Zeit, die es dauert“ Hanne Orstavik. Roman. Neuerscheinung Rauch Verlag.

Es ist tiefer Winter. In vier Tagen ist Weihnachten. Ein Tannenbaum steht auf dem Vorplatz und Ellen ruft nach ihrer Mutter Signe, um nach dem Pfefferkuchen zu sehen. Dann bringen sie Einar einige Kostproben. Signes Mutter ruft wegen ihrem Besuch an. Alles scheint wie im Bilderbuch. Das lang ersehnte Leben auf dem Land für Einar und Signe, ihre Tochter, die sich im stillen Dasein wohlfühlt. Doch da ist auch viel an nicht erfüllter Erwartung bei Einar und Signe da. Jetzt vor Weihnachten ist es besonders zu spüren. Die Worte zwischen ihm und Signe werden lauter. Er setzt sich hin und dreht eine Zigarette…Es wird besser, sagt er.

Doch das sagt Einar schon so lange, denkt Signe. Doch so ist es nicht. Jetzt fällt Signe ihr Bruder in den USA ein. Wie er wohl mein Leben hier sieht, malt Signe Gedanken an den Bruder in den gespiegelten Mond im Fenster. Dann der Besuch, Vater und Mutter, ihr Bruder. Ein Teil der Kindheit kehrt zurück. Die Rollen von damals und der neue Weg Signes stehen sich gegenüber. Es sind Spannungen zu spüren bei jedem Schritt im Haus, dem Knarren der Tür und dem Klang der Gabel am Stück Kuchen am Keller.

Doch sind jetzt alle bereit für Fragen des Lebens? Für Richtungen und Ziele? Wie geht es weiter hier und dort….ja, es ist „Die Zeit, die es dauert“…

 

Hanne Orstavik legt einen Roman vor, in dem es um tiefe Selbstreflexion des modernen Menschseins im Spannungsfeld von Familie, Individualität und Selbstbestimmung geht. Die Autorin versteht es Aufmerksamkeit und Sensibilität mit situativem Spannungsaufbau zu verbinden. Das Familientreffen wird so zu einem fulminanten Erzählszenario moderner Lebensfragen.

 

„Ein Roman, der in einzigartiger Weise vom Leben und dessen wiederkehrenden wie ungelösten Fragen zu erzählen weiß“

 

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„Gugelhupf_Geschwader“ Ein Provinzkrimi, Rita Falk. Neuerscheinung dtv Verlag.

 

„Gugelhupf_Geschwader“ Ein Provinzkrimi, Rita Falk. Neuerscheinung dtv Verlag.

Dicke Luft im Dorf. Der Bürgermeister ist außer sich und das heißt dann, dass sein Ärger über den Köpfen aller wie ein schweres Gewitter liegt. Worte prasseln nieder wie Hagel. Da heißt es in Deckung gehen. Alle und auch der Eberhofer weiß das. Aber ihn trifft es jetzt, er muss ins Rathaus und der Bürgermeister lässt es krachen in Eitelkeit und Ärger…

Und ist dieses Donnerwetter im Bürgermeisteramt nicht genug liegt auch weitere Spannung über dem Dorf. Das große Geld ist jetzt im Lotto zu haben. Ein Jackpot steht an. „Siebzehn Millionen“ sagt die Oma „während sie Kreuzchen für Kreuzchen macht“. Und auch viele Geschichten machen jetzt die Runde im Dorf. Der Lotto_Otto weiß da so einiges und ein menschliches Gewitter beginnt sich über all den Geldträumen so vieler zusammenzuziehen. Die Stimmung ist am Explodieren wie an einem heißen Sommertag. Und dann passiert es tatsächlich. Eine Explosion…

Und Eberhofer ist jetzt gefordert in all dem Rauch und Qualm menschlicher Abgründe klaren Blick zu finden und eine Spur aufzunehmen…

 

Rita Falk, die bayrische Bestseller Autorin, legt mit „Gugelhupf Geschwader“ ihren zehnten Krimi vor und sie trifft zu diesem runden Jubiläum wiederum ins Herz ihrer großen Fangemeinde. Es ist ein Falk-Krimi, der all die unverwechselbaren Kennzeichen ihres erfolgreichen Schreibens bietet – Sprachwitz, Direktheit und ein augenzwinkernder Spannungsaufbau, der von der ersten Seite an mitreißt.

 

„Ein Krimi, der die menschliche Seele unverwechselbar abgründig wie einfühlsam offenlegt“

 

Walter Pobaschnig 8_19

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„Menschen geben das Gefühl zuhause zu sein“ Olivia Pflegerl Schauspielerin – Station bei Bachmann, Wien 29.8.2019.

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Wir treffen uns an einem sonnigen Augustvormittag in 1090 Wien. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist hier im Herbst 1946 angekommen. Sie konnte vorübergehend bei Verwandten wohnen und zog dann in das „Ungargassenland“ in 1030.

Ingeborg Bachmann ist hier mit 20 Jahren angekommen. Sie sprach später „von einem langen Weg und dem Wunder so weit gekommen zu sein“ – wie war Dein Ankommen hier?

Ich bin in Klagenfurt aufgewachsen und mit 16 Jahre nach Wien gekommen. Das Ankommen war sehr schwer, weil ich viel Vertrautes zurückgelassen habe. Dann eine neue Schule und die Großstadt. Kein Wald, viel Wände. Etwas zurückzulassen und neu anzufangen ist nicht einfach.

Es braucht Zeit, aber im Kennenlernen von neuen Menschen ergibt sich wieder ein gutes Ankommen. Und so keine eine neue Stadt auch ein Zuhause werden. Wien ist das für mich mittlerweile im besten Sinne geworden.

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Was half Dir beim Ankommen in Wien?

Die Begegnung mit Menschen, Gespräche, Freundschaften. Besonders meine Mutter und ebenso die Musik. Ich habe mich mit 16 Jahren sehr in lateinamerikanische Musik verliebt, ich begann auch zu tanzen. Gerade auch Kunst und Kultur haben mir am Weg die neue Stadt sehr geholfen.

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Welche Orte sind Dir jetzt in Wien wichtig?

Ich bin wohl eine Nomadin, bin oft umgezogen in Wien. Theater und Kunst sind grundsätzlich sehr wichtig, auch im unmittelbaren Lebensraum. Es gibt viele Orte, die ich sehr schätze, etwa den Burggarten – und dort in den Himmel zu blicken, oder die Albertina, das Spazieren am Donaukanal und im Türkenschanzpark, das wunderbare Blühen der Rosen im Volksgarten, Wien ist eine wunderbare Stadt.

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Du bist Schauspielerin. Wie kam es zu diesem Weg?

Ich war schon mit fünf Jahren auf der Bühne. Das war am Stadttheater Klagenfurt im Musical Anatevka mit Karl Merkatz. Ich war regelmäßig im Kinderchor und der Statisterie. Es war immer sehr schön und ein Teil meines Lebens. Ich war da in einer Bühnengeschichte und spürte schon die Energie des Publikums. Damals dachte ich noch nicht, dies wird mein Beruf.

Es war aber schon damals faszinierend zu erleben, wieviel mit und auch ohne Worte erzählt werden kann. Ganz egal was in der Schule war, oder ein Problem im Alltag, jedesmal, wenn ich auf die Bühne kam, war das weg. Es war dann einfach nur die Bühne. Es ist dann ein Gefühl, das nie wieder weggeht und dass vermisst wird.

Viele Möglichkeiten boten sich mir da im Theater aber auch Zuhause. Ich erinnere mich an die große Bücherwand in unserem Haus und das Klavier, natürlich die Musikanlage und die vielen CD´s meiner Eltern. Ich habe in diesem Raum Choreographien vor dem Spiegel geübt und Musik entdeckt. Ich bemerke jetzt wie früh Kunst, Musik in mein Leben gekommen ist und wie stark es mich beeinflusst. Wir glauben oft nicht wie scheinbar kleine Momente, Erfahrungen, jetzt große Auswirkungen haben auf das Leben, auf die persönliche Zukunft.

Mit sechzehn Jahren dann als mein Vater verstarb (Anm: Dietmar Pflegerl (1943-2007), Regisseur, 1992-2007 Intendant des Stadttheaters Klagenfurt) und ich nach Wien zog, habe ich gemerkt, es fehlt etwas hier. Ich interessierte mich zunächst für verschiedene Ausbildungswege doch dann dachte mir, ich will doch auf die Bühne. Ich habe dann diesen Entschluss gefasst und gehe diesen Weg seither mit Freude und Neugierde.

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Gibt es noch Verbindungen zu Klagenfurt?

Jedesmal, wenn ich vor dem Theater in Klagenfurt stehe, habe ich Tränen in den Augen. Es war ja mein zweites Zuhause. Ich war jeden Tag dort. Es war wie in einem Traumland. Ich lernte so viele Menschen aus allen Teilen der Welt kennen und versuchte schon mit fünf Jahren Englisch mit Ihnen zu reden. Das hat mich extrem geprägt, künstlerisch wie menschlich.

Ich lernte im Theater schon sehr früh eine Offenheit anderen Menschen gegenüber. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Und dass es nicht nur im Theater so war. Unser Haus in Klagenfurt stand immer offen, meine Mutter hat für unsere Gäste viel gekocht und um den großen Tisch saßen die unterschiedlichsten KünstlerInnen. Und ich hörte zu wie sie über ihr Leben sprachen. Das war schon besonders als Kind so viele Geschichten zu hören.

 

Ingeborg Bachmann reflektiert in ihrer Erzählung „Drei Wege zum See“ ihr Leben und die vielfältigen Herausforderungen im Gehen. Wie weit ist das Gehen, das Spazieren für Dich im Ankommen in Klagenfurt wichtig?

Jedes Mal, wenn ich in Klagenfurt bin, gehört ein Spaziergang durch die Stadt und am Wörthersee dazu. Das Schwimmbad Maria Loretto ist mir seit meiner Jugend sehr vertraut. Wir waren da sehr oft schwimmen. Besonders auch die Seerosen beim Schlossturm sind mir in Erinnerung.

Ich war immer sehr verbunden mit der Natur. Schlief im Baumhaus. Formte Sandkuchen. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Energie und Kraft die Natur gibt. Etwa zwei Stunden spazieren in der Natur. Das ist sehr wichtig für die Erholung.

Auch das Gehen als Konfliktmanagement erlebte ich unmittelbar. Wenn es ein Problem gab in meiner Familie, dann gingen wir spazieren, in der Bewegung denkt man besser. Und daher machten wir in diesem Fall immer lange Spaziergänge. Wir gingen und als wir angekommen sind, war das Problem gelöst.

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Welche Bedeutung hat das Schreiben für Dich?

Das Schreiben begann für mich mit dem Tagebuchschreiben. Es war im ersten Verliebtsein. Ich halte es für sehr wichtig Emotionen auf ein Blatt Papier zu bringen. Einmal habe ich in jungen Jahren an einem Literaturwettbewerb zum Thema „Liebe“ teilgenommen. Der Text entstand im Urlaub mit meinen Eltern in der Türkei. Der Text wurde zurückgeschickt, weil er zu lang war. Grundsätzlich hat und bedeutet mir Schreiben sehr viel. Jetzt schreibe ich Songtexte, weil ich die Musik so liebe.

Was sind Deine nächsten Pläne? Du wirst auch beruflich in Klagenfurt zu sehen sein?

Aktuell spielte ich im Sommer bei den Seefestspielen in Mörbisch in der Produktion „Das Land des Lächelns“. Im Januar folgt dann die Wiederaufnahme von „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ (Nestroy), Regie: Gerhard Ernst, im Theater-Center Forum Wien.

Reisen ist mir aber auch sehr wichtig, gerade auch für den Beruf der Künstlerin. Auf Reisen lernen wir sehr viel über uns selbst und über die Menschen. Ich liebe es, die Welt zu entdecken, weil es ein Entdecken der eigenen Persönlichkeit ist. Ende des Jahres werde ich länger in Südamerika sein.

Im neuen Jahr freue mich auch auf die Rolle im szenischen Bachmann outdoors Projekt „Drei Wege zum See“ (Sa 20.6.2020) in Klagenfurt.

 

Liebe Olivia Pflegerl vielen Dank für das Interview&Fotoporträt und alles Gute für Deine Pläne und Reisen.  – schön, dass Du 2020 auch für ein Ingeborg Bachmann Projekt nach Klagenfurt kommst, viel Freude für alles!

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„Wir können der Kunst etwas abverlangen“ – Station bei Bachmann: Lola Lindenbaum, Künstlerin, 12.8.2019

Herzlich willkommen Lola Lindenbaum – Objektkünstlerin, Lyrikerin, Malerin –  im Haus mit den Löwen am Tor!

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Wir befinden uns hier an Ingeborg Bachmanns Romanschauplatz „Malina“ – welche Rolle spielen Orte in Deinem Werk?

Eine große Rolle. Ich brauche Fixpunkte, fixe Örtlichkeiten, das spiegelt sich auch in der Arbeit wieder. Etwa in meinen Collagen, es kommen gewisse Orte immer wieder vor.  Gewisse Orte ziehen mich an. Ich reise auch so gerne, weil ich mit wenig Gepäck reise, man nimmt den Ballast nicht mit, nimmt seine Vergangenheit nicht mit. Man kann sich neu erfinden und betrachtet sich mit ganz anderen Augen.

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Oft habe ich auch das Gefühl, dass man gewisse Orte antizipiert. Ich habe ein Beispiel, ich habe ein Haus in Reichenau an der Rax. 2015 habe ich die Alma Mahler Biographie „Witwe im Wahn“ gelesen und Alma Mahler hatte in der Nähe ein Haus. Ich hab mich mit dieser Gegend also insofern schon beschäftigt und ein Jahr später ist mir dieses Haus zugefallen. Ich glaube persönlich, dass man dies einfach antizipiert.

 

Zufall des Ortes – Zwang der Zeit – beschreibt Bachmann die existentielle künstlerische Polarität von Raum und Zeit in „Malina“ – wie siehst Du die Dimension der Zeit in Deinem Werk?

Ich glaube schon, dass eine „alte“ Seele in mir wohnt, das spüre ich immer wieder, dass ich mich in gewisse Zeiten, Lagen gut reinversetzen kann, auch mit diesen Dingen spiele, mich auch nicht verorten will, zeitlich, und diese Rollenspiele, Spiele sind es eigentlich gar nicht, die ganz unterschiedlich sind, haben natürlich damit zutun, dass ich mich gerne zwischen den Zeiten bewege, bei gewissen Werken sieht man dies auch, ist es ganz evident, bei anderen muss man etwas genauer hinsehen, aber diese Zeitlosigkeit in der Zeit ist ein wesentliches Thema.

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Du verbindest mehrere Kunstformen – Bildende Kunst, Malerei, Lyrik – wo liegen die Anfänge Deines Kunstschaffens?

Ich habe in meiner Gymnasialzeit begonnen, besuchte einen künstlerischen Zweig und in  Kunstgeschichte maturiert. Dann habe ich mit Ölmalerei begonnen, gemalt habe ich immer gerne schon als Kind, aber so richtig intensiv und auf eine professionellere Ebene habe ich es erst in der Schulzeit gehoben. Da habe ich sehr viel gemalt, eher expressionistisch, wollte dann ursprünglich auch Kunst studieren.

Ich denke, wir können der Kunst etwas abverlangen, sozusagen die Zerrissenheit des Lebens , dass gewisse Dinge fehlen, die man sich über die Kunst in sein Leben holen könnte, ist schon ein Anspruch. Warum sollte man der Kunst nichts abverlangen? 

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Ein Grundthema von mir ist die Verwandlung, Hebung von Alltagsgegenständen ins Reich der Ästhetik, ich betrachte gerne Dinge neu, hat ein bisschen auch mit meiner Aversion gegen Verschwendung zu tun, ich hab das Gefühl ich kann dann ein Objekt, einen Rasierpinsel etwa, ich verwandle den in irgendetwas und das Objekt wird zum Subjekt, diese Transformation interessiert mich sehr. Ich hole es in die Gegenwart und mache es zu etwas anderem, ohne das die ursprüngliche Identität verloren geht, das finde ich wahnsinnig spannend.

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Weil wir immer danach streben die fehlenden Anteile in unser Leben zu holen , das ist teil unseres Menschseins. Ansonsten würden wir uns wahrscheinlich nie weiterentwickeln.

 

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Ich glaube der Schatten, das Unbewusste ist natürlich teil der Kunst, muss auch teil der Kunst sein, als Künstlerin kann man diese Dinge auch ausleben, auch stellvertretend für die Gesellschaft oder wie auch immer.

In der Kunst ist das Abgründige immer ein Thema. Diese Tür zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten, da könnte die Kunst vermitteln. Der persönliche Schatten ist zum Teil auch der gesellschaftliche Schatten. 

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Transparenz ist gut in politischen Prozessen, nur die Transparenz ist in der Kunst tödlich. Kunst muss immer etwas Intransparentes haben, etwas Opakes, Paradoxes. Es kann Irritation, Komplementarität, Aufregung, Glückseligkeit sein, wie auch immer, irgendetwas soll es auslösen.

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Ambivalenzen in der Liebe sind ein wesentlicher Teil, ich glaube, das hält uns lebendig. Lebendigkeit ist, wie bei Ingeborg Bachmann, eine Triebkraft für mein Werk, mein Tun.Liebe ist ein Wachstumsimpuls, ein Wille die Welt zu spüren.

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Schöpfung, das ist ein Fallenlassen der Ansprüche.

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Schöpfung – Objekt Lola Lindenbaum

Das Haar ist für mich ein Symbol des Wachstums. Wachstum. Erneuerung. Vanitas. Es ist eine schöne Allegorie auf diese Themen.

Lyrik gibt viel Spielraum. Im Schreiben wie Lesen. Ich schreibe vor dem Beginn eines Kunstobjekt. Auch danach.

 

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Es geht darum Rollenfreiheit zu haben. Von Wildheit bis zu Verschrobenheit.

 

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Ich will den Blick schärfen für die alltäglichen Dinge, die uns banal erscheinen.

Kontemplation ist für mich ein wichtiges Thema in der Kunst  – Gazing out of the window.

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too rarely we are gazing out of the window – Lola Lindenbaum

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Menschen, die aus dem Fenster blicken, selbstvergessen, haben einen ganz besonderen Blick. Ich denke, dies ist das ursprüngliche Gesicht. Da fällt vieles ab. Alle Geschichten verschwinden, die sich im Lauf des Tages und der letzten Monate auf ein Gesicht gelegt haben.

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Collage one&two – Lola Lindenbaum

Künstlerisches Schaffen ist im Prozess immer eine Obsession.

Die Endlichkeit hat eine Würze.

 

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Herzlichen Dank Lola Lindenbaum für den Spaziergang in Wort und Bild im Ungargassenland!

Lola Lindenbaum, Künstlerin

http://www.lolalindenbaum.com/de/

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Vielen Dank an den Evangelischen Presseverband Österreich und Familie Quendler für das freundliche Türöffnen!

Objektfotos _ copyright Lola Lindenbaum

Porträtfotos von Lola Lindenbaum – alle Walter Pobaschnig

 

„Vatersohn“ Monika Boldt. Roman. Neuerscheinung Rauch Verlag.

 

Sie sind zehn Jahre alt. Es wird gespart. Für die Träume. Bei Marten ist es ein Schiff. Bei seinem Schulfreund Maximilian ist es die große Kirmes und dann die Fahrten mit dem Riesenrad, die kandierten Äpfel, die Zuckerwatte, die Geisterbahnfahrten. Die Kirmes ist in drei Monaten. Jetzt aber das Schiff am Rhein. Nein, das Schlauchboot für Marten. Sein Vater fährt die Freunde zum Wasser. Das Boot kentert. Vater will zu Marten schwimmen und geht unter. Stille…

Jetzt hat Marten Bilder im Kopf. Vom Morgen, dem Wegfahren des Vaters mit Aktentasche und Herrenrad. „Als Vater stirbt, ist er nicht weg. Er ist woanders.“ Alles ist jetzt ganz nah im Kopf. Das Zählen des Vaters bis er einschläft. Achtundvierzig. Dann die Heidelbeeren. Das behutsame Anheben der zarten Zweige und das Pflücken. Wenn du zu fest zudrückst, platzt die Beere. Omne kennt die Plätze im Kiefernwald. „Ich will, ich, ich will. Ich will Vaters Stimme hören.“

Und da sind jetzt die Mutter, die den Kleiderschrank des Vaters öffnet, den er nicht mehr braucht, und Liz. Sie sind um Marten und seinen Gedanken. Seinen Wegen. Es wird hell und dunkel. Überall. Und viel zu schnell…

Monika Boldt legt mit dem Roman Vatersohn eine dichte Erzählreise zu Erinnerungen, Emotionen und Träumen im Zusammenhang einer Vater-Sohn wie Familienbeziehung vor. Die Autorin setzt und variiert Perspektiven und erzeugt so eine Reflexionsebene, die Lebensmoment, -krise und Aufbruch verbindet. Es ist ein Weg von und zu sich selbst, den der Roman freigibt und dazu einlädt mitzuerleben und mitzudenken.

 

„Ein Roman, der in seiner Konstruktion und Erzählkraft überrascht.“

 

Walter Pobaschnig 7_19

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