„Wir können der Kunst etwas abverlangen“ – Station bei Bachmann: Lola Lindenbaum, Künstlerin, 12.8.2019

Herzlich willkommen Lola Lindenbaum – Objektkünstlerin, Lyrikerin, Malerin –  im Haus mit den Löwen am Tor!

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Wir befinden uns hier an Ingeborg Bachmanns Romanschauplatz „Malina“ – welche Rolle spielen Orte in Deinem Werk?

Eine große Rolle. Ich brauche Fixpunkte, fixe Örtlichkeiten, das spiegelt sich auch in der Arbeit wieder. Etwa in meinen Collagen, es kommen gewisse Orte immer wieder vor.  Gewisse Orte ziehen mich an. Ich reise auch so gerne, weil ich mit wenig Gepäck reise, man nimmt den Ballast nicht mit, nimmt seine Vergangenheit nicht mit. Man kann sich neu erfinden und betrachtet sich mit ganz anderen Augen.

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Oft habe ich auch das Gefühl, dass man gewisse Orte antizipiert. Ich habe ein Beispiel, ich habe ein Haus in Reichenau an der Rax. 2015 habe ich die Alma Mahler Biographie „Witwe im Wahn“ gelesen und Alma Mahler hatte in der Nähe ein Haus. Ich hab mich mit dieser Gegend also insofern schon beschäftigt und ein Jahr später ist mir dieses Haus zugefallen. Ich glaube persönlich, dass man dies einfach antizipiert.

 

Zufall des Ortes – Zwang der Zeit – beschreibt Bachmann die existentielle künstlerische Polarität von Raum und Zeit in „Malina“ – wie siehst Du die Dimension der Zeit in Deinem Werk?

Ich glaube schon, dass eine „alte“ Seele in mir wohnt, das spüre ich immer wieder, dass ich mich in gewisse Zeiten, Lagen gut reinversetzen kann, auch mit diesen Dingen spiele, mich auch nicht verorten will, zeitlich, und diese Rollenspiele, Spiele sind es eigentlich gar nicht, die ganz unterschiedlich sind, haben natürlich damit zutun, dass ich mich gerne zwischen den Zeiten bewege, bei gewissen Werken sieht man dies auch, ist es ganz evident, bei anderen muss man etwas genauer hinsehen, aber diese Zeitlosigkeit in der Zeit ist ein wesentliches Thema.

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Du verbindest mehrere Kunstformen – Bildende Kunst, Malerei, Lyrik – wo liegen die Anfänge Deines Kunstschaffens?

Ich habe in meiner Gymnasialzeit begonnen, besuchte einen künstlerischen Zweig und in  Kunstgeschichte maturiert. Dann habe ich mit Ölmalerei begonnen, gemalt habe ich immer gerne schon als Kind, aber so richtig intensiv und auf eine professionellere Ebene habe ich es erst in der Schulzeit gehoben. Da habe ich sehr viel gemalt, eher expressionistisch, wollte dann ursprünglich auch Kunst studieren.

Ich denke, wir können der Kunst etwas abverlangen, sozusagen die Zerrissenheit des Lebens , dass gewisse Dinge fehlen, die man sich über die Kunst in sein Leben holen könnte, ist schon ein Anspruch. Warum sollte man der Kunst nichts abverlangen? 

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Ein Grundthema von mir ist die Verwandlung, Hebung von Alltagsgegenständen ins Reich der Ästhetik, ich betrachte gerne Dinge neu, hat ein bisschen auch mit meiner Aversion gegen Verschwendung zu tun, ich hab das Gefühl ich kann dann ein Objekt, einen Rasierpinsel etwa, ich verwandle den in irgendetwas und das Objekt wird zum Subjekt, diese Transformation interessiert mich sehr. Ich hole es in die Gegenwart und mache es zu etwas anderem, ohne das die ursprüngliche Identität verloren geht, das finde ich wahnsinnig spannend.

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Weil wir immer danach streben die fehlenden Anteile in unser Leben zu holen , das ist teil unseres Menschseins. Ansonsten würden wir uns wahrscheinlich nie weiterentwickeln.

 

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Ich glaube der Schatten, das Unbewusste ist natürlich teil der Kunst, muss auch teil der Kunst sein, als Künstlerin kann man diese Dinge auch ausleben, auch stellvertretend für die Gesellschaft oder wie auch immer.

In der Kunst ist das Abgründige immer ein Thema. Diese Tür zwischen dem Unbewussten und dem Bewussten, da könnte die Kunst vermitteln. Der persönliche Schatten ist zum Teil auch der gesellschaftliche Schatten. 

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Transparenz ist gut in politischen Prozessen, nur die Transparenz ist in der Kunst tödlich. Kunst muss immer etwas Intransparentes haben, etwas Opakes, Paradoxes. Es kann Irritation, Komplementarität, Aufregung, Glückseligkeit sein, wie auch immer, irgendetwas soll es auslösen.

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Ambivalenzen in der Liebe sind ein wesentlicher Teil, ich glaube, das hält uns lebendig. Lebendigkeit ist, wie bei Ingeborg Bachmann, eine Triebkraft für mein Werk, mein Tun.Liebe ist ein Wachstumsimpuls, ein Wille die Welt zu spüren.

sdr

 

Schöpfung, das ist ein Fallenlassen der Ansprüche.

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Schöpfung – Objekt Lola Lindenbaum

Das Haar ist für mich ein Symbol des Wachstums. Wachstum. Erneuerung. Vanitas. Es ist eine schöne Allegorie auf diese Themen.

Lyrik gibt viel Spielraum. Im Schreiben wie Lesen. Ich schreibe vor dem Beginn eines Kunstobjekt. Auch danach.

 

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feels like home – Objekt Lola Lindenbaum

Es geht darum Rollenfreiheit zu haben. Von Wildheit bis zu Verschrobenheit.

 

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Ich will den Blick schärfen für die alltäglichen Dinge, die uns banal erscheinen.

Kontemplation ist für mich ein wichtiges Thema in der Kunst  – Gazing out of the window.

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too rarely we are gazing out of the window – Lola Lindenbaum

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Menschen, die aus dem Fenster blicken, selbstvergessen, haben einen ganz besonderen Blick. Ich denke, dies ist das ursprüngliche Gesicht. Da fällt vieles ab. Alle Geschichten verschwinden, die sich im Lauf des Tages und der letzten Monate auf ein Gesicht gelegt haben.

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Framework one&two

Collage one&two – Lola Lindenbaum

Künstlerisches Schaffen ist im Prozess immer eine Obsession.

Die Endlichkeit hat eine Würze.

 

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Herzlichen Dank Lola Lindenbaum für den Spaziergang in Wort und Bild im Ungargassenland!

Lola Lindenbaum, Künstlerin

http://www.lolalindenbaum.com/de/

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Vielen Dank an den Evangelischen Presseverband Österreich und Familie Quendler für das freundliche Türöffnen!

Objektfotos _ copyright Lola Lindenbaum

Porträtfotos von Lola Lindenbaum – alle Walter Pobaschnig

 

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