„Die Literatur muss sich nicht hetzen – der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken“ Peter Marius Huemer, Schriftsteller_ Wien 27.11.2020

Lieber Peter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf hat sich in den letzten Monaten so gut wie nicht geändert. Mein Leben spielt sich vornehmlich in meiner Wohnung ab. Ich bin Drinnenmensch. Das ist nicht unbedingt eine bewusste Entscheidung. Es geht mit der Arbeit als Schriftsteller, als Rezensent und mit meinen Hobbys einher. Um 12:00 Mittag wache ich auf, wenn mein Hund den einsamen Vormittag satt hat. Dann gehen wir eine Runde spazieren, dann Kaffee, dann Mittagessen. Den Nachmittag verbringe ich mit Arbeit am PC (Das Schreiben allein füllt keine Kühlschränke) oder – wenn keine Arbeit anfällt – wird gespielt.

Ich bin ein Nachtschreiber. Erst wenn alles ruhig ist und ich weiß, dass einige Stunden lang keine Nachrichten, keine E-Mails, keine Anrufe kommen können, bringe ich es über mich, überhaupt anzufangen. An dieser Hemmung gedenke ich zu arbeiten.

In Zeiten der wahren und emotionalen Ausgangsbeschränkungen habe ich wenig Künstlerisches zustande gebracht. Dafür bin ich aber seit Juli stolzer Träger des Master-Ranges in Starcraft 2 – das wird Ihnen nicht viel sagen, aber ich versichere Ihnen, dass es Grund ist, äußerst beeindruckt zu sein. Zum Glück war ich aber davor umso produktiver, weswegen in Bälde einige erfreuliche Veröffentlichungen anstehen.

Das vergangene halbe Jahr hat mich unruhiger gemacht, eine Spur pessimistischer und hat plötzlich den unbändigen Wunsch zu reisen in mir ausgelöst. Der wird sich aber bestimmt verflüchtigen, sobald das wieder leichter geht.

 

Peter Marius Huemer

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

 Die Antworten auf diese und die nächste Frage sind naturgemäß grobe Vereinfachungen.

Uns aus unserer kollektiven Stasis zu befreien, den Lagerkoller abzuschütteln und wieder aktiv zu werden. Was ich an mir selbst aber auch im Allgemeinen zurzeit beobachtet habe, ist ein großes tatenloses Warten. Das ist verständlich, weil all unsere Pläne aufgeschoben wurden, aber so zu tun, als müsste nur genug Zeit vergehen, damit wir genau dort weitermachen können, wo wir stehen geblieben waren, ist nicht nur unrealistisch, sondern wäre sogar eine Dummheit. Damit meine ich nicht, dass wir uns an die Ausnahmesituation gewöhnen, denn die oft beschworene neue Normalität, in der wir alle Eigeninitiative und alle Kontrolle über die Zukunft abgeben und sozusagen die Hände zum Himmel werfen, auf das irgend eine höhere Macht, sei es nur Schicksal oder Zufall oder die Führungskraft der Politik uns von der Situation erlösen, ist kein erstrebenswerter Zustand. Ein Umdenken muss stattfinden. Wohin dieses dann führen soll? Darauf habe ich keine letztgültige Antwort. Nur, dass es vermutlich nicht von unseren gegenwärtigen festgefahrenen Gesellschaftsstrukturen ausgehen wird. 

 

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Die Literatur hat gesellschaftlich an Gewicht verloren. Wir machen auf die gesamte Bevölkerung gesehen Nischen-Kunst. Natürlich würden wir uns wünschen, das wäre anders, aber genau diese Stellung gibt uns ungemeine Freiheit und Unabhängigkeit, die wir nutzen müssen. Die Literatur muss sich nicht hetzen. Sie kann sich leisten, politisch zu sein, ohne ständig stumpf zu agitieren. Mehrdeutigkeit und das Rotieren um eine Frage, der Schritt zurück und die Zeitlosigkeit sind unsere größten Stärken. Ich denke, dass die Literatur in der Rolle der hinterfragenden und abstrahierenden Instanz trotz eingeschränkter Reichweite unersetzbar bleibt. Aber, um diese Rolle weiter ausfüllen zu können, wird es nötig sein, neuen kreativen und intellektuellen Mut zu finden und nicht der Versuchung einer zu Ich-bezogenen Literatur zu erliegen. Diesen Mut muss aber die gesamte Branche fassen – nicht nur die Schreibenden selbst tragen die Kunst auf den Schultern. 

 

 

Was liest Du derzeit?

Zurzeit lese ich „Jokerman“ von Stefan Kutzenberger und parallel „Der Kreis des Weberknechts“ von Ana Marwan. Beide Bücher kann ich nur wärmstens empfehlen.

 

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

„Da fragte ein Blinder, Hast du was gehört, Drei Schüsse, antwortete ein anderer, Aber da hat doch auch ein Hund geheult, Er hat schon wieder aufgehört, das war bestimmt der dritte Schuss, Umso besser, ich hasse es, wenn Hunde heulen.“ – Die Stadt der Sehenden, José Saramago

 

 

Vielen Dank für das Interview lieber Peter, viel Freude und Erfolg weiterhin für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

 

5 Fragen an KünstlerInnen:

Peter Marius Huemer, Schriftsteller

https://www.petermariushuemer.com/literatur

 

 

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23.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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“Ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben“ Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin_ Zürich_26.11.2020

Liebe Wanda, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Im Moment habe ich das Glück, das Stück „Gott des Gemetzels“ proben zu können ! Nach einem halben Jahr ohne Proben und Aufführungen natürlich eine große Freude! Wir sind eine feste Truppe und messen jeden Morgen ob jemand Fieber hat und tragen die Temperatur in eine Tabelle ein .Wir sind erst am Anfang des Stückes ,wo die Figuren noch anständigen Abstand zu einander haben:) das wird sich aber bald ändern …

Während der ersten Welle, hat sich mein Alltag gar nicht so von anderen probefreien Phasen unterschieden ,außer, dass die Konzeptgespräche per Zoom oder im Frühjahr dann draußen stattgefunden haben. Lesen , schreiben, denken ,den Körper, die Stimme ,meine Instrumente geschmeidig halten ,in meiner eigenen Struktur. Da waren wir Freiberufler für ein mal im Vorteil ,weil wir uns schon geübt sind im uns selber eine Tagesstruktur zu schaffen.

Wanda Ladina-Wylowa, Schauspielerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Solidarität,etwas von dem ich mir wünschen würde ,das es als Schulfach gelehrt werden würde .

Anerkennung der systemrelevanten Berufe in Form von Lohnerhöhungen .

Aber auch der  Erhalt von Gastro – Kunst und Kulturbranche, weil auch sie von  unterschiedlichen Aspekten her sehr wohl sehr relevant sind .

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Musik, dem Schauspiel, der Kunst an sich zu?

Ich war im Herbst 2019 eher niedergeschlagen.Dass wir Menschen im Mittelmeer ertrinken lassen oder in Lagern unter den schlimmsten Umständen gefangen halten, hat mich sehr erschüttert ,(und tut es immer noch ) Rassismus schien in der Gesellschaftsmitte angekommen und Hass gegen Frauen im Netz und auf der Straße am zunehmen, die Kluft zwischen arm und reich stetig am Wachsen .Da habe ich dann die ersten  paar Wochen während des Lockdowns eine Art Hochgefühl gehabt, weil ich tatsächlich geglaubt habe ,dass sich nun die Welt auf einen Schlag ändern würde, Das Grundeinkommen eingeführt ,kaum mehr geflogen und die Welt endlich als eine begriffen .Dem war dann leider nicht so .

Gelder wurden an Fluggesellschaften verteilt ,niemand hat die Geflüchteten aufgenommen und nach dem anfänglichen Solidarisch-Sein war sich dann doch jede und jeder selbst die/der Nächste .

Aber vielleicht war ich auch ungeduldig und das Virus hat doch einiges an Bewusstsein geschaffen, was es heißt Mensch zu sein, da werde ich auch nie zu hoffen auf hören und da setzt die Kunst ein .Da bin ich wie die Figur Veronique ,die ich gerade spiele. Sie sagt .“ich bin so naiv an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben.“

Was liest Du derzeit?

Ich lese :“Der Platz „von Annie Ernaux ,ein sehr wichtiges Buch .Ganz selten ,habe ich so präzise beschrieben bekommen  ,wie eine Schriftstellerin die Klasse beschreibt ,die sie ,um das werden zu könne  was sie nun ist ,hat verlassen müssen.Leider habe ich bereits alle von ihr gelesen,bis auf „Die Scham“.Es liegt bereits auf meinem Nachttisch .

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Rezept von Mascha Kaleko

Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.
Für die paar Jahre
Wird wohl alles noch reichen.
Das Brot im Kasten
Und der Anzug im Schrank.

Sage nicht mein.
Es ist dir alles geliehen.
Lebe auf Zeit und sieh,
Wie wenig du brauchst.
Richte dich ein.
Und halte den Koffer bereit.

Es ist wahr, was sie sagen:
Was kommen muß, kommt.
Geh dem Leid nicht entgegen.
Und ist es da,
Sieh ihm still ins Gesicht.
Es ist vergänglich wie Glück.

Erwarte nichts.
Und hüte besorgt dein Geheimnis.
Auch der Bruder verrät,
Geht es um dich oder ihn.
Den eignen Schatten nimm
Zum Weggefährten.

Feg deine Stube wohl.
Und tausche den Gruß mit dem Nachbarn.
Flicke heiter den Zaun
Und auch die Glocke am Tor.
Die Wunde in dir halte wach
Unter dem Dach im Einstweilen.

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
Im grossen Plan.
Jage die Ängste fort
Und die Angst vor den Ängsten.

Vielen Dank für das Interview liebe Wanda, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Schauspielprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Wanda Ladina Wylowa, Schauspielerin

Fotos_1 Sava Hlavacek ; 2 _Ariane Pochon

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich möchte, dass wir heilen. Ich möchte aber auch, dass wir uns erinnern“ Teresa Grandits, Künstlerin _ Wien 26.11.2020

Liebe Teresa, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Mein Tagesablauf ist im Großen und Ganzen „geregelt“. Auch bedingt durch mein zweites Standbein. In der Früh aufstehen, fertig machen, arbeiten, Kaffee trinken, arbeiten, essen, arbeiten, spazieren, telefonieren, am Abend einen Spritzer trinken.

Teresa Grandits, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Den Willen, die Haltung und das Lachen zu bewahren.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Bedeutung kommt dabei der Kunst zu?

Das ist eine „große“ Frage und ich weiß nicht ob ich eine gebührende, großartige Antwort darauf geben kann. Für mich persönlich, in Bezug auf den Menschen (Individuum), verhält sich diese Krise ähnlich wie beim Erfahren von Schmerz. Eine komplexe, subjektive, teils invasive, intensive, kurzfristige, langfristige usw. Sinneswahrnehmung. Diese ist stark an Emotionen gekoppelt, sie verändert uns. Geduld und Ehrlichkeit beweisen, neue Wege gehen die man (vielleicht) nicht gesucht hat, usw. Egal, welchen „Schmerz“ man erfahren hat: vor der Corona Krise, während und vielleicht danach. Ich möchte, dass wir heilen. Ich möchte aber auch, dass wir uns erinnern. Wenn es zur Kunst kommt: die ist, bleibt und wird sein, was sie immer war. Es sind die Menschen(Künstler), die mit ihr arbeiten, durch sie verarbeiten und folglich die Betrachter, die Gesellschaft.

Was liest Du derzeit?

Benjamin von Stuckrad-Barre „Panikherz“

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Hhm… da würden mir einige einfallen, aber vielleicht zur Thematik am besten:

„In der Krise beweist sich der Charakter.“

Vielen Dank für das Interview liebe Teresa viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Teresa Grandits, Künstlerin

www.grandits.org

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23.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wichtig scheint mir, dass sich Literatur mit Offenheit behauptet“ Sebastian Görtz, Schriftsteller _ Halle/Saale, D _ 26.11.2020

Lieber Sebastian, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Seit Jahren versuche ich, zwei Welten auseinanderzuhalten: mein literarisches Schreiben und meine Beschäftigung bei einem Museumsverbund in einer früheren Bergbauregion. Ich begreife diese Welten als ausgesprochen gegensätzlich, kann aber auch nicht ausschließen, dass eine in die andere greift. Ich pendle morgens von der Stadt in einen ländlichen Raum. Der Gegenverkehr steht im Stau. Pendeln gegen den Strom. Wenn ich am Ziel bin, pendle ich weiter von Museum zu Museum. Unterwegs: Halden, Ex-Betriebsgelände, Kurven um Verschwundenes. Museen dokumentieren, erhalten, berichten, Neues entsteht. Auch in der Region steigt die Zahl der Corona-Infektionen rapide an. Veranstaltungen sind abgesagt. Die Museen schließen. Zugleich laufen viele interne Planungen weiter. Ein großes Projekt soll unter Zeitdruck vorbereitet werden. Als wäre das eine Zeit wie jede andere. Diese Tage machen müde. Wenn ich dann abends endlich müde genug bin, gebe ich der Literatur Raum. Das ist aktuell einer der vielleicht sichersten Räume.

Sebastian Görtz, Schriftsteller

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Verbindlich für alle ist wohl Distanz. Jenseits des Infektionsgeschehens aber halte ich Ansprüche auf Allgemeingültigkeit in der Kultur für schwierig. Vieles in der Kunst lebt von Brechungen und Uneindeutigkeiten. Wichtig scheint mir, dass sich beispielsweise Literatur – mit und nach Corona – nicht in die Eindeutigkeitsfalle begibt, sondern sich mit Offenheit behauptet. Kultur, die Selbstironie zulässt, wird immer attraktiv sein. Und selbstverständlich brauchen Künstlerinnen und Künstler finanzielle Rahmenbedingungen, um diese Zeit zu überstehen.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Wenn man auf die vergangenen Jahrzehnte schaut, wurden viele entscheidende Themen frühzeitig in der Literatur verhandelt, bevor sie auf breiter gesellschaftlicher Ebene besprochen wurden – etwa Fragen zu Gender, Migration, Körper, Herkunft, Urheberschaft oder Ökologie. Selbstverständlich reflektiert Literatur auch Corona. Meine Hoffnung wäre, dass dabei einerseits Aufrichtigkeit und andererseits künstlerische Brechungen aufeinandertreffen. Tocotronic etwa veröffentlichte das Lied „Hoffnung“ mit Lockdown-Bezügen. Alle überzuckerte Nähe ist dabei zugleich unterkühlte Distanz. Die Parodie eines aufrichtigen Lockdown-Songs ist ein aufrichtiger Lockdown-Song. Vielleicht sind es solche Annäherungen, die alles erträglicher machen.

Was liest Du derzeit?

Ich lese gerade „Mister Aufziehvogel“ von Haruki Murakami – allerdings noch in der von Giovanni Bandini und Ditte Bandini aus dem Englischen übersetzten Fassung. Inzwischen liegt auch die Übersetzung aus dem Japanischen von Ursula Gräfe vor – „Die Chroniken des Aufziehvogels“. Das Buch hat die richtige Lockdown-Länge. Und wenn man zwischendurch einige Zeit aussetzt, ist es halb so wild: Der Protagonist hockt am Grunde eines Brunnens und schaut nach oben. Er wartet dort geduldig, bis man den Roman wieder in die Hand nimmt.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Im Internet findet man häufig den gut gemeinten Rat, dass man viel lesen solle, weil man mit Büchern nicht nur eines, sondern viele Leben führen könne. Vielleicht hilft das gerade tatsächlich: das zu lesen, was aktuell nicht real erlebbar ist. Von mir ist aktuell eine kurze Erzählung im Literatur-Quickie Verlag erschienen. In dem Text „Die Schatulle der Madame Jacqueline“ gerät das Leben der Hauptfigur nach einem Theaterbesuch erheblich ins Wanken. Man sollte mehr Theaterromane lesen. Und Bücher über Sportveranstaltungen. Über Vorträge, Lesungen, Kinobesuche, Gruppentänze, Kaffeefahrten. Über Nähe. Große Nähe. Damit wir Kontakt halten.

Vielen Dank für das Interview lieber Sebastian, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

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Sebastian Görtz, Schriftsteller

Foto_privat.

1.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Bienen und das Unsichtbare“ Clemens J.Setz. Suhrkamp Verlag.

Da ist die Flucht nach Schweden. Und die verlorene Sprache. Alles beginnt neu. Und alles beginnt mit der Sprache. Dem Sehen, dem Wahrnehmen, dem Annehmen. Dem Symbol – Bliss. Bliss ist der Name einer Kunstsprache, die von  Charles Kasiel Bliss (1897 – 1985) erfunden wurde.  Für den 1979 geborenen Mustafa wird es das Fenster und die Gestalt der Welt. Wird es Traum und Poesie…

Karl Blitz, so der Geburtsname von Charles Kasiel Bliss, wird in Czernowitz geboren.Die Monarchie. Eine Welt der Sprachen aber auch der Stille, der Gesten, schnellen Zeichen. Der junge Karl beobachtet das Kommen und Gehen der Menschen aus allen Himmelsrichtungen und ihre Formen und Versuche von Sprache. Dann der Weg nach Wien, das Studium. Und das Dunkel 1938. Seine spätere Frau Claire rettet den jüdischen Chemiker aus dem Konzentrationslager Buchenwald. Eine rastlose Flucht beginnt. Schließlich der Fluchtpunkt Shanghai. Ein Neubeginn. Auch für eine Sprache….

„Die Sprache muss sehr leicht sein“ so der Begründer der Esperanto Sprache. Die Welt im einfachen Wort. Wie ein Gedicht. Auf den Punkt. Den Angelpunkt von Welt…

Der österreichische Schriftsteller Clemens J.Setz, der 2020 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet wurde, legt mit „Die Bienen und das Unsichtbare“ eine ganz außergewöhnliche wie spannende Reise zu den ganz elementaren Lebensquellen des Menschen in der Welt dar – die Formen von Sprache/Sprachen.

Und es wäre nicht Clemens J.Setz wenn dies nicht eine fantastische, abenteuerliche Reise in die schier unendlichen Ungewöhnlichkeiten des Lebens und der Welt ist. Die Mitte ist dabei immer der Weg zur Sprache, der Vergangenes zu fassen, Gegenwart anzueignen und Zukunft zu ermöglichen sucht. Und dieser ist so vielfältig wie der Mensch. Sprache spiegelt das utopische Potenzial des Menschen und der Autor erzählt einmalig von diesen Möglichkeiten des Seins.

„Anfang und Ende von Sprache. Zweifellos das Buch zur Zeit – was ist und wenn, wie zu sagen und wovon ist zu schweigen.“

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„Die Frage ist, welche Rolle Autor!nnen und Künstler!nnen einnehmen, wenn es immer schwerer wird, von ihrer Arbeit zu leben“ Nikolai Vogel, Schriftsteller _ München 26.11.2020

Lieber Nikolai, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Noch mehr daheim. Noch mehr vor dem Computer. Aber auch wieder mehr hinter Büchern. Seiten umblättern. Ein eigenartiger Sommer. Immerhin auch draußen am Fluss. Und schreibe auch wieder viel mit der Hand. Auftritte und Lesungen gehen mir ab. Während des so genannten „Lockdowns“ veröffentlichte ich meinen Roman „Angst, Saurier“ aus dem Jahr 2017, der merkwürdig passte, vierzig Tage lang in täglichen Lesungsfolgen auf YouTube. Ausstellungsbeteiligungen hatte ich zwar ein paar, aber dennoch fühlt sich das seltsam an. Du machst etwas, aber es sollen nur wenige kommen. Oder du machst etwas, aber bleibst fern.

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Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Die Frage nach einer gerechten Gesellschaft. Wie auch die Frage nach einer Umwelt, die noch länger hält, also in der wir es noch länger aushalten können. Und die Frage, ob dies doch alles im „weiter so“ überrollt wird. Und im Kleinen denke ich, haben wir jetzt alle zu lernen, wie man in der neuen Distanz kommuniziert. Wie man mit den Armen lächelt.

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Literatur und Kunst leben immer ja auch von dem, was schon da ist. Die Gegenwartskunst ist nur eine Facette. Die Frage ist, welche Rolle Autor!nnen und Künstler!nnen einnehmen, wenn es immer schwerer wird, von ihrer Arbeit zu leben. Mit ihrer Arbeit zu leben. Und so geht es zunehmend um das Leben-können. Und darum wie wir leben.

 

Was liest Du derzeit?

 Einige neue Bände von Kolleg!nnen. Einiges wieder und wieder. Im Hin und Her zwischen Texten, die ich noch nicht kenne und Büchern, die ich längst wieder lesen will. Da wäre zum Beispiel „Das Leben Gebrauchsanweisung“ von Georges Perec. Und vielleicht komme ich dann mal zur „Menschlichen Komödie“. Die steht schon länger da …

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

 „und Augenblicke, die uns im Gedächtnis bleiben

während wir sie erleben, wissen wir noch nichts davon

der Weg zu einem Supermarkt im Urlaub, die Musik auf einem Bootssteg

wo man ein Lied gehört hat und was danach kam“

(aus meinem Band „fragmente zu einem langgedicht“, gutleut Verlag 2019, Vers 354-357)

Vielen Dank für das Interview lieber Nikolai, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literatur- und Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Nikolai Vogel_Schriftsteller und Bildender Künstler

http://www.nikolaivogel.com/

Foto_Marian Wilhelm

25.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Ich sehe keinen Aufbruch, keinen Neubeginn“ Günter Eichberger, Schriftsteller, Graz _ 25.11.2020

Lieber Günter, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Wie immer.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Nicht aufs Atmen vergessen!

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich sehe keinen Aufbruch, keinen Neubeginn.

Was liest Du derzeit?

Diese Fragen.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Glaube nie den Buchstaben ein Wort, sie lügen wie gedruckt!

Vielen Dank für das Interview lieber Günter, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Günter Eichberger, Schriftsteller 

http://www.literaturhaus-graz.at/autor/guenter-eichberger/

Landesliteratur Preisträger Steiermark 2020

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5.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher – im Grunde wissen wir das alle schon längst.“ Waltraud Ferrari, Schriftstellerin _ Steiermark/A_25.11.2020

Liebe Waltraud, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Kaum anders als sonst auch, da ich – außer, wenn ich zum Dolmetschen verreisen musste – als Übersetzerin und in den letzten Jahren als Schreibende immer in langen Phasen von zuhause aus gearbeitet habe und es seit jeher gewohnt bin, mir meine Tage selbst einzuteilen.

Gewöhnlich stehe ich gegen 6 Uhr auf und mache ein paar Yogaübungen. Dann folgt meine Lieblingsmahlzeit, ein ausgedehntes Frühstück. Für mich die beste Methode, Träume und daraus neu entstehende Gedanken zu verarbeiten, meist verbunden mit einem inspirierten Gespräch mit meinem Mann.

Danach erledige ich, was im Haushalt gerade anfällt. Oft gehe ich hinterher noch ins Freie,  das heißt, ich streife ein, zwei Stunden im Wald umher. Wir wohnen im selbst gewählten Abseits auf dem Land, quasi auf der Alm. Ringsum Streuobstwiesen, Weiden und ausgedehnte Wälder. Ein Paradies,  in dem ich mich uneingeschränkt bewegen kann, in der jetzigen Zeit ein echtes Privileg.

Mittags wird gekocht, und nach einer Ruhepause folgt am Nachmittag meine kreative Zeit – zum Schreiben und Recherchieren,  derzeit ab und zu unterbrochen, wenn ein Nachbarskind vorbeikommt und um Hilfe beim Lernen im Homeoffice bittet. 

Musik nimmt auch einen fixen Platz in meinem Tag ein, manchmal nur das Anhören aus purer Freude, oder als Entspannung, wenn ich beim Schreiben gerade nicht vorankomme, ansonsten setze ich mich an die Harfe und spiele eine Weile.

Abends sehe ich mir diverse Nachrichten an, manchmal verfalle ich auch dem Fernseher, sonst genieße ich es, zu lesen. Und falls mich tagsüber etwas belastet hat, wenn ich zum Beispiel meinte, mich über etwas aufregen oder ärgern zu müssen, kurzum, wenn ich auf die eine oder andere Weise die seelische Balance verloren habe, gehe ich nachts noch einmal hinaus, um einen Blick in den Himmel zu werfen, der hier auf dem Berg fast immer sternklar ist. Spätestens bei diesem Anblick relativieren sich viele Dinge von selbst…

Meine Tage verlaufen im Moment eher beschaulich, was mir viel Raum für Muse lässt. Daraus entstehen Schritt für Schritt diverse literarische Projekte.

Waltraud Ferrari, Schriftstellerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Besonnenheit , Rücksichtnahme und Verantwortungsbewusstsein. Also weiter denken als nur bis zur eigenen Nasenspitze. Sich eingestehen, wie verwöhnt, ja wehleidig in unserer Gesellschaft oft reagiert wird, weil einem das Leben derzeit mehr abverlangt. 

Gerade jetzt erinnere ich mich oft an meine Großeltern, die noch im Kaiserreich geboren wurden. Sie mussten zwei Weltkriege durchstehen, Opa sieben Jahre Sibirien, und wir Kinder kannten sie nur als gütige, großzügige Menschen, die sich bis an ihr Lebensende (beide wurden 89) sogar immer noch Humor bewahrten.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Bedeutung kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

In diesem Zusammenhang bin ich für radikale Ehrlichkeit: Wir können nicht mehr so weitermachen wie bisher, weil das unweigerlich in den totalen Kollaps führen würde, und im Grunde wissen wir das alle schon längst.

Eine einfache Fragestellung dazu lautet: Was ist genug? Vielleicht finden wir auf diesem Weg zu einer entspannten neuen Bescheidenheit, bei der wir nichts vermissen, sondern Entlastung verspüren, die Freiheit des „Weniger ist mehr“ entdecken,  wodurch wir das Haben wieder gegen das Sein eintauschen könnten.

In der Kunst/Literatur gilt es, neue Entwürfe zu wagen und hoffnungsvolle  Auswege zu erdenken. Es braucht viel mehr Mut zum Konstruktiven und Ästhetischen, immer nur Missstände aufzuzeigen oder Dystopien zu entwickeln erachte ich als zu wenig.

Mein eigenes Wirken betrachte ich dann als gelungen, wenn ich im Gegenüber jenen Wesensbereich anspreche, in welchem er seine persönlichen Belastungen zumindest zeitweise transzendieren kann und sich an das erinnert, wo er heil und ganz geblieben ist, wo er Antworten erhält, die jenseits des Begrifflichen liegen und ihm freudige Zuversicht vermitteln.

Was liest du derzeit?

Meist lese ich mehrere Bücher gleichzeitig, derzeit sind es drei:

Marta von Valentina di Cesare .  

Text auf dem Buchcover: Marta denkt über das Leben nach, über das Glück und die Liebe, das Versteckspiel der Sonne und darüber, was normal ist.

Es handelt sich um die erste literarische Übersetzung einer Kollegin, Claudia Lederbauer, aus dem Italienischen. Natürlich hat mich das neugierig gemacht und ich freue mich für Claudia, denn die Übersetzung ist wirklich sehr gelungen.

Märchen von den britischen Inseln  

Shaman The mysterious life and impeccable death of Carlos Castaneda von Mike Sager

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Aus dem Buch Eckpfosten von Henri Michaux:

In einer Zeit der Abgehetztheit bewahre du dein >>Andante<<. Sage dir immer wieder: „Mehr, noch viel mehr Andante“, und versuche, gerade so weit zu kommen wie nötig. Sonst handelst du nur überstürzt, und alles wird oberflächlich. Dem entrinnen die Empörten des Augenblicks kaum, die stets in Eile sind, um ja nicht zu spät zu kommen zu einer Empörung. Auch sind ihre Stimmen zu Schrill.

Vielen Dank für das Interview liebe Waltraud, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte – Dein neues Buch „Die Brücke aus Eis“ – wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Waltraud Ferrari, Schriftstellerin

https://www.waltraud-ferrari.at/

Foto_Helge Sommer

19.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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„Die Kunst ist ein Ventil, ist immer da, treibt uns an“ Anne Glassner, Künstlerin _ Wien 25.11.2020

Liebe Anne, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Derzeit steht der Aufwachmoment in meinem Fokus, was natürlich naheliegend ist als Künstlerin, die auch über den Schlaf forscht. Das bedeutet natürlich auch ausschlafen…. Der Aufwachmoment am Morgen – Dieser Zwischenzustand vom Schlafenden zum Wachen ist etwas sehr Spannendes, eine Transformation. Gerade läuft auch eine Ausstellung in der Fotogalerie Wien im WUK zur Thematik „Borderland“ wo ich auch eine Arbeit zeige.

http://www.fotogalerie-wien.at/Online-Cinemathek_157.html

Ich versuche mir vor allem am Morgen Zeit zu nehmen, döse oftmals noch eine Rund weg und verfolge die Bilder die auftauchen. Nach dem Aufwachen gehe ich in eine Schreib- und Zeichenphase und notiere meine Träume, Gedanken, die dann oftmals in Gedichten oder anderen Texten später weiterverwendet werden.

In Ruhe aufzuwachen ist etwas sehr Luxoriöses, Befreiendes. Wenn ich nicht schreibe, versuche ich mich meinem Körper zuzuwenden, ein paar Übungen zu machen oft auch mal zu meditieren. Erst dann nehme ich Kontakt zur Außenwelt auf, lese meine Emails. Aber da ist man dann oft schon wieder rausgerissen aus den konzentrierten Gedanken. Lange lasse ich mir beim Frühstücken Zeit, höre das Radiokolleg und oftmals tausche ich mich im Laufe des Tages mit FreundInnen über vorgestellte Themen aus.

Ein Teil meiner Arbeit besteht auch im Unterrichten, derzeit online. Es dauert immer noch bis ich mich daran gewöhnt habe, keine direkte Resonanzen zu bekommen ( weil alle zunächst auf stumm geschaltet sind, eine Zeitverzögerung dazukommt und man in fremde Wohnzimmer blicken kann). Und ich merke danach möchte ich nicht mehr vor dem Computer sitzen.

Ich bin ein sehr analoger Mensch und habe auch gemerkt wie wichtig es jetzt gerade ist, täglich Spazieren zu  gehen oder in Ruhe zu lesen. Das bringt den Körper und Geist in Schwung. Gerade bin ich auch am Land im Waldviertel und genieße hier die Ruhe.

Im ersten Lockdown habe ich einen“ Dilaog mit M“ mit meiner Matratze geschrieben, vertont vom Musiker Cornelius Wildner der nächstes Jahr erstmalig in einer Audioinstallation gezeigt werden soll. Es entstanden auch eine Reihe von performativen Fotografien u.a. mit der Matratze. Ein Beitrag „Spaziergang mit Matratze“ auch gerade auf der KÖR NÖ Seite vom Projekt „Kleine Post“: https://www.publicart.at/de/projekte/kuratiert/2020kleinepost/482/

 In der Stadt besuche ich am späten Vormittag dann das Atelier. Ich kann hier aber nicht von einer Regelmäßigkeit sprechen – Oft arbeite ich mit SoundkünstlerInnen und FotografenInnen zusammen und komme an ganz andere Orte, die mich oft überraschen. An den Abenden kann es schon sein, dass ich in Filme und Serien reinkippe. Ich genieße es aber richtig mich in diese Welten zu begeben und kann rundherum alles vergessen.

Anne Glassner, Künstlerin

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Viel Liebe im Umgang mit sich selbst, mit dem Partner und den Mitmenschen.

Positiv in den Tag starten und sich schöne Rituale wie spazieren gehen oder lesen überlegen. Das hilft enorm meiner Meinung nach. Andere motivieren und nicht immer nur herumjammern und versuchen die guten Seiten dieser Zeit zu sehen – Lachen hilft! Sich mal mit lieben Menschen Online verabreden die man lang nicht gesehen hat. Vielleicht auch etwas Gutes in dem zu sehen, dass man nicht ständig überall hin muss.

Und ich habe festgestellt, in der Wohnung herumzutanzen hat etwas sehr Befreiendes…

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst zu?

Die Kunst ist ein Ventil, dieses steht uns immer zur Verfügung, ist immer da, treibt uns an und öffnet unsere Herzen. Ich hoffe das Ausstellungshäuser, Theater und Konzerte bald wieder aufsperren können.

Und ich glaube es werden auch neue Ausstellungsformen sichtbar oder sind es bereits, wie die Bespielung von Schaufenstern und mehr Projekte im öffentlichem Raum. Diese Krise ist auch eine Chance für neue Wege.

Trotz der vielen Aussstellungsabsagen dieses Jahr war es für mich dennoch ein Produktives.  Unter anderem arbeite ich an meinem ersten Buch/Katalog „schlafen“ der nächstes Jahr erscheinen wird und Projekte der letzten sieben Jahre umfassen wird. Einige Dinge für 2021 sind bereits wieder in Planung und ich tue mal so als ob alle stattfinden werden.

Für mich gibt es trotz dem Stillstand keinen Stillstand – wir sind ständig in Bewegung und in Veränderung.

Was liest Du derzeit?

„The lonley city“ von  Olivia Laing

„Matratze/Matrize: Möblierung von Subjekt und Gesellschaft, Konzepte in Kunst und Architektur“ von Irene Nierhaus/Kathrin Heinz

„Einmal noch schlafen  dann ist morgen“ von Rubey Manuel

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Die Welt ist voller Rätsel, für diese Rätsel aber ist der Mensch die Lösung (Joseph Beuys)

Vielen Dank für das Interview liebe Anne viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

Anne Glassner, Künstlerin

Mehr unter:

www.anneglassner.at

http://www.fotogalerie-wien.at/

Fotos/ Portraits: Julius Werner Chromecek, 2020

Zu den Arbeiten:

Anne Glassner, Matress Pieces, 2020 (Fotos: Julius Werner Chromecek)

Anne Glassner, Ohne Titel, 2020 (Foto: Christian Prinz)

Ausstellungsansicht „Die gefundene Matratze“, Aa Collections, Wien 2020 (Foto: Christian Prinz)

24.11.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt

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„Wir stecken im Paradox unserer Wachstumsfalle. Eigentlich müssten wir aussteigen“ Dominik Dombrowski, Schriftsteller _ Bonn 25.11.2020

Lieber Dominik, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Ich habe ein Jahr als Stipendiat in der Villa Rosenthal in Jena gewohnt. Dieser Aufenthalt war seltsam schön, weil zweigeteilt. Die ersten sechs Monate verbrachte ich gefühlt jeden Abend woanders: in der Stadt wie auch in der Villa gab es zahlreiche Veranstaltungen (oder ich hatte selber welche); im Nachhinein geradezu ein Exzess an Antivirtualität. Etwa Mitte März ist Jena dann heruntergefahren worden, ich fand mich als alleiniger Bewohner der Villa wieder, einer Art Luxus-Isolation mit 5000qm Garten. Ich wurde zu einem wunderlichen Hausgespenst, fern im Laptop diskutierten die Virologen die Katastrophe, während ich auf dem Balkon rauchte und eine Fuchsfamilie beobachtete. Ein bisschen „Shining“, ein bisschen Robinsonade, nur fand ich keinen Volleyball, den ich hätte „Wilson“ nennen können.

Dominik Dombrowski _ Foto _Tina Peißker

 

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Kommt natürlich auf die Lebensumstände des Einzelnen an. Geduld fällt mir ein… Erregungsdebatten sollte man meiden, wir könnten uns jetzt mal wieder auf monumentalere Dinge einlassen – Beispielsweise alle Filme von Rainer Werner Fassbinder gucken, Thomas Manns oder Dostojewskis sämtliche Werke lesen, sowas (Ich versuche es gerade mit David Foster Wallace). – Nicht mehr in Tagen, sondern in Monaten denken? Nachtwanderungen machen, Winterschlaftiere studieren, Schachspielen, Rauchen, ein Musikinstrument lernen…  Die Liebe zur Distanz leben, solange es noch möglich ist (- mir fällt gerade auf, dass sich da bei mir nicht allzu viel geändert hat J) Ach so, vielleicht das Wichtigste: Wir sollten alle freundlich bleiben!

 

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich fürchte, es wird sich erst mal nicht viel verändern. Alle warten darauf, dass es wieder „normal“ weitergehen kann. Wir halten an dem Gedanken fest, die Situation durch eine Art global-solidarische Einübung in den „momentanen“ Zusammenbruch zu „meistern“. Doch werden diese Katastrophen sich weltweit akzelerieren und – sind ja erst durch unseren gesellschaftlichen Geschwindigkeits- und Wachstumszwang ausgelöst worden. Genau in diesen Fortbestand des Absurden streben jedoch alle voller Sehnsucht zurück. Wir glauben, wir managen hier gerade eine Unbill, die wir als „Zwischenzeit“ empfinden. Wir tun dies mit mehr oder weniger seltsamen Quadraturen des Kreises, mit tragikomischer Hilflosigkeit. Dabei stecken wir im Paradox unserer Wachstumsfalle. Man könnte meinen, aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit sei irgendwie eine kollektive Verdrängung erwachsen. Eigentlich müssten wir aussteigen. Wir müssten ein Gespür dafür entwickeln, dass es „hektisch“ ist, was wir tun, gefährlich. Wir müssten an dem Ausstieg daraus Spaß haben. Wir müssten das Kreative am Absprung erkennen. Und genau hierfür können Literatur und Kunst die Vermittlerinnen sein. Dass wir eine Stellvertreterscham für Maßlosigkeit und Profitgier entwickeln, Habitate respektieren, ihnen nicht in die Quere kommen, den Regenwäldern und den Fledermäusen. Die Lächerlichkeit und Idiotie von Leuten auf dem Ausbeutertrip muss etwas Selbstverständliches bekommen. So wie wir heute den Kopf schütteln über die Massenkontaminierungen in den siebziger Jahren, z.B. durch Haarspray und vollgerauchte Autos.

 

Was liest Du derzeit?

David Foster Wallace, „Der Spass an der Sache“. Ich bin fast schon gerührt von der Reichhaltigkeit und Intelligenz dieser Lektüre. Ich freue mich an jeder einzelnen Seite.

 

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Ein paar Zeilen aus meiner Erzählung „Künstliche Tölpel“, die Anfang 2019 in dem Kölner Verlag „parasitenpresse“ erschienen ist:

„Er liebte es sehr, alles zu unterlassen. Es gibt doch sogar Lebewesen, dachte Laszlo, die dafür bewundert werden, alles zu unterlassen, etwa Schildkröten oder Yogis, Trinker und Schnecken. Bei ihm aber kämen irgendwann dann stets die Leute, die ihn immerzu zu irgendwas animieren wollten, etwas zu unternehmen, ihn etwas machen lassen wollten, die es nicht ertrugen, wie er sich nicht rührte.“

Vielen Dank für das Interview lieber Dominik, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Literaturprojekte wie persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen:

 Dominik Dombrowski, Schriftsteller

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Foto_privat

27.8.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt.

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