„Menschen geben das Gefühl zuhause zu sein“ Olivia Pflegerl Schauspielerin – Station bei Bachmann, Wien 29.8.2019.

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Wir treffen uns an einem sonnigen Augustvormittag in 1090 Wien. Die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann ist hier im Herbst 1946 angekommen. Sie konnte vorübergehend bei Verwandten wohnen und zog dann in das „Ungargassenland“ in 1030.

Ingeborg Bachmann ist hier mit 20 Jahren angekommen. Sie sprach später „von einem langen Weg und dem Wunder so weit gekommen zu sein“ – wie war Dein Ankommen hier?

Ich bin in Klagenfurt aufgewachsen und mit 16 Jahre nach Wien gekommen. Das Ankommen war sehr schwer, weil ich viel Vertrautes zurückgelassen habe. Dann eine neue Schule und die Großstadt. Kein Wald, viel Wände. Etwas zurückzulassen und neu anzufangen ist nicht einfach.

Es braucht Zeit, aber im Kennenlernen von neuen Menschen ergibt sich wieder ein gutes Ankommen. Und so keine eine neue Stadt auch ein Zuhause werden. Wien ist das für mich mittlerweile im besten Sinne geworden.

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Was half Dir beim Ankommen in Wien?

Die Begegnung mit Menschen, Gespräche, Freundschaften. Besonders meine Mutter und ebenso die Musik. Ich habe mich mit 16 Jahren sehr in lateinamerikanische Musik verliebt, ich begann auch zu tanzen. Gerade auch Kunst und Kultur haben mir am Weg die neue Stadt sehr geholfen.

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Welche Orte sind Dir jetzt in Wien wichtig?

Ich bin wohl eine Nomadin, bin oft umgezogen in Wien. Theater und Kunst sind grundsätzlich sehr wichtig, auch im unmittelbaren Lebensraum. Es gibt viele Orte, die ich sehr schätze, etwa den Burggarten – und dort in den Himmel zu blicken, oder die Albertina, das Spazieren am Donaukanal und im Türkenschanzpark, das wunderbare Blühen der Rosen im Volksgarten, Wien ist eine wunderbare Stadt.

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Du bist Schauspielerin. Wie kam es zu diesem Weg?

Ich war schon mit fünf Jahren auf der Bühne. Das war am Stadttheater Klagenfurt im Musical Anatevka mit Karl Merkatz. Ich war regelmäßig im Kinderchor und der Statisterie. Es war immer sehr schön und ein Teil meines Lebens. Ich war da in einer Bühnengeschichte und spürte schon die Energie des Publikums. Damals dachte ich noch nicht, dies wird mein Beruf.

Es war aber schon damals faszinierend zu erleben, wieviel mit und auch ohne Worte erzählt werden kann. Ganz egal was in der Schule war, oder ein Problem im Alltag, jedesmal, wenn ich auf die Bühne kam, war das weg. Es war dann einfach nur die Bühne. Es ist dann ein Gefühl, das nie wieder weggeht und dass vermisst wird.

Viele Möglichkeiten boten sich mir da im Theater aber auch Zuhause. Ich erinnere mich an die große Bücherwand in unserem Haus und das Klavier, natürlich die Musikanlage und die vielen CD´s meiner Eltern. Ich habe in diesem Raum Choreographien vor dem Spiegel geübt und Musik entdeckt. Ich bemerke jetzt wie früh Kunst, Musik in mein Leben gekommen ist und wie stark es mich beeinflusst. Wir glauben oft nicht wie scheinbar kleine Momente, Erfahrungen, jetzt große Auswirkungen haben auf das Leben, auf die persönliche Zukunft.

Mit sechzehn Jahren dann als mein Vater verstarb (Anm: Dietmar Pflegerl (1943-2007), Regisseur, 1992-2007 Intendant des Stadttheaters Klagenfurt) und ich nach Wien zog, habe ich gemerkt, es fehlt etwas hier. Ich interessierte mich zunächst für verschiedene Ausbildungswege doch dann dachte mir, ich will doch auf die Bühne. Ich habe dann diesen Entschluss gefasst und gehe diesen Weg seither mit Freude und Neugierde.

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Gibt es noch Verbindungen zu Klagenfurt?

Jedesmal, wenn ich vor dem Theater in Klagenfurt stehe, habe ich Tränen in den Augen. Es war ja mein zweites Zuhause. Ich war jeden Tag dort. Es war wie in einem Traumland. Ich lernte so viele Menschen aus allen Teilen der Welt kennen und versuchte schon mit fünf Jahren Englisch mit Ihnen zu reden. Das hat mich extrem geprägt, künstlerisch wie menschlich.

Ich lernte im Theater schon sehr früh eine Offenheit anderen Menschen gegenüber. Dafür bin ich meinen Eltern sehr dankbar. Und dass es nicht nur im Theater so war. Unser Haus in Klagenfurt stand immer offen, meine Mutter hat für unsere Gäste viel gekocht und um den großen Tisch saßen die unterschiedlichsten KünstlerInnen. Und ich hörte zu wie sie über ihr Leben sprachen. Das war schon besonders als Kind so viele Geschichten zu hören.

 

Ingeborg Bachmann reflektiert in ihrer Erzählung „Drei Wege zum See“ ihr Leben und die vielfältigen Herausforderungen im Gehen. Wie weit ist das Gehen, das Spazieren für Dich im Ankommen in Klagenfurt wichtig?

Jedes Mal, wenn ich in Klagenfurt bin, gehört ein Spaziergang durch die Stadt und am Wörthersee dazu. Das Schwimmbad Maria Loretto ist mir seit meiner Jugend sehr vertraut. Wir waren da sehr oft schwimmen. Besonders auch die Seerosen beim Schlossturm sind mir in Erinnerung.

Ich war immer sehr verbunden mit der Natur. Schlief im Baumhaus. Formte Sandkuchen. Ich bin immer wieder erstaunt, wieviel Energie und Kraft die Natur gibt. Etwa zwei Stunden spazieren in der Natur. Das ist sehr wichtig für die Erholung.

Auch das Gehen als Konfliktmanagement erlebte ich unmittelbar. Wenn es ein Problem gab in meiner Familie, dann gingen wir spazieren, in der Bewegung denkt man besser. Und daher machten wir in diesem Fall immer lange Spaziergänge. Wir gingen und als wir angekommen sind, war das Problem gelöst.

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Welche Bedeutung hat das Schreiben für Dich?

Das Schreiben begann für mich mit dem Tagebuchschreiben. Es war im ersten Verliebtsein. Ich halte es für sehr wichtig Emotionen auf ein Blatt Papier zu bringen. Einmal habe ich in jungen Jahren an einem Literaturwettbewerb zum Thema „Liebe“ teilgenommen. Der Text entstand im Urlaub mit meinen Eltern in der Türkei. Der Text wurde zurückgeschickt, weil er zu lang war. Grundsätzlich hat und bedeutet mir Schreiben sehr viel. Jetzt schreibe ich Songtexte, weil ich die Musik so liebe.

Was sind Deine nächsten Pläne? Du wirst auch beruflich in Klagenfurt zu sehen sein?

Aktuell spielte ich im Sommer bei den Seefestspielen in Mörbisch in der Produktion „Das Land des Lächelns“. Im Januar folgt dann die Wiederaufnahme von „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ (Nestroy), Regie: Gerhard Ernst, im Theater-Center Forum Wien.

Reisen ist mir aber auch sehr wichtig, gerade auch für den Beruf der Künstlerin. Auf Reisen lernen wir sehr viel über uns selbst und über die Menschen. Ich liebe es, die Welt zu entdecken, weil es ein Entdecken der eigenen Persönlichkeit ist. Ende des Jahres werde ich länger in Südamerika sein.

Im neuen Jahr freue mich auch auf die Rolle im szenischen Bachmann outdoors Projekt „Drei Wege zum See“ (Sa 20.6.2020) in Klagenfurt.

 

Liebe Olivia Pflegerl vielen Dank für das Interview&Fotoporträt und alles Gute für Deine Pläne und Reisen.  – schön, dass Du 2020 auch für ein Ingeborg Bachmann Projekt nach Klagenfurt kommst, viel Freude für alles!

Gespräch&alle Fotos_Walter Pobaschnig

 

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